psychologie gesellschaft politik 2008 PsychischeGesundheit amArbeitsplatzin deutschland BerufsverbandDeutscher PsychologinnenundPsychologen Psy_Gesundheit_in_D_TITEL:Psychische_Gesundheit_in_D 10.04.2008 11:40 Uhr Seite 1 Psyc hol ogi e Gesel l sc haf t Pol i t i k – 2008 PSYCHI SCHE GESUNDHEI T AM ARBEI TSPLATZ I N DEUTSCHLAND Herausgeber Vorstand des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. (BDP) Bundesgeschäftsstelle Glinkastr. 5-7, 10117 Berlin www.bdp-verband.de Tel. 030 - 20 91 49 - 0 Fax 030 - 20 91 49 - 66 info@bdp-verband.de Hauptgeschäftsführer Dipl.-Psych. Armin Traute Verantwortlich im Sinne des Presserechts: Dipl.-Psych. Carola Brücher-Albers Präsidentin des BDP BDP, Glinkastr. 5-7, 10117 Berlin Hinweis der Redaktion: Im Bericht wird im Interesse der Les- barkeit überwiegend die männliche Form verwendet. Gemeint sind aber in jedem Fall die Vertreter beiderlei Geschlechts. w o g e - d e s ig n Psy_Gesundheit_in_D:Psychische_Gesundheit_in_D 11.04.2008 15:08 Uhr Seite 1 1. VORWORT 8 Julia Scharnhorst 2. GESUNDHEI TLI CHE BELASTUNGEN I N DER ARBEI TSWELT 8 Eberhard Ulich 2.1 Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz 8 2.1.1 Einführung 8 2.1.2 Entwicklungen 9 2.1.3 Ursachen 11 2.1.4. Maßnahmen betrieblicher Gesundheitsförderung 12 2.1.5 Führung und Gesundheit 13 2.1.6 Fazit 13 Cornelia Albani, Gerd Blaser, Michael Geyer, Hendrik Berth, Elmar Brähler, Gabriele Schmutzer, Norbert Grulke, Harald Bailer 2.2 Psychische Gesundheit und Angst vor Arbeitsplatzverlust 16 2.2.1. Einleitung 16 2.2.2 Sorgen um den Arbeitsplatz und psychische Belastungen 16 2.2.3 Arbeitsplatzsicherheit, Globalisierung und Shareholder-Value 18 2.2.4 Empfehlungen 19 Hendrik Berth, Friedrich Balck, Cornelia Albani, Peter Förster, Elmar Brähler, Yve Stöbel-Richter 2.3 Psychische Gesundheit und Arbeitslosigkeit 21 2.3.1 Einleitung 21 2.3.2 Arbeitslosigkeitserfahrungen 22 2.3.3 Arbeitslosigkeit und körperliche Beschwerden 22 2.3.4 Arbeitslosigkeit und psychische Beschwerden 23 2.3.5 Empfehlungen 24 Inka Saldecki-Bleck, Sigrid Hopf, Monika Fixemer, Christine Bücker-Gärtner 2.4 Psychische Gesundheit von Frauen im Arbeitsleben 27 2.4.1 Einleitung: Definition des Arbeitsbegriffs 27 2.4.2 Gesundheitliche Belastungen am Arbeitsplatz bei der Berufs- und Erwerbsarbeit 27 2.4.3 Gesundheitliche Belastungen durch Entgrenzung von Erwerbs- und Hausarbeitsplatz 28 2.4.4 Gesundheitliche Belastungen am häuslichen Arbeitsplatz 28 2.4.5 Gute Modellprojekte 29 2.4.6 Empfehlungen 29 2 B DP • P s y c h o l o g i e Ge s e l l s c h a f t Po l i t i k – 2 0 0 8 Psy_Gesundheit_in_D:Psychische_Gesundheit_in_D 11.04.2008 15:08 Uhr Seite 2 Sirko Kupper, Hermann Paulus, Edda Gottschaldt, Götz Mundle 2.5. Psychische Gesundheit in Gesundheitsberufen 31 2.5.1 Epidemiologie 31 2.5.2 Teufelskreis Burnout 32 2.5.3 Behandlungsangebote für Burnout, Depression, Angst oder Abhängigkeitserkrankungen 33 2.5.4 Seelische Gesundheit – Luxus oder Leitbild? 