Zusammenfassung des Vortrages zur Weiterbildungsveranstaltung „Psychotherapeutischer Interaktionsprozeß“ DR. KUPPER, 06.01.1999 •1 1. Zusammenfassung Die Doktorarbeit (Kupper, 1998), die Grundlage dieses Vortrages darstellt, wurde als Beitrag zur empirischen Psychotherapieforschung vorgelegt. Die Untersuchung ist in erster Linie dem Rang einer Einzelfallstudie zugeordnet. Unter der klinisch- sozialpsychologischen Perspektive wurden die Struktur und der Verlauf psychotherapeutischer Interaktionen untersucht. In der Untersuchung wurde ein Dimensionsmodell der psychotherapeutischen Interaktion entwickelt. Vor dem theoretischen und empirischen Hintergrund der interaktionellen sozialen Ereignisse wird dieses Modell beschrieben, analysiert und bewertet. Das formulierte Dimen- sionsmodell der psychotherapeutischen Interaktion wurde in der Untersuchung exemplarisch mit einigen akzentuierten Merkmalen bestätigt. Aus der theoretischen Darstellung zur Entwicklung und zum Methodenstand der Psychotherapieforschung wurden Akzente für eine notwendige Weiterentwicklung gesetzt. Aus bisherigen Ver- suchen, Psychotherapie in Form von Makromodellen zu konzeptualisieren, wurde die Plausibilität für die Modellentwicklung im Rahmen der Untersuchung abgeleitet. Die Stichprobe besteht aus einem Einzelfall, für den 340 Aussagen mit dem Stuttgarter Kategorieninventar zur Interaktionsanalyse durch unabhängige Beurteiler kodiert wurden. In einem weiteren Auswertungsschritt wurden noch zwei weitere Fälle hinzugezogen, was eine Kodierung von insgesamt 1040 Aussagen erforderlich machte. Jede einzelne Aussage wird durch 35 bipolare Items charakterisiert. Die Ergebnisse werden präsentiert sowie für die sieben Partizipationsstrukturen eingehend diskutiert und in einen teils zustimmenden und teils ablehnenden Zusam- menhang mit Ergebnissen der Literatur gebracht. In der Untersuchung wurde nachgewiesen, daß sich die Verläufe psychotherapeuti- scher Interaktionen durch Partizipationstrukturen für Therapeut und Patient beschrei- ben und statistisch signifikant nachweisen lassen. Ferner hat die Untersuchung Be- lege für die Bestätigung des Dimensionsmodells der psychotherapeutischen Interak- tion erbracht. Die zentrale Aussage konzentriert sich auf die Konzeptualisierung von Psychotherapie als Abfolge und Schichtung von zeitlich invarianten Partizipations- strukturen, die von Therapiesitzung zu Therapiesitzung unterschiedliche Ausprägun- gen annehmen. Die in der Arbeit dargestellten Ergebnisse regen zu einer künftigen Vertiefung des zugrundeliegenden Forschungsansatzes an und bilden den Ansatz für eine weitergehende Untersuchungsstrategie. Zusammenfassung des Vortrages zur Weiterbildungsveranstaltung „Psychotherapeutischer Interaktionsprozeß“ DR. KUPPER, 06.01.1999 •2 2. Die Schätzskala SKI/3 (Czogalik & Kupper, 1995; Czogalik & Vanger, 1993; Czogalik, Vanger, Hautkappe & Kupper, 1994; Czogalik, Haï dara & Vanger, 1994) Stuttgarter Kategorien-Inventar zur Interaktionsanalyse / 3 1 Bezugnahme u. Involvierung des Sprechers (11) 01 EIN freundlich, warm 1 2 3 4 5 unfreundlich, kalt 02 EIN einflußnehmend, dominant 1 2 3 4 5 gewährend, submissiv 