IPT mit Depressiven: Anpassungsprozesse im Verlauf psychotherapeutischer Interaktionen Sirko Kupper 1994 Vorbemerkungen Laß dir von keinem Fachmann imponieren, der dir erzählt: „Lieber Freund, das mache ich schon seit zwanzig Jahren so!“ – Man kann eine Sache auch zwanzig Jahre lang falsch machen. Kurt Tucholsky (1932/1993, S. 49) Auf die Einrichtung des Schriftbildes sollen keine ausführlicheren Erläuterungen ver- wandt werden. Es wurden jedoch alle Menge Besonderheiten in die Gestaltung der „äußeren Form“ eingearbeitet, auf die im kurzen hingewiesen werden soll. Die Grund- ausrichtung erfolgte an den Richtlinien zur Manuskriptgestaltung. Zunächst zu den Zitaten und zitierten Textstellen. Die Textstücke anderer Autoren wurden bis auf wenige Ausnahmen in der im Orginal publizierten Sprache wiedergege- ben. Bei nicht-üblichen Wissenschaftssprachen, aber auch bei französischen Zitaten, wurde eine Übersetzung des Orginaltextes in den Abschnitt der Anmerkungen, am Ende der Arbeit, eingefügt. Auf diese Verständniserleichterungen wird jeweils mittels einer hochgestellten Ziffer verwiesen. An manchen Stellen des Textes dieser Arbeit wurden aber auch in einer gleichermaßen umgekehrten Verfahrensweise die Übersetzungen ein- gefügt und dementsprechend auf die Orginalnotation in den Anmerkungen verwiesen. Dieses „Inversum“ wird jedoch fast nur in den Rahmentexten der Arbeit (wie Einleitung und Schluß) deutlich werden. In diesen Rahmentexten wurde auf sämtliche Autorenan- gaben mittels einer Fußnotenziffer ebenfalls in den Abschnitt der Anmerkungen verwie- sen. Eine große Menge der Autorenverweise an das Literaturverzeichnis erfolgen mit zwei Jahreszahlen, die durch einen Schrägstrich getrennt wurden. Die erste stellt dabei immer das Ersterscheinungsjahr, die zweite das Erscheinungsjahr der vorliegenden Ausgabe oder der vorliegenden Übersetzung dar (z. B. „‘scientific revolutions’, Kuhn, 1962/1970, p. 6“). Der Seitenverweis für einen zitierten Text besitzt jeweils für den ganzen Satz Gültigkeit. Die Anführungszeichen wurden nach den Konventionen des je- weiligen Sprachraumes gesetzt. Dies heißt für zitierte Texteinheiten der englischen Sprache folgende Anführung: “suggest following explanation”, für französische und russische Zitate: «flèche du temp» bzw. «fasorom sostranstwe», für Zitate aus in deut- scher Sprache publizierten Schriften (d. h. auch Übersetzungen): „Irresein des Rückbil- dungsalters“. Die Sprachbesonderheiten des jeweiligen Autors oder die Zeichensetzbe- sonderheiten des jeweiligen Zeitalters wurden weitestgehend „unkritisch“ vorgezeigt (z. B. „einseitige Stöhrung“, „der zweyten Classe“, „deprimirt“ oder Sperrungen: „C i v i- l i s a t i o n“). Die betreffenden Seiten eines zitierten Textes wurden konventionell kenntlich gemacht („und die folgende Seite“ durch f. oder „und die folgenden Seiten“ durch ff.). Die Seitenreferenzen auf die vorliegende Arbeit selbst – gewissermaßen epireferentiell – wurden in ein gesondertes Schriftbild gesetzt (z. B. „s. DA-S. 10 ff.“). Soweit zu den formalen Angelegenheiten. Inhaltsverzeichnis Vorbemerkungen............................................................................................................II Einleitung.......................................................................................................................V ERSTER TEIL: DIE DEPRESSIONEN.– EINE DESKRIPTIV- KONZEPTUELLE DARSTELLUNG..........................................................................1 Prolog.............................................................................................................................2 Überblick.........................................................................................................................2 Erstes Kapitel: Einige Erklärungsansätze der Entstehung depressiver Krankheiten...........4 1. Vorsatz.................................................................................................................................4 2. Soziologische Ansätze...........................................................................................................5 3. Lerntheoretisches Modell des Verstärkerverlustes (Ferster; Lewinsohn)..................................6 4. Kognitionstheoretische Modelle (Seligman; Beck)..................................................................8 5. Schlußbemerkung................................................................................................................11 ZWEITER TEIL: INTERPERSONELLE PSYCHOTHERAPIE (IPT) FÜR DEPRESSIONEN........................................................................................................13 Zweites Kapitel: Theoretische Grundlagen der Interpersonellen Psychotherapie für Depressionen...............................................................................................................14 1. Einführung..........................................................................................................................14 2. Avancierte Themata in einem historischen Bildnis oder Der geschichtliche Kontext...............14 3. À la recherche du la première découverte….........................................................................17 4. Konzepte, Verstehensweisen und theoretische Bezugspunkte................................................17 Drittes Kapitel: Konzeptualisierungen und Behandlungsperspektiven.............................20 1. Das 3-Phasen-Axiom der IPT..............................................................................................20 2.Therapeutische Verhaltensgrundsätze und andere Handlungsanweisungen............................21 3. „Erfahrungswissenschaftliche“ Studien zur Wirksamkeit der IPT.........................................24 DRITTER TEIL: PSYCHOTHERAPIEFORSCHUNG: IHR PROZESSPARADIGMA UND ANDERE DENKRAHMEN....................................26 Viertes Kapitel: Das Prozeßparadigma in der Erforschung des psycho- therapeutischen Geschehens (Psychotherapieprozeßforschung)....................................27 1. Auf dem Wege…................................................................................................................27 2. Forschung und Praxis der Psychotherapie – Eine historische Vignette...................................28 3. Die Greenberg-Heuristik......................................................................................................31 4. Strategien der Psychotherapieprozeßforschung.....................................................................32 5. Streberichtungen in einem neuen Denkmuster.......................................................................34 6. Mehrebenenanalyse und die Sequentielle Plananalyse (SPA)................................................36 Fünftes Kapitel: Ein Blick hinter die Kulisse: Ein dynamisches, evolvierendes System....39 1. Der Umweg zur Chaostheorie..............................................................................................39 2. Der Weg ins Chaos.............................................................................................................40 3. Anwendung der Chaostheorie auf die Psychotherapie...........................................................42 Sechstes Kapitel: Ein Prozeßaspekt der Psychotherapie – Die soziale Interaktion...........45 1. Das Soziale und das Zwischenmenschliche..........................................................................45 2. Die „soziale“ Interaktion in der psychotherapeutischen Begegnung.......................................47 3. Modelle des psychotherapeutischen Prozesses......................................................................49 4. Psychotherapie ist wirksam! – Weshalb?..............................................................................53 5. Sozialpsychologische Betrachtungen zur psychotherapeutischen Interaktion.........................55 6. Interaktionen von Depressiven.............................................................................................58 7. Hypothesen und Fragestellungen..........................................................................................60 VIERTER TEIL: „ERFAHRUNGSWISSENSCHAFTLICHES“ ZU DEN ANPASSUNGSPROZESSEN IM VERLAUF PSYCHOTHERAPEUTISCHER INTERAKTIONEN....................................................................................................63 Siebentes Kapitel: Empirisches Vorgehen: Untersuchungsgegenstand, Methodologie und Meßinstrumente.............................................................................64 1. Einleitung...........................................................................................................................64 2. Untersuchunsgegenstand......................................................................................................65 3. Untersuchungsmethodik.......................................................................................................66 4. Meßinstrumente..................................................................................................................67 Achtes Kapitel: Empirische Evidenzen: Auswertungen und Ergebnisse..........................69 1. Statistische Analysemethoden..............................................................................................69 2. Interaktionsstile...................................................................................................................72 3. Variabilitäten des sozialen Verhaltens..................................................................................78 4. Interaktionsmuster...............................................................................................................80 5. Der Interpersonelle Zirkel....................................................................................................83 Neuntes Kapitel: Empirische Kohärenzen: Diskussion und Schlußfolgerung...................86 1. Strukturdimensionen des Interaktionsverhaltens und Konvergenzvorgänge zwischen den Interaktionsstilen............................................................................................86 2. Variabilität des sozialen Verhaltens.....................................................................................88 3. Verkettungen der Interaktionsstile (Interaktionsmuster)........................................................90 4. Interaktionsstatusdiagnose (Interpersoneller Zirkel)..............................................................91 5. Das Interaktionsverhalten der Depressiven...........................................................................91 Zusammenfassung.........................................................................................................93 Schluß...........................................................................................................................95 Anmerkungen................................................................................................................96 Literaturverzeichnis.......................................................................................................99 1. Unmittelbar verwendete Literatur........................................................................................99 2. Verwendete Nachschlagewerke..........................................................................................105 3. Mittelbar verwendete Literatur..........................................................................................105 Anhang: Die Schätzskala SKI/3...................................................................................108 Einleitung Richter: (furchtsam) Wir könnten versuchen, vorsichtig versuchen, manchen Dingen einen neuen Sinn zu geben… General: Sind Sie verrückt? Wenn wir zu denken anfangen, werden die Men- schen anfangen, unseren Gedanken zu folgen. Wohin soll das führen? Präsident: Gut gesagt, Herr General! Und jetzt, zurück in die Nische! Also, meine Herren, wenn ich, und durch mich das ganze Volk, Sie in Ihrer Würde bestätige, in Ihrer eigentlichen Funktion, dann meine Herren, aber…noch befinden Sie sich im Bordell! Königin: (bewegt) Wie schön er spricht, mein Held! (Alle drei Figuren stoßen nacheinander einen Seufzer aus) Jean Genet (1956/1979, S. 121) Die Anpassungsvorgänge erfüllen in dem dynamischen Sein zwischen Personen eine Charaktereigenschaft der grundlegenden Dimension des interpersonellen Agierens. Es gilt als bekannt, Anpassungsvorgänge dort zu vermuten, wo sich „Verähnlichungen“ und adaptive Angleichungen vollziehen oder solche zu beobachten sind. In dieser Hinsicht ist es ebenfalls nichts Neues, sich der Konvergenzen, d. h. der graduellen oder fließenden kontinuierlichen Annäherungen bewußt zu sein, denen verschiedene Verhaltensweisen interagierender Personen folgen. Unweigerlich lassen diese Anmerkungen an verschieden angelegte Untersuchungen im gruppenpsychologischen Bereich denken (z. B. Theorie des Adaptationsniveaus, Helson, 1947; Assimilations-Kontrast-Theorie, Sherif & Hovland, 1961; Konformitätsuntersuchungen, Asch, 1952). Dieses Verständnis von Anpassungsvorgängen ist jedoch noch lange kein prozessuales, sondern allenthalben ein unidirektiver, kontinuierlich-kausaler und simplifizierender Versuch sich weiter gefaßte Sichtweisen zu erschließen. Die Denkrichtung, der in dieser Arbeit mehr oder minder konsequent nachgefolgt wird, strebt einem polyvariant-mehrschichtigen, kreislaufprozes- sual-polymorphen und vieldimensional-holarchischen Betrachtungswinkel entgegen. Mit der vorliegenden Niederschrift wird der Versuch unternommen, einzelne Wissens- komplexe mit wissenschaftlichem