Die Therapiebeziehung, das Chaos und ihre Schnittpunkte Regulationssysteme der psychotherapeutischen Interaktion The arena in which space does its changing is not even the spacetime of Einstein... The arena must be a larger object: superspace. Superspace is not endowed with three or four dimensions - its endowed with an infinite number of dimensions. John Archibald Wheeler (1967, zitiert nach Chase, 1972, p. 30) Sirko Kupper Inhaltsverzeichnis 1. Einleitung 2. Ziel der vorliegenden Betrachtung 3. Begriffs- und Gegenstandsbestimmung: Regulationssysteme 4. Grundlagen 4. 1. Dynamische Systeme 4.2. Selbstorganisierende Systeme 4.3. Chaotische Systeme 4.4. Synergetische Systeme 5. Literatur 1. Einleitung Ein Wheelerscher "Superraum" für die Psychotherapie soll im Rahmen der folgenden Überlegungen nicht konstruiert werden. Es soll jedoch die Beziehungsregulierung in der Psychotherapie betrachtet werden, wozu ein dreidimensionaler Raum jedoch nicht ausreicht. Für die Darstellung der komplexen Dynamik von Regulationssystemen sind Räume erforderlich, die weder der dreidimensionalen Raumvorstellung noch dem vierdimensionalen Raum-Zeitkontinuum entsprechen. Diese Räume sind durch die Anzahl "unendlich vieler Dimensionen" (Wheeler, 1967, zitiert nach Chase, 1972, p. 30) gekennzeichnet und werden als Phasenräume (bzw. Zustandsräume) bezeichnet. Diese Phasenräume werden aus sämtlichen Dimensionen eines Regulationssystems aufgespannt, die zu deren Beschreibung erforderlich sind. Als Betrachtungseinheit soll der einfachste Raum (nach der Autoanalyse) der psychotherapeutischen Beziehung, die dyadische Psychotherapie, gewählt werden. Im engeren Rahmen wird hier davon ausgegangen, daß jede Person über ein begrenztes Repertoire an Interaktionsstilen verfügt (vgl. Czogalik, 1989, S. 92). Diese Interaktionsstile (z. B. rituelles Verhalten bei Begrüßung/Abschied), die sich im sozialen Kontakt mit einem Interaktionspartner (z. B. Psychotherapie) auch zu Interaktionsstrukturen und -mustern verdichten können, spielen bei dem Aufbau und der Entwicklung der psychotherapeutischen Beziehung eine besondere Rolle. In der Anfangsphase von Beziehungen sind die Interaktionen noch sehr vorsichtig und formell (vgl. ebd.). Erst im weiteren Verlauf der Beziehung können präzise Vorstellungen über die Erwartungen, Gegenerwartungen, Gegenkontrollstrategien usw. entwickelt werden. Schließlich wird die Beziehung synchronisiert und erhält dadurch eine Grundstruktur. Jeder der beiden Partner kann für sich ungefähr abschätzen, in welchem Rahmen er sich bewegen darf (vgl. S. 93). Der erste Schritt der "Beziehungsentwicklung" wurde somit vollzogen. Dieser Interaktionsabschnitt wird durch ein Regulationssystem der psychotherapeutischen Beziehung (das als Erkundung, Kennenlernen, Aufwärmen o.ä. zu bezeichnen ist) gesteuert und geordnet. Im Verlauf der psychotherapeutischen Beziehung wird die Interaktionsdynamik durch weitere Regulationssysteme geordnet. Wesentliche Voraussetzung dieser Annahmen ist, daß die Regulationssysteme zu der Klasse der dynamischen Systeme zu zählen sind. Damit ist gleichzeitig vorausgesetzt, daß der Regulationsprozeß psychotherapeutischer Interaktionen -unter Entwicklungsgesichtspunkten betrachtet - von kurzzeitigen Beziehungszielen geleitet ist (vgl. Czogalik, 1989, S. 93). Die Beziehungsziele werden durch beide Interaktions-Partner verwirklicht, welche zum einen autonom in der Wahl ihres eigenen "Weges" und zum anderen jedoch von dem Verhalten des Partners abhängig sind (vgl. Geert, 1994, p. 243). Die Interaktanten