34 2.5.5 Empfehlungen 35 Helmut Heyse 2.6 Psychische Gesundheit im Lehrerberuf 37 2.6.1 Datenlage 37 2.6.2 Lehrergesundheit: die Balance von KÖNNEN – WOLLEN – SOLLEN 37 2.6.3 SOLLEN: Anforderungen und Tätigkeiten, Belastungen und Gefährdungen 38 2.6.4 KÖNNEN 42 2.6.5 WOLLEN 43 2.6.6 Empfehlungen 43 3. KONZEPTE UND MASSNAHMEN ZUR GESUNDHEI TSFÖRDERUNG Thomas Rigotti, Gisela Mohr 3.1. Moderne Feinde der Gesundheit im Arbeitsleben: Empfehlungen für ein nachhaltiges betriebliches Gesundheitsmanagement 45 3.1.1 Einleitung 45 3.1.2 Arbeitsplatzunsicherheit 45 3.1.3 Flexibilitätsanforderung und –überforderung 46 3.1.4 Gefährdung von Fairness und Verlust von Vertrauen 46 3.1.5 Psychosoziale Belastungen 46 3.1.6 Empfehlungen für eine gesunde Arbeitswelt 47 3.1.7 Fazit 49 Julia Scharnhorst 3.2. Resilienz – neue Arbeitsbedingungen erfordern neue Fähigkeiten 51 3.2.1 Situation heute 51 3.2.2 Potenziale des Resilienzkonzepts 52 3.2.3 Empfehlungen 53 Manfred Oetting 3.3. Stress und Stressbewältigung am Arbeitsplatz 55 3.3.1 Worüber sprechen wir: Definition Stress 55 3.3.2 Warum dieses Thema wichtig ist: Stress, Zivilisationskrankheiten und Kosten 55 3.3.3 Wo liegen die Herausforderungen: Förderliche Bedingungen für die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz 55 3.3.4 Was ist zu tun: Prävention und Bewältigung 58 B DP • P s y c h o l o g i e Ge s e l l s c h a f t Po l i t i k – 2 0 0 8 3 Psy_Gesundheit_in_D:Psychische_Gesundheit_in_D 11.04.2008 15:08 Uhr Seite 3 4. BEI SPI ELE GUTER PRAXI S 60 Gerlinde Wiemann, Viola Middendorf 4.1 Arbeitsbedingte psychische Traumatisierung: Ein Präventionsprogramm für Mitarbeiter der Deutschen Bahn AG 60 4.1.1 Einleitung 60 4.1.2 Traumatisierungsrisiko für Lokführer 60 4.1.3 Reaktionen auf extreme Belastungssituationen 61 4.1.4 Das Betreuungsprogramm der Deutschen Bahn 62 4.1.5 Die Programmbausteine des Betreuungskonzeptes 62 4.1.6 Fazit und Empfehlungen 63 Renate Hülsmann 4.2 Einführung betrieblicher Gesundheitsförderung in einem Krankenhaus der Maximalversorgung 65 4.2.1 Einleitung 65 4.2.2 Krankenhausentwicklung durch Empowerment, Berufsgruppenvielfalt und Projektorganisation 65 4.2.3 Organisationsbedingte und psychosoziale Belastungen von Krankenhausmitarbeitern im SKM 66 4.2.4 Gesundheitliche Belastungen von Mitarbeitern in Krankenhäusern 66 4.2.5 Konzept- und Projektentwicklung betrieblicher Gesundheitsförderung im Stiftungsklinikum Mittelrhein 67 4.2.6 Umfassende Mitarbeiterbefragung zu körperlichen und psychosozialen Arbeitsbelastungen im SKM 68 4.2.7 Die Rolle von Psychologen als Promotor der Betrieblichen Gesundheitsförderung im Krankenhaus 69 Helmut Heyse, Frank Kubitza 4.3. Gesunder Arbeitsplatz Schule: Fördermaßnahmen zur Lehrergesundheit 72 4.3.1 Gesundheitsförderung im Lehrerberuf 72 4.3.2 Verhaltensmanagement 72 4.3.3 Verhältnismanagement 72 4.3.4 Erhalt und Wiederherstellung der Dienstfähigkeit 76 4.3.5 Empfehlungen 76 5. EMPFEHLUNGEN 77 Verzeichnis der Autorinnen und Autoren 82 4 B DP • P s y c h o l o g i e Ge s e l l s c h a f t Po l i t i k – 2 0 0 8 Psy_Gesundheit_in_D:Psychische_Gesundheit_in_D 11.04.2008 15:08 Uhr Seite 4 Sirko Kupper, Hermann Paulus, Edda Gottschaldt, Götz Mundle 2. 