Erniedrigt und beleidigt: „Der entthronte Prinz“ Die Kinder kreischen am Mittagstisch. Wann hat das nur alles ein Ende, denkt er sich. Seine Frau schlürft lautstark ihren Tee. Er wirft einen wütenden Blick zu seinem jüngsten Sohn hinüber. Der lässt sich gerade die Suppe wieder aus dem Mund laufen. So jetzt reichts! Jetzt ist genug! „Du isst wie ein Schwein!“, schreit er den Jungen an und noch bevor dieser antworten kann, springt er vom Tisch auf, das Gesicht mittlerweile wutrot, rennt die Treppe rauf und lässt die Tür seines Arbeitszimmers schwer ins Schloss fallen. Er kommt zum Sitzen und spürt sein Herz bis zum Hals schlagen. Mit zittrigen Händen greift er nach der ersten Flasche Bier, öffnet sie ungeduldig und kippt ohne abzusetzen die Hälfte der Flasche hinunter. Er atmet tief durch. Dann seufzt er leise und trinkt den Rest der Flasche. Er merkt, wie er beginnt zu weinen, die Tränen laufen seine Wangen wie kleine Perlen kalt hinunter. Nein, so will er nicht zu ihnen sein. Das haben sie nicht verdient. Er liebt seine beiden Söhne doch so sehr. Aber so geht das nun schon ein paar Wochen und er will, das es aufhört. Für heute beschließt er lieber nicht mehr hinunter zu gehen. Mit gleichmütiger Miene lässt er das Bier aus den übrigen sieben Flaschen seine Kehle hinunterlaufen. Langsam beginnt er einzunicken. Morgen mache ich es besser, nimmt er sich vor, ja morgen bleibe ich einfach bei meinen Kindern und werde kein Bier mehr trinken. Dies war noch sein letzter Gedanke. Den nächsten Morgen beginnt er mit den Resten aus den Bierflaschen des vergangenen Tages. Herr B.-S. ist heute 43 Jahre alt. Er ist seit 9 Jahren verheiratet und hat mit seiner Frau zwei Söhne. Der eine geht zur Schule und der andere kam vor kurzem gerade in den Kindergarten. Immer ist alles so furchtbar anstrengend für Herrn Brink-Schneidewind. Mit seiner Frau, mit den Kindern, mit seiner Arbeit, – einfach alles. Das hat sich so in den letzten 8 Jahren entwickelt. Es wurde immer anstrengender. Der Alkohol wurde immer mehr. Wie kam es nur dazu? „Ich hatte doch immer alles, was ich wollte“, sagt er zu sich. Und doch war die Beziehung zu seiner Frau nie mehr als eine Interessengemeinschaft. Ganz anders seine Beziehung vor der Ehe. Der damaligen Freundin hätte er die Welt zu Füßen gelegt, liebend gern. Aber sie wollte immer so viel Sicherheit. Sie wollte Kinder, eine Familie, sie wollte Heiraten. Nein, da fand er sich doch seines damaligen Lebensgefühls beraubt. Er wollte Freiheit, Freisein, keine Bindung und keine Verantwortung gegenüber nichts und niemandem. Als dann noch im letzten gemeinsamen Urlaub der Kondom platzte, da hatte es ihm gereicht. „So kann ich nicht mehr weiterleben“, hatte er zu ihr gesagt, „mit dieser Angst, dass es jeden Augenblick passiert, das will ich nicht.“ Seine Freundin verließ ihn deswegen und zog von Kassel nach Stuttgart. Dies hatte er jedoch nicht gewollt. Er wollte nicht allein- und zurückgelassen werden. Er war damals verzweifelt und wütend und hilflos zugleich. Es regte sich die Angst in ihm. Was, wenn sie da nun einen anderen Mann kennenlernt? Was, wenn ein anderer Mann sie im Arm hält, sie küsst, sie liebt. Das war eine unerträgliche Vorstellung. Er konnte das doch nicht so einfach zulassen. Oft fuhr er damals nach Stuttgart und flehte sie an, zu ihm zurückzukehren. Alles jedoch vergebens. Das schürte auch von neuem seine Wut darüber, dass sie ihn verlassen hatte. Ihn, der er sich doch als unfehlbar, zu Hause und auf allen anderen Gebieten des Lebens gesehen hatte. Zuletzt zerplatze dieser Traum mit einem Mal, wie eine Seifenblase. Der Aufprall auf dem harten und kühlen Boden der Realität tat weh, sehr weh. Nun wünschte er sich manchmal, dass sie tot sein solle. Er fühlte sich so leer, es tat so weh in ihm, weil sie ihn verlassen hatte. Wenn er sie nicht bekommen sollte, dann sollte sie lieber niemand bekommen. Eines Tages, wo er nach Hause kam bemerkte er, dass jemand in seiner Wohnung gewesen sein musste. Die Stühle waren verschoben und auch die Zettel waren durcheinander gebracht, wo er sich seine wichtigsten Notizen machte. Bestimmt war sie hier. Sie hatte ja noch den Schlüssel. Sicher hat sie vermutet, dass er eine neue Freundin hat und ihren