Das Dimensionsmodell der Therapiebeziehung Vortrag Sirko Kupper 1997 2 Inhaltsverzeichnis 1 Einleitung_____________________________________________________________3 2 Theoretische Grundlagen der Untersuchung_________________________________3 3 Das Dimensionsmodell der psychotherapeutischen Interaktion__________________5 4 Schlußfolgerungen_____________________________________________________11 1 Einleitung Der Titel meines Vortrages zu meiner eingereichten Arbeit lautet: „Partizipationsstrukturen im psychotherapeutischen Prozeß“ und ist in die hier abgebildeten Abschnitte untergliedert. Ich stelle die wichtigsten empirischen Ergebnisse der Doktorarbeit vor. Die Anregungen und Unterstützungen zu dieser Arbeit sind in der Forschungsstelle für Psychotherapie Stuttgart entstanden und ich widme die Ergebnisse meiner Arbeit in posthum meinem Betreuer Herrn Privatdozent Dr. Dietmar Czogalik, der leider Anfang diesen Jahres verstorben ist. Die Untersuchung ist vorrangig als Einzelfallstudie zu beurteilen, in der die Struktur und der Verlauf psychotherapeutischer Interaktionen analysiert werden. Wichtige Grundlage für diese Untersuchung war das klinisch-sozialpsychologische Prozeßmodell von Czogalik. Auf dieser Grundlage wurde das Dimensionsmodell der psychotherapeutischen Interaktion formuliert, analysiert und bewertet. Für diesen Vortrag habe ich als Schwerpunkt die Darstellung des Dimensionsmodells der psychotherapeutischen Interaktion gewählt. Zunächst werde ich einen Überblick über die theoretischen Grundlagen dieser Untersuchung geben und anschließend das Dimensionsmodell der psychotherapeutischen Interaktion vorstellen. Diese Darlegungen werden exemplarisch mit empirischen Befunden belegt. Abschließend fasse ich die wichtigsten Ergebnisse zusammen. Nach diesen einleitenden Worten komme ich zu Punkt 2 meines Vortrages. 2 Theoretische Grundlagen der Untersuchung Die Psychotherapieforschung besitzt eine übersichtliche nachvollziehbare Chrono- logie, die sich historisch über eine länger zurückreichende Vergangenheit erstreckt. Die ersten Anfänge der Beforschung des psychotherapeutischen Geschehens lassen sich bis in die Geburtsstunde der Psychotherapie selbst zurückverfolgen. Bereits Freud bezeichnete 1927 das Zusammentreffen von Forschung und Praxis als den „vornehmsten und erfreulichsten Zug der analytischen Arbeit“. Die ersten um- fassend dokumentierten Ergebnisse der Psychotherapieforschung wurden 1930 von Fenichel vorgelegt. Die Forschungsstrategie dieser ersten umfassenden Katamnestik wurde später durch andere Psychoanalytiker aufgegriffen und Overheadprojektor einschalten, Folie 1 liegt bereits auf: Gliederung Folie 2 auflegen: Etappen der Entwicklung der Psychotherapiefor- schung 4 weiterentwickelt. Der nächste markante Punkt für die Psychotherapieforschung wurde 1952 durch Eysencks provokante Zuspitzung gesetzt, daß die Verbesserungsrate psychisch Kranker um so geringer ausfalle, je mehr Psychotherapie zur Anwendung käme. Die Resultate von Eysencks Untersuchung formten somit die Grundaussage, daß die sogenannten „spontanen Remissionsraten“ unbehandelter Patienten keine Unterschiede zu Psycho- therapiepatienten aufweisen. In Reanalysen der Originaldaten wurde jedoch herausgefunden, daß Eysenck nicht unerhebliche Verfahrensfehler unterliefen und seine Schlußfolgerungen somit kaum haltbar sind. McNeilly und Howard verglichen 1991 die Originaldaten von Eysenck mit Daten aus eigenen Untersuchungen und zeigten – wie in dieser Folie dargestellt –, daß sich bei einem Psychotherapiepatienten bereits nach einem viertel Jahr jene Besserungsrate nachweisen läßt, die sich bei unbehandelten Patienten erst nach zwei Jahren zeigt. Seit Mitte der 80er Jahre hat ein vehementer Wandel hinsichtlich der Erforschung psychotherapeutischer Prozesse eingesetzt. Die gemeinsame Zielperspektive der Psychotherapieforschung besteht seitdem in einem besseren Verständnis psychotherapeutischer Veränderungen in ihrem prozessualen Verlauf. Über den Weg vieler gründlicher Einzelfallstudien kann die daraus abgeleitete Systematik für adaptive Indikationsentscheidungen genutzt werden, d. h. daß therapeutische Entscheidungen zu verschiedenen Zeitpunkten der Behandlung korrigiert oder neu formuliert werden können. Unter dem Einfluß dieses Forschungsrahmens kann auch die von Grawe (1982) und anderen Forschern häufig beklagte „Irrelevanz der Psychotherapieforschung für die psychotherapeutische Praxis“ noch stärker als bisher ausgeräumt werden. Die folgenden wichtigsten 6 Strategien der Psychotherapieprozeßforschung haben sich bis jetzt herausgebildet: (1) Als erste Strategie sei hier die Ulmer Textanalyse genannt, bei der mit Hilfe von formalen, grammatischen und inhaltlichen Textmaßen der psychotherapeutische Dialog detailliert untersucht wird. (2) Die zweite Strategie ist die Therapiesitzungsanalyse, in der therapeutische Veränderungen auf der Stundenebene beschrieben werden. (3) Die dritte Strategie stellt die Episodenstrategie dar, mit deren Hilfe sogenannte „veränderungsrelevante Episoden“ mikroprozessual analysiert werden. (4) Mit der Therapiephasenanalyse, als der vierten Strategie der Prozeßforschung, werden die Verläufe therapeutischer Änderungen über die einzelnen Episoden hinaus und über Folie 3 auflegen: Vergleich von Dosis- Effekt-Beziehungen und „spontanen Remissionen“ Folie 4 auflegen: Strategien der Psychotherapie- prozeßforschung 5 die Stunden hinweg als strukturbildende Abschnitte erforscht. (5) Eine fünfte Strategie der gegenwärtigen Prozeßforschung stellt der sequenzanalytische Ansatz dar, mit dem Wahrscheinlichkeiten dafür ermittelt werden, wie häufig ein bestimmtes Ereignis einem anderen Ereignis nachfolgt. (6) Als sechste Strategie sei die multikategoriale Längsschnittanalyse angeführt, bei der die prozeßrepräsen- tierenden Ereignisse als quantitative Veränderungen von Strukturausprägungen über die Zeit erforscht werden. Die hier referierte Untersuchung basiert auf dieser abschließend genannten Strategie. Nach dieser grundlegenden Einführung werde ich in Punkt 3 das Dimensionsmodell der psychotherapeutischen Interaktion vorstellen. 3 Das Dimensionsmodell der psychothera- peutischen Interaktion Das Dimensionsmodell der psychotherapeutischen Interaktion wird von mir auf der Grundlage des klinisch-sozialpsychologischen Modells von Czogalik und als Er- gebnis eigener empirischer Voruntersuchungen formuliert. Das Dimensionsmodell kann in die Kategorie der schulenunspezifischen Makromodelle eingeordnet werden. Es bildet die dyadenspezifische Struktur und die zeitliche Entwicklung der psychotherapeutischen Interaktion ab. Das theoretische Konzept, auf dessen Grundlage das Modell formuliert wurde, möchte ich im vorhinein kurz erläutern. Das Verhalten von Therapeut und Patient weist Merkmale auf, die während des gesamten Therapieverlaufs relativ konstant bleiben und somit eine Basis der Interaktion bilden. Während bestimmter Therapiestunden und Therapiephasen können diese Interaktionsmerkmale