Anspruch darzustellen, darauf aufbauend Arbeitshy- pothesen zu formulieren und diese mit empirischen Beobachtungen zu verifizieren oder zu falsifizieren. Den hier untersuchten Anpassungsvorgängen im Verlauf psychothera- peutischer Interaktionen wird ein Prozeßcharakter zugestanden, was sich unter anderem nötigerweise mit einer erweiternden Neuformulierung der Natur von Anpassungsprozes- sen verbinden wird. Als Grundvoraussetzung für diese Neuformulierung wird die Therapeut-Patient-Beziehung als ein dynamisches, evolvierendes System angesehen. Mit einer Analogie, die biologischen Wissenschaftszweigen entstammt, könnte in der Bedeu- tungsübertragung auch von einem „autopoietischen“ System gesprochen werden und damit der Prozeßcharakter der Anpassung als „strukturelles Driften“ bezeichnet werden. Gemeint wird dabei dasselbe. Der letztere Denkplan stammt von Humberto R. Maturana und Francisco J. Varela1 und sollte lediglich als Bild zur Veranschaulichung dienen. Diese Umschreibung sagt im Grunde nichts anderes aus, als daß „Anpassung“ niemals nur verkürzt als linear-gradueller Vorgang der Angleichung beurteilt werden darf. An- passungsvorgänge deuten nämlich in mehrere Verlaufsrichtungen, mindestens jedoch in zwei, zur Konvergenz und zur Divergenz hin. Diese Perspektive kann als mikroskopisch bezeichnet werden, weil sie es ermöglicht, die Anpassungsvorgänge zwischen den In- teraktionspartnern zu ergründen. Makroskopisch betrachtet bewegen sich Interaktions- systeme punktuell auf spezielle Organisationsformen zu. Diesen Vorgang können wir als Adaptation, „Driften“ oder Attraktion bezeichnen, gleichviel. Das wesentlichste bei diesem Prozeß besteht darin, daß das System einer Entwicklungsrichtung folgt, die es sich „gewählt“ hat, wählen mußte oder in die sich das System einfach bewegt. Das psy- chotherapeutische System „paßt“ sich in jedem Falle, – in der einen oder anderen Art und Weise –, an diese Richtungswahl an, bedeute diese nun Konvergieren, Divergieren oder etwas noch anderes. Diese Makroperspektive fand in der vorliegenden Untersuchung keine Anwendung. In ihrer formalen Gestaltung setzt sich die Arbeit aus vier Teilen zusammen. In den er- sten drei Teilen werden vorzüglich jene Wissensgebiete bearbeitet, auf welche die im vierten Teil dargestellte empirische Untersuchung aufbaut. Dies betrifft die Komplexe der „Depressionen“ und der „Interpersonellen Psychotherapie“ nach Klerman und Weissman sowie die „Paradigmen der Psychotherapieforschung“. In der thematischen Bewegungsrichtung auf die durchgeführte erfahrungswissenschaftliche Untersuchung zu, entspricht dies dem Grundprinzip «Reculer pour mieux souter!», d. h. „Zurückweichen, um besser springen zu können“. Im ersten Teil der Arbeit wird das bisher gesicherte Wissen zu der Entstehung der De- pressionen als seelische Störungen vorgestellt. Auf diese Weise verdingt sich diese Darstellung gleichermaßen einer Obschtschi wid, d. h. einer Gesamtansicht. In diesem ersten Teil werden zu den wissenschaftlichen Gebieten der Nosologie und der Ätiologie z. T. ganz verschiedene Theorien dargestellt. Nach einer erneut aufmerksamen Zur- kenntnisnahme der psychischen Phänomene und der psychologischen Theorien zur Entstehung der Depressionen wird sich das Diktum von William James, – „Wir weinen nicht weil wir traurig sind, sondern wir sind traurig weil wir weinen“2 –, zweifelsohne als Chimäre entschleiern. Die Arbeitsanweisungen und Effektivitätsstudien zur Interpersonellen Psychotherapie (IPT) nach Klerman und Weissman werden im zweiten Teil referiert. Daß den Erörte- rungen dieser Therapieform ein ganzer Teil der Arbeit gewidmet wurde, soll zum einen ihre Neuheit, zum anderen aber auch ihre Noch-Unbekanntheit im europäischen „Lebensraum“ herausheben. Dabei wird auch die theoretische Entwicklung dieses Be- handlungskonzeptes kurz umrissen. Der dritte Teil verkörpert das Herzstück der drei theoretischen Abteilungen dieser Ar- beit. Was über das Themengebiet der Psychotherapieforschung meiner Meinung nach im wenigen gesagt werden kann, wird dort gesagt. Mit einem „Blick hinter die Kulissen“ wurde dort ein thematischer Ausflug unternommen, der sich sich damit beschäftigt, die «uslowno perioditscheskich dwisheni»3 (d. h. die bedingten periodischen Bewegungen), das Denkmodell der Chaostheorie und die daraus erwachsenden Möglichkeiten insofern fruchtbar zu machen, daß der “persistent failure of the puzzles”4 auch in For- schungsbereichen der Psychotherapie ins Konstruktive verkehrt werden kann. Über die gesamte Länge dieser Darlegungen werde ich mit der Vorstellung Jaques Monods, «Les êtres vivants sont des objets étranges»5, Lebewesen seien seltsame Objekte, in seiner ganzen Eigentümlichkeit gedanklich spielen. Aufgrund der Verschiedenheit der bearbeiteten Themen habe ich jederorts besonders darauf geachtet, der von William James bereits vorgezeichneten “bloomin’ buzzin’ con- fusion”6, d. h. der „verteufelt wilden Verwirrung“, durch minutiöse Strukturierung weit- bogig zu entgegnen. Statt lediglich ein „getrübtes Glas“7 zur Verfügung zu stellen, kann auch für diese Arbeit einzig die Autorenempfehlung von Marcel Proust Gültigkeit besit- zen: „Sieh du selber zu, ob du besser mit diesem Glas, mit jenem oder mit einem anderen siehst“.8 ERSTER TEIL DIE DEPRESSIONEN.– EINE DESKRIPTIV-KONZEPTUELLE DARSTELLUNG Wie verlassen und seltsam einem eben alles so vorkam! Die Welt vergaß sich gewissermaßen, wußte nicht mehr was sie eigentlich war. Das sah man den Häusern gegen- über dem Bahnhof an, allem… Alles hörte gleichsam auf, war völlig leer und wie ausgestorben.– Und er saß hier und zeichnete. Pär Fabian Lagerkvist9 Prolog Mehrschichtigkeit, Vielfarbigkeit, Uneindeutigkeit und Inkommensurabilität: Alle vier Begriffe haben wir bei einer Betrachtung der Depressionen und der „Depressionen“ mit- zudenken. Warum? Zum einen deshalb, weil wir eine beinahe unübersichtliche Vielfalt von Erscheinungsbildern der Depressionen kennen. Und des weiteren natürlich, weil wir die Tatsache sehen müssen, daß bei jedweder Beschäftigung mit den „Depressionen“ „ein leichter Überdruß und Hohn eingemischt“ ist, „der das bric-à-brac von Begriffen verschiedenster Abkunft nicht mehr aushält“ (Nietzsche, 1886/1988, S. 15). Aus Gründen größerer Klarheit soll dennoch auf die die oben verwendete Notation Depressionen und „Depressionen“ hingewiesen werden. Sie möchte vor allem nicht den „Überstieg des Seins über das Seiende“ (Heidegger, 1955/1978, S. 411) betonen, da – um mit Martin Heidegger fortzufahren – „mit dem übersteigenden ,Sein‘ sogleich das Unterschiedene derjenigen Unterscheidung fragwürdig“ würde. „Dies ist die Unterschei- dung von Wesen und Existenz, Was-sein und Daß-sein.“ (S. 411). Mit der oben verwen- deten Hervorhebung („Depressionen“) wurde lediglich auf die nosographisch-nosologi- schen Explikationen verwiesen. Andererseits zerfließen die Erscheinungsbilder der Depressionen geradezu in den Nuancen ihrer Vielfarbigkeit. Es kann nicht mehr von dieser oder jener „Spezialität“ der Depressionen gesprochen werden. Mit bestätigender Klarheit kann auf die eingangs for- mulierten Komposita zurückgekommen werden: Mehrschichtig in ihrem Typus, schil- lernd in ihrer phänomenalen Ausprägung und fern von eindeutiger Zuordnung,– die De- pressionen. Überblick Seelische Störungen prägen insbesondere in der heutigen Zeit der Industriegesellschaften wesentliche Existenzzusammenhänge. Zu den „großen“ Gruppen dieser Aliénations mentale gehören die Depressionen. Eine Betrachtung ihrer Verlaufscharakteristika lassen die Depressionen nicht mehr nur als „bloße“ psychische Störungen erkennen, die durch verschiedene Symptomkomplexe klassifiziert werden können. Vielmehr treten sie als eine eigene Daseinsform des erkrankten Seelenlebens in Erscheinung. Aus diesem Grunde wird es auch geradezu unmöglich sein unter der anspruchslosen Intention der Präzision eine umfassende Darstellung zu erarbeiten. In jedem Falle der systematischen Beschrei- bung wird eine Parzellierung nach nebulösen oder einsichtigen Kriterien vorgenommen werden müssen. Im Sinne des Rahmens der vorliegenden Arbeit wurde das Hauptaugenmerk auf die ätiologischen Erklärungsansätze zu den Depressionen gelegt. Aus dieser Darstellung soll hervorgehen, unter welchen gegebenen Bedingungen es sinn- voll bleibt, über das interaktionelle Verhalten depressiv Kranker qualitative Aussagen zu formulieren. Die speziellen Ausformungen der depressiven psychischen Phänomene im Verhalten der Betroffenen werden im sechsten Abschnitt des sechsten Kapitels ausführli- cher erläutert. Zunächst soll jedoch in einer fragmentierten und knappen Darstellung das Wesentliche und für unser Thema Wissenswerte zu den Depressionen als einer Abform der Geisteszerüttungen zusammengetragen werden. Der Depressionsbegriff (lat. deprimere herabdrücken) wurde von William Cullen (1786) in die medizinischen Krankheitsbeschreibungen eingeführt. Er verwendete diesen Terminus zur Kennzeichnung der „Catalepsis“ (S. 251) als „sensus et motus depressi, cum pulsi imminuti“, d. h. als „Herabdrückung aller Empfindungen und Bewegungen mit vermindertem Puls“ (S. 252). Eine erste präzise Beschreibung der psychischen Störung „Depression“ gab Johann C. A. Heinroth (1818), indem er ihren Charakter als „Aufgeloestes, oder sich Aufloesendes, Zerfallendes, der Vernichtung Preisgegebenes“ (S. 218) eindringlich beleuchtete. Wenige Jahre darauf verlagerte sich das Interesse der „Irrenärzte“ auf die Beschreibung der zirkulären Krankheitsvarianten. Jean-Pierre Falret (1853) kreierte zu diesen Zwecken den Begriff «folie circuliere» (p. 382) und Jules- Gabriel-François Baillarger (1853) kennzeichnete diese sich scheinbar zirkulär abwech- selnden Krankheitszustände etwas ausführlicher als «folie à double forme» (p. 401). Ein halbes Jahrhundert später beschrieb Emil Kraepelin (1899b) die „Zirkularität“ mit dem Determinativkomposita „manisch-depressives Irresein“ (S. 359). Die nosographischen Bemühungen liefen indessen auch früher schon auf eine Beschäftigung mit den psychoti- schen Ausformungen dieser Sektion der depressiven Erkrankungen hinaus. So infor- mierte Jean E. D. Esquirol (1827) über die „mehr oder weniger laecherlichen Hirngespinste“ (S. 207) der Erkrankten und für Alexander Haindorf (1811) schienen sich die derartig Erkrankten von der „äußern Welt…ganz losgerissen zu haben und in ein de- sto tieferes, inneres Leben versunken zu seyn“ (S. 200). An Klassifikationskonzepten und Erklärungsschemata für die ursächliche Zurückfüh- rung der Depressionen fehlte es in diesem und im letzten Jahrhundert nie. Ob das „ätiologische Principe“ von Paul J. Möbius (1892, S. 290), Kraepelins „Ursachenlehre“ (1899a, S. 14) oder auch der Mehrschichtenansatz von Günter Hole (1979, S. 2356) daraufhin beurteilt werden mögen fällt nicht sehr stark ins Gewicht. Aus der gewachse- nen klinischen Erfahrung und Einsicht heraus wird ein derartiges Verharren im Hierarchischen und Kategorialen keinen Bestand haben. Andererseits wird es kaum glük- ken, eine eindeutige Arbeitsanweisung bereitzustellen, die der Komplexität dieser Pro- blematik vollständig Rechnung trägt. Mit dem DSM-III-R stellte die American Psychiat- ric Association (1987/1991) eine nach Modus und Schweregrad aufgefächerte Nomen- klatur zur Verfügung, wodurch der diagnostische „Erkenntnis- und Zuordnungsprozeß“ (Scharfetter, 1991, S. 27) auf das maßgeblichste erleichtert wird. Auf ätiopathogeneti- sche Zuordnungen wird im DSM-III-R beinahe völlig verzichtet. Neben den Abusen zählen die Depressionen zu den häufigsten psychischen Störungen von Krankheitswert in der Bevölkerung. Der Zürcher Psychiater Jules Angst und Anja Dobler-Mikola (1985) stellten in ihrer Studie heraus, daß eine 1-Jahres-Prävalenz von 16 % bei affektiven Störungen (Major depression disorder, Minor depression disorder, Anxiety disorder nach DSM-III) als gesichert angenommen werden darf (p. 179). Die Inzidenzrate liegt ungefähr in der Höhe von 2.7 pro 1000 Personen (Nielsen, 1976, p. 210). Das Geschlechterverhältnis gibt mit dem Männer-zu-Frauen-Verhältnis wie 1:2 eine recht eindeutige Aussage (vgl. Fichter & Witzke, 1990, S. 118). Wenn wir der Ein- fachheit halber der zweipoligen Einteilung folgen, kann gesagt werden, daß sich die uni- polaren Depressionen in der Regel zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr manifestieren, während die bipolaren depressiven Erkrankungen bereits zwischen dem 20. und 30. Le- bensjahr erstmalig auftreten können (Lewinsohn, Duncan, Stanton & Hautzinger, 1986, p. 381). Erstes Kapitel Einige Erklärungsansätze der Entstehung depressiver Krankheiten 1. Vorsatz Aus der Vielzahl der unternommenen ätiopathogenetischen Erklärungsversuche sollen im folgenden einige sujet-relevante Konzepte herausgriffen und in ein deutlicheres Licht gerückt werden. Nicht nur aus Gründen des späteren Bezugnehmens wird sich die fol- gende Darstellung einiger grundsätzlicher Auffassungen über die Depressionsentste-hung dienlich erweisen. Die Betrachtung der verschiedenen Erklärungsleistungen und deren Versuche ist noch aus einem ganz anderen Grunde interessant. Wird durch diesjeniges doch ein unmittelbarer Bezug, der durch Vergleichbarkeit im Kontrast gekennzeichnet ist, offenbar werden. Schauen wir nämlich mit historischem Interesse zu Heinroths Richtigstellungen der Erkenntnisse Esquirols (1827), so spielt schon dort das „unschuldige Wort C i v i l i s a t i o n“ (S. 610) eine besondere Rolle. Heinroth ver- wahrte sich energisch dagegen, daß die Zivilisation „für die Mutter der Seelenstoerungen ausgegeben wird“ (ebd.). Heinroths Ansichten verwurzelten