Namen oder ein Bild von ihr gesucht. Sie will bestimmt zu mir zurück. Gleichzeitig regte sich in ihm wieder die Wut und wie aus Trotz dachte er bei sich, dass sie ihn nun aber nicht mehr bekommt. Selbst wenn sie jetzt wollte, nein, die Verletzungen in seiner Seele waren zu groß – er hatte ein Loch nun, wo früher sein Herz saß. Obwohl er also glaubte, dass sie in seiner Wohnung gewesen war und zu ihm zurück wollte, rief er nicht bei ihr an. Er wartete aber beinahe Tag und Nacht neben seinem Hörer, vielleicht rief sie ja an. Er sehnte sich nach ihr. Einige Wochen später erfuhr er, dass sie sich das Leben genommen hatte. Im ersten Moment war er sehr traurig, dann aber tat es ihm gar nicht leid um sie. Jetzt konnte er sicher sein, dass kein anderer Mann sie mehr berühren wird, sie streichelt, sie liebkost. So hatte er damals gefühlt. Auch er hatte versucht, seinem Leben ein Ende zu setzen, es hatte aber nicht sollen sein. Na ja, wenn er jetzt ganz ehrlich zu sich selbst war, so war es eher ein Versuch, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Er wollte sein Leben beenden, um ihr zu zeigen, wie verletzt er ist. Sie sollte sehen, was sie mit ihm angerichtet hatte, wohin sie ihn getrieben hatte. Sie sollte ein schlechtes Gewissen bekommen. Der Versuch misslang. Alle Versuche, sie zurückzugewinnen, misslangen. Schließlich starb sie an einer Überdosis Schlaftabletten. Bis heute fühlt er sich schuldig an ihrem Tod. Wenn sie damals nun wirklich in seiner Wohnung war und wenn sie wirklich damals zu ihm zurück wollte? Er hatte nicht darauf reagiert und sie hat sich deshalb umgebracht. Ihn traf allein die Schuld für ihren Tod, so dachte er damals. In mancher Minute denkt er auch heute noch so. Damals versuchte er einfach nicht mehr daran zu denken. Kurz darauf lernte er seine Frau kennen. Keine Liebe im eigentlichen Sinne, nein, sie war ein fester sozialer Halt. Und wieder traf er auf eine Frau, die bei ihm Sicherheit, Halt und Stütze suchte. Wieder einmal war es eine Frau, die Kinder wollte, eine Familie und die ihn heiraten wollte. Diesmal tat er, was die Frau, seine Frau, wollte. Bald schon sehnte er sich seine Freiheit und die Sorglosigkeit seines Lebens zurück. Seine Frau warf ihm ziemlich früh in ihrer Beziehung vor, er sei wie sein Vater, so starr, so unbeweglich und so über den Dingen schwebend. Nie hatte ihn seine Frau wirklich verstanden. Nie schätzte sie ihn, als den Besonderen, der er war. Nie konnte sie ihn achten, als den Besonderen unter den vielen. Schwer war es für ihn immer, wenn sie mit ihm nicht schlafen wollte. Auch wenn sie zusammen schliefen und Sex hatten, so hatte er meistens das Gefühl, dass sie keine richtige Lust dazu hat. Da fühlte er sich alleingelassen und einsam. Aus Angst vor einer weiteren Schwangerschaft ließ er sich nach der Geburt des zweiten Sohnes sterilisieren. Er hatte eine so übergroße Angst vor neuen Kindern, weil sie ihm den Platz neben seiner Frau streitig machen könnten. Auch hatte er Angst vor einer Überforderung. Sein Alkoholtrinken wurde damals stärker. Statt seinen regelmäßig zwei Flaschen Bier, trank er drei, vier, mitunter auch fünf große Flaschen. Er fühlte sich mit seinem Körper so wenig angenommen und gebraucht. Die Beziehung zu seinem Körper war schon immer ein wichtiges Thema für ihn. Damals, als er Kind war mit 10 Jahren etwa, da hatten ihm seine Eltern häufig vorgelebt, dass körperliche Lust etwas Verwerfliches ist, so dass er nur noch mit Angst daran denken konnte. Einmal kam Vater dazu, wie er gerade seine Körper mit den eigenen Fingern erkundete und sich zum ersten Mal selbst befriedigte. Furchtbar hatte der Vater damals geschrieen. „Was machst Du denn da, Du Schwein, das ist Sünde“. Auch heute hallen diese Worte noch in seinem Kopf. In der strikten und hektischen Atmosphäre zu Hause, war es nicht erlaubt, sich öffentlich zu ärgern und zu fluchen. Herr B.