jedoch unterschiedliche quantitative Aus- prägungen annehmen. Diese Interaktionsmerkmale werden als Partizipations- strukturen bezeichnet. In der vorliegenden Folie habe ich das Modell in einer formalen Darstellung abgebildet. Es repräsentiert den psychotherapeutischen Dialog anhand von drei Betrachtungsebenen: der Phasierung, den Dimensionen der Interaktion und des psychischen Status’ des Patienten. Die Ebene „Dimensionen der Interaktion“ stellt die dimensionale Ausprägung der Partizipationsstrukturen dar, d. h. die Merkmals- ausprägungen bewegen sich innerhalb von zwei Polen. Die folgenden 7 Dimensionen werden postuliert: Folie 1 wieder auflegen: Gliederung Folie 5 auflegen: Betrachtungsebenen des Dimensions- modells der psycho- therapeutischen Inter- aktion 6 • Informationszeiten, • Beziehungszeiten, • Exponierungszeiten, • Konfliktzeiten, • Konsenszeiten, • Veränderungszeiten und • Zeiten des nonverbalen Ausdrucks. Weiterhin werden die funktionellen Auswirkungen der sieben Dimensionen auf den psychischen Status des Patienten abgebildet. Die drei Statusbeschreibungen: • Stabilisierung, • Labilisierung sowie • Konsolidierung und Neuorganisation wurden in enger Anlehnung an Czogalik gewählt. Mit Hilfe der dritten Betrachtungsebene wird der Ablauf des psychothera- peutischen Prozesses folgendermaßen vorgegeben: • Phase 1: Aufbau der therapeutischen Beziehung, • Phase 2: Aktive therapeutische Arbeit und • Phase 3: Auflösung. Die einzelnen Dimensionen der psychotherapeutischen Interaktion in der hier dargestellten Reihenfolge werden nun einer detaillierten Darlegung unterzogen. Informationszeiten sind die Abschnitte der Interaktion, in denen der Patient im Sinne einer Selbstdarstellung deskriptive oder kognitiv-affektive Informationen kommuniziert. Während der Patient stärker Informationen in den psychothera- peutischen Dialog einbringt, besteht die Aufgabe des Therapeuten im Rahmen dieser Dimension grundsätzlich darin, Informationen zu suchen und zu sammeln. Daher wird der Therapeut häufiger Fragen stellen und der Patient Informationen über seinen sozialen Alltag in das Gespräch einbringen. Die hypothetisierten quantitativen Ausprägungen der Partizipationsstruktur Informationszeiten werden auf dieser Folie den Ergebnissen der empirischen Untersuchung gegenübergestellt. Die hier aufgeführten sieben Dimensionen, werden nacheinander besprochen. Der Untersuchung ging die Annahme voraus, daß die Informationszeiten in der ersten Phase der Therapie die bedeutendste Rolle spielen und in den weiteren beiden Phasen sukzessive geringere Ausprägungen annehmen. Im Rahmen der empirischen Untersuchung konnte dieses Postulat nicht vollständig bestätigt werden. Für das Interaktionsverhalten des Therapeuten bestehen die stärksten Ausprägungen der Folie 6 auflegen: Hypothetisiertes Modell und empi- rische Ergebnisse für den Therapeuten 7 Informationszeiten im mittleren Therapieabschnitt, d. h. er bringt neue Informa- tionen in den Dialog ein, initiiert neue Gesprächsthemen und wirkt interaktionell aktiv. Im Anfangsabschnitt der Therapie befindet sich der Therapeut jedoch in einer deutlichen Zuhörerposition, d. h. seine Körperhaltung ist geschlossen, seine Gestik eingeengt und er verfolgt die vom Patienten vorgegebenen Themen. Im Gegensatz dazu sind die Ergebnisse für den Patienten in der folgenden Grafik dargestellt. Die stärksten Ausprägungen der Informationszeiten wurden für den Patienten erwartungsgemäß im Anfangsabschnitt der Therapie beobachtet, d. h. er