03 EIN innerlich beteiligt, engagiert 1 2 3 4 5 innerlich unbeteiligt, distanziert 04 EIN spontan, unüberlegt 1 2 3 4 5 kontrolliert, überlegt 05 EIN sicher 1 2 3 4 5 unsicher, hilflos 06 EIN eindeutig, authentisch 1 2 3 4 5 vieldeutig, unklar 07 HALT offen 1 2 3 4 5 geschlossen 08 HALT zugewandt 1 2 3 4 5 abgewandt 09 MIM positiv 1 2 3 4 5 negativ 10 MIM starr, unbeweglich 1 2 3 4 5 lebendig, beweglich 11 GEST raumgreifend 1 2 3 4 5 eingeengt 2 Bezugnahme u. Involvierung des Hörers (2) 12 EIN rückmeldend, Lautsignale 1 2 3 4 5 unresonant 13 GEST manipulierend, unruhig 1 2 3 4 5 ruhig 3 Gesprächsatmosphäre (2) 14 EIN locker, unkompliziert 1 2 3 4 5 verkrampft, kompliziert 15 EIN vertraut 1 2 3 4 5 fremd 4 Interventionsmodus des Sprechers (7) 16 TXT affektiv-kognitiver Modus 1 2 3 4 5 deskriptiver Modus 17 TXT informationsarm 1 2 3 4 5 informationsreich 18 TXT selbstöffnen 1 2 3 4 5 selbstverbergen 19 TXT suchen, erkennen, interpretieren 1 2 3 4 5 konstatieren 20 TXT konfrontieren, gegenüberstellen 1 2 3 4 5 stützen 21 TXT anleiten, ratschlagen 1 2 3 4 5 verfolgen 22 TXT common sense 1 2 3 4 5 überschreiten, transzendieren 5 Gesprächsthema (5) 23 TXT Primärsystem, Therapie 1 2 3 4 5 Tertiärsystem 24 TXT Beziehungen 1 2 3 4 5 beziehungsfreie Situationen 25 TXT Sprecher 1 2 3 4 5 Andere/deres 26 TXT Probleme und Konflikte 1 2 3 4 5 Sachverhalte 27 TXT negative Inhalte 1 2 3 4 5 positive Inhalte 6 Themensteuerung (4) 28 TXT bejahen, verstärken 1 2 3 4 5 verneinen, ignorieren 29 TXT auffordern, fragen, behaupten 1 2 3 4 5 antworten 30 TXT reverbalisieren, wiederholen 1 2 3 4 5 initiieren 31 TXT abwartend, Raum geben 1 2 3 4 5 dazwischentreten, unterbrechen 7 Sprache (3) 32 SPR fließend 1 2 3 4 5 gebrochen 33 SPR laut 1 2 3 4 5 leise 34 SPR traurig, klagsam, getrübt 1 2 3 4 5 fröhlich, frisch, frei Ergänzung zu Bezugnahme und Involvierung des Sprechers (1) 35 EIN äußerlich beteiligt, interaktionell aktiv 1 2 3 4 5 äußerlich unbeteiligt, interaktionell inaktiv Zusammenfassung des Vortrages zur Weiterbildungsveranstaltung „Psychotherapeutischer Interaktionsprozeß“ DR. KUPPER, 06.01.1999 •3 3. Literatur Czogalik, D. & Kupper, S. (1995). Manual des Stuttgarter Kategorieninventars, 3. Version, revidiert (Forschungsbericht Nr. 2, 1995). Stuttgart: Forschungsstelle für Psychotherapie (Abteilung für Psychotherapie der Universitätsklinik Ulm). Czogalik, D. & Vanger, P. (1993). Manual des Stuttgarter Kategorieninventars, 3. Version (Forschungsbericht Nr. 11, 1993). Stuttgart: Forschungsstelle für Psychotherapie (Abteilung für Psychotherapie der Universitätsklinik Ulm). Czogalik, D., Vanger, P., Hautkappe, H.-J., Kupper, S. (1994a). Das Stuttgarter Kategorieninventar zur Interaktionsanalyse, 3. Version, revidiert (Forschungs- bericht Nr. 3, 1994). Stuttgart: Forschungsstelle für Psychotherapie (Abteilung für Psychotherapie der Universitätsklinik Ulm). Czogalik, D., Haï dara, I. & Vanger, P. (1994). Inventaire de Stuttgart des categories a l’analyse d‘interaction (Forschungsbericht Nr. 4, 1994). Stuttgart: Forschungsstelle für Psychotherapie (Abteilung für Psychotherapie der Universitätsklinik