müssen ihr eigenes Handeln immer an das anpassen, was der jeweils andere getan hat bzw. zu tun beabsichtigt (soweit dies durch eine Beziehungsbotschaft entschlüsselt werden kann). Es gibt verschiedene Möglichkeiten die Dynamik von Regulationssystemen darzustellen (z. B. als Veränderung in der Zeit, als Massepunkt in einer Potentiallandschaft, im Phasenraum). Im Falle einer Phasenraum-Darstellung (Phasenportrait) werden sämtliche Dimensionen verwendet, die für eine vollständige Beschreibung des jeweiligen Regulationssystems notwendig sind. Jeder "Zustand" des Regulationssystems wird durch einen Punkt in diesem Phasenraum repräsentiert. Regulationssysteme bewegen sich im Verlauf der psychotherapeutischen Beziehung periodisch (nicht-linear) von einfachen Oszillationen über mehrere Verzweigungen (Bifurkationen) bis hin zu chaotischen Fluktuationen. 2. Ziel der vorliegenden Betrachtung In einer Zeit der "TypB-Psychotherapieprozeßforschung" (Bastine, Fiedler & Kommer, 1989, S.7), in der statt einfacher Überzeugungen nur noch die "Integration von methodisch anspruchsvoller ... Therapieforschung und klinischer Versorgungspraxis" (Grawe, 1982, S. 331) eine wesentliche Rolle spielt, kann es nur darum gehen, komplexe und multidimensionale Beschreibungsmodelle für den, in sich nicht einheitlichen, Behandlungsablauf bereitzustellen. Ein Wissenschaftler, der in erster Linie nur an objektiven Daten interessiert ist, wird ohne Umschweife sagen: Modelle haben wir genug. Was uns fehlt sind Fakten und Daten, um diese Modelle zu verifizieren (falsifizieren)." Im Falle der Regulationssysteme ist die Sachlage jedoch eine andere. Empirische Daten, die den interaktiven Kommunikationsprozeß von Patient und Therapeut abstrahieren, schöpfen den Beschreibungshorizont "psychotherapeutische Interaktion" nicht aus und genügen überdies nicht dem polyvarianten Gegenstand Interaktion. Dynamische Systeme, mit deren Hilfe Regulationssysteme modelliert werden können, müssen der psychotherapeutischen Interaktion als feinvernetztes und multidimensionales Geschehen Rechnung tragen. Psychotherapie wird dabei konsequent als "intendierte, interaktionelle und intrapsychisch regulierte Veränderung in der Zeit" (Czogalik, persönl. Mitteilung, 11.04.94) gedacht. Von einem Regulationssystem wird angenommen, daß es sich in Form einer Entwicklung oder Veränderung periodisch auf einen bestimmten Zustand hinbewegt. Unter der Annahme, daß der Aufbau und die Entwicklung einer Beziehung in verschiedenen Abschnitten (Schritten) verläuft, ist für jeden dieser Interaktionsabschnitte ein bestimmtes Regulationssystem "verantwortlich". Für eine Beschreibung dieser komplexen Systeme sollen die erforderlichen Dimensionen, durch welche sich ein Darstellungsraum aufspannt, in empirischen Untersuchungen ermittelt werden. Für die Veränderung und "Entwicklung" psychotherapeutischer Interaktionen, die sich im Spannbereich von Komplexität und Chaos vollziehen (vgl. Geert, 1994, pp. 242ff), sollen angemessene Modelle für deren Beschreibung beansprucht werden. Die Fragestellungen für eine empirische Untersuchung können bereits aus der gegebenen Zielbestimmung abgeleitet werden: Zum einen sollen Regulationssysteme der Zwei-Personen-Psychotherapie beschrieben werden und ihre Funktions- und Vermittlungsweise im interaktiven Geschehen erklärt werden. Zum anderen wird analysiert und modelliert, daß Regulationssysteme mit Hilfe selbstorganisierender, chaotischer und synergetischer Modi (kurz: dynamischer Modalitäten) die Therapeut-Patient-Beziehung "anleiten", organisieren und ordnen. 