steuert neue Informationen zum therapeutischen Dialog bei, initiiert neue Themen und spricht in einem beschreibenden Gesprächsmodus über Sachverhalte. Die drei Phasen der Therapie weisen auf dem 1%-Niveau signifikante Unterschiede auf. Ich komme nun zu den Beziehungszeiten. Beziehungszeiten sind jene interaktionellen Ereignisse, in denen die Therapeut- Patient-Beziehung eine wesentliche Rolle in der Interaktion spielt. Der Therapeut ist als akzeptierend und selbstöffnend zu bezeichnen. Das Verhalten des Patienten ist stärker durch die Besprechung der therapeutischen Beziehung und der Therapienormen – dem sogenannten Primärsystem – gekennzeichnet. Das hier abgebildete hypothetisierte Modell vertritt die Annahme, daß im mittleren Therapieabschnitt die stärksten Ausprägungen der Beziehungszeiten zu beobachten sind. Dieser Sachverhalt wurde in der empirischen Untersuchung bestätigt. Für das Verhalten des Therapeuten sind die stärksten Ausprägungen der Beziehungszeiten im mittleren Therapieabschnitt zu beobachten, d. h. er verhält sich selbstöffnend und stellt Behauptungen auf, die mit der eigenen Person in Verbindung stehen. Die in der vorliegenden Abbildung dargestellten Ergebnisse für das Interaktions- verhalten des Patienten weisen ebenfalls auf eine hohe Ausprägung dieser Dimension in der zweiten Phase der Behandlung hin. Der Patient spricht über die therapeutische Beziehung und über die Therapienormen. Eine signifikante Absicherung konnte jedoch nur für das Verhalten des Patienten auf der Stundenebene festgestellt werden. Ich erläutere nun die Exponierungszeiten. Exponierungszeiten sind interaktionelle Abschnitte, in denen der Patient seine Gefühle ausdrückt und gefühlsbezogene Gedanken exponiert. Der Therapeut setzt Folie 7 auflegen: Hypothetisiertes Modell und empi- rische Ergebnisse für den Patienten Folie 6 auflegen: Hypothetisiertes Modell und empi- rische Ergebnisse für den Therapeuten Folie 7 auflegen: Hypothetisiertes Modell und empi- rische Ergebnisse für den Patienten 8 verstärkt hinterfragende und interpretierende Interventionen ein. Die stärkste Ausprägung der Exponierungszeiten wird – wie hier ersichtlich – im mittleren Therapieabschnitt angenommen. Am Anfang und am Ende der Therapie spielt diese Partizipationsstruktur eine untergeordnetere Rolle. Dieses Postulat wird durch die Ergebnisse der empirischen Untersuchung nur zum Teil unterstrichen. Die hohen Ausprägungen für den Therapeuten in der ersten Behandlungsphase weisen darauf hin, daß er bereits in den ersten vier Stunden negative Inhalte in den Dialog einbringt und den Patienten auf Probleme anspricht. Für das Interaktionsverhalten des Patienten lassen sich in dieser Grafik demhingegen die stärksten Ausprägungen erwartungsgemäß im mittleren Therapieabschnitt feststellen. Der Patient spricht über seine Gefühle, Gedanken und Konflikte. Weitere hohe Ausprägungen für das Verhalten des Patienten zeigen sich im Abschlußabschnitt der Behandlung. Zwischen den Therapiephasen existieren statistisch signifikante Unterschiede. Der nicht erwartungsgemäße Verlauf der Dimension Exponierungszeiten wird als be- sonderes Charakteristikum der hier untersuchten psychotherapeutischen Dyade interpretiert. Als nächste Dimension stelle ich die Konfliktzeiten dar. Durch Konfliktzeiten wird der Patient aufgrund der Interpretationen und Konfrontationen des Therapeuten in einen Zustand der Instabilität überführt. Bevor diese Dimension zum Tragen kommt ist vorauszusetzen, daß der Patient deskriptive