Ulm). Kupper, S. (1998). Partizipationsstrukturen im psychotherapeutischen Prozeß. Frankfurt am Main: Lang. Zusammenfassung des Vortrages zur Weiterbildungsveranstaltung „Psychotherapeutischer Interaktionsprozeß“ DR. KUPPER, 06.01.1999 • 4 4. Folien Informationen sammeln Informationen geben Deskriptiver Informationsaustausch Affektiv-kognitiver Informations- austausch Phase 1: Sozialer Alltag Phase 2: Gefühle, Gedanken Phase 3: Sozialer Alltag Phase 1: Fragen stellen Phase 2: Hinterfragen, Gegenüberstellen Phase 3: Meinungen, Gedanken Zusammenfassung des Vortrages zur Weiterbildungsveranstaltung „Psychotherapeutischer Interaktionsprozeß“ DR. KUPPER, 06.01.1999 • 5 Akzeptanz, Selbstöffnung Therapeutische Beziehung, Therapienormen Aufbau der therapeutischen Beziehung Tragfähige, vertrauensvolle therapeutische Beziehung Phase 1: Rollenübernahme Phase 2: Orientierung am Primärsystem Phase 3: Auflösung der Beziehung Phase 1: Etablierung der Beziehung Phase 2: Tragfähige Funktion der Beziehung Phase 3: Stützende Funktion der Beziehung Zusammenfassung des Vortrages zur Weiterbildungsveranstaltung „Psychotherapeutischer Interaktionsprozeß“ DR. KUPPER, 06.01.1999 • 6 Suchen, Erkennen, Hinterfragen Selbstexploration von Problemen und Konflikten Vermeidung des Exponierens Exponieren von Gefühlen, Gedanken, Interpretationen Phase 1: Alltagsbeschreibungen Phase 2: Konflikte, Probleme, Gefühle Phase 3: Alltagsbeschreibungen Phase 1: Exploration von Hintergrund- informationen Phase 2: Interpretieren, Konfrontieren Phase 3: Ratschlagen Zusammenfassung des Vortrages zur Weiterbildungsveranstaltung „Psychotherapeutischer Interaktionsprozeß“ DR. KUPPER, 06.01.1999 • 7 Interpretationen, Konfrontationen Verneinen, Ignorieren Vermeidung von Konfliktzeiten Fremde Gesprächsatmosphäre, "schwierige" Interaktion Phase 1: Freundlichkeit Phase 2: Unfreundlichkeit, Kälte Phase 3: Freundlichkeit Phase 1: Wärme, Akzeptanz Phase 2: Konfrontation, Klärungsarbeit Phase 3: Wärme Zusammenfassung des Vortrages zur Weiterbildungsveranstaltung „Psychotherapeutischer Interaktionsprozeß“ DR. KUPPER, 06.01.1999 • 8 Stützende Interventionen Affirmative Äußerungen Übereinstimmung, Einvernehmen Divergierende Sichtweisen Phase 1: Freundlichkeit, Kooperation Phase 2: Unfreundlichkeit Phase 3: Offenheit, positive Gesprächsinhalte Phase 1: Freundlichkeit, Authentizität Phase 2: Einflußnahme Phase 3: Gewährendes Verhalten Zusammenfassung des Vortrages zur Weiterbildungsveranstaltung „Psychotherapeutischer Interaktionsprozeß“ DR. KUPPER, 06.01.1999 • 9 Anleiten, Ratschlagen Änderung des Selbstbildes und der Interaktion Erkennen und Bearbeiten von Problemen und Konflikten Neuorganisation, neue Sichtweisen und Handlungen Phase 1: Unsicherheit, Hilflosigkeit Phase 2: Unsicherheit, negative Gesprächs- inhalte Phase 3: Sicherheit, Offenheit Phase 1: Akzeptanz Phase 2: Erkennen, Interpretieren Phase 3: Anleiten, Ratschlagen Zusammenfassung des Vortrages zur Weiterbildungsveranstaltung „Psychotherapeutischer Interaktionsprozeß“ DR. KUPPER, 06.01.1999 • 10 Nonverbale Aktion Nonverbale Signale Nonverbale Kommunikation Phase 1, 2, 3: Negative Mimik, eingeengte Gestik, gebrochener