3. Begriffs- und Gegenstandsbestimmung: Regulationssysteme Zunächst soll die Frage geklärt werden, was Regulationssysteme in psychotherapeutischen Interaktionen überhaupt sind. Im einfachsten Sinne des Wortes sind Regulationssysteme erst einmal Systeme, die irgendetwas regulieren. Noch einfacher gesagt, sind Regulationssysteme Aggregate von mehreren Einzelvorgängen, die dynamische Konstellationen steuern und ordnen, wodurch sich wiederum Veränderungen und Entwicklungen auf einen bestimmten Zustand hin vollziehen können. Im Themenbereich der sozialen Situationen und psychotherapeutischen Interaktionen ist ihre Bedeutung jedoch etwas zu erweitern. Regulationssysteme sind in diesem Kontext als komplexe Ordnungen und Strukturen zu verstehen, die sich auf einen aktuell relevanten Zustand in der Beziehungsrealität von Patient und Therapeut hinbewegen. In Verbindung mit den individuellen psychischen Strukturen von Patient und Therapeut und der Interaktionsdynamik (Interaktionsstile, •muster, -strukturell) der psychotherapeutischen Beziehung steuern, organisieren und ordnen Regulationssysteme qualitative und quantitative Veränderungen der Interaktion. Was sind Regulationssysteme nicht? Regulationssysteme der psychotherapeutischen Interaktion sind nicht zu verwechseln mit Regelkreismodellen (s. Kybernetik, Wiener, 1947, Klix, 1978), bei welchen es stets darum geht, eine Variable (Regelgröße) trotz äußerer Einflüsse (Störungen) selbsttätig auf einem festgelegten Wert zu halten oder in gewünschter Weise zu ändern. Als weiteres Bestimmungsstück soll erläutert werden, wie Regulationssysteme funktionieren und in welchen Modalitäten sie die psychotherapeutische Interaktion regeln. Es wird davon ausgegangen, daß sich die psychischen Ordnungen oder Strukturen der beiden Interaktionspartner aus einem begrenzten Repertoire des "sozialen Gedächtnisses" zusammensetzen (Interaktionsstile, vgl. Czogalik, 1989, S. 92). Das heißt: Sowohl Therapeut, als auch Patient verhalten sich in der psychotherapeutischen Situation nicht sehr viel anders als im Alltag auch (vgl. Strong, 1978, Czogalik, Vanger, Kupper & Hautkappe, 1994, S. 3). Unter dieser Annahme wurde folgendes Programm entworfen: Der dynamische Kern der psychotherapeutischen Interaktion besteht in dem gegenseitigen Beziehungsverhalten, diese Vorgänge erklären sich über den systematischen Erfahrungshorizont des Alltagsverhaltens. Auf dieser Erklärungsgrundlage erübrigen sich Fragen nach der Art der schulentheoretischen Ausrichtung eines Behandlungsverfahrens, denn es kommt auf die interaktionellen Vorgänge zwischen den Therapiepartnern schlechthin an (vgl. Czogalik et al., 1994, S. 3 f ). Darüber hinaus wird unterstellt, daß beide Partner der psychotherapeutischen Beziehung mehrere verschieden komplexe Ordnungen ihres sozialen Verhaltens als Interaktionsspektrum in der Psychotherapiesituation benutzen. Neben den psychischen Ordnungen (Motivationslage, soziales Gedächtnis usw.) der Interaktanten treffen auch die Interaktionsstile aufeinander und verdichten sich in der komplexen Dynamik zu Interaktionsstrukturen und -mustern. Die psychotherapeutische Beziehung durchläuft nun einen zeitlich eingegrenzten Veränderungsprozeß. Ähnlich wie bei dem Aufbau und der Veränderung einer Alltagsbeziehung werden nacheinander verschiedene Stufen, Strukturen bzw. Ordnungsebenen der Beziehung erreicht. Die jeweils erreichte Ordnungsebene stellt nun einen neu erreichten aktuell relevanten Zustand der Patient-Therapeut-Beziehung dar. Auf diese Art und Weise nehmen Regulationssysteme in verschiedenen Interaktionsabschnitten einen entscheidenden Einfluß auf die Entwicklung der psychotherapeutischen Beziehung. Diesen Einfluß steuern bzw. regeln sie über selbstorganisierende, chaotische und synergetische Modi (bzw. dynamische Modalitäten). Diese Entwicklung wird mit Hilfe dynamischer Systeme modelliert. Im allgemeinen Sinne steuern und regeln Regulationssysteme die Entwicklung der psychotherapeutischen Beziehung. 