Informationen in den Dialog eingebracht hat oder Gefühle exponiert hat. Der Therapeut interpretiert und konfrontiert die Darstellungen des Patienten. Die Gesprächsatmosphäre kann sich in diesen Therapieabschnitten fremd und unvertraut gestalten. Mit dem hier abgebildeten hypothetisierten Modell wurde die Annahme aufgestellt, daß die stärksten Ausprägungen der Konfliktzeiten im mittleren Therapieabschnitt zu beobachten sind. Diese Modellannahme konnte durch die Analyse der empirischen Daten nur zum Teil bestätigt werden. Die Konfliktzeiten sind – entgegen der Modellannahme – bereits während der ersten Behandlungsphase für den Therapeuten stark ausgeprägt. Der Therapeut nimmt eine abgewandte Körperhaltung ein und der Patient verhält sich gegenüber seinen Äußerungen sehr unresonant. Diese Grafik zeigt, daß auch für das Interaktions- verhalten des Patienten die quantitativen Ausprägungen der Dimension Konfliktzeiten in der ersten Therapiephase schon auf einem hohen Niveau liegen. Folie 6 auflegen: Hypothetisiertes Modell und empi- rische Ergebnisse für den Therapeuten Folie 6 auflegen: Hypothetisiertes Modell und empi- rische Ergebnisse für den Therapeuten Folie 7 auflegen: Hypothetisiertes Modell und empi- rische Ergebnisse für den Patienten 9 Er wirkt wenig authentisch und verneint die Aussagen des Therapeuten. Weiterhin lassen sich modellkonform auch im mittleren Therapieabschnitt für den Patienten höhere Ausprägungen feststellen. Nur die Ausprägungen für das Verhalten des Therapeuten wurden statistisch signifikant abgesichert. Als mögliche Interpretation für diesen abweichenden Verlauf kann die Überlegung angestellt werden, daß die Konfliktzeiten bereits in der ersten Phase der Therapie auftreten mußten, weil in der ersten Phase auch schon Probleme angesprochen wurden. Ich gehe nun zu der Darstellung der Konsenszeiten über. In den Konsenszeiten kann sich der Patient auf die Interpretationen des Therapeuten einlassen und sie akzeptieren. Das Hauptkennzeichen dieser Dimension ist die starke Übereinstimmung zwischen der Sichtweise des Thera- peuten und der Sichtweise des Patienten in bezug auf ein bestimmtes Thema. Das Verhalten des Therapeuten ist durch stützende Interventionen und das Verhalten des Patienten durch affirmative Äußerungen zu charakterisieren. Die Modellannahmen für die Dimension Konsenszeiten sind in dieser Abbildung dargestellt. Gegen Ende der Behandlung sind die Ausprägungen für die Konsenszeiten am stärksten. Aus der empirischen Untersuchung geht jedoch hervor, daß die Konsenszeiten für den Therapeuten bereits zu Beginn der Behandlung stark ausgeprägt sind. Der Therapeut strahlt Wärme aus, wird als gewährend eingeschätzt und stellt eine vertraute Gesprächsatmosphäre her. Im Gegensatz dazu stehen die hier abgebildeten Ergebnisse für den Patienten. Die Modellannahme der starken Ausprägung am Ende der Therapie konnte für das Interaktionsverhalten des Patienten bestätigt werden, d. h. er ist freundlich und übernimmt in seinen Aussagen die Argumentationslinie des Therapeuten. Die Unterschiede zwischen den Therapiephasen sind statistisch nicht signifikant. Die Unregelmäßigkeiten zwischen dem Verhalten des Therapeuten und des Patienten werden als ein weiteres Merkmal für die Auswirkung der Einzigartigkeit der untersuchten Dyade interpretiert. Die stärkere Ausprägung der Konsenszeiten für den Therapeuten zu Beginn der Behandlung kann eine Basis für den Aufbau der therapeutischen Beziehung darstellen. Jetzt komme ich zu den