Sprechablauf traurige, klagsame getrübte Stimme Phase 1, 2, 3: Positive Mimik, raumgreifende Gestik, fließender Sprech- ablauf, fröhliche, frische Stimme Zusammenfassung des Vortrages zur Weiterbildungsveranstaltung „Psychotherapeutischer Interaktionsprozeß“ DR. KUPPER, 06.01.1999 •11 1. Bezugnahme und Involvierung des Sprechers (freundlich, warm vs. unfreundlich, kalt; einflußnehmend, dominant vs. gewährend, submissiv; eindeutig, authentisch vs. vieldeutig, unecht u.a.m.) 2. Bezugnahme und Involvierung des Hörers (rückmeldend, Lautsignale vs. unresonant; manipulierend, unruhig vs. ruhig) 3. Gesprächsatmosphäre (locker, unkompliziert vs. verkrampft, kompliziert; vertraut vs. fremd) 4. Interventionsmodus des Sprechers (affektiv-kognitiver Modus vs. deskriptiver Modus; selbstöffnen vs. selbstverbergen u.a.) 5. Gesprächsthema (Primärsystem, Therapie vs. Tertiärsystem; Probleme u. Konflikte vs. Sachverhalte u.v.a.m.) 6. Themensteuerung (bejahen, verstärken vs. verneinen, ignorieren; abwartend, Raum geben vs. dazwischentreten, unterbrechen u. dgl. m.) 7. Sprache (fließend vs. gebrochen; laut vs. leise; traurig, klagsam, getrübt vs. fröhlich, frisch, frei) Kupper-Horster, C. & Kupper, S. (1997). Empirische Forschung zur Klinik der Eßstörungen: Magersucht und Bulimie. In P. L. Janssen, W. Senf & R. Meermann (Hrsg.), Klinik der Eßstörungen: Magersucht und Bulimie (S. 145–172). Stuttgart: G. Fischer. 1. Behandlungs-Outcome 4. Diagnosekriteriu m Studie mit günstigstem Outcome Studie mit weniger günstigem Outcome AN - Körpergewicht Fichter (1985): stationäre Einzel - VT Potreck-Rose (1987): stationäre Gruppen - VT AN - Angst vor Gewichts zunahme Fichter (1985): stationäre Einzel - VT Potreck-Rose (1987): stationäre Gruppen - VT AN - Sekundäre Amenor rhoe Potreck-Rose (1987): stationäre Gruppen - VT Villiez (1985): ambulante psa-orientierte Familientherapie BN - Eßanfälle Laessle et al. (1988): ambulante Gruppen-VT + Liedtke et al. (1991): stationäre Psychoanalyse Liedtke et al. (1991): ambulante systemische Therapie BN – Gewichtsregulierende Maßnahmen (Erbrechen) Liedtke et al. (1991): stationäre Psychoanalyse + Laessle et al. (1988): ambulante Gruppen-VT Liedtke et al. (1991): ambulante systemische Therapie BN - Häufigkeit Eßanfälle und gewichtsregulie- rende Maßnahmen (Erbrechen) Jacobi & Paul (1991): ambulante Gruppen-VT + Laessle et al. (1988): ambulante Gruppen-VT Liedtke et al. (1991): ambulante systemische Therapie 1.1 AN + BN: kurzfristig geringfügige Veränderungen der Symptomatik 2. Follow-up Anorexia nervosa und Bulimia nervosa: Ursprüngliches psychodynamisches Kombinationskonzept zusammengesetzt aus stationärer und ambulanter Therapie für positive Langzeitverläufe (Deter et al., 1992; Engel et al., 1992; Lacey, 1992). AN: aussagekräftige positive Entwicklung größtenteils nach 10 Jahren BN: aussagekräftige positive Entwicklung größtenteils nach 5 Jahren SITZUNG 20 19 18 17 16 15 14 13 11 9 8 7 6 4 3 2 1 M it te lw e r t R EG R fa c to r s co re 1 1,5 1,0 ,5 0,0 -,5 -1,0 -1,5 SITZUNG 20 19 18 17 16 15 14 13 11 9 8 7 6 4 3 2 1 M it te lw e r t R EG R fa c to r s co re 1 1,5 1,0 ,5 0,0 -,5 -1,0 T P