4. Grundlagen Umfassende Wissenschaftsprogramme zur Untersuchung der, im Kontext der vorliegenden Betrachtung notwendigen Fragen ist im Rahmen der Systemwissenschaft in Form "dynamischer Systeme" entstanden. Im einzelnen betrifft dies die Grundprinzipien der Selbstorganisation, des Chaos und der Synergetik. Da ein genaueres Verständnis der Konzepte nur über die zugrundeliegende mathematische Theorie möglich ist, was jedoch wiederum den Rahmen der vorliegenden Abhandlung sprengen würde, sollen im folgenden nur die sujetrelevanten Kernaspekte kurz umrissen werden. 4.1. Dynamische Systeme Dynamische Systeme spielen im systemwissenschaftlichen Sinne die Rolle von Metasystemen. Selbstorganisierende, autonome, chaotische, nicht-lineare, selbstreferentielle, synergetische und dissipative Strukturen erfüllen aus diesem Blickwinkel die Kriterien von dynamischen Systemen. Sie beruhen auf der Tatsache, daß sich die Teilstrukturen und Teilprozesse eines Systems wechselseitig beeinflussen (vgl. Heiden, 1994, S. 11). Überdies ist das Netzwerk der allgemeinen Wechselwirkungen die entscheidende Verbindung zwischen Teilen und Ganzem (ebd.). Wesentliche Konzepte der modernen Systemwissenschaft füllen sich bei einer Beschreibung dynamischer Systeme mit Leben (Stabilisierung, Destabilisierung, Attraktor, kritische Fluktuationen, Selbstorganisation, Kohärenz, Autonomie, Synergetik, deterministisches Chaos, Selbstreferentialität, Komplexität, Organisation usw. usf.). Im einfachsten Erklärungsansatz lassen sich dynamische Systeme dadurch charakterisieren, daß das Verhalten eines Interaktionspartners sowohl als Konsequenz auf das Verhalten eines anderen Interaktionspartners (Determinismus dynamischer Systeme), als auch als Stimulus für weiteres Verhalten interpretiert werden kann (Selbstreferentialität, vgl. Schiepek & Strunk, 1994, S. 41). Von diesen iterativen Sequenzen ausgehend, werden verstärkende und dämpfende Effekte auf lange Sicht hin kombiniert. Dieser Vorgang kann als dynamische Entwicklung bezeichnet werden. Auf dem Weg zu einer vorläufigen Definition kann festgehalten werden, daß dynamische Systeme aus vielen Variablen (Einzelvorgängen, Größen usw.) bestehen, die sich gegenseitig beeinflussen. Jede einzelne dieser Variablen wirkt auf alle anderen ein und wirkt sich dabei auch auf sich selbst aus (vgl. Geert, 1994, S. 50). Diese Eigenschaft dynamischer Systeme soll als "vollständiger Zusammenhang" (Systemdeterminismus, Selbstreferentialität) begriffen werden. Das substantielle Unterscheidungsmerkmal zu den Variablen anderer Systeme ist, daß diese hier, sich über die Zeit hinweg verändern (i.w.S. entwickeln). Die o.a. gegenseitige Beeinflussung zwischen den Variablen impliziert daher, daß sie die Entwicklung jeder anderen Variablen des betreffenden Systems über die Zeit hinweg beeinflussen und mitbestimmen (ebd.).Als Arbeitsdefinition wird ein dynamisches System als Variablenmenge angesehen, welche die Veränderungen (Entwicklungen) der anderen im System enthaltenen Variablen über die Zeit hinweg wechselseitig beeinflußt. Beispielhaft werden die dynamischen Relationen