Veränderungszeiten. Folie 6 auflegen: Hypothetisiertes Modell und empi- rische Ergebnisse für den Therapeuten Folie 7 auflegen: Hypothetisiertes Modell und empi- rische Ergebnisse für den Patienten Folie 7 auflegen: Hypothetisiertes Modell und empi- rische Ergebnisse für den Patienten 10 Veränderungszeiten sind interaktionelle Segmente, in denen deutlich wird, daß der Patient sein Selbstbild sowie seine ineffektive Interaktion ändert. Es wird über das interaktionelle Verhalten des Patienten offensichtlich, das er eine höhere Ebene seiner psychischen Ordnungsstruktur erreicht hat. Das Verhalten des Therapeuten ist durch das Anleiten zu neuen Handlungen und Sichtweisen gekennzeichnet. Der Patient spricht in starken Ausprägungen der Veränderungszeiten mit einer offenen Körperhaltung und einer eher körperfernen Gestik über positive Sachverhalte oder geänderte Probleme in einem positiven Modus. Im Rahmen des Modells wird angenommen – wie aus der Verlaufscharakteristik zu ersehen ist –, daß die stärksten Ausprägungen für die Veränderungszeiten in der Abschlußphase der The- rapie zu beobachten sein werden. Für das Interaktionsverhalten des Therapeuten kann diese Annahme relativ übereinstimmend bestätigt werden. Der Therapeut konfrontiert in der zweiten und dritten Phase der Therapie die Widersprüche in den Darstellungen des Patienten und leitet ihn zu Handlungen und neuen Gedanken an. Im Gegensatz dazu zeigt die folgende Abbildung die Ergebnisse der empirischen Untersuchung für das Verhalten des Patienten. Bereits in der ersten Phase der Therapie sind starke Ausprägungen der Veränderungszeiten zu verzeichnen, d. h. der Patient verhält sich spontan und unbekümmert. Seine Körperhaltung ist offen, seine Gestik raumgreifend und er stellt eine lockere, unkomplizierte Gesprächs- atmosphäre her. In der Abschlußphase der Behandlung sind die Veränderungs- zeiten für den Patienten modellkonform hoch ausgeprägt. Die Phasen weisen statistisch signifikante Unterschiede auf. Als letzte Dimension stelle ich die Zeiten des nonverbalen Ausdrucks dar. Zeiten des nonverbalen Ausdrucks sind alle Interaktionsabschnitte, in denen Therapeut und Patient den verbalen und nonverbalen Kommunikationskanal gleichzeitig benutzen. Da die nonverbalen Signale in jeder Kommunikation eine bedeutsame Rolle spielen, wird diese Dimension über die gesamte Länge der Therapie hinweg eine ungefähr gleichstarke Ausprägung besitzen. Diese Dimension spielt während des gesamten Therapieverlaufs eine bedeutsame Rolle. Die Darstellung des hypothetisierten Modells weist in diesem Verlauf eine annähernd gleichbleibend hohe Ausprägung der Dimension des nonverbalen Ausdrucks auf. Die Ergebnisse der empirischen Untersuchung unterstreichen eine Akzentuierung dieser Dimension im mittleren Therapieabschnitt der aktiven therapeutischen Ar- Folie 6 auflegen: Hypothetisiertes Modell und empi- rische Ergebnisse für den Therapeuten Folie 6 auflegen: Hypothetisiertes Modell und empi- rische Ergebnisse für den Therapeuten Folie 7 auflegen: Hypothetisiertes Modell und empi- rische Ergebnisse für den Patienten 11 beit. Für den Therapeuten ist die Dimension Zeiten des nonverbalen Ausdrucks etwas stärker ausgeprägt, als in dem ursprünglich hypothetisierten Modell angenommen wurde. Der Therapeut spricht laut, verdeutlicht das Gesprochene mit einer raumgreifenden Gestik und besitzt eine lebendige und bewegliche Mimik. In dieser Abbildung wird deutlich, daß für das Verhalten des Patienten die quantitativen