5 PSYCHI SCHE GESUNDHEI T I N GESUNDHEI TSBERUFEN Der vorliegende Artikel macht deutlich, dass gerade im Gesundheitswesen ein erhöhtes Krank- heitsrisiko für Mitarbeiter vorherrscht. Erhöhte Raten bei Berufsausstieg, Burnout, Depression, Sucht- erkrankungen sowie Suiziden veranschaulichen die Problematik, dass betriebliche Gesundheitsför- derung nach wie vor zu sehr auf dem individuellen statt auf dem organisatorischen Level ansetzt. Gerade da professionelle Helfer im Gesundheitssystem häufig einem überhöhten Idealbild folgen, das sie zusätzlich unter Druck setzt, werden psychische und andere Erkrankungen zu spät behan- delt und chronisch. Verschiedene Interventionen und Behandlungsmaßnahmen mit hohen Erfolgs- raten für Betroffene werden vorgestellt. Es wird klar, dass Gesundheitsförderung im Gesundheits- wesen ihrer Vorbildfunktion nicht gerecht wird, da von der üblichen Intervention im Krankheitsfall bis hin zur präventiven und begleitenden Gesundheitsförderung Entwicklungsbedarf besteht. 2.5.1 Epidemiologie Psychische Störungen gehören weltweit zu den häufigsten Krankheitsbildern und sind heute in Deutschland die häufigste Ursache für Berufsunfähigkeit. Über ein Viertel der Bevölkerung erkrankt pro Jahr an einer psychischen Störung, über 50% der EU Bürger einmal im Leben (Wittchen, 2005). Trotz insgesamt sinkender Krankenstände haben die Krankschreibungen und Berentungen aufgrund psychischer Störungen in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen (Lademann et al., 2006). Über psychische Störungen von Psychologen und Psychotherapeuten gibt es bisher nur wenige Studien, die allerdings auf mindestens genauso hohe Prävalenzraten wie in der Allgemeinbevöl- kerung hinweisen. Wenngleich bis zu 80% aller Psychotherapeuten mit ihrem Beruf zufrieden sind (Willutzki et al., 1997; Reimer, 2005), scheint das Burnout-Risiko für Psychologen und Psychothe- rapeuten erheblich zu sein (Abramovitz, 2005). Bis zu 50% der Psychotherapeuten erkranken an De- pressionen, bis zu 80% haben schwere persönliche Probleme infolge Beziehungsschwierigkeiten, und die Suizidraten sind auf das Drei- bis Fünffache erhöht (Reimer et al., 2005; Braun et al., 2007). In einer Online-Studie zeigten sich unabhängig von Geschlecht, Alter, Berufsgruppe und Berufser- fahrung ein Drittel der Therapeuten sekundär traumatisiert (Daniels, 2007). Allgemeine Untersuchungen über die psychische Gesundheit von Mitarbeitern des Gesundheits- wesens, insbesondere von Ärzten, zeigen, dass mindestens 20% der Ärzte an einem Burnout-Syn- drom leiden und bis zu 10% der Ärzte an einer substanzbezogenen Störung erkranken (Mundle et al., 2007). Die Suizidraten von Medizinern sind im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung bis zu drei- fach erhöht, bei Medizinerinnen bis zu fünffach (Silvermann, 2000). Häufig führen psychische Probleme bei Mitarbeitern im Gesundheitswesen zum Berufsfeldwech- sel. Cherniss (1995) zeigte, dass Helfer sich nach zwölf Jahren aufgrund des Ausbrennens in der berufseigenen Tätigkeit in Bereiche begaben, in denen sie weniger mit Patienten zu tun hatten. Ein Therapeut wird zum Beispiel Managementberater, ein Pflegedienstleiter geht in die Krankenhaus- organisation (Jaeggi, 2003). Die europäische NEXT-Studie (Büscher, Hasselhorn & Tackenberg, 2004) über den Berufsausstieg von Pflegekräften zeigte, dass ein Fünftel der in der Pflege Beschäftigten ihren Beruf verlassen. Gründe hierfür liegen in fehlender Personalentwicklung und fehlender Ver- einbarkeit mit einem erfüllten Privatleben. B DP • P s y c h o l o g i e Ge s e l l s c h a f t Po l i t i k – 2 0 0 8 31 Psy_Gesundheit_in_D:Psychische_Gesundheit_in_D 11.04.2008 15:08 Uhr Seite 31 Hintergrund der hohen Prävalenzraten von psychischen Störungen bei Mitarbeitern im Gesund- heitswesen und Psychotherapeuten ist neben den zunehmenden Belastungen durch die Verände- rungen des Gesundheitswesens häufig ein zu hohes Idealbild. Der Beruf wird von den Ausübenden auch heute noch als Berufung mit hohem Anspruch an sich selbst gesehen. Jaeggi (2003) berichtet von einer Untersuchung an 2000 Psychotherapeuten, die die Merkmale Warmherzigkeit, Bezie- hungsfähigkeit, Empathie, Reife, Ausgeglichenheit, Kreativität sowie soziale Kompetenz bei sich im beruflichen und privaten Kontext sehen. Die Beziehungsfähigkeit und die Reife, Beziehungen dau- erhaft kompromissvoll und einigermaßen harmonierend zu gestalten, stellen grundsätzlich wich- tige Voraussetzungen für den Beruf des Psychotherapeuten dar. Im Gegensatz zu den hohen Erwartungen an den eigenen Berufsstand und das eigene Selbstver- ständnis bleibt für Psychotherapeuten und Mitarbeiter im Gesundheitswesen aufgrund der an- strengenden und einnehmenden Arbeit kaum noch Zeit für Aufmerksamkeit, Offenheit und Interesse gegenüber der Familie und den Kindern übrig (Sonnenmoser, 2005). Psychotherapeuten sind bei der häuslichen Konflikt- und Problembewältigung nicht so professionell wie im Beruf. Statt dem An- spruch der Gesellschaft gerecht zu werden, „Beziehungsexperten“ mit „makellosem Familienleben“ zu sein, findet sich bei Psychotherapeuten eine höhere Scheidungsrate als in der Normalbevölke- rung (Reich, 2005). Andererseits leben 91,3% der ärztlichen und 84% der psychologischen Psycho- therapeuten in einer festen Partnerschaft (Reimer, Jurkat, Vetter & Raskin, 2005). Aufgrund dieser Untersuchungsergebnisse ist davon auszugehen, dass Mitarbeiter im Gesund- heitswesen ein erhöhtes Risiko haben, selbst zu erkranken. Daher müssen sie sich der Frage stel- len, wie die eigene seelische Gesundheit erhalten oder wiederhergestellt werden kann. Die adäquate Bewältigung der zunehmenden Belastungen durch das Gesundheitswesen und die eige- nen Ansprüche an sich selbst stellt eine doppelte Herausforderung für jeden Einzelnen dar. Ihre Be- wältigung macht für die Mitarbeiter des Gesundheitswesens nicht nur eine berufliche Kompetenzentwicklung notwendig, sondern stellt zur Erhaltung der eigenen psychischen Ge- sundheit insbesondere auch eine persönliche Herausforderung dar. Gelingt es nicht, ein kreatives Gleichgewicht herzustellen, so können aus anfänglich unspezifischen Stresssymptomen spezifische Krankheitsbilder wie Burnout, Depression, Angst oder Abhängigkeitserkrankungen entstehen. 2.5.2 Teufelskreis Burnout Das Burnout-Syndrom wurde 1974 von Herbert Freudenberger, einem amerikanischen Psychoana- lytiker, als ein Zustand der emotionalen und körperlichen Erschöpfung beschrieben. Freudenber- ger untersuchte damals ehrenamtliche Mitarbeiter des Gesundheitswesens, meist in therapeutischen Wohngemeinschaften, Frauenhäusern und Kriseninterventionszentren. Gerade bei zuvor sehr engagierten Mitarbeitern fand er Veränderungen im Verhalten und Erleben wie emo- tionale Gleichgültigkeit und allgemeine Erschöpfung, Resignation, Desinteresse oder Zynismus ge- genüber Patienten, Schlaf- und Verdauungsstörungen, vermehrter Alkohol- oder Drogenkonsum. Für diese sehr facettenreichen Zustandsbilder, die