zwischen Modellkomponenten bei Geert (1994, S. 52) dargestellt. Eine Zeitserie ("Frequenzen") und ein Zustandsraum zu einer der imaginierten Variablen (A1 und B1) nehmen Formen an, wie bei Geert (1994, S. 53f) dargestellt. Die Modellbildung wurde aufgrund einzelner Zustände aufgebaut. Die Wechselwirkung zwischen den Systemvariablen entwickelt sich von Oszillationen zu chaotischen Fluktuationen (d. h. deterministischem Chaos). Letztendlich bewegen sich die Sytemvariablen in der Nicht-Linearität des Chaos innerhalb eines komplexen Zustandsraumes (vgl. auch Geert, 1994, p. 254). Die Übergänge erfolgen erratisch, die urspüngliche Wahl eines Entwicklungsweges scheint vergessen. Da jedoch davon auszugehen ist, daß die Variablen des Systems (A1, B1) im Zustandsraum durch unterschiedliche Trajektorien (d. h. Entwicklungsverläufe) repräsentiert werden, können beispielsweise unterschiedliche Anfangszustände von A1 und B1 zu ähnlichen Endzuständen führen. Andererseits können auch ähnliche Anfangszustände in unterschiedlichen Endzuständen resultieren. Die auftretenden Unterschiede sind dadurch zu erklären, daß Entwicklungs- und Veränderungsprozesse unterschiedliche Variablenparameter hervorbringen. Die graphische Darstellung topologischer Formen (Topologie = Geometrie der Lage) der dynamischen Systeme führt uns zu "merkwürdigen" Figuren (Strange figures), die äußerlich Ähnlichkeit zu einer Landkarte aufweisen. Aufgrund vorausgesetzter Gruppierungen von Ausgangsbedingungen kann eine Gruppierung von Endzuständen modelliert werden. Viele dynamische Prozesse lassen sich auf solche Landkarten reduzieren. Die dabei konstituierten topologischen Formen werden durch spezifische Muster der beteiligten Trajektorien charakterisiert (s. Geert, 1994, p. 58). Alle möglichen Endzustände erhalten in der graphischen Darstellung die Form einer gefalteten Oberfläche, z. B. in Form sog. Sättel oder Becken. 4.2. Selbstorganisierende Systeme Selbstorganisierende Systeme sind als stabile und instabile dynamische Systeme anzutreffen. Selbstorganisierende Systeme sind komplexe strukturierte Einheiten, die •auf der Grundlage systemimmanenter Komponenten - ein systemeigenes Verhalten ausprägen können. In einem solchen chemischen, zellulären, organismischen oder sozialen Ganzen sind die einzelnen Komponenten in einem kontinuierlichen Netzwerk von Wechselwirkungen dynamisch miteinander verbunden (vgl. auch Maturana & Varela, 1984/1991, S. 51). Die Besonderheit solcher chemischen, zellulären, organismischen oder sozialen Dynamik besteht darin, daß die diesbezüglichen Anpassungs- und Transformationsprozesse Teilstrukturen erzeugen, die allesamt in das Netz von Anpassungs- und Transformationsvorgängen, welches sie erzeugte, integriert werden (vgl. ebd., S. 53). Selbstorganisierende Systeme sind durch eine eigene Form von Determinismus, Komplexität, Redundanz, Selbstreferentialität und Autonomie gekennzeichnet (s. Tafel 1, S. 9). 1. Die eigene Form des Determinismus äußert sich darin, daß sich die Zusammenhänge in zeitlichen, nicht in Form einfacher Gesetzmäßigkeiten (mechanisch-kausal, statistisch) fassen lassen. Prozesse, Bewegungen und Entwicklungen dieser Abläufe sind nicht vorhersagbar. Die Zukunft ist real offen. 2. Die Komplexität läßt sich über die Merkmale der unvollständigen Beschreibbarkeit und unklaren Vorhersagbarkeit der Systeme beschreiben. Ferner beeinflussen sich die internen Zustände selbst. Das Verhalten ist weder aus Inputs noch aus internen Zuständen ableitbar, woraus Unvollständigkeit und Unbestimmbarkeit in der Beschreibung resultieren. Diese Komplexität ist nicht reduzierbar, 3. Die Redundanz der Systeme erlaubt die Gestaltung und Lenkung des Systems aus Teilsystemen heraus. Die Information ist über das System verteilt und sich mehrfach überschneidend als Informationsüberschuß vorhanden. 