Ausprägungen der Zeiten des nonverbalen Ausdrucks in der zweiten Therapiephase etwas schwächer ausgeprägt sind als angenommen wurde. Dies zeigt sich darin, daß die Intonation seiner Stimme auf Traurigkeit und Niedergedrücktsein hinweist. Sein negativer mimischer Ausdruck vermittelt Trauer, Schmerz und Angst während dieses zweiten Therapieabschnitts der Problembearbeitung. Die Unterschiede zwischen den Therapiephasen sind nur für den Patienten statistisch signifikant. Zwischen den Therapiestunden können die Unterschiede für Therapeut und Patient jedoch als statistisch signifikant abgesichert werden. Die Resultate der statistischen Analysen weisen schlußfolgernd darauf hin, daß der psychotherapeutische Prozeß durch das ursprünglich formulierte Modell für die hier untersuchte Dyade nicht angemessen abgebildet wird. Aus diesen Gründen soll das Modell revidiert werden. Die Revision bezieht sich auf die Modellebene Dimensionen der Interaktion. In der überarbeiteten Version des Modells soll diese Betrachtungsebene für Therapeut und Patient getrennt dargestellt werden. Diese Grafik zeigt das revidierte Modell. Die Untersuchungsergebnisse haben ebenfalls gezeigt, daß die verlaufsspezifische Zuordnung der einzelnen Strukturen von der Gewichtung im hypothetisierten Modell abweicht. Dieser Umstand soll am Beispiel der Informationszeiten demonstriert werden. Die Informationszeiten spielen für den Therapeuten in der ersten Phase der Behandlung eine wesentlich geringere Rolle als in dem hypothetisierten Modell angenommen wurde, d. h. der Therapeut bringt wenige neue Informationen in den therapeutischen Dialog ein und nimmt währenddessen eine deutliche Zuhörerrolle ein. Für den Patienten weisen die Untersuchungsergebnisse in dieser Hinsicht eine große Übereinstimmung mit den ursprünglichen Postulaten auf. Ich komme nun zum letzten Punkt meines Vortrages. Folie 6 auflegen: Hypothetisiertes Modell und empi- rische Ergebnisse für den Therapeuten Folie 1 wieder auflegen: Gliederung (bis Ende liegen lassen) Folie 7 auflegen: Hypothetisiertes Modell und empi- rische Ergebnisse für den Patienten Folie 8 auflegen: Revidiertes Modell als differenzierte Darstel- lung auf Grundlage der Ergebnisse 12 4 Schlußfolgerungen Zusammenfassend ist festzustellen, daß in der referierten Untersuchung Belege für die akzentuierte Bestätigung des Dimensionsmodells der psychotherapeutischen Interaktion erbracht wurden. Mit Hilfe der multivariaten Varianzanalyse wurden alle postulierten Dimensionen der Interaktion statistisch signifikant nachgewiesen. Die zentrale Aussage der gesamten Untersuchung konzentriert sich auf die Konzeptualisierung von Psychotherapie als Abfolge und Schichtung von zeitlich invarianten Partizipationsstrukturen, die von Therapiesitzung zu Therapiesitzung unterschiedliche Ausprägungen annehmen. Mit dem revidierten Dimensionsmodell der psychotherapeutischen Interaktion wurde ein Makromodell konstruiert und statistisch auf Signifikanz getestet, das zunächst lediglich über die Interaktionen der hier untersuchten psychotherapeutischen Dyade detailliert Auskunft gibt. Mit einer künftigen Vertiefung des zugrundeliegenden Forschungsansatzes kann das hier empirisch bestätigte Modell auch an anderen psychotherapeutischen Dyaden geprüft werden. Nur unter dieser Perspektive der Replikation der vorliegenden Befunde hat der Anspruch eines schulenunspezifischen Makromodells für die psychotherapeutische Interaktion Bestand. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.