alle im direkten Zusammenhang mit einer be- ruflicher Überforderung standen, prägte er den Begriff „Burnout“. Heute verstehen wir Burnout als eine individuelle Reaktion auf berufliche Überforderungen vor dem Hintergrund der individuellen Lebens- und Lerngeschichte (Maslach, 1982; Burisch, 2005). Das Marktforschungsinstitut EMNID berichtete, dass jeder vierte deutsche Erwerbstätige unter Burnout leide. Auch die WHO beschreibt Burnout als das Ergebnis einer ungünstigen Stressbewältigung und klassifiziert das Beschwerdebild als „Probleme, verbunden mit Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“ (Erschöpfungssyndrom, ICD 10 Z73.0; WHO, 1991). 32 B DP • P s y c h o l o g i e Ge s e l l s c h a f t Po l i t i k – 2 0 0 8 Psy_Gesundheit_in_D:Psychische_Gesundheit_in_D 11.04.2008 15:08 Uhr Seite 32 2.5.3 Behandlungsangebote für Burnout, Depression, Angst oder Abhängigkeitserkrankungen Bevor ein Psychologe oder Psychotherapeut wegen einer psychischen Störung Hilfe aufsucht, müs- sen Schamgefühle, Angst vor Stigmatisierung und dem Verlust der beruflichen Existenz überwun- den werden. Diese inneren Hürden erschweren eine Hilfe in einem frühen Stadium der Störung. Viele begeben sich nicht aus eigenem Antrieb, sondern erst durch die Intervention besorgter Kol- legen oder Angehöriger in Behandlung. Die Konsequenz ist, dass die Krankheitsbilder in ihrem Verlauf und ihrer Schwere sowie in den negativen Auswirkungen auf den Therapeuten und dessen Familie weit fortgeschritten sind, bevor professionelle Hilfe in Anspruch genommen wird. Bei der Erstellung von therapeutischen Konzepten gilt es daher, neben den typischen diagnosespe- zifischen Maßnahmen offene und vertrauliche Hilfsangebote vorzuhalten, bei denen betroffene The- rapeuten möglichst frühzeitig Informationen über Behandlungsmöglichkeiten erhalten und konkrete Therapieschritte inklusive Finanzierung und Vertretung organisiert und koordiniert werden können. Bei Klienten aus Gesundheitsberufen und insbesondere bei Therapeuten besteht zu Beginn der Behandlung die zentrale therapeutische Aufgabe darin, sie zu motivieren, selbst die Patientenrolle anzunehmen. Dies ist für die meisten Betroffenen ein ebenso schwieriger Schritt wie auch für die behandelnden Psychologen oder Psychotherapeuten. Auch Letztere müssen lernen, ihre Psycho- therapeuten-Patienten wie andere Patienten zu behandeln (Mundle et al., 2007, Mundle & Gott- schaldt 2008). Gelingt dies, können die typischen Behandlungselemente einer ambulanten oder stationären Psy- chotherapie wie Einzel- und Gruppentherapie, themenzentrierte Indikationstherapien zu den ein- zelnen Aspekten von spezifischen psychischen Störungen, z.B. Depressions- oder Angstgruppen, sowie die sogenannten „nonverbalen“ Verfahren wie Körper-, Gestaltungs- oder Beschäftigungs- therapie durchgeführt werden. Die Einbeziehung der Angehörigen gehört heute ebenfalls zum Standardprogramm. Die Behandlungsdauer beträgt je nach Behandlungseinrichtung und Schwere des Krankheitsbildes zwischen sechs und 16 Wochen. Hilfreich für eine rasche und erfolgreiche Hilfe sind spezialisierte Behandlungsangebote, wie sie von den Ärztekammern seit vielen Jahren für abhängige Ärzte angeboten werden. Ein modellarti- ges Behandlungsangebot für betroffene Ärzte ist das Interventionsprogramm der Hamburger Ärz- tekammer, das auf Initiative von Privatdozent Dr. Klaus-Heinrich Damm, damals Geschäftsführender Arzt der Hamburger Ärztekammer, und Prof. Dr. Matthias Gottschaldt, selbst betroffener alkohol- abhängiger Arzt und Gründer der Oberbergkliniken, vor etwa 15 Jahren entwickelt wurde (Beel- mann, 2007). Im Mittelpunkt des Programms steht das Prinzip „Hilfe statt Strafe“. Neben vertraulichen Erstgesprächen vermittelt die Hamburger Ärztekammer abhängige Ärzte in entspre- chende stationäre Behandlungseinrichtungen und organisiert sowie koordiniert die ambulante Nachsorge. Die Ärztekammer versteht sich dabei nicht vorrangig als berufsaufsichtsführende In- stitution, sondern versucht, der Fürsorgepflicht für ihre Mitglieder folgend, im Interesse der Be- troffenen und damit auch der Patienten Hilfestellung zu leisten. Ein spezifisches Behandlungsangebot für Mitarbeiter des Gesundheitswesens, insbesondere für Ärzte und Psychotherapeuten, bieten die Oberbergkliniken in Berlin-Brandenburg, im Schwarz- wald und im Weserbergland (www.oberbergkliniken.de) (Gottschaldt, 1997). Im Rahmen des in- tensiven und individuellen Behandlungskonzeptes mit täglichen Einzel- und Gruppengesprächen ist es möglich, auf die spezifischen Bedürfnisse und Hemmschwellen von Ärzten und Therapeuten, gerade zu Beginn einer Therapie, einzugehen. Der erkrankte Psychologe oder Psychotherapeut B DP • P s y c h o l o g i e Ge s e l l s c h a f t Po l i t i k – 2 0 0 8 33 Psy_Gesundheit_in_D:Psychische_Gesundheit_in_D 11.04.2008 15:08 Uhr Seite 33 muss lernen, seine professionelle Rolle abzulegen und Hilfe anzunehmen. Der praktizierende The- rapeut muss souverän in seiner professionellen Rolle handeln und mit möglichen Selbstzweifeln, die durch die betroffenen Kollegen ausgelöst werden, adäquat umgehen können. Behandlungsprogramme, die spezifisch auf die Bedürfnisse von Psychologen und Psychothera- peuten eingehen, wie z.B. das stationäre Behandlungsangebot der Oberbergkliniken oder das In- terventionsprogramm der Ärztekammer Hamburg, welches primär auf Ärzte und ärztliche Psychotherapeuten fokussiert ist, weisen gute Erfolge auf. Einjahreskatamnesen zeigen Erfolgsra- ten von teilweise über 90% (Mundle & Gottschaldt, 2007, 2008). Es wird deutlich, wie wichtig der Ausbau von spezialisierten Behandlungskonzepten ist, die auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter des Gesundheitswesens eingehen, um eine dauerhafte Gesundung der Erkrankten zu erreichen und damit ihre Berufsfähigkeit zu sichern. Die Deutsche Suchtstiftung Matthias Gottschaldt (www.deutsche-suchtstiftung.de) setzt sich aktiv mit dieser Fragestellung auseinander (Mundle, 2007). Die von der Stiftung gegründete Experten- runde „Seelische Gesundheit von Ärztinnen und Ärzten“ widmet sich aktiv diesen Fragestellungen und hat am 6.12.2007 in Berlin das Symposium „Gesundheitswesen ohne Seele?“ veranstaltet. Die Geschäftsführerin der Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz, Birgit Heinrich, hat auf diesem Symposium erste Ansätze für ein Interventionskonzept für betroffene psychologische Psy- chotherapeuten skizziert. Grundgedanke ist, betroffenen Therapeuten frühzeitig Hilfe anzubieten, um einer Chronifizierung einer möglichen Erkrankung vorzubeugen. 2.5.4 Seelische Gesundheit – Luxus oder Leitbild? Die Mehrheit der Mitarbeiter des Gesundheitswesens verbringt die meiste Zeit ihres Lebens an ihrem Arbeitsplatz. Gerade bei Psychotherapeuten kann die Arbeit ein Ort der persönlichen Ent- faltung und Selbstverwirklichung sein. Überforderungen oder Niederlagen am Arbeitsplatz kön- nen dementsprechend den Selbstwert massiv erschüttern und zu schweren persönlichen Krisen führen. Die Bewältigung dieser sehr unterschiedlichen Herausforderungen erfordert ein kreatives Gleichgewicht zwischen Arbeit und Privatleben bzw. zwischen äußeren und inneren Werten (Unger & Kleinschmidt, 2006). Berufliche Spannungsfelder bieten jedoch auch die Chance, den Umgang mit Anforderungen am Arbeitsplatz und im Privatleben zu erlernen und sein eigenes seelisches Gleichgewicht aktiv zu ge- stalten. Wichtige Faktoren für die seelische Gesundheit sind eine körperliche Fitness, eine psy- chische „Wellness“ und eine seelisch-geistige Werteorientierung. Für die körperliche Fitness ist die Achtsamkeit gegenüber einfachen körperlichen Grundbedürfnissen wie z.B. regelmäßige Pausen, Mahl- und Erholungszeiten oder regelmäßiger Sport Grundvoraussetzung. Die psychische „Well- ness“ erfordert eine Achtsamkeit gegenüber der eigenen Persönlichkeit. Gelingt es, die eigenen Leistungspotenziale und Grenzen wahrzunehmen und zu akzeptieren, so können die Erwartungen an die eigenen Möglichkeiten realistisch angepasst werden. Neben einer rationalen erfordert dies eine emotionale Kompetenz, die die Wahrnehmung von eigenen Stärken und Schwächen und die Akzeptanz von Scheitern und Misserfolgen ermöglicht. Berufliches Scheitern und berufliche Miss- erfolge sind eine Chance, wenn es gelingt, sich mit den damit verbundenen Gefühlen von Schuld und Scham auseinanderzusetzen und sich von dem Mythos, unverwundbar zu sein, zu lösen. All- tägliche Möglichkeiten zur emotionalen Entspannung und zur Stärkung der psychischen „Well- ness“ sind Hobbys wie z.B. das Spielen eines Musikinstrumentes, der Besuch eines Konzertes oder kreative Tätigkeiten wie Malen oder Tanzen. 34 B DP • P s y c h o l o g i e Ge s e l l s c h a f t Po l i t i k – 2 0 0 8 Psy_Gesundheit_in_D:Psychische_Gesundheit_in_D 11.04.2008 15:08 Uhr Seite 34 Literatur Abramovitz, M. (2005). The largely untold story of welfare reform and the human services. Social Work, 50 (2), 175-186. Beelmann, K. (2007). Interventionsprogramm der Ärz- tekammer Hamburg. Soforthilfe für suchtkranke Ärzte. MMW – Fortschritte der Medizin, 149 (27-28), 32-33. Braun, M., Freudenmann, R. W., Schönfeldt-Lecuona C. & Beschoner P. (2007). Burnout, Depression und Substanzgebrauch bei Ärzten. Ein Überblick zur der- zeitigen Datenlage in Deutschland. Psychoneuroendo- crinology, 33 (1), 19-22. Burisch, M. (2005). Das Burnout Syndrom – Theorie der inneren Erschöpfung. Berlin: Springer. Büscher, A., Hasselhorn, H.-M. & Tackenberg, P. (2004). NEXT – Nurses early exit study – Eine Studie zum vorzeitigen Ausstieg aus dem Pflegeberuf in Europa. Hospital, 6 (1), 39-41. Cherniss, C. (1995). Beyond Burnout. Helping Te- achers, Nurses, Therapists and Lawyers Recover from Stress and Disillusionment. New York: Routledge. Daniels, J. (2007). Eine neuropsychologische Theorie der Sekundären Traumatisierung. Zeitschrift für Psychotraumatologie, Psychotherapiewissenschaft, Die seelisch-geistige Orientierung erfordert eine aktive und bewusste Innenschau. Statt gegen seine eigene Natur anzukämpfen, sollte jeder auf seine „innere Stimme“ und seinen „inneren Rhythmus“ hören, um aus den eigenen Quellen Kraft ziehen zu können. Gerade Krisen ermögli- chen eine Weiterentwicklung der Gesamtpersönlichkeit, wenn es gelingt, eine innere Neubewer- tung und Neuorientierung vorzunehmen. Ein achtsames Wahrnehmen und eine achtsame Berücksichtigung der eigenen und beruflichen Anforderungen können zu einem erfüllten Mitei- nander von Beruf und Freizeit und so zur eigenen seelischen Gesundheit beitragen. Gelingt dies, so wird aus einer Erschöpfungsspirale eine Gesundheitsspirale (Segal et al., 2002; Siegrist, 2002; Sprenger, 2005; Kabat Zinn, 2006; Unger & Kleinschmidt, 2006). Seelische Gesundheit entsteht, wenn jeder Einzelne lernt, seine eigenen Ressourcen optimal zu erkennen und zu entfalten. Die äu- ßeren und inneren Herausforderungen im Beruf sind immer eine Chance für persönliches Wachs- tum, wenngleich in diesem Spannungsfeld eine vollständige Deckung der Interessen zwischen Arbeitnehmer und Gesundheitswesen kaum möglich ist. Notwendig ist ein kreatives Miteinander der unterschiedlichsten beruflichen und privaten Interessen. 2.5.5 Empfehlungen Betriebliche Gesundheitsförderung im Gesundheitswesen erfüllt eine wichtige Vorbildfunktion, verdeutlicht die Fürsorgepflicht der Arbeitgeber und ist nicht nur wegen des erhöhten Erkran- kungsrisikos der Mitarbeiter im Gesundheitswesen eine Notwendigkeit. Bei einem Anteil von 20% Berufsaussteigern und den geschilderten krank machenden überhöhten Ansprüchen, die Mitarbeiter im Gesundheitswesen an sich stellen, wird es umso deutlicher, dass Veränderungen der Systemstrukturen durch kontinuierliche Organisations- und Personalentwick- lung vonnöten sind, um das Thema Gesundheitsförderung von der individuellen Ebene des ein- zelnen Mitarbeiters auf eine verpflichtete Organisationsebene zu bringen. Gerade Krankenkassen sind hier in die gesellschaftliche und politische Verantwortung zu nehmen, da sie als Auftraggeber im Gesundheitswesen für finanziellen Druck mit unmittelbaren Auswir- kungen auf die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz der bei ihnen Versicherten sorgen. Dieses Paradoxon macht deutlich, dass Organisationsstrukturen im Gesundheitswesen ohne verpflich- tende organisatorische Gesundheitsförderung undenkbar sein sollten, da sie dem dringend not- wendigen Modellcharakter für Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz völlig zuwider laufen. B DP • P s y c h o l o g i e Ge s e l l s c h a f t Po l i t i k – 2 0 0 8 35 Psy_Gesundheit_in_D:Psychische_Gesundheit_in_D 11.04.2008 15:08 Uhr Seite 35 Psychologische Medizin (ZPPM), 3. Dilling et al. (Hrsg.) (1991). Internationale Klassifikati- on psychischer Störungen. ICD10 V (F). Bern, Göttin- gen: Huber. Freudenberger, H. J. (1974). Staff burnout. Journal of Social Issues, 30 (1),159-165. Gottschaldt, M. (1997). Alkohol und Medikamente: Wege aus der Abhängigkeit. Stuttgart: Trias. Jaeggi, E. (2003). Und wer therapiert die Therapeu- ten? (3. Aufl.). Stuttgart: Klett-Cotta. Jurkat, H. B. & Reimer, C. (2001). 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