4. Die Selbstreferentialität charakterisiert die Möglichkeit der Rückbezüglichkeit des Systems. Das Eigenverhalten ist Produkt innerer Kohärenzen, jedoch nicht Repräsentation äußerer Einflüsse. Jedes Verhalten wirkt auf sich selbst zurück und wird Ausgangspunk weiteren Verhaltens. Selbstreferentielle Systeme sind operationell-organisativ geschlossen, aber offen gegenüber Materie, Energie und Information. 5. Die Autonomie des Systems drückt sich gegenüber der Umwelt als Abhängigkeit aus (wegen der Information), es existiert Selbstbestimmung. Es erfolgt keine Anpassung des Systems an die Umwelt, sondern eine Koevolution von System und Umwelt. Tafel 1 Charakteristika selbstorganisierender Systeme (nach W. Frindte, persönl. Mitteilung, 04.02.93) 4.3. Chaotische Systeme Chaotische Systeme gehören zu den instabilen dynamischen Systemen. Nach der Auffassung der klassischen Dynamik von Isaac Newton sind alle Systeme gleich. Heute weiß man hingegen, daß nicht alle dynamischen Systeme gleich sind. Es gibt stabile (z. B. reibungsloses Pendel) und instabile (z. B. Wetterentwicklung) dynamische Systeme. Ein reibungsloses Pendel ist stabil, da geringe Störungen nur geringfügige Folgen haben. Bei der großen Mehrheit der dynamischen Systeme werden jedoch geringe Störungen verstärkt. Ein extremer Fall sind "chaotische Systeme", bei denen die Beschreibung durch Trajektorien (Bewegungsbahnen) versagt. Trajektorien, die anfangs beliebig eng benachbart sind, weichen mit der Zeit exponentiell voneinander ab (vgl. auch Prigogine & Stengers, 1993, S. 14f ). Dem Chaos (gr. Gähnen) ist nur durch eine irreduzible probabilistische Beschreibung (d. h. nicht reduzierbare wahrscheinlichkeitstheoretische) - welche in der Vergangenheit und Zukunft eine unterschiedliche Rolle spielt - gerecht zu werden. Andersherum kann auch gesagt werden: Alle Systeme, die einer irreduziblen probabilistischen Beschreibung genügen, können als chaotisch bezeichnet werden. Diese Systeme können nicht mehr durch einzelne Trajektorien, sondern nur noch durch Ensembles von Trajektorien (vgl. Gibbs & Einstein) beschrieben werden. Mit anderen Worten lassen sich chaotische "Ordnungen" nur über Spektren von Lyapunov-Exponenten im Rahmen einer dynamische Silhouette von Attraktoren beschreiben (Gallez & Babloyantz, 1991, p. 389). Attraktoren (lat. attrahere an sich ziehen) sind stabile, periodische Dynamiken, auf die sich ein System hinbewegt (z. B. wahrnehmbare "Strukturen", "Zustände" usw.). Diese Dynamik, die über die Zeit hinweg als relativ stabiles Verhalten eines Systems verstanden werden kann, entspricht einem der möglichen vier Attraktortypen (Fixpunkt, Grenzzyklus, Torus, chaotischer Attraktor). Fraktale chaotische Attraktoren sind einerseits nicht-periodisch, andererseits jedoch klar strukturiert, d. h. sie befinden sich in einem begrenzten Teil des Phasenraumes (s. Kriz, 1992, S. 140). Lyapunovs Theorem behauptet nun, daß der Gleichgewichtszustand ein Attraktor ist, wenn die Zeitableitung von V negativ ist (asymptotische Stabilität). Voraussetzung dafür ist, daß zwischen verschiedenen Arten von Zuständen in der Natur ausgegangen wird, von denen einige als Attraktoren auf andere wirken (vgl. Prigogine, 1979/1992, S. 31f). Max Planck (1930) bemerkte zutreffend, daß die Irreversibflität ein Ausdruck dieser "Anziehung" ist. Im Falle von komplexen chaotischen Systemen unterliegen die Anfangsbedingungen nicht mehr dem manipulativen Einfluß, sondern sind das Ergebnis der vorangegangenen zeitlichen Entwicklung des Systems. Menschen sind als Entität - die das Ergebnis gegensätzlicher Wirkungen darstellt - nur durch eine einzige "innere Zeit" zu charakterisieren. 4.4. Synergetische Systeme Synergetische Systeme sind ebenfalls instabile dynamische Systeme, die wesentlich durch Selbstorganisation gekennzeichnet sind. Synergetik ist die "Lehre vom Zusammenwirken". Die Konzeption der Synergetik geht jedoch weit über eine Beschreibung von Zusammenhängen hinaus. Es können quantitativ exakte Vorhersagen über die betrachteten Parameter des Systems und deren Veränderungen getroffen werden. Diese Möglichkeit zur exakten Prognose unterscheidet die Synergetik deutlich von chaostheoretischen Konzepten, wie z. B. deterministisches Chaos oder dissipative Strukturen (vgl. Prigogine, 1979/1992, S. 205ff). Die Beschreibung durch synergetische Konzepte wird dann sinnvoll, wenn ein System, welches aus vielen Komponenten besteht, hinsichtlich des Zusammenwirkens ("kooperatives" Verhalten) dieser Komponenten analysiert werden soll. Die zentralen Aspekte der Synergetik wurden in Tafel 2 zusammengefaßt. 1. Die vielen Komponenten, aus denen ein komplexes System besteht, können auf dieser "makroskopischen" Ebene einer chaotischen Dynamik unterliegen. 2. Sie zeigen bei der Veränderung eines Kontrollparameters " kooperatives Verhalten", das auf der makroskopischen Ebene als Synergiebildung wahrnehmbar ist. 3. Da die unspezifische, kontinuierliche Veränderung der Kontrollparameter zur diskontinuierlichen Veränderung des Systems führt (nichtlinearer Phasenübergang), kann das o.a. kooperative Verhalten nur als Selbstorganisation verstanden werden. 4. Bei diesem Szenario spielen Ordnungsparameter eine elementare Rolle (durch eine geringe Zahl von ihnen wird die gesamte Dynamik des Systems beschreibbar). 5. Durch das Slaving werden fast alle (stabilen) Moden durch wenige (instabile) Moden "versklavt', indem die Instabilität im Falle von Störungen zu einem "critical slow down" (kritisches Langsamwerden) der Systemanpassung an den alten Attraktor führt. 6. Die Freiheitsgrade sind dadurch drastig reduziert. 7. Als Resultat davon stoßen letztlich schon geringe Fluktuationen das System auf den Weg zu einem neuen Attraktor an. 8. Auch Symmetriebrechung, die durch Autokatalyse noch verstärkt wird, kann dabei von Bedeutung sein (d. h. im Zustand der maximalen Instabilität nähert sich das System einer der prinzipiell gleichwertigen Möglichkeiten: Strukturen und Attraktoren) Tafel 2 Kernaspekte der synergetischen Konzepte (vgl. auch Kriz, 1992, S. 154f.) 5. Literatur Bastine, R., Fiedler, P. & Kommer, D. (1989). Was ist therapeutisch an der Psychotherapie? Versuch einer Bestandsaufnahme und Systematisierung der psychotherapeutischen Prozeßforschung. Zeitschrift für Klinische Psychologie, 18, 3-22. Chase, L. B. (1972). An informal call on John Archibald Wheeler: dedicated teacher & student of space & time. University: A Princeton Quarterly, 53 (summer), 8–33. Czogalik, D. (1989). Psychotherapie als Prozeß: Mehrebenenanalytische Untersuchungen zu Struktur und Verlauf psychotherapeutischer Interaktionen. Unveröff. Diss., Universität Ulm. Czogalik, D., Vanger, P., Kupper, S. & Hautkappe, H. -J. (1994). 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Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.