Grawes Metaanalyse Sirko Kupper 1997 Als Ansatzpunkt wird die umfangreiche Metaanalyse von der Berner Forschungsgruppe um Grawe (1994) gewählt. Die dort bewerteten Ergebnisse stammen aus 897 kontrollierten Psychotherapiestudien, die an klinischen Populationen durchgeführt wurden. Die Ergebnisse weisen nach der Schlußfolgerung von Grawe und Mitarbeitern deutlich in die Richtung, daß Verhaltenstherapie im Durchschnitt hochsignifikant wirksamer ist als psychoanalytische Therapie und Gesprächspsychotherapie. Die Ergebnisinterpretation wurde von Grawe und Mitarbeitern jedoch etwas zu absolut ausgedrückt und wird aus folgenden Gründen gegenwärtig überschätzt: · problematische Stichprobenbildung für die Metaanalyse, · Historizitätsproblem, · Verzicht auf aktuelle Studien der Phase IV-Forschung und · gegensätzliche Befunde von anderen Forschungsgruppen. Die problematische Stichprobenbildung in der Metaanalyse von Grawe und Mitarbeitern zeigt sich darin, daß sie erwähnen, lediglich 12 Studien lägen zur psychoanalytisch orientierten Psychotherapie vor. In vier dieser Studien wurden schizophrene Patienten therapiert. In einer weiteren Studie wird eine nicht psychotische Gruppe gegen eine chronisch- bzw. akutpsychotische Patientengruppe getestet. Diese 5 Studien werden von Grawe und Mitarbeitern kommentarlos angeführt, so als ob tatsächlich chronische Schizophrenien regelhaft mit Hilfe psychoanalytischer Verfahren therapiert würden. Das Problem besteht darin, daß sich die Schlußfolgerungen von Grawe und Mitarbeitern auf die ambulante psychotherapeutische Versorgung in der BRD beziehen und sie dazu Besonderheiten der amerikanischen stationären Psychoanalyse heranziehen. Tschuschke und Mitarbeiter haben gezeigt, daß bei der Selektion aller relevanten Studien, in denen die typisch ambulante Klientel, wie neurotische, psychosomatische und Persönlichkeitsstörungen, untersucht wurden, ein grundsätzlich anderes Bild entsteht. Psychoanalytische Studien weisen demnach eine signifikant höhere „Klinische Relevanz“ auf als GT- und VT-Studien. VT-Studien. VT-Studien zeigen eine signifikant höhere „Interne Validität“ als Psychoanalytische und Gesprächspsychotherapeutische Studien, d. h. ob die erzielten Wirkungen genau auf die untersuchte Intervention und nichts anderes zurückführbar ist. GT-Studien sind gekennzeichnet durch jeweils signifikant mehr „Reichhaltigkeit der Messung“, „Güte und Reichhaltigkeit der Auswertung“ sowie „Reichhaltigkeit der Ergebnisse“ als VT-Studien. Mit diesen Befunden wird die Aussage formuliert, daß verhaltenstherapeutische Studien bei typisch psychotherapeutischer Klientel trotz der hohen internen Validität ungünstigere Untersuchungsbedingungen aufweisen als psychoanalytische und GT-Studien. Dies heißt, daß sich für die VT-Studien trotz besserer Rückführbarkeit der Untersuchungsresultate auf die Behandlungsintervention eine geringere Ergebnisreichhaltigkeit bei deutlich niedriger klinischer Relevanz feststellen läßt. Kächele 1995 sowie Hillecke und Mitarbeiter 1996 formulierten das Historizitätsproblem in Bezug auf die in die Berner Metaanalyse einbezogenen Primärstudien. Grawe und Mitarbeiter haben versäumt, das historische Entwicklungsstadium der untersuchten Therapierichtungen zu reflektieren. In die Metaanalyse haben Therapiestudien Eingang gefunden, die therapeutisches Handeln erfassen, wie es vor 45 bis 60 Jahren praktiziert wurde. Die älteste Studie stammt aus dem Jahr 1936 (Chappell & Stevenson). Kächele belegte 1995, daß sich Grawe und Mitarbeiter nicht ausreichend darum bemüht haben, die Historizität der dargestellten Studien mit der klinischen Aktualität abzugleichen. Das Problem dieser umfangreichen Metanalyse, deren vorläufige Ergebnisse auch schon im Gutachten zum Psychotherapeutengesetz 1991 zitiert wurden, besteht in der schwer kalkulierbaren Halbwertszeit der Forschungsbefunde. Als dritter Grund für die gegenwärtige Überschätzung der metanalytischen Ergebnisse wird nach Rudolf und Mitarbeitern 1994 sowie Kächele 1995 der Verzicht auf Ergebnisse der aktuellen naturalistischen Studien der Phase IV-Forschung. Zu diesen Studien – vorrangig aus dem Bereich der Psychosomatik –, die von Meyer 1994 sorgfältig rubriziert wurden, gehören die Berliner Psychotherapiestudie von Rudolf (1991), die Heidelberger Studie von Bräutigam (1983; Kordy et al., 1988), die Stuttgarter Studie von Tschuschke (1993) und die multizentrische Studie von Strauß und Mitarbeitern (1993). Im Rahmen dieser Studien wurde mehrfach signifikant belegt, daß – im Gegensatz zur Interpretation von Grawe (1992), psychoanalytische Therapie mit psychosomatischen Störungen sei bemerkenswert unwirksam – psychoanalytisch orientierte Psychotherapie eine gute Wirksamkeit bei psychosomatischen Störungen zeigt. Als abschließendes Argument zur Überschätzung metaanalytischer Ergebnisse bei der differentiellen Bewertung von Therapieformen wird ein Sammelreferat der Forschungsgruppe um Luborsky von 1993 angeführt. Luborsky und Mitarbeiter unterstrichen in diesem Übersichtsreferat die Schlußfolgerung ihres bekannten Dodo-Bird- Artikels von 1975: „Everyone has won and all must have prizes“. Sie zeigten anhand der von Ihnen bewerteten Psychotherapiestudien, daß im Haupttrend der Psychotherapievergleichsstudien keine signifikanten Unterschiede in den Verbesserungen für die Patienten feststellbar sind. Weiterhin wiesen sie darauf hin, daß ein hoher Prozentsatz jener Patienten, die sich in allen drei großen Psychotherapieformen (VT, GT, Psa) in Behandlung befanden, von allen drei Behandlungen auch profitierten. Zusammenfassend ist festzustellen, daß die Ergebnisse der Berner Metaanalyse – denen in der aktuellen Debatte ein großes Gewicht zugemessen wird – aufgrund der dargelegten Befunde überschätzt werden.