somit die klassische psychiatrische Lehrmeinung und Denkschablone. Zunächst werden zwei Erklärungsansätze mit soziologischer Strebung dargestellt, die Vulnerabilitätshypothese (Brown & Harris, 1978) und die Synoptik von sozialer Unter- stützung und Depression (Fiedler, 1991). Im Anschluß daran wird Peter Lewinsohns (1974) lerntheoretisches Verständnis der Depressionsgenese konkretisiert und entschei- dende Annahmen seiner Verstehensweise deutlich hervorgestrichen. Abschließend wer- den die Grundideen zweier kognitionspsychologischer Erklärungskonzepte in Erinne- rung gerufen, die Theorie der gelernten Hilflosigkeit (Seligman, 1974) und die kognitive Therapie (Beck, 1967). Die Ausschweifungen in Leidenschaften, Chimaeren, Lastern aller Art, gehoeren keineswegs zur Civilisation, sondern sind eine bittere Satyre auf gebildete Menschheit. Nur dasjenige gerade im Men- schen, was sich der Civilisation w i d e r s e t z t, sein Hang zur Ungebundenheit, seine Abneigung gegen die Form, d. h. gegen Schranke und Gesetz, also seine Abneigung gegen das Gute, und dagegen sein Hang zum Boesen, ist es, was alle jene Auswuechse seines moralischen Wesens erzeugt. (ebd.) 2. Soziologische Ansätze George W. Brown und Tirril Harris (1978) nehmen mit ihrer Vulnerabilitätshypothese an, daß Depressionen durch Auslösefaktoren (provoking agents), Vulnerabilitätsfaktoren (vulnerability factors) und Symptomgestaltungsfaktoren (symptom-formation factors) bedingt werden. Im Grunde bestimmen diese drei wann (Auslösefaktoren), ob überhaupt (Vulnerabilitätsfaktoren) und in welcher Schwere und Ausprägung (Symptomgestal- tungsfaktoren) sich die Depression entfaltet (1986, p. 109). Die nähere Beschreibung der Auslösefaktoren stellt auch die unmittelbaren Beziehun- gen zur Live-event-Forschung heraus. Zu der Indizierung aversiver Lebensereignisse und chronischer Lebensschwierigkeiten als depressogener Voraussetzungen hinzukommend, machten Brown und Harris (1978) auf die Schichtzugehörigkeit, insonderheit der zur sozial benachteiligten Schicht aufmerksam (1986, p. 170). Von Brown und Harris wurden vier wesentliche Vulnerabilitätsfaktoren beschrieben. Diese „Faktoren“ legen die Verletzlichkeit einer Person gegenüber spezifischen Auslö- sern fest. Der Bedeutsamkeit nach geordnet, schränkten die Autoren auf folgende Bela- stungen ein: Diese Verletzbarkeiten finden sich in einer gewissen Häufung bei Angehörigen der so- zialen Schichten des unteren sozioökonomischen Niveaus. Die Symptomausformung wird in gewissem Maße von der Art des früheren Verluster- lebnisses, dem Lebensalter und eventuellen früheren Episoden beeinflußt. Da ein Viertel der untersuchten Patienten ohne ein relevantes Lebensereignis klinisch auffällig wurden, erweiterten Brown und Harris (1986) ihre Hypothese um einen vierten Wirkfaktor. Die Empfänglichkeit (susceptibility), der ergänzte Faktor, verantworte schon bei minimalsten Anstoß eine Depressionsentwicklung (p. 179). Das Konzept der „sozialen Unterstützung“ wurde in der Sozialpsychologie schon seit langer Zeit in Bezug auf „positive Auswirkungen auf die Gesundheit“ (Argyle, 1990, S. 253) mitgedacht. Selbstredend ist es an dieser Stelle sinnvoll zu fragen, über welche inne- ren bzw. äußeren Ressourcen eine Person verfügen muß, „um Belastungen zu ertragen, sie zu bewältigen, gesund zu bleiben bzw. nicht krank zu werden“ (Udris, 1989, S. 421). Unter der Voraussetzung des Genannten dürfen wir zusammen mit Ivars Udris (1989) ei- ne soziale Unterstützung als „Austausch (Transaktion) von Ressourcen zwischen den Mitgliedern eines sozialen Netzwerks mit dem Ziel der gegenseitigen Aufrechterhaltung bzw. Verbesserung des Wohlbefindens“ verstehen (S. 422). • “lack of an intimate tie with a husband, • having three or more children under the age of 14 living at home, • loss of a mother before the age of 11, • lack of employment…under certain circumstances” (p. 109).10 Weiterhin ist es auch keine Neuheit, die soziale Unterstützung und die Depressionen in einem – wie auch immer gearteten – Bedingungsgefüge zu betrachten. Freilich ist es kein Zufall, daß Brown & Harris schon 1978 hierzu sorfältige Untersuchungen vorstellten (vgl. Argyle, 1990, S. 253). Die daraus hervorgegangenen empirischen Resultate bildeten zum Teil indirekt die Grundlage für verschiedene sozialpsychologische Konzepte zum Themengebiet der „sozialen Unterstützung“. Eine Sammlung und Zusammenschau dieser theoretischen Ansätze wurde von Peter Fiedler (1991) vorgestellt. Er stellte den Versuch an, die verschiedenen Konzepte zum Bereich der „sozialen Unterstützung“ zu syntheti- sieren. Durch eine Betrachtung der bisherigen konzeptionellen Bemühungen auf diesem Gebiet läßt sich die Bedeutung der sozialen Unterstützung für eine mögliche Depressionsentste- hung am leichtesten ablesen. Bei der Verhinderung bzw. Verzögerung der Krankheits- entstehung (Haupteffekt-Hypothese) und auch bei der Milderung bzw. der Abschwä- chung von Auswirkungen nicht bewältigbarer Belastungen (Puffereffekt-Hypothese) rückt die soziale Unterstützung in ihrer Funktion als Ressource in den Vordergrund. Oftmals wurden zusätzlich die vorab-abschirmende Wirkung sozialer Unterstützung (Präventionshypothese) und verschiedenste Wechselwirkungen zwischen Stressoren und sozialer Unterstützung (Wechselwirkungshypothese) betrachtet. Da es sich hierbei aber um einen „dynamischen Prozeß“ (Udris, 1989, S. 423) handelt, wird uns zunehmend kla- rer, daß die beiden letztgenannten Hypothesen lediglich aus den erstgenannten erwach- sen. Unterstreichend soll als Fazit dieser theoretischen Beschreibungen festgehalten werden, daß eine geringe soziale Unterstützung – für sich gesehen – für die Störungsgenese der Depression ohne Belang ist. Nur die Variationen des Wechselwirkens von sozialem Streß und eines geringen Ausmaßes an sozialer Unterstützung geben einen durchaus fruchtba- ren Nährboden für eine Depressionsentstehung (Fiedler, 1991, S. 285). Brown & Harris (1986) spezifizierten wiederholt in neueren Untersuchungen, daß sich der soziale Streß oftmals in Form eines schweren Lebensereignisses ausdrückt (p. 175). Bei Personen, die von keinen schweren oder “‘stressful’ live events” (Holmes & Rahe, 1967, p. 215) be- troffen wurden, „pufferte“ die soziale Unterstützung etwa nur ein Drittel der depressionsauslösenden Potenz. Bei schweren Lebensereignissen hingegen, schwächte sie deren Wirkung um mehr als die Hälfte (vgl. Brown & Harris, 1986, p. 150). Goeffrey M. Stephenson (1990) bestätigte in seiner Abhandlung, daß die Bedeutung kritischer Lebensereignisse für die Gesundheit und die Rolle der sozialen Netze kaum abzuschätzen sei (S. 441). 3. Lerntheoretisches Modell des Verstärkerverlustes (Ferster; Lewinsohn) Den Beginn der lerntheoretisch-verhaltenstherapeutischen Begriffsreflektionen zur De- pressionsthematik markiert die Verstehensweise Bhurrus F. Skinners (1953). Seine Sichtweise von der Depression, als einer generellen Schwäche des Verhaltensrepertoires und auch Joseph Wolpes (1971) Betonung der Ähnlichkeiten zur Angst und zum Angst- konzept kennen wir als überaus konstruktive Vorarbeiten bezüglich lerntheoretischen Denkens über Depressionen. Wesentlich tiefgreifenderen Einfluß übten jedoch die An- nahmen über depressives Verhalten von Charles B. Ferster (1973), der in seinen “functional analysis of depression” (p. 857) deutliche Unterschiede zwischen den Verhal- tensklassen von Depressiven (klagen, Hilfe suchen u. dgl. m.) und Nichtdepressiven fand. Er war zugleich auch der erste, der auf den Verstärkerverlust hinwies, welcher dann ent- stehe, wenn die Lebensumwelt weniger positive Reaktionen auf das Verhalten Depressi- ver zeige. Den Anlaß hierzu gibt ein Verhaltensdefizit an aktiven instrumentellen Reak- tionen,11 das sich vorderhand als passives Verhalten zeigt und das im Zusammenwirken mit den speziellen Verhaltenklassen (s.o.) eine geringere positive Bekräftigung durch andere Personen zur Folge hat. Demnach folgte das beschriebene Geschehen einem in sich verzahnten Wirkkreis: Belastende Situationen führten zu einer eingeschränkten Wahrnehmung, welche die Reagibilität hinsichtlich unterscheidender (diskriminativer) instrumenteller Reaktionen auf bestimmte Reizsituationen vermindert; das daraus resul- tierende An-der-Situation-vorbei-Handeln würde demzufolge weniger bekräftigt, was sich wiederum als Löschungsbedingung auswirkt (d. h. Verminderung des Handlungsak- tivismus schlechthin); durch diese Tatsache aber, würde letztlich – quasi als folgerichti- ges Ereignis – die Wahrscheinlichkeit positiv bekräftigter Handlungen immer geringer. Ferster konzessionierte aber auch, daß allein schon eine Änderung von „fixen“ Verstär- kerplänen12 einen ähnlichen Ablauf auslösen könne (vgl. auch de Jong, 1980, S. 11). Beinahe deckungsgleich mit dem Postulat Fersters scheinen Peter M. Lewinsohns (1974) Mutmaßungen über die Depressionsentwicklung zu sein. Lewinsohns empirisch gestütztes Modell des Verstärkerverlustes über diesen Geneseprozeß erschöpft sich jedoch nicht in dem Erkennen dieses Teufelskreises;13 er ging zwecks einer klaren Cha- rakterisierung dessen, noch einen Schritt weiter (Bild 1, s. DA-S. 10). Die drei stützen- den Grundannahmen Lewinsohns Verständnisses lassen sich wie folgt skizzieren: Das Gefühl der Depression stellt sich ein, wenn Verhalten wenig verstärkt wird; dieses gibt Anlaß, die Aktivität noch weiter zu verringern, wodurch jedoch die positive Verstärkung noch seltener erfahren werden kann. Zu dem Genannten kommt noch hinzu, daß sich das Ausmaß an erreichbarer positiver Verstärkung der Abhängigkeit einzelner Einflüsse (persönliche Eigenschaften des Betreffenden, die Umgebung, in der er lebt und sein Repertoire an Verhalten, das überhaupt Verstärkung seitens anderer hervorruft) gegen- übersieht (Davison & Neale, 1988, S. 275). Ein weiteres und zudem recht unbeeinflußba- res Einwirken stellt die mitleidsbehaftete positive Verstärkung der Umgebung (aufgrund Klagens) dar. Somit sind an diesem Dilemma alle Einflüsse beteiligt, die uns von dem klassischen Paradoxon des Circulus vitiosus bekannt sind. Diese Thesen verifizierte Lewinsohn unter Zuhilfenahme des Pleasant Event Schedule (MacPillamy & Lewinsohn, 1971). Dabei wurden die Häufigkeiten positiver Verstärkun- gen und die Aktivitätsfrequenz erfaßt. Gemeinsam mit Julian Libet fand er außerdem heraus, daß Depressive über ein vermindertes verbales Sozialverhalten, sehr wenig posi- tive verbale Interaktionsbeiträge sowie über eine eingeschränkte Interaktionsbreite (nur weiblich Depressive) verfügen (Lewinsohn & Libet, 1972/1980, S. 25). Weiterhin konnte Lewinsohn herausstellen, daß die landläufig akzeptierte Beziehung zwischen angenehmen Aktivitäten und der Stimmung eine statistisch signifikante ist. Eine ausstehende Frage blieb jedoch nach wie vor, ob die Stimmung stärker von der Teilnahme an vorherigen als an nachfolgenden Aktivitäten abhängig ist (S. 30). Sicherlich bleibt dabei ohnehin zu bedenken, ob eine derartige Fragestellung überhaupt zweckmäßig erscheint. 4. Kognitionstheoretische Modelle (Seligman; Beck) Bei fortschreitender gedanklicher Vertiefung in den Orbis thematis der Depressionsvor- aussetzungen wird deutlich, daß wir Verknüpfungen zur kognitiven Ebene unterstellen müssen. Auf eine der experimentell abgesicherten Modellannahmen hinsichtlich dieser Heran- gehensweise treffen wir in Form der Theorie der gelernten Hilflosigkeit von Martin E. P. Seligman (1974). Das Tierexperiment, aus dem Seligmans Verstehensweise überhaupt erst erwuchs, wurde oft erwähnt und beschrieben. Ein experimenteller Sachverhalt läßt sich zwar bekanntlich immer recht eindeutig und „aufzählbar“ darstellen, birgt jedoch gleichfalls die Gefahr, einen Appell an die „Experimentengläubigkeit“ (i. S. des Königs- weges in der Psychologie) zu richten. Ohne beabsichtigte Vertiefung wird folglich nur kurz der Thematik des Experiments sowie den dortig beobachteten Besonder-heiten Aufmerksamkeit gezollt. Wie sicher weit weniger als das Nachfolgende bekannt sein dürfte, verfolgte Seligman ursprünglich einen vermittlungstheoretischen Ansatz. Als typischer Vertreter dieser Denkrichtung erklärte Michael J. Mahoney (1974/1979), daß im Rahmen der „medi-ation theory“ (Osgood, 1953, p. 392, zitiert nach Dorsch: Psychologisches Wörterbuch, 1991, S. 732) „innere Ereignisse als verdeckte Formen offener Phänomene“ (Mahoney, 1974/1979, S. 73) verstanden würden. Es werden demnach Gedanken, Vorstellungen, Empfindungen und mehr dergleichen als „verdeckte Reize, verdeckte Reaktionen oder verdeckte Konsequenzen“ (ebd.) beschrieben. Im gleichen Maße unterstellte auch Selig- man vermittelnde Prozesse und versuchte diese Hypostasierungen mit Hilfe tierexperi- menteller Studien zu bestätigen. Das weithin bekannte Hundeexperiment (Seligman & Maier, 1967), das wir im folgenden fokussieren wollen, folgte bekanntlich einem ähn- lichen Gedankengang Seligmans. Ein äußerlich gut beobachtbares Verhalten könnte auf einen bestimmten „seelischen“ Zustand hinweisen. Durch eine experimentelle Bedin- gungsvariation – so ließe sich Seligmans Gedankengang weiter verfolgen – kann sodann eine Spezifikation der Natur dieses besonderen Zustandes erfolgen. Methodisch betrach- tet erfolgte der Versuch im Drei-Gruppendesign. Dies bedeutete, daß die experimentellen Bedingungen – hier, die aversiven Reize (Stromschläge) – von den einen (“manager”) kontrollierbar, für die anderen (“jockeys”) hingegen unbeeinflußbar waren. Die ge- „jocked“ten Tiere wurden bereits nach wenigen Versuchsdurchgängen passiv (“stops running and howling and sits or lies, quietly whining”, Seligman, 1974, p. 85) und