-S. hatte sich angewöhnt, immer wenn er sich ärgerte, in das Mansardenzimmer zu laufen. Aus dieser Angewohnheit schuf er sich einen kleinen Lebensraum. Immer, wenn ihm etwas nicht passte und gegen den Strich ging, da lief der schnell in das Mansardenzimmer. Es kam so weit, dass er sich dort fast mehr aufhielt, als in den übrigen Räumen des Hauses. Da dachte er sich immer, nun werdet ihr schon sehen, was ihr davon habt, mich zu ärgern. Jetzt bleibe ich hier oben. Im Stillen hatte er immer die Hoffnung gehabt, dass jemand kommt und ihn findet. Es kribbelte manchmal in seinem Bauch, mit dem Wunsch, es kommt gleich jemand und sieht nach, wie es ihm geht. Es kam aber niemand. Das Gute war daran, dass hier oben in der Mansarde die Welt für ihn noch heil war. Auch wenn unten im Wohnzimmer und im Esszimmer nichts von alledem stimmte, hier oben hatte er immer recht. Niemand schrieb ihm etwas vor und alles war so richtig, was er tat. Zum Glück gab es Oma. Zu Oma zu gehen, war immer wie ein Fest für ihn. Sie schien ihn tatsächlich als das erkennen, was er war: besonders und einzigartig“. Bei ihr kam es ihm so vor, wie in einer anderen Welt. Es war eine so helle Atmosphäre. Von ihr wurde er wirklich geliebt, von ihr wurde er immer in den Himmel gehoben; von ihr wurde immer gelobt. Sie war ganz anders als Mutter. Bei der Großmutter stand zum Essen immer eine Flasche Rotwein auf dem Tisch. Das war wie selbstverständlich. Oma war die einzige in der ganzen Familie, die ihn einfach so mochte, wie er war. Seit ihrem Tod vor zwei Jahren, fehlt sie ihm sehr. Sie war ein Mensch, der ihn wirklich verstand und erkannte. Jetzt ist alles so schwierig ohne sie. Mutter verstand das nie. Auch seine Frau konnte sich in ihn nie hineindenken. Damals steigerte er auch das Alkoholtrinken. Es war die Zeit, wo ihm in der Schule, wo er als Lehrer arbeitete, sein Arbeitsgebiet der Lehrerfortbildung entzogen wurde. Vielleicht hatten die anderen schon etwas gemerkt. Er hatte sich aber immer sehr viel Mühe gegeben, um nicht aufzufallen; wenn er trank, dann nur ganz heimlich. Auch zu Hause. Er verschloss immer die Zimmertür, wenn er sein Bier trank. Überall legte er sich Reserven an. Jedenfalls trank er seit den Ereignissen vor etwa 3 Jahren noch viel mehr als sonst. Regelmäßig trank er nun acht bis zehn große Flaschen Bier über den Tag verteilt. Immer wenn er sich über etwas ärgerte, etwas nicht nach seinen Wünschen verlief oder wenn er sich so unverstanden fühlte, da ging er – ebenso wie früher in die Mansarde – ins Arbeitszimmer und trank dort seinen Alkohol. Sein kleiner Sohn wurde ebenfalls vor 3 Jahren geboren. Nun schien es ihm, als ob sich eine Frau gar nicht mehr für ihn interessierte. Er fühlte sich ganz und gar abgeschrieben. Er wünschte sich so gerne von ihr auch Unterstützung, wenn er sich über die Kinder ärgerte. Wenn er den Kindern zum ...zigsten Mal sagte, dass sie versuchen sollen ordentlich zu essen, aber sie dies nicht taten. Seiner Frau erzählte er nie etwas von seinen Wünschen. Das musste sie doch einfach sehen, wie ich gucke und wie es mir geht. Jeder halb sensible Mensch würde das doch merken, wie es ihm ging. Dass sie ihn nicht unterstützte, das musste eine andere Ursache haben. Dies war nur noch mehr Beweis für ihn dafür, dass er ihr egal war. Zu den deutlicheren Zügen seines Charakters gehört das ungewöhnlich starke Maß der Selbstbezogenheit immer, wenn er mit anderen Menschen zusammen ist. Für die Belange von anderen hat er nur dann ein offenes Ohr, wenn er selbst daraus auch neue Bestätigung ziehen kann. Wenn seine Bestätigung und Anerkennung ausbleibt, so verliert die Fassade schnell ihren Glanz. Er gerät dann rasch in einen Kampf gegen das Abrutschen in die Mittelmäßigkeit und Bedeutungslosigkeit. In Beziehungen zeigt sich sein Charakter am klarsten. Jede Nähe zu einer Frau löst bei ihm Angst aus, da er sich die Gefahr des Geliebtwerdens nur als ein Sich-Unterwerfen und Abhängigwerden vorstellen kann. In jeder Beziehung fühlt er sein Eigenständigsein, seine Unabhängigkeit stark gefährdet. Daher darf er nur wenig von seinem Inneren zeigen. Je mehr er zulassen würde, zu zeigen, desto mehr würde er sich den anderen ausgeliefert fühlen. Er könnte immer auch verletzt werden. Dies wäre für ihn jedoch zu schmerzlich und auch ist er weitgehend ungeübt im Umgang damit. Die unweigerlich wachsende Sehnsucht nach Liebe, Wärme, Vertrauen, Zärtlichkeit und Nähe konnte er nur noch im Alkohol ertränken. Für ihn scheinbar der einzige Weg, um ein instabiles und vorläufiges inneres Gleichgewicht zu erhalten.