auch in einem weiteren Versuchssetting (nach 24 h) – in dem durch Flucht (Überspringen einer Balustrade), der aversiven Situation ausgewichen werden konnte – waren die Tiere nicht bzw. nur schwer von ihrer scheinbar „erworbenen“ apathischen Haltung abzubringen.14 Der Gedanke an homöologe Verhaltensausprägungen beim Menschen, lag sehr nahe. Unvermeidbare laute Geräusche bzw. schier unlösbare Aufgaben waren in diesem Fall die Indikatoren (Hiroto & Seligman, 1975). Als Analogon wurde ein klassischer Zweigrup- penplan verwendet (Kombination: unbeeinflußbarer Geräuschpegel mit – danach – lösba- ren Aufgaben oder unlösbare Aufgaben mit – danach – regulierbarem oder vermeidbarem Geräuschpegel). Bei den Jockeys (unbeeinflußbarer Geräuschpegel, -dauer und -intensi- tät bzw. unlösbare Aufgaben) wurden entweder Schwierigkeiten beim Aufgabenlösen oder verlangsamte Vermeidungsreaktionen bei lauten Geräuschen offenbar (vgl. Davison & Neale, 1988, S. 268). Die unverkennbare Ähnlichkeit zwischen der laborerzeugten Hilflosigkeit und der depressiven Symptomatik (psychomotorische Hemmung, Antriebsverlust u.a.m., weil „Ausweglosigkeit“) waren für Seligman schließlich genügen- des Verifikationskriterium. Trotz alledem entbehrten diese Thesen ihrer notwendigen Schlüssigkeit. Daß uns erfahrbare Schicksalsschläge nicht in jedem Falle zum De- pressivsein prädestinieren (Davison & Neale, 1988, S. 268 f.), widersprach der Seligman- Hypothese sehr drastig. Selbst experimentell ließen sich diese Zweifel erhärten: Es zeigte sich, daß Nichtdepressive Hilflosigkeitsgefühle empfanden, sobald sie durch eine entspre- chende Erfahrung vorbelastet waren, aber nicht ohne diese; Depressive hingegen emfan- den, sowohl mit als auch ohne „künstlich-experimentelle“ Vorerfahrung Hilflosigkeit (Eckart Straube, persönl. Mitteilung, 25.11.92; vgl. Davison & Neale, 1993, Kap. 9). Lyn Y. Abramson, Martin E. P. Seligman und John D. Teasdeale (1978) entwarfen eine Neuformulierung der Grundannahme der „gelernten Hilflosigkeit“ zugunsten des Attributionskonzeptes (Weiner et al., 1971). Da Menschen erwiesenermaßen Ereignisse bestimmten Ursachen zuschreiben (Hewstone & Antaki, 1988, S. 112 ff.), ist es nicht verwunderlich, daß sie dies insbesondere bei Mißerfolgserlebnissen tun. Die Art und Weise dieser Mißerfolgsattribution, so Abramson et al. (1978, p. 56), bestimme nun de- ren Auswirkung. Sollte es sich um eine intern globale und dauerhafte Ursachenzuschrei- bung handeln, so sei eine Verminderung des Selbstwertgefühls kaum noch zu verhindern (p. 57). Abramson et al. unterstrichen: Der „Typus melancholicus“ (Tellenbach, 1967, S. 246) bzw. der depressionsanfällige Mensch, neige nun schlechthin zu einem derartigen „depressiven“ Attributionsstil, wobei wir dem unten dargestellten Sachverhalt (s. Bild 2) – laut Miles Hewstone und Charles Antaki (1988, S. 141) – einen Abfolgecharakter zuzugestehen hätten. Die revidierte Theorie der gelernten Hilflosigkeit wurde aufgrund ihres geweiteten Blickkreises auch oftmalig als preparedness- oder vulnerability-Hypothese bezeichnet (vgl. z. B. Brewin, 1985, p. 302 ff.). Die letzte Version dieser Theorie stammt von Chris- topher Peterson und Martin E. P. Seligman (1984). Darin wurde der „depressive“ Attri- butionsstil (intern, stabil und global) noch einhelliger konturiert. Das Auftreten eines be- lastenden Ereignisses würde von dem Betreffenden als eigenes Verschulden interpretiert, weiterhin würde von diesem angenommen, daß die Ursache überdauernd sei und alle anderen Dinge „folgerichtig“ ein ebenso schlechtes Ende nähmen. Sie schlußfolgerten: Person mit "depressivem" Attributionsstil Negative Ereignisse Depressive Attribution Person wird depressiv Bild 2 Schema der preparedness-Hypothese von Abramson, Seligman & Teasdale (1978) (nach Brewin, 1985, p. 300) In brief, we argue that when a person finds that he is helpless, he asks why he is helpless. The causal attribution he makes then deter- mines the generality and chronicity of his helplessness deficits as well as his later self-esteem. (p. 50) “If reality is ambiguous enough, a person may project and impose habitual explana- tions.…If this style regularly invokes internal, stable, and global causes, then the person tends to become depressed when bad events will occur” (p. 355). All das Gesagte erscheint recht plausibel und verständlich, zumal es theoretische Auffassungen miteinander in Beziehung setzt, die sich vor 30 Jahren noch als verschie- dene Konzepte verstanden wissen wollten. Ein zweiter kognitionspsychologischer Denkansatz, der in diesem Rahmen Erwähnung finden soll, ist der von Aaron T. Beck (1967). Seiner Vorstellung nach würden Men- schen depressiv, weil sie bestimmte Denkschemata entwickelten, denen ihrerseits ekla- tante logische Denkfehler zugrundelägen (vgl. Davison & Neale, 1988, S. 662). Es ist vorweg zu erwähnen, daß Becks Ansatz zur Beschreibung und Erklärung der Depressio- nen ein sehr pragmatischer ist und im nachfolgenden nicht viel modelltheoretisches bei- tragen wird. Die Aufgabe der von ihm entworfenen Kognitiven Therapie sah Beck im wesentlichen darin, gemeinsam mit dem Patienten dessen Wahrnehmungen und Bewertungen von Si- tuationen zu bearbeiten (Rush, Beck, Kovacs & Hollon, 1977/1980, S. 254). Dabei un- terstellte Beck eine kognitive Trias, die aus einem negativen Selbstbild, einer negativen Interpretation der eigenen Lebenserfahrung und aussichtsloser Zukunftserwartung be- stünde (s. Bild 1). Eine Nährung für diese kognitive Triade bzw. dieses Denkmuster stellten die ständigen „inneren Dialoge“ oder automatischen Gedanken dar (Beck, Rush, Shaw & Emery, 1979/1986, S. 41 f.). An diesem Punkt setzt übrigens auch eine seiner therapeutischen Strategien an (Kognitive Umstrukturierung: Beobachten und Erkennen von automatischen Gedanken). Als charakteristische Denkfehler, deren Opfer die Depressiven würden, benannte Beck folgende vier: Wenig potentiell verstärken- de Ereignisse, die mit Per- sönlichkeitsmerkmalen in Beziehung stehen Geringe Verfügbarkeit von Verstärkung in der Umwelt Geringe instrumentelle Aktivität des Individuums Niedrige Häufig- keit positiver Ver- stärkung Depression Soziale Verstär- kung der Depres- sion (Sympathie, Anteilnahme usw.) Dysfunktionale Grundan- nahmen rigide Schemata negative kognitive Stile Ereignisse externe und interne Auslöser Automatische Gedanken absolutistisch verallgemeinernd verzerrt unlogisch unangemessen Depression (Symptome:) emotionale somatische motorische motivationale Bild 1 Links ist das Prinzip des Verstärkerverlustmodells von Lewinsohn (1974, aus Davison & Neale, 1988, S. 276) dargestellt und rechts davon das „Kognitive-Therapie-Konzept“ von Beck (1967, aus Wolfersdorf, 1992, S. 103). • Willkürliche Schlüsse (Folgerungen ohne hinreichenden „Beweis“), Mit Hilfe dieser kognitiven Bias bestätige sich der Depressive sein Schema der Selbst- herabsetzung und „beweise“, daß er sich zurecht wertlos und für jegliches „Unheil“ ver- antwortlich fühle (S. 266). Auch wenn bisherige Evaluierungsversuche keine eindeutigen Bestätigungen erbringen konnten, sollte nochmals daran erinnert werden, daß der vorrangige Wert dieses Kon- zeptes in seiner therapeutischen Operationalisierbarkeit zu sehen ist. Nebenbei bemerkt, warten wir bei Seligmans Depressionsmodell bereits 20 Jahre auf eine ähnliche praktische Anleitung. Abschließend soll natürlich nicht unerwähnt bleiben, daß die Vermutung eines Zusammenhangs zwischen ungünstigen Attributions- bzw. Denkstilen und Depressionen sehr wohl empirisch begründet werden konnte. Wenn sich Chris R. Brewin (1985) noch veranlaßt sah von “limited empirical support” (p. 307) zu sprechen, stützten Paul D. Sweeny, Karen Anderson and Scott Bailey (1986) mittels ihres “meta-analytic review” (104 Studien) jene „Vermutung eines Zusammenhangs“ (vgl. Hautzinger & de Jong- Meyer, 1990, S. 139). Sweeny et al. (1986) fügten ihrem Résumé hinzu, daß zwar der oben erwähnte Zusammenhang “between attribution patterns and depression” (p. 983) unter besonderer Beachtung der depressiven Symptomatik (Symptomhypothese) außer Frage stehe, damit aber noch kein Wort über die Verursachungsproblematik gesagt sei. Letztere bleibe vorerst ungeklärt (p. 987). 5. Schlußbemerkung Die ausführliche Darstellung der ätiologischen Ansätze zu den Depressionen hat den Eindruck vertieft, daß kein Erklärungskonzept nur „für sich“ genommen Allgemeingül- tigkeit aufweist. Es wurde deutlich, daß vielmehr eine polyadisch-deskriptive und plura- listisch-analytische Denkweise den Störungsbereichen der Depressionen angemessen ist. Die soziopsychologischen Anregungen bezüglich der Ätiologie der Depressionen ge- winnen für das Thema der Diplomarbeit eine hervorragende Bedeutung. Eine Verknüp- fung des Brown-Harris-Konzeptes mit dem Ansatz der Synopsis und Synthetisierung nach Fiedler kann als eine sinnvolle Erklärungsbasis angesehen werden. Spezifische Vorgänge des sozialen Austausches können durch das Heranziehen des Lewinsohn-Mo- dells einbezogen werden. Die Klärung der kognitiven Phänomenzusammenhänge läßt sich über eine statuierte Kombination von Seligmans und Becks Vorstellungen zur De- pressionsentstehung leisten. Unter diesen Voraussetzungen bestehen tatsächlich aus- sichtsreiche Chancen, das „höhnische Spiel der Natur“ (Mann, 1947/1990, S. 671), das uns mittels der Erscheinungsformen der Depressionen entgegentritt, annäherungsweise • Selektive Abstraktion (Folgerungen aufgrund nur eines von vielen Elementen einer Situation), • Übergeneralisierung (Ein alles umfassender Schluß wird grund eines einzelnen möglicherweise trivialen Ereignisses geführt.), • Über-/Unterteibung (Grobe Fehleinschätzung von eigenen Leistungen) (zitiert nach Davison & Neale, 1988, S. 265 f.). zu begreifen. Diese Gedanken sind sehr nützlich, doch wird auch weiterhin der Umgang mit den speziellen Abbildern einer kranken Seele an erster Stelle stehen: „Tief lagen die Augen in den Höhlen, die Brauen waren buschiger geworden, und darunter hervor rich- tete das Phantom einen unsäglich ernsten, bis zur Drohung forschenden Blick auf mich, der mich erbeben ließ, aber schon nach einer Sekunde gleichsam in sich zusammenbrach, so, daß die Augäpfel sich nach oben kehrten, halb unter den Lidern verschwanden und haltlos dort hin und her irrten“ (ebd.). ZWEITER TEIL INTERPERSONELLE PSYCHOTHERAPIE (IPT) FÜR DEPRESSIONEN Entdecken bedeutet, die Sprache in jenes Halbdunkel zu locken, wo der Blick keine Worte mehr hat. Dies ist eine harte und heikle Arbeit; eine Arbeit die sichtbar macht. Michel Foucault15 Zweites Kapitel Theoretische Grundlagen der Interpersonellen Psychotherapie für Depressionen 1. Einführung Die Interpersonelle Psychotherapie (IPT) wurde von Gerald L. Klerman und Myrna M. Weissman (1984) als ein Kurzzeit-Behandlungsverfahren kreiert und konzeptualisiert. Als „Schöpfer“ der IPT verstehen sie ihre Création im Kontext der verschiedenen Thera- pieausrichtungen als ein additives Verfahren, das auf lerntheoretisch-verhaltens-therapeu- tischen Verstehensweisen fußt. Die IPT hebt sich von den „üblichen“ interpersonalen Therapien (Paartherapie, vgl. z. B. Willi, 1978; Familientherapie, vgl. z. B. Boscolo, Cecchin, Hoffman & Penn, 1987/1990) insofern als ein „Sonderfall“ ab, als sie keiner der „traditionellen Therapierichtungen“ (Grawe, Donati & Bernauer, 1994, S. 515) zugeord- net werden kann. Es ist auch ganz gewiß nicht zuviel gesagt, wenn wir mit Klaus Grawe, Ruth Donati und Frederike Bernauer von einer „Psychotherapieform eines ganz neuen Typs“ (ebd.) sprechen. Über weit mehr als 15 Jahre hinweg kann die Ausarbeitung, Entwicklung und Validierung der IPT gedanklich mitverfolgt werden. Auf das Ergebnis dieser viele Jahre andauernden Entwicklung, treffen wir 1984 in Form eines ausgearbei- teten Therapiemanuals (Interpersonal Psychotherapy of Depression; Klerman, Weissman, Rounsaville & Chevron, 1984). Im folgenden werde ich in wenigen Bemerkungen den geschichtlichen Zeitkreis um- schreiben und jene theoretischen Annahmen vertiefen, aus denen die gedanklichen Stützpfeiler der IPT emporwuchsen. Das theoretische Konzept der IPT wurde in seiner Entwicklungszeit von erstaunlich vielen und zudem verschiedenen Verstehensweisen genährt. In dieser Hinsicht werden wir bei der sich anschließenden Betrachtung Annahmen begegnen, die sowohl von psy- chosozialer als auch psychoanalytischer Sichtweise her gedacht wurden. Wenngleich auch dieser Gedanke zunächst nahezuliegen scheint, haben wir es durchaus nicht mit ei- nem eklektizistischen Versuch zu tun, sondern eher – wie später noch zu sehen sein wird (vgl. DA-S. 16) – mit einer bedeutsamen Synthese. Die unmittelbar folgende Darstellung des geschichtlichen Fortlaufs wird durchweg einen nicht immer offensichtlichen Bezug zu der Betrachtungsweise Klerman und Weissmans (1984) herstellen. 2. Avancierte Themata in einem historischen Bildnis oder Der geschichtliche Kontext In den 50er Jahren wurde unter den amerikanischen Psychiatern ein stetig wachsendes Interesse an der interpersonellen Betrachtungsweise wach. Unter denen verschiedener anderer Psychiater, rückten insbesondere die innovativen und wegweisenden Gedanken Adolf Meyers (1957) hervor. Meyers produktive Tätigkeit an der John Hopkins University (Baltimore) zeigte sich vor allem in der Bildung der sogenannten Baltimore-Washington group, in der sich The- rapeuten mit einem interpersonellen Therapieverständnis zusammenfanden. Indem Meyers “approach to psychiatry permeates all of American psychiatric teaching and practice” (Klerman, 1979, p. 118), wird ihm in der Retrospektive ein profunder Einfluß an der Entwicklung der amerikanischen Psychiatrie im 20. Jahrhundert schlechthin zuge- standen. Die transkulturelle Aura, die den in der Schweiz aufgewachsenen, deutsch spre- chenden Meyer umgab, tat sicher ihr übriges. Unbestritten wird jedoch auch weiterhin bleiben, daß Meyer verschiedene Konzepte der Neuropathologie aus der europäischen in die amerikanische Psychiatrie hineintrug (vgl. Lidz, 1966, p. 323). Meyer hat zwar ver- schiedene als „traditio europaeus“ bezeichenbare Konzepte der amerikanischen Psychiatrie „gezeigt“, Würdigung gebührt im aber in erster Linie, weil er – wie Theodore Lidz weiterhin erklärte – “introduced a uniquely American orientation into psychiatry” (ebd.). In seinem psychobiologischen Ansatz versicherte Meyer (1957), daß psychiatrische Störungen nur über die Beziehungen der betroffenen Person zu ihrer Lebensumwelt zu verstehen seien. Die geistige Erkrankung sei in diesem Sinne ein besonderer Ausdruck des Individuums, bei dem Versuch sich an seine Lebensumwelt anzupassen (zitiert nach Klerman et al., 1984, p. 42). Dahingehend spezifizierte Meyer, daß die individuellen „Reaktionen“ auf plötzliche Veränderungen in dieser Lebensumwelt entscheidend durch verhaltensleitende Erfahrungen (“habits”) festgelegt bzw. bedingt würden (1957, zitiert nach Cornes, 1990, p. 262). Insonderheit, so unterstellte er, hätten wir es dabei mit – zeitlich gesehen – frühen Erfahrungen in der Kernfamilie zu tun. Im gleichen Maße seien aber auch jene Erfahrungen zu beachten, die durch die Angehörigkeit zu verschiedenen sozialen Gruppen geprägt wurden (Meyer, 1957, zitiert nach Klerman et al., 1984, p. 46). Wie aus dem Gesagten bereits hervorgegangen ist, übte Meyer mit seiner Auffas- sung von “living persons adapting to their environment and ecological biology” (Klerman, 1979, p. 116) beträchtliche “humanistic gains” (p. 117). Einen weiterhin erwähnenswerten Einfluß auf die Theoriefundierung der IPT nahmen die Argumentationen des Neofreudianers Harry Stack Sullivan. Als einer der Schüler Meyers schien er anfänglich nur die Streberichtung einer epigonalen Dokumentation zu verfolgen. Sullivan weitete jedoch die Annahmen und Vermutungen Meyers zu umfas- senderen Thesen und einem Theoriegebäude aus (vgl. z. B. The Interpersonal Theory of Psychiatry, Sullivan, 1953/1983). Sullivan sah den Ausgangspunkt für seine Konklusio- nen in dem bestimmenden Zusammenwirken von psychiatrischen Störungen und interper- sonellen Beziehungen. Letztere begleiteten schließlich sowohl die Entwicklung des Kin- des in der Familie, als auch den Erwachsenen bei den umfangreichen und komplexen Anforderungen seines Lebens (S. 27 f.). Wenngleich Klerman und Weissman (1993) konstatierten, daß “the ideas of Adolf Meyer…constitute the most prominent sources of IPT” (p. 5), sollten wir auch die Ingredienzien Sullivans bei der Konzipierung der IPT zu schätzen wissen. Ob nun Sullivans Ideen – intendiert oder nicht – von Klerman und Weissman mitgedacht wurden, sei dahingestellt. Recht eindeutig und überzeugend scheint jedoch immerhin Sullivans Plädoyer für eine interpersonelle Psychiatrie zu sein: Die Wurzeln des theoretischen Ansatzes der IPT lassen sich aber auch bis in die engli- sche „Psychoanalyse“ zurückverfolgen. Die hervorstrebenden Thesen des Kinderanalyti- kers John Bowlby (1969) prägten einen gleichermaßen psychoanalytischen Anteil im theoretischen Konzept der IPT. Bowlbys Annahmen bezüglich der „engen Bindung“ (attachment) und des „Verlusts“ (loss), als zwei beobachtbaren Phänomenen beim Zusammenleben von Individuen, finden sich nahezu ubiquitär im Verlauf der menschli- chen Individualentwicklung wieder. Bekanntlich erwies er die Gültigkeit dieser Annahmen durch vielfältige Verhaltensbeobachtungen und Untersuchungen bei Tieren, während derer unter verschiedenem anderen auch die Phänomene der sozialen „Deprivation“ – im Sinne des “hospitalism” mit seinem “evil effect of insitutional care” (Spitz, 1945, p. 53; vgl. auch Bowlby, 1964; Pfaundler, 1921) –, d. h. deren einschrän- kende Folgen deutlich hervortraten. Der unterstützende Einfluß der Mutterfigur bei der frühadoleszenten Herausbildung von Unabhängigkeit, Autonomie und bei den Prozessen der Reifung ist von entscheidender Bedeutung für die weitere Entwicklung des „emotionalen Lebens“ (Klerman & Weissman, 1993, p. 5), eingeschlossen den kogniti- ven, sozialen und Verhaltensaktivitäten. Daß Personen, deren feste Bindung abrupt ge- löst bzw. unterbrochen würde, sehr empfänglich und verletzlich für Depressionen seien (Henderson et al., 1978), ist in diesem Zusammenhang nur eines der Untersuchungser- gebnisse, das die einflußreichen Dikta Bowlbys zu bestätigen vermochte (vgl. Klerman et al., 1984, p. 52). Ähnliche theoretische Bereicherungen für das Konzept der IPT verdanken wir den kreativen Bemühungen Frieda Fromm-Reichmanns (1960) und Mabel Blake Cohen, Grace Baker, Robert A. Cohen, Frieda Fromm-Reichmann und Edith V. Weigerts (1954) (Klerman et al., 1984, p. 46 f.). Schließlich sahen es Cohen et al. (1954) als ihre Aufgabe an, “to delineate as far as possible the experiences with significant people which made it necessary for the prospective manic depressive to develop the particular patterns of in- teraction” (p. 104). Spätestens hier wird die konzeptuelle Vielfalt der „Quellen“, aus denen sich die IPT herleitet, überdeutlich. Ich komme auf die Andeutungen von weiter oben zurück, die nämlich auf die Tatsache anspielten, daß “interpersonal psychotherapy derives from a number of sources” (Klerman & Weissman, 1993, p. 5). So wie die Psychobiologie den einzelnen Menschen zu erforschen sucht, und so wie die Kulturanthroplogie, die den Sozialwissen- schaften einen gewaltigen Beitrag beigesteuert hat, das soziale Erbe zu erforschen sucht, das sich in dem gemeinschaftlichen Verhalten von Menschen zeigt, so versucht die Psychiatrie – und ähnlich die Sozialpsychologie –, die biologisch und kulturell bedingten, aber sui generis interpersonalen Prozesse zu erforschen, die in interpersona- len Situationen auftreten, in denen der beobachtende Psychiater sei- ne Arbeit verrichtet. (Sullivan, 1953/1983, S. 42) 3. À la recherche du la première découverte… Auf der Suche nach der Geburtsstunde des short-term-Therapiekonzeptes der IPT bleibt es uns nicht erspart, bis ins Jahr 1979 zurückzugehen. In diesem Jahr wurde nämlich ein erstes Handbuch zu den Arbeitsanweisungen in der IPT zusammengestellt (Manual for short-term Interpersonal Psychotherapy [IPT] of depression; Klerman, Rounsaville, Chevron, Neu & Weissman, 1979, unpublished manuscript [Yale University, Conn.]). So vielversprechend diese Tatsache auch gewesen sein mochte, konnte jedoch nicht darüber hinweggetäuscht werden, daß sich dieses Therapiemanual in einem unvollständigen und unfertigen Zustand befand. Es blieb ein unveröffentlichtes Manuskript. Der Umstand, daß dieser Leitfaden schon in seiner vierten Version vorlag, weist aus heutiger Sicht zweifelsohne darauf hin, daß in den Jahren zuvor schon vielfältige, gründ- liche Untersuchungen durchgeführt und empirische Validierungen vorgenommen wur- den. Den Anlaß zu diesen Entwicklungen gab eine Studie zur Rückfallhäufigkeit medi- kamentös behandelter Patienten im Jahr 1968 (Klerman & Weissman, 1993, p. 4). In der Mitte der 60er Jahre war die enorme Wirkkraft der trizyklischen Antidepressiva (Amitriptylin-Typ; Imipramin-Typ; Desimipramin-Typ)16 zur Verminderung der depressi- ven Symptomatik unbestritten. In der Regel war zu beobachten, daß in Bereichen des Schlafes, des Appetits und der Stimmung innerhalb weniger Wochen (2–3) eine Besse- rung eintrat. Ein ebenso außer Zweifel stehendes Faktum war aber, daß ein vergleichwei- se großer Anteil der als geheilt gegoltenen Patienten einen Rückfall erlitten. Aus diesem „psychotropen Dilemma“ heraus, erwuchs die Idee, eine Skizze für eine effektive psycho- therapeutische Behandlung zu entwerfen (Klerman & Weissman, 1993, p. 4). Nach etwa 20 Jahren intensiver Forschung wurde schließlich die Therapiearbeitsanweisung Interper- sonal Psychotherapy of depression (Klerman et al., 1984) veröffentlicht. Die Resultate der verschiedenen klinischen Studien und Untersuchungen dienten der IPT für Depres- sionen als „erfahrungswissenschaftliche“ Grundlage (Tafel 1, s. DA-S. 18). 4. Konzepte, Verstehensweisen und theoretische Bezugspunkte Die theoretischen Annahmen, die in der IPT konzeptualisiert werden, fußen auf einer lerntheoretisch-verhaltenstherapeutischen Verstehensweise. Klerman und Weissman (1993) betonten jedoch nachdrücklich, daß sie keine wissenschaftlich relevanten Erklä- rungsweisen über die Ursachen des Auftretens von Depressionen zu entwickeln beab- sichtigten (p. 6). Die IPT behaupte lediglich, so bekräftigten sie, daß die Entwicklung von Depressionen immer in einer sozialen und interpersonalen Konstellation zu beobach- ten sei. Aus diesem Grund ließen sich die „Auslöser“ über ein einblickgewinnendes Ver- ständnis der Modi, der fortwährend mithineinspielenden interpersonellen Beziehungen eindeutiger indizieren (p. 6). Jene Art und Weise der Transaktionen auf der Inhalts- und Beziehungsebene wird ja bekanntlich ebenso häufig von metakommunikativen „Beziehungsfallen“ (Stierlin, 1978, S. 114) wie von offensichtlichen Verständigungs- schwierigkeiten und inkonsistenten Verhaltensstilen genährt. Einige „Klarheit“ über der- artige Konfusionen verschaffte uns selbst Fjodor M. Dostojewski (1866/1989) schon, indem er die „inneren“ Dialoge von Alexei – dem „igrok“ – vorführte. Dabei zeigt sich die trügerische Transparenz ebenso wie die tatsächliche „Einfachheit“ des Seins: „Da antwortete ich ihm, ich sei ein Häretiker und ein Barbar, ,que je sui hérétique et barbare‘, und daß mir alle diese Erzbischöfe, Kardinäle, Monsignores usw. völlig gleichgültig seien. Mit einem Wort, ich zeigte deutlich, daß ich nicht nachgeben werde“ (S. 12).17 Ein anderer dieser „synkrasiven“ Dialoge lautet: „Mir scheint, teilweise war hier auch ihre Eitelkeit schuld, die sie veranlaßte, mir nicht zu glauben und mich zu beleidigen, obgleich sie sich vielleicht selber nicht über das alles klar war. In diesem Falle hatte ich natürlich für de Grieux zu büßen und wurde vielleicht ohne große Schuld schuldig. Freilich, das alles war nur Fieberwahn“ (S. 160).18 Wie bereits angedeutet, wiesen Klerman und Weissman (1993) jegliche Unterstellung von sich, interpersonelle Beziehungen für die Entwicklung von Depressionen kausativ zu verantworten. Sie konzedierten: “Interpersonal psychotherapy develops directly from an interpersonal conceptualization of depression. It does not, however, assume that inter- personal problems ‘cause’ depression, but rather that, whatever the cause, the current depression occurs in an interpersonal context” (p. 7). Ein substantielles Charakteristikum der IPT für Depressionen ist darin zu sehen, daß sie es kategorisch vermeidet, eine Änderung in Bereichen der Persönlichkeit oder des Cha- rakters herbeizuführen. Die Begründung dieser Intention ist eine einprägsame; sie stellten fest: “Our clinical experience suggests that more than minimum attention to issues of personality and character will result in delay of recovery and prolongation of the depres- sive episode” (p. 7 f.). Klerman und Weissman (1993) konzeptualisierten die IPT auf drei therapierelevanten Niveaus. Zum ersten in Hinsicht auf die Strategien für spezifische Aufgaben, zum zwei- ten bezüglich der Technik und zum dritten in Bezug auf der Grundhaltung des Therapeu- • Studien, die Streß und Lebensereignisse mit dem Beginn und den klini- schen Ursachen der Depressionen in Beziehung setzten, • Längsschnittstudien, in denen die soziale Beeinträchtigung depressiver Frauen während der akut depressiven Phase und deren folgende Gesundung demonstriert wurde, • Studien von Brown und Harris (1978), durch die gezeigt wurde, daß ein gewisses Maß an Vertrautheit und „sozialer Unterstützung“ einen Schutz gegen die Depressionsentwicklung unter widrigen Lebensbedingungen leistet, • Studien von Pearlin und Liberman (1979), die zeigten, daß chronischer sozialer und interpersonaler Streß – insbesondere Ehestreß – einen Einfluß auf den Beginn der Depressionen ausüben, • In den Arbeiten von Bowlby (1969) wurde die Bedeutsamkeit der festen sozialen Bindungen betont; und Scott Henderson et al. (1978) konnten unter dieser Voraussetzung zeigen, daß der „Verlust“ von festen sozia- len Beziehungen in engem Zusammenhang zum Beginn der Depressionen anzunehmen ist (i. S. einer Auslöserqualität), • Erhebungen epidemiologischer Daten, die eine enge Verbindung zwi- schen Ehekonflikten und Major depression aufzeigen (Weissman, 1987). Tafel 1 Empirische Grundlagen der IPT (Klerman & Weissman, 1993, p. 6) ten (p. 7). Auf der Ebene der Techniken sind Überschneidungen zu den Methoden ande- rer Therapieformen unverkennbar. Durch die postulierten Strategien, auf Grundlage de- rer der Therapeut in der Behandlungssituation interveniert, wird demhingegen gleicher- maßen eine „Eigenart“ oder ein prägender Duktus der IPT deutlich. Drittes Kapitel Konzeptualisierungen und Behandlungsperspektiven 1. Das 3-Phasen-Axiom der IPT Die Behandlungsstrategien der IPT haben es darauf abgesehen, den Patienten dabei zu helfen, mit ihren zwischenmenschlichen Beziehungen – insonderheit der Vielzahl sozialer Einbindungen – adäquat umzugehen. Wie weiter oben schon eingehend auseinanderge- setzt wurde, hebt sich die IPT gerade durch ihre expliziten Strategien von anderen Be- handlungskonzepten deutlich ab (vgl. DA-S. 17 f.). Die Erörterungen der nun folgenden Abschnitte werden sowohl das Phasenkonzept der IPT als auch empirische Fundierungen konkretisieren. Die Bearbeitung der interpersonellen Schwierigkeiten des Patienten, erfolgt an einem der folgenden Problembereiche: Kummer oder Leid (grief), Rollenkonflikte (role dis- putes), Rollenwechsel (role transitions), Interpersoneller Defizit oder mangelhafte inter- personelle Fertigkeiten (interpersonal deficit). Als Basis für ein transparentes und klar strukturiertes Therapiesetting erachten es Klerman und Weissman (1993) für bedeutsam, daß die Patienten schon zu Beginn der Therapie um ihre „tatsächlichen“ Schwierigkeiten und deren Behandlungsmöglichkeiten wissen und diese auch benennen können. Daher erklärt der Therapeut, daß die teilweise verschwommen wahrzunehmenden, unklaren und unangenehmen Symptome Teil eines gut bekannten Syndroms sind, das verschiedentlich behandelt werden kann; die Resultate der Behandlung besäßen eine gute Prognose. Klerman et al. (1984) unterteilten den psychotherapeutischen Prozeß der IPT in drei grundlegende Abschnitte (Tafel 2, s. DA-S. 21). Während der ersten Phase der Behandlung wird die Depression mit Hilfe eines klini- schen Modells diagnostiziert und dem Patienten erklärt. Der Patient berichtet über seinen individualgeschichtlichen Hintergrund und der Therapeut exploriert aus diesem „Bericht“ besondere Lebensereignisse und typische Beziehungskonstellationen. Aus den berichte- ten interpersonellen Erfahrungen heraus, wird ein Hauptproblem identifiziert, das mit dem Auftakt der Depression in unmittelbarer Verbindung stand. Außerdem wird in dieser ersten Therapiephase vereinbart, daß die Behandlung mehr oder weniger auf diesen Pro- blembereich bezogen sein wird. Im zweiten Abschnitt der Therapie bearbeitet der Patient verschiedene Details des „herauspartialisierten“ Problembereiches. Ganz im Unterschied zur ersten Phase empfehlen Klerman et al. (1984) hier implizit, daß sich der Therapeut, indem er hauptsächlich den Patienten an dem gemeinsam bestimmten Problem (-bereich) arbeiten läßt, eher raumgebend und gewährend verhalten sollte (p. 73). Auf diese Weise bekommt der Patient die Möglichkeit seine Probleme und depressiven Fehlhaltungen zu erkennen und – durch bestärkende Kommentare des Therapeuten unterstützt – bisherige eigene Verhaltensweisen zu modifizieren oder Alternativen zu ihnen zu entwickeln. In der Schlußphase der Therapie werden vorrangig Gefühle des Abschieds von dem Thera- peuten und von der mittlerweile gewohnt gewordenen Therapiesituation besprochen werden. En détail wird der Therapeut vorschlagen, das Erreichte bzw. Nicht-Erreichte zu resümieren und einzelne, hervorgetretene Thera-piesitzungen kaleidoskopisch in die Erinnerung zurückzurufen. 2. Therapeutische Verhaltensgrundsätze und andere Handlungsanwei- sungen Die Grundhaltung des Therapeuten im Therapiesetting der IPT wird als eine nicht neu- trale, aber aktive vorausgesetzt. Der Therapeut sieht sich somit in der Rolle eines Ad- vocatus patientae. Klerman und Weissman (1984) schränken jedoch im gleichen Zuge ein, daß die therapeutische Beziehung in der Interpersonellen Psychotherapie weder als Übertragung interpretiert noch als Freundschaft emotionalisiert werden sollte. Daß also “the relationship is not seen as a fantasied reenactment of the patient’s (or the thera- pist’s) previous relationships with others” (p. 214) und außerdem “the therapist’s open- ness to the patient does not include participation in activities not related to the tasks and the goals of therapy” (p. 215), soll an dieser Stelle nicht weiter vertieft werden. Die Grundhaltung des Therapeuten als eine kongruent-transparente, einfühlend-verstehende und nichtdirektive zu dekretieren, ist bei weitem nichts sonderlich Neues (vgl. v. a. Ro- gers, 1951). Ein interessantes Wegstück der Klausulierung von Klerman et al. (1984) ist aber der kombinierende Versuch, die handlungsanweisenden Adjektive in eine eigens konstruierte Reihe zu stellen. Zu den spezifischen Techniken, die in der IPT angewandt werden, dürfen wir unter anderem folgende vier zählen: Exploration, Unterstützung und Bekräftigung der Gefühle, Klarifikation, Kommunikationsanalyse (Klerman et al., 1984, pp. 142 ff.). Die explorativen Techniken dienen der systematischen Sammlung von Informationen über die Symptome und die vorgebrachten Probleme des Patienten. Ihre Verwendung I. Die Anfangssitzung, a) Umgehen mit Depressionen, b) Miteinander von Depression und interpersonellem Kontext, c) Identifikation der Hauptproblembereiche, d) Erklärung der IPT-Konzepte und des Behandlungsver- trages; II. Mittlere Sitzungen: Die Hauptproblembereiche, a) Kummer (Leid), b) Interpersonelle Konflikte (Rollenkonflikte), c) Rollenwechsel, d) Interpersoneller Defizit; III. Abschluß, a) Explizites Besprechen des Therapieabschluß’, b) Einräumen, daß der Therapieabschluß eine Zeit ist, be- kümmert zu sein, c) Dem Patienten helfen, sich zur Anerkennung selbstbe- wußter Kompetenz zu bewegen. Tafel 2 Die drei Therapiephasen der IPT (Klerman et al., 1984, pp. 73 f.) und insbesondere die ihrer Spielarten, Variationen und Schattierungen wird von Klerman et al. (1984) sehr weitgefächert instruiert. Je nach Bedarf, d. h. der verfolgten Strategie entsprechend, kann die Exploration sowohl direktiv als auch nichtdirektiv erfolgen (p. 142). Die nichtdirektiven Explorationen erweisen sich als besonders zweckmäßig, wenn es der Therapeut anstrebt, den Patienten darin zu bestärken bisher unbesprochene Erfah- rungen zu berichten oder Problembereiche aufzuspüren, die in den ersten Therapiestun- den „versäumt“ wurden zu indizieren. Charakteristisch für diese psychotherapeutische Technik sind die open-ended-Fragen und die Verbalisierungen, durch die eine relativ freie und unverkrampfte Gesprächsatmosphäre aufgebaut werden kann.19 Wenn im Laufe einer Therapiesitzung ein Thema sehr produktiv besprochen wird, dienen die nicht-direk- tiven Techniken eher dem Bestärken des Patienten, seine Problembearbeitung fortzuset- zen. Pragmatisch (verhaltensmäßig) betrachtet, haben wir es hierbei mit supportivem Bestätigen, der Ausweitung des diskutierten Kernthemas und rezeptivem Schweigen zu tun. Direktive „Erkundungen“ hingegen sind angeratener, um problembehaftete Erlebnis- se des Patienten herauszulösen wie auch neue Gesprächsthemen zu initiieren. Dieserart Ans-Licht-Bringen neuer Informationen kooptieren Klerman et al. (1984) als ein „interpersonal inventory“ (p. 143), durch das die Beziehungserfahrungen des Patienten im einzelnen exploriert werden können. Die Bestärkung von Gefühlen umschreibt einen weitzufassenden Themenkreis thera- peutischer Techniken. Besondere Bedeutsamkeit erlangen unter dieser Intention der Ausdruck, das Verstehen und die „Handhabung“ der Gefühle des Patienten. Alles Lernen in der Therapie sei schließlich emotionales Lernen, wodurch Änderungen voriger Verhal- tensstrategien angestoßen werden könnten. In Abhängigkeit von der Spezifik der Gefühle und den Besonderheiten des Patienten, empfehlen Klerman et al. folgende Strategien: Das Klarifizieren besitzt im Rahmen der IPT keine andere Durchführungsqualität als bei anderen Therapieformen auch. Diese Technik wird dazu verwendet, die Erfahrungen, die der Patient berichtet, zu restrukturieren und zu reverbalisieren (p. 146). Das Klarma- chen oder Deutlich-Machen bezieht sich insbesondere auf Gefühle, Gedanken und Emp- findungen, die vom Patienten oder seiner einflußnehmenden Lebensumwelt unterdrückt und dem Ausdruck ferngehalten werden. Spezifische Techniken des Klarifizierens beste- hen darin, den Patienten zur Wiederholung des Gesagten aufzufordern oder auch die Aufmerksamkeit des Patienten auf Unterschiede und Kontraste seiner Aussagen zu len- ken. Um letzteres bezwecken zu können, konfrontiert der Therapeut den Patienten mit dessen widerstreitenden Aussagen.20 Über diesen Weg soll der Patient auf seine eigenen Kontradiktionen aufmerksam gemacht werden. • Fördern des Anerkennens und der Akzeptanz quälender, „peinlicher“ Gefühle seitens des Patienten, die bisher nicht geändert werden konnten oder nicht sollten, • Hilfestellung geben, affektive Erfahrungen zwecks wün- schenswerter interpersoneller Änderungen zu nutzen, • Bestärken der Entwicklung neuer, bislang nicht anerkann- ter, aber anstrebbarer Gefühle, um Wachstum und Verän- derung zu ermöglichen (p. 144). Die stellenweise offensichtlichen kognitiven Fehlhaltungen des Patienten werden durch eine Kommunikationsanalyse offengelegt. Die interpersonellen „Fragen“ und „Antworten“ konfigurieren schlechthin die Art und Weise der Kommunikation. Sobald die zwischenmenschliche Verständigung von Unklarheiten und womöglich beabsichtigten Verwirrungen gezeichnet ist, wird ein fruchtbarer Boden für einen interpersonellen Konflikt bereitet. Vordergründig wird sich der Therapeut bei dieser Technik für den kognitiven Bereich der Verhaltenssteuerung des Patienten interessieren. Vorschnelle, kolportageartige Vermutungen und „irrational assumptions“ (Ellis, 1989, p. 203) des Patienten werden hier besprochen und auf logischer Basis bearbeitet. Klerman et al. (1984) wiesen auf fünf grundsätzliche Kommunikationsschwierigkeiten hin, die oft beim „sozialen“ Sich-Verhalten eine gewichtige Rolle spielen (Tafel 3). Nach den formalen Grundbedingungen wurde die Interpersonelle Psychotherapie als eine zeitbegrenzte, wöchentliche Psychotherapie definiert, mit der ambulante, nichtpsy- chotische depressive Patienten behandelt werden. Die wöchentlichen Face-to-face-Sit- zungen werden in der Regel 16, manchmal bis zu 20 Mal durchgeführt. Demnach beläuft sich die Therapiedauer auf 4–5 Monate bzw. günstigenfalls auf 16 Wochen. Gewöhnli- cherweise dauert eine Therapiesitzung 45 bis 60 Minuten an. In die Richtung zu 60 Mi- nuten hin wird sich der Sitzungsverlauf dann verlängern, wenn die IPT mit einer Pharmakotherapie (z. B. Imipramin- oder Amitriptylintherapie) kombiniert wird. Die Gründe für diesen Sachverhalt sind darin zu suchen, daß in derartigen Therapiesitzungen zum einen regelmäßige Zusammenfassungen über die gebesserte und verschlechterte Symptomatik bzw. Nebeneffekte der Medikamente besprochen werden, zum anderen aber auch biologische Meßwerte und Medikationen zu thematisieren sind. Das Be- handlungskonzept der IPT läßt sich nun auch klarer gegenüber anderen Therapieformen abgrenzen (z. B. gegenüber der Kognitiven Therapie [KT; Beck, 1967] oder der Ratio- nal-emotiven Therapie [RET; Ellis, 1962/1977]). • Doppeldeutige, indirekte nonverbale Kommunikation (eigentliche Botschaft für das Kommunikationsgegenüber aufgrund unklarem ge- stischen und mimischen Ausdrucksverhalten nur schwer erkennbar), • Fehlgehende Vermutungen über das, was der andere ganz bestimmt verstanden hat, • Ineffektive, indirekte verbale Kommunikation (Befangenheit der de- pressiven Patienten ihre eigenen Erwartungen und Kritiken bezüglich ihres Gesprächspartners, gegenüber demselben auch als solche auszu- drücken), • Schweigen — Abbruch der Kommunikation (Erfahrung, daß Schweigen als „Verhandlungsmöglichkeit“ einer Unstimmigkeit wirk- sam ist). Tafel 3 Vier diffizile Kommunikationsvarianten der Depressiven (p. 148) 3. „Erfahrungswissenschaftliche“ Studien zur Wirksamkeit der IPT Die Effizienz der IPT wurde bisher in insgesamt 15 klinischen Untersuchungen nachge- wiesen. In diesen Studien wurde sowohl die akute Depressionsbehandlung als auch die Erhaltungsbehandlung (Maintenance treatment) von Depressionen evaluiert. Diese Be- wertungen fundierten zum einen die klinische Praxis der IPT und des weiteren gaben sie profunde Anregungen für die Erprobung neuer Anwendungen der IPT. Die Interpersonelle Psychotherapie wurde in sechs klinischen „Versuchen“ auf ihre al- leinige Wirksamkeit und auf ihre Wirksamkeit im Vergleich bzw. in Kombination mit trizyklischen Antidepressiva getestet. Davon fokussierten drei Studien auf die akute Be- handlung depressiver Patienten, wohingegen sich die übrigen drei auf die Erhaltungsbe- handlung bezogen. Fünf Evaluationen wurden unter Einbezug einer medikamentös be- handelten Vergleichsgruppe depressiver Patienten durchgeführt. Weitere vier Studien zur Wirksamkeit der IPT konzentrierten sich ausschließlich auf die Kombination von IPT und Pharmakotherapie. Aus dieser Aufzählung der klinischen Untersuchungen zur Wirk- samkeit der IPT werden im folgenden zwei aussagekräftige herausgriffen. Die Qualität der Wirkungsweise der IPT bei der Behandlung von Patienten mit akut depressiven Episoden wurde im wesentlichen in der New Haven-Boston Collaborative Study of the Treatment of Acut Depression und im Rahmen des National Institute of Mental Health (NIMH) Treatment of Depression Collaborative Research Program überprüft. Die New Haven-Boston Collaborative Study war die erste kontrollierte Studie zur Ab- schätzung der Effizienz der IPT bei akut Depressiven und wurde 1973 initiiert (vgl. Weissman et al., 1979, p. 555; vgl. auch Klerman & Weissman, 1993, p. 19). In dieser 16 Wochen andauernden Behandlungsstudie mit einer Untersuchungspopulation von 81 am- bulanten depressiven Patienten wurden die IPT und Amitriptylin-Therapie, sowohl jedes Verfahren für sich als auch in Kombination, eingesetzt. Dem Vergleich diente eine Gruppe depressiver Patienten (Kontrollgruppe), auf die mit einem No-name- Psychotherapieverfahren (d.h. einer Behandlungsprozedur ohne spezielle Schulenausrichtung) kurativ eingewirkt wurde. Es zeigte sich, daß die IPT und die Pharmakotherapie gegenüber der Behandlungsmethode der Kontrollgruppe eine höhere Wirksamkeit zeigten. Überdies stellte sich heraus, daß eine Kombination der beiden Behandlungsverfahren (IPT/Amitriptylin) den Einzelanwendungen überlegen ist. Nach dem Ablauf eines Jahres bestätigte eine follow-up-Studie die höchst naheliegenden Vermutungen. Die Patienten, die mit der IPT behandelt wurden – ob in Kombination mit Amitriptylin oder nicht – zeigten ein zweckmäßigeres soziales Verhalten, als die medikamentös oder zur Kontrolle Behandelten. Zudem wurden unter den mit IPT behan- delten Patienten wenige Rückfälle (11–20 %) beobachtet (Weissman, Klerman, Prusoff, Sholomskas & Padian, 1981, p. 53). Das NIMH Treatment of Depression Collaborative Research Program (Elkin et al., 1989) kam zu ähnlichen Resultaten, obgleich das Untersuchungsdesign ein weitaus komplexeres war (vgl. Klerman & Weissman, 1993, p. 20). Im Rahmen dieses multizen- trischen, kontrollierten Versuches wurde die Wirksamkeit von Pharmakotherapie und von zwei Psychotherapien – der Kognitiven Therapie (KT; Beck, 1967) und Interperso- nellen Psychotherapie für Depressionen (IPT; Klerman et al., 1984) – bei der Behandlung einer Gruppe ambulanter depressiver Patienten mit akut depressiven Episoden überprüft. Auch diese Studie erfolgte über einen Zeitraum von 16 Wochen, in denen die 250 Patien- ten durch Randomisierung vier Behandlungsbedingungen unterworfen wurden: KT, IPT, Imipramin, Placebo. Bei einem anschließenden Vergleich der homogenen Patientengrup- pen (Hamilton-Skalenwert ≥ 20) war die IPT in ihren Therapieergebnissen der Placebo- Gruppe signifikant überlegen. In einigen der Ergebnismessungen zeigten statistische Analysen sogar eine Effizienzüberlegenheit der IPT gegenüber der Imipraminbehandlung. Das letzthin erwähnte Resultat wurde bisher zwar eher mit Zweifeln aufgenommen, aber solange keine weiterführenden Studien diese Resultate widerlegen, dürfen wir der NIMH-Evaluation Glauben schenken. Die IPT stellt sich damit als die zur Zeit effektivste Behandlungsprozedur bei diagnostizierter Depression dar. Mögen wir aber noch so optimistisch einen möglicherweise höheren „Professionalisie- rungsgrad der Psychotherapieszene“ (Grawe et al., 1994, S. 528) begünstigt sehen, – vielleicht sogar uns die Einebnung des Weges für eine „zukünftige Allgemeine Psychotherapie“ erhoffen –, derzeit verhält es sich zumindest im deutschen Sprachraum so, daß die IPT „weitgehend unbekannt“ ist und „so gut wie gar nicht praktiziert“ (ebd.) wird. Wir werden aber selbst Grawe et al. nicht abschlagen können, daß die IPT und ihre Weiterentwicklungen längerfristig eine bedeutendere Rolle in der psychotherapeu-tischen Versorgung spielen werden als viele der jetzt noch bestehenden Therapieschulen (ebd.). DRITTER TEIL PSYCHOTHERAPIEFORSCHUNG: IHR PROZESSPARADIGMA UND ANDERE DENKRAHMEN Bisher rechneten wir mit dem faktischen Ablaufen se- rialer Wiederholungen, ohne uns um deren „Warum“ zu bekümmern. Daß in benachbarten Raumbezirken und Zeitabschnitten Gleiches und Ähnliches wiederkehrt, ha- ben wir einfach als Tatsache aufgefunden und hinge- nommen, die jeden „Zufall“ ausschließt oder, vielleicht noch deutlicher, den Zufall derart zur Regel macht, daß sein Begriff aufgehoben erscheint. Paul Kammerer21 Viertes Kapitel Das Prozeßparadigma in der Erforschung des psychothera- peutischen Geschehens (Psychotherapieprozeßforschung) 1. Auf dem Wege… Während der vergangenen 10 Jahre zeichneten sich verschiedene Psychotherapieforscher durch ihr Bemühen aus, das vielschichtige und komplexe psychotherapeutische Gesche- hen auch als ein solches zu verstehen und geeignet zu beforschen (Greenberg & Pinsof, 1986; Orlinsky & Howard, 1986; Rice & Greenberg, 1984 u.v.a.). Das Verlangen nach dieser längst erwarteten Blickwendung drückte sich bereits in den frühen 70er Jahren aus. Ganz in diesem Sinne forderte nämlich Johannes Helm (1972) die „Forschung zur Effektivitätsmessung“ dazu auf, „vielmehr den therapeutischen Prozeß“ (S. 35) zu unter- suchen. Ein Jahr später erschien Donald J. Kieslers (1973) Abhandlung The process of psychotherapy. Dennoch dauerte es weitere 15 Jahre, bis Fragen nach dem „Was?“, „Warum?“ und „Wodurch?“ an die Wirksamkeit der Psychotherapie zielgerichtet gestellt wurden (Czogalik, 1989, S. 9). Die Überwindung der vorzeitig etablierten reduktionistischen Veränderungsmessung (Prä-Post-Vergleich) kann als vollzogen angesehen werden. Alle derartigen Zweipunktmessungen, denen in der Forschungslandschaft heutzutage noch zu begegnen wäre, können als rudimentär und bloßes Überbleibsel einer vergangenen „Epoche“ betrachtet werden. Die Begriffsprägung „Prozeß“ sah sich in dieser Zeit beinahe ebenso gravierenden Wandlungen gegenüber. In der gesprächspsychotherapeutischen Forschungstradition Carl Rogers (Rogers & Dymond, 1954) stehend, deklarierte Kiesler (1973) seine Mehr- punktmessungen noch als Prozeßforschung. Selbstverständlich entnehmen wir nicht nur Richard K. Hertels (1972) Kritik an der „Schein-Prozeßforschung“ (pp. 421 f.; vgl. auch Czogalik, 1989, S. 10),22 die Irrigkeit derartig fehlgehender Überzeugungen. Obgleich sich die Mehrpunktmessungen Kieslers zweifelsohne am Therapieverlauf orientierten, wurde durch eine implizite Einheitlichkeits- oder Uniformitätsannahme das Scheitern dieser Forschungsstrategie vorausbestimmt (Czogalik, 1989, S. 10). Jene Strategien, aufgrund derer es nur darauf ankommt „Variablen aus verschiedenen nach Zufall ausge- wählten Zeitbereichen zusammenzufassen oder zu mitteln, diese Variablen repräsentativ für den Verlauf zu betrachten und weiterzuverarbeiten“ (S. 11), sind jedoch auch heute noch eher übliche Verfahrensweisen und noch oftmals anzutreffen. Unter Nutzung der Begriffskreation von Reiner Bastine, Peter Fiedler und Detlev Kommer (1989) können wir diese Strategie der TypA-Prozeßforschung zuordnen. Auf diesen „Prototyp der Pro- zeßforschung“ (S. 6) und sein Pendant (TypB-Prozeßforschung) werde ich später noch zurückkommen (s. DA-S. 35). Im Grunde vermag allein schon diese historische Miniatur zu begründen, warum das Bestreben überhaupt erstarken konnte, jener bislang eher üblichen „methodologischen Strategie“ (Bastine et al., 1989, S. 7) eine weitreichendere gegenüberzustellen. Es blieb aber nicht bei einer bloßen methodologischen Strategie. Im Laufe der fortschreitenden Vertiefung dieses neuen wissenschaftlichen „Vorgehensplanes“ erfolgte eine imposante Umdefinition in ein neues Forschungsparadigma. Es oblag diesem Paradigma als eine Conditio sine qua non, daß der Prozeßcharakter komplex verknüpfter Geschehnisse spezifiziert wird,– kurz, das Prozeßparadigma. Seit den ausführlichen Erklärungen Tho- mas S. Kuhns (1962/1970) wissen wir auch warum neue “paradigms” wichtig sein kön- nen, – da sie nämlich in der Tat “guide research by direct modeling as well as through abstracted rules” (p. 47). 2. Forschung und Praxis der Psychotherapie – Eine historische Vignette Der Spielraum zwischen pragmatischen und forschungswissenschaftlichen Bemühungen im Bereich der Psychotherapie ist zu weitabständig (vgl. auch Bastine, 1990, S. 214; Czogalik, 1989, S. 3). Zu diesem Faktum gäbe es gewiß auch an dieser Stelle nichts spektakulär Neues zu sagen. Klaus Grawe (1982) verdichtete diese Praxisuntauglichkeit der bisherigen Psychotherapieforschung auf ein bejammernswertes Armutszeugnis. Er erkenne, daß die Resultate der Psychotherapieforschung in Übermaßen von „bemerkenswerter Irrelevanz für die psychotherapeutische Praxis“ (S. 330) durchzogen seien. Sicherlich ließen sich solcherart Erweiterungen auch unkritisch auf andere Wissen- schaftsbereiche übertragen, die ihre praxisrelevanten und evaluativen Intentionen ad ho- minem verstanden wissen wollen (Czogalik, 1989, S. 3). Doch wäre es gerade an dieser Stelle sinnvoll zu fragen, wie zweckmäßig diese Polemik faktischer Realitäten für die weitere Forschung sein kann. Grawes zutreffende, wenn auch zu übereifrig formulierte Kritik soll jedoch ganz und gar nicht abgeschwächt werden. Wie sich gleich zeigen wird, hätte die Kritik sogar noch polemischer ausfallen können, obschon sich diese Variation wohl als noch unnützer erwiesen hätte. Wenn wir unser Augenmerk auf die „Anfänge“ der Psychotherapieforschung legen, so bemerken wir zur heutigen Psychotherapieforschung eine wesentlich größere Ähnlichkeit als anderswann. Schon in der Mitte der 40er Jahren wurde der Therapieverlauf als theo- retisch-konzeptueller Fokus untersucht. In dieser Weise erkundete William U. Snyder (1945) in seiner Investigation of the nature of non-directive psychotherapy den Verlauf von insgesamt 48 Psychotherapien (p. 197). Dabei dachte er die „Seelenbehandlung“ bereits als “therapeutic process” (p. 194) oder als “treatment process” (p. 195). Auch wenn er nur konstatieren durfte, daß “four of the cases are analyzed completely” (p. 196), darf sein Forschungsunternehmen angesichts derzeitiger Aktivitäten als sehr sorg- fältig gewürdigt werden. Dieser Forschungsaufwand (komplette Fallanalyse) wird heute- zutage nämlich leiderdings immer sehr geschickt umgangen. Als Ausnahmefälle kennen wir allenfalls mehrebenenanalytische Studien von Dietmar Czogalik (1989), in denen solchein „Forschungsmehraufwand“ geradezu provokatorisch „in Kauf genommen“ wurde. Diese „losen“ Behauptungen werden später ausführlicher begründet. Entgegen allen Vermutungen treffen wir aber natürlich schon viel früher auf erste Effektivitätsstu- dien. Es sei nur allein an die Arbeiten am Berliner Psychoanalytischen Institut erinnert. Diesen von 1920 bis 1930 andauernden Untersuchungen jedoch, über die – nebenbei bemerkt – Otto Fenichel (1930) ausführlich berichtete, sollte aufgrund ihrer besonderen methodischen Ansprüche und Ausarbeitungen keine weitere Aufmerksamkeit zuteil wer- den. Übrigens standen die frühen 50er Jahre der Psychotherapieforschung noch unter einem ganz anderen Signum modificationis. Eigentlich eher fern von Rabulistik propagierte nämlich Hans Jürgen Eysenck (1952) seine häretisch-ketzerische These gegen alles Blendwerk der Behandlungsresultate in der Psychotherapie. In seinem Sammelreferat von insgesamt 19 Psychotherapie-Outcome-Studien konfigurierte die Gesundungsrate neurotischer Patienten (Psychoanalyse, 44 %; Eklektische Therapie, 64 %; allgemeiner Arzt, 72 %) ein derartiges Bild, daß es den Anschein nahm “to be an inverse correlation between recovery and psychotherapy; the more psychotherapy, the smaller the recovery state” (p. 322). Seine letzliche Argumentationslinie stützte Eysenck darauf, daß zwei Drittel der neurotischen Patienten innerhalb von zwei Jahren (nach der Indizierung der „neurotischen Störung“, was sicher ein Problem für sich darstellt) einen verbesserten oder gesunden seelischen Zustand vorwiesen, gleichviel ob “they are treated by means of psychotherapy or not” (p. 322). Allerdings traf Eysenck die Forschungsperspektive schon an einer ihrer empfindsamen Stellen, allein da er eben behauptete, die Behand- lungserfolge ließen sich auch durch spontane Remissionen erklären. Diese Provokation Eysencks war selbstverständlich genügender Anlaß für die Psycho- therapieforschung sich aus ihrem Statu degratationis wegzubewegen. Und wenn von die- ser wachsenden Veränderungsbereitschaft die Rede sein konnte, so darum, weil die bis dahin nur in der Vorstellung mancher Forscher existierenden hohen methodischen Maß- stäbe zukünftig anzulegen wären (vgl. auch Bergin, 1971; Bergin & Lambert, 1978). Die Wirksamkeit eines Behandlungsverfahrens könne somit nur noch an einer repräsentativen großen Stichprobe nachgewiesen werden und überdies müßten die erhaltenen Resultate einem Vergleich mit einer Kontrollgruppe standhalten (Baumann, Hecht & Mackinger, 1984, S. 4; s.a. Fiedler, 1987, S. 1055 f.; Grawe, 1982, S. 327). Mittlerweile konnte natürlich gezeigt werden, daß sich hinter Eysencks Kritik nur eine Kolportage verbarg (vgl. Bergin, 1971; Luborsky, Singer & Luborsky, 1975; Meltzoff & Kornreich, 1970; Rachman, 1971; Shapiro & Shapiro, 1982; Smith, Glass & Miller, 1980 u.a.). Anderer- seits soll hier die Vermutung angestellt werden, daß Eysenck ein „kritischer Geist“ par excellence ist, wenn er doch selbst 1978 noch Smith’ Strategie der Metaanalyse als “an exercise in mega-silliness” (zitiert nach Fricke & Treinies, 1985, S. 17) verachtete. Fred H. Borgen (1984) bemerkte dazu nur kühl: “We need more such productive controver- sies.” (p. 593). Eine evaluative Analysestudie nach mehr als 25 Jahren Eysencks (1952) „übler Nachrede“ wußte sowohl gute als auch schlechte Nachrichten zu erörtern. Mary Lee Smith, Gene V. Glass und Thomas I. Miller (1980) führten diese „meta-analysis“ (Glass, 1976)23 an über 475 kontrollierten Psychotherapie-Effektstudien durch. Ingesamt 1766 Effektstärken wurden mit einem Mittelwert von 0.85 (s=0.03) ermittelt. Die Mit- telwertsdifferenz ( x _ =0.85) zwischen den Gruppen (“psychotherapy of any type and un- treated control groups”) drückte sich mit einer „durchschnittlichen“ Standardabweichung ebenfalls nahe eins aus (p. 87). Smith et al. formulierten schließlich auch die implizite Vermutung, daß “it seems to result more from what kinds of clients and problems are treated in therapies of different length than from some intrinsic relationship between the length of therapy and its benefits” (p. 115). Sie konnten mit Sicherheit bestätigen, daß die Charakteristik einer Therapie eine überraschend geringe Beziehung zur Größe des Effekts aufweist, daß Individual- und Gruppentherapie (sowie deren Kombination) sich als gleich effizient darstellen, daß die Dauer der Therapie keine Beziehung zur gemesse- nen Effektivität aufweist und darüberhinaus, daß “the experience of the therapists was unrelated to therapeutic effectiveness” (p. 126). Die abschließende „positive“ Nachricht lautete aber: In jenen Abschnitt der Forschung fielen denn auch größtenteils globale Effektivitätsnachweise, was mittlerweile aber als längst ausgeschöpft oder abgeschlossen betrachtet werden kann (Bastine, 1989, S. 4; vgl. Grawe & Caspar, 1984; vgl. auch Luborsky, Singer & Luborsky, 1975). Im letzten Abschnitt der 60er Jahre verklausulierte Kiesler (1969) ein Gittermodell für die Psychotherapieforschung. Kieslers Diktum vom „Uniformitätsmythos“24 erbot sich dabei als hilfreiche Kritikschablone. Er kam nicht umhin zu beharren, daß “we must more away from the completely general event” (p. 123). Damit ist insbesondere die Nutzlosig- keit der Fokussierung von Uniformitätsannahmen gemeint, denn: “‘the psychotherapy’ (therapist uniformity assumption) with ‘the patient’ (patient uniformity assumption) lead- ing to ‘the therapeutic change’ (outcome uniformity assumption)” (1966, p. 113, zitiert nach Kiesler, 1969, p. 123). Bereits 1966 empfahl Kiesler, diese “uniformity myths” zu begraben. Eine der folgerichtigen Konsequenzen wäre die Klärung nach der „Passung“ von Therapeut und Patient (d. h. “which therapist behavior are more effective with which type of patients”). Eine andere zu ziehende Schlußfolgerung wäre die Verwendung von “factorial designs”, wobei “different types of patients are assigned to different types of therapists and/or therapy” (ebd.). Mit der Konzipierung des Gittermodells (grid model) versuchte Kiesler (1969) nun neue Maßstäbe zu setzen. Für ihn war Anlaß genug, daß die “inexplicit systems” der Therapeuten vieles offen lassen, denn “it is not very clear what one means by ‘obsessive-compulsive,’ ‘paranoid schizophrenic,’ or ‘sociopath’” (p. 136). Was wir brauchen wäre nach Kiesler nicht “a theory of psychotherapy”, sondern “a few theories” (ebd.). Somit könnten die “multidimensions of therapist activity are specified explicitly as are the in-therapy and concurrent or subsequent extra-therapy changes on patient behavior” (ebd.), das im jeweiligen Fall beobachtet werden kann. Diese Aussage hat heute ganz gewiß nichts wunschbildhaftes mehr an sich, indes scheint uns Kieslers Konstatierung heute eher als anachronistisch und als Forschungsstra- tegie nicht mehr angemessen. Diese zurückliegenden 30 Forschungsjahre wurden zurecht kritisch bilanziert (Baumann et al., 1984, S. 5) und ihr vexatorischer Verbund zur psy- chotherapeutischen Praxis offengelegt; und was überhaupt offengelegt werden konnte ist eigentlich eher unrühmlich und daher kaum erwähnenswert. Damit schließt sich auch Psychotherapy is beneficial, consistently so and in many different ways. Its benefits are on a par with other expensive and ambitious interventions, such as schooling and medicine. The benefits of psychotherapy are not permanent, but then little is. (p. 183) schon der vermeintliche Kreis zu der obigen Problematisierung Grawes (1982), denn auch Urs Baumann, Christoph Hecht und Herbert Mackinger (1984) konnten nicht wortlos daran vorübergehen, daß die Psychtherapieforschung „die Psychotherapiepraxis wenig bis teilweise gar nicht beeinflußt“ hat (S. 5 f.). Natürlich wäre es ein Vorwitz an einen hermetischen Zauber Kieslers (1966) Mythos’ zu glauben, andererseits wiesen verschiedene „jüngere“ Forschungsergebnisse darauf hin, daß sich ein neuer Mythos zu bilden droht. Mag es die Eröffnung einer Rechtfertigungsmöglichkeit sein, mag sich damit sogar eine Erklärungsweise für die Zerklüftung der Forschung-Praxis-Landschaft der Psychotherapie bieten. Dieser neue Mythos – wenn es tatsächlich einer ist! – veran- laßt den Glauben an eine scheinbare Nivellierung der Unterschiede zwischen den Thera- pieschulen. Es handelt sich um den Mythos der Ergebnisgleichheit verschiedener Thera- piemethoden (Grawe, 1989, S. 32). Volker Tschuschke und Dietmar Czogalik (1990) wiesen den wirklichen „Ausweg der Fliege aus dem Fliegenglas“25, indem sie erklärten, daß es not tue „Erkenntnisse über die tatsächlichen Veränderungsmechanismen im Pro- zeß der ablaufenden Therapie und nicht wunderschöne Ausführungen therapeutischer Schulen“ in das Zentrum psychotherapeutischen Forschungsinteresses zu stellen (S. 411 f.). Somit würden auch Grawes (1982) Worte nicht zum Überdruß gereichen, als er be- hauptete, daß „dabei eine stärkere Integration von methodisch anspruchsvoller, und damit aufwendiger Therapieforschung und klinischer Versorgungspraxis“ (S. 331) ins Auge gefaßt werden sollte. Die folgenden Erörterungen werden einprägsam zeigen, wie eine solche neue methodo- logische Perspektive oder „TypB-Prozeßforschung“ (Bastine et al., 1989, S. 7) aussieht und was sie in dem betreffenden Nexus anstrebt. 3. Die Greenberg-Heuristik Die Umorientierung der Psychotherapieforschung zu einer paradigmatisch neuen Aus- richtung hin, läßt sich größtenteils auf ihr Eingeständnis zurückführen, daß sie “has lacked descriptive and explanatory power” (Greenberg, 1983, p. 170). Wenngleich Leslie S. Greenberg der Effektivitätsforschung im gleichen Atemzug zugestand, daß sie im- merhin “has provided some general, predictiv statements of efficacy” (ebd.), ist wohl nicht darüber hinwegzutäuschen, daß damit noch nicht alles gesagt ist. Die Effektivitäts- forschung, die bekanntermaßen nur daran interessiert war zu zeigen, daß sich etwas ver- ändert hat, ist heute nicht nur als zeitlich überholt, sondern ganz klar als unzureichend anzusehen. Unzureichend deshalb, weil sich im Falle ihrer reduktionistischen Vor- her/Nachher-Strategie nur von einer Globalbewertung sprechen läßt. Unzureichend auch, weil – aufgrund dieser strategischen Fixiertheit – nur eine mangelhafte Informa-tionsaus- schöpfung erfolgen konnte, was sich wiederum in einer Verallgemeinerung über die Zeit ausdrückte (Czogalik, 1989, S. 12). Nach relativ kurzer Zeit weiterer intensiver Forschung machte Greenberg (1986) noch auf einen anderen Mangel aufmerksam. Greenberg konfrontierte, daß ein Hauptproblem der Psychotherapieforschung darin bestehe, daß sie die “attention to context” zu sehr vernachlässige (p. 4). Denn nur über eine Segmentierung der Therapie in verschiedene therapeutische Episoden und Ereignisse könne der psychotherapeutische Prozeß im Kontext klinisch bedeutsamer Einheiten verstanden werden (ebd.). Greenberg fundierte weiterhin, daß diese bedeutungshaften Einheiten nicht gleichgewichtet seien, sondern vielmehr in einer hierarchischen Mehrebenenstruktur (hierarchical model)26 vorzustellen wären. Mit Hilfe einer „Finde“-Strategie, d. h. eines heuristischen Planes, besteht die Möglichkeit einzelne Analyseeinheiten und Bedeutungsebenen kenntlich zu machen und damit zu einem besseren Verständnis der psychotherapeutischen Interaktionen zu führen. Natürlich impliziert „hierarchisch“ bereits, daß sowohl notwendige als auch hinreichende Verknüpfungen zwischen den einzelnen Strukturebenen existieren. Es ist längst kein Ge- heimnis mehr, daß in hierarchischen Anordnungen manche Ebenen für andere notwen- dige Vorraussetzungen darstellen, aber ebenso der gleiche Verhaltensakt auf der einen Ebene in einem anderen Kontext – also auf einer anderen Ebene – eine ganz andere Bedeutung haben kann. Für die Psychotherapieforschung seien – wie uns Greenberg weiter wissen läßt – in toto drei Ebenen von Interesse: Die Sprechakte, die Episode und die Beziehung (p. 5). Während das, was die eine Person zur anderen sagt bzw. sich ihr gegenüber verhält “help in understanding the meaning of the speech act such as depth of experience, voice quality, speech duration and silence” (ebd.), werden die Episoden als “communicative routines” (Gumperz, 1972, p. 17, zitiert nach Greenberg, 1986, p. 5) angesehen. Um die Episoden prägnant umschreiben zu können, nahm Greenberg Anleihen bei John J. Gumperz, der erklärte, daß “communicative routines which new as distinct wholes,…characterize by special rules of speech and nonverbal behavior” (ebd.). Auf der Beziehungsebene würden schließlich Qualitäten beschreibbar, die von den Personen beim Eingehen einer Beziehung derselben beigemessen würden. Wie die Darstellung Greenbergs Ansatzes deutlich gemacht haben dürfte, geht es in dieser speziellen Forschungsorientierung der „veränderungsrelevanten Episoden“ (Bastine et al., 1989, S. 10) darum, “(a) specifying immediate outcome in the session and (b) measuring those in-session processes that lead to this change” (Greenberg, 1986, p. 4). Greenberg spricht in diesem Falle von “meaningful episodes”, wobei Czogalik (1989) sehr viel spezifizierter von „der einzelnen Aussage, des Satzes, des Sprecherwechsels, des Themenwechsels“ (S. 16 f.) als bedeutungsrelevanter Einheiten spricht. 4. Strategien der Psychotherapieprozeßforschung In den Aufgabenbereichen der Prozeßforschung werden drei Strategien voneinander un- terschieden: •Die Episoden, •die Therapiephasen und •die stochastischen Modelle. Das Konzept der „veränderungsrelevanten Episoden“ und das der „veränderungsbedeutsamen Therapiesitzungen“ können aus Gründen der Zweckmäßig- keit in abstracto zu „veränderungsrelevanten Ereignissen“ (Czogalik, 1989, S. 17) zu- sammengeführt werden. In Verhältnissen der Dimensionalität gedacht, können wir die „veränderungsrelevanten Episoden“ als eine kleinere Untersuchungseinheit wenn nicht gar als Spezialfall dieser Abstraktion begreifen. Ebendiese Abstraktion können wir mit Czogalik kurz charakterisieren als „Zeitabschnitte, in denen bedeutsame Veränderungs- prozesse zu beobachten bzw. zu vermuten sind“ (ebd.). Die Beschreibung von Verände- rungsprozessen auf der Stundenebene ist eine spezielle Forschungsstrategie, die sich darauf beschränkt, einen Sitzungsverlauf als Zeiteinheit in Begriffen von “good-/bad- sessions” (Orlinsky & Howard, 1975), „wichtige/wenig wichtige“ (Bastine et al., 1989) oder auch „die gute Stunde“ (Bechtinger-Czogalik, 1988, unveröff. Manuskript [Vortrag]) zu charakterisieren. Eine andere Forschungsorientierung könnte den psycho- therapeutischen Prozess nach „psychotherapeutischen Phasen“ (Bastine et al., 1989, S. 11), also deutlich „gröberen Zeitrastern“ (Czogalik, 1989, S. 17) unterscheiden. Ge- wöhnlich werden bei der Verfolgung dieses Interesses „Entwicklungsphasen“ einerseits bezüglich der erfolgten Veränderung auf Seiten des Patienten und andererseits hinsicht- lich der therapeutischen Methodik in Konfundierung mit den „normativ vorgegebenen Phasen“ (Bastine et al., 1989, S. 12) der jeweiligen Therapierichtungen eine besondere Rolle spielen. Die „veränderungsrelevantes Ereignis“-Methode (Czogalik, 1989, S. 17) oder dem “event recording” (“may provide a realistic way of segmenting behavior”, Bakeman & Gottman, 1986, p. 68) steht eine zutiefst partitionierende For- schungsmethode gegenüber. Jene andere Methode, das “time sampling” (p. 7), zielt auf eine formale Einteilung des Therapiestundengeschehens in gleichgroße Zeiteinheiten ab. Roger Bakeman und John M. Gottman umrissen in sparsamer Formulierung: “Repeated noncontiguous brief periods of time are sampled, and something about them is recor- ded.” (p. 64). Diese Zeitintervalle werden unter der Berücksichtigung spezieller Beobachtungskategorien bewertet und erhalten dadurch eine bestimmte Zuschreibung. Die „Sequentielle Plananalyse“ (SPA, Richter, Schiepek, Köhler & Schütz, in Druck) bedient sich eines solchen Vorgehens und auch die Mehrebenenstrategie legt eine ähnli- che Untersuchungsmethodik zugrunde. Letztere Forschungsstrategie, die z. T. bei der Datenanalyse der vorliegenden Diplomarbeit Anwendung finden wird, verfolgt eine Time-sampling-Methodik, die eher kommunikationstheoretisch-inhaltlich und sprach- formal, denn methodal-formal ausgerichtet ist. Das bedeutet nichts geringeres, als daß – mit Blick auf die Sprecherwechsel – der Zeitabschnitt einer einzelnen Aussage als Analyseeinheit dienen kann. Dieses Kriterium für die Zeiteinteilung wurde erstmalig von James W. Lichtenberg und Thomas I. Hummel (1976, p. 20) erprobt (s. DA-S. 65). Die Idee, stochastische Modelle als eine Strategie der Psychotherapieprozeßforschung zu verwenden, stammt zwar ursprünglich von Hertel (1972), wurde aber in den letzten Jahren von Czogalik (1983, 1988, 1989, 1990 u.a.m.) extensiv fortgeführt. Czogalik (1989) machte darauf aufmerksam, daß sich eine Beschreibung sozialer Erscheinungen mit stochastischen Modellen vor allem darauf beziehe, „daß zukünftige Entwicklungen nicht mit Sicherheit voraussagbar sind“ (S. 19). Als Analysemethode schlägt Czogalik die Markowschen Ketten – auch als „Markoff-Ketten“ bekannt – vor, die bereits von Theo- dore W. Anderson (1955) zur Analyse der Veränderung des Wählerverhaltens verwendet wurde (vgl. auch Czogalik & Hettinger, 1990, S. 19). Die Markowschen Ketten – die von dem Leningrader Mathematiker Andrei A. Markow (* 1903) beschrieben wurden – bezeichnen stochastische Prozesse, „in denen die von der Zeit t abhängige Zufallsgröße X(t) nur ganzzahlige Werte annimmt“ (Meyers Lexikon, Bd. 9, 1974, S. 145). Markowsche Ketten können sowohl mit stetiger Zeit (d. h. lückenloser Aufeinanderfolge) als auch mit diskreter Zeit (d. h. nicht zusammenhängend) beschrieben werden können. Zur Beschreibung der therapeutischen Interaktion als stochastischem Prozeß wird „der zeitliche sequentielle Ablauf der Therapeuten- und Klienten- äußerungen…als Abfolge von Zufallsvariablen betrachtet“ (Czogalik, 1983, S. 174). Die Besonderheiten dabei sind zum einen, daß die Wahrscheinlichkeit eines einzutreffenden Ereignisses aufgrund der vorhergegangenen Ereignisse prädiktiv bestimmt werden kann und zum anderen, daß die gesamte Anzahl ebendieser zurückreichenden Kettenglieder (d.h. der vorhergegangenen Ereignisse) den Ordnungsgrad der Markowschen Kette be- stimmen (z. B. Markoff-Kette erster Ordnung; ~ zweiter Ordnung;…; ~ siebenter Ordnung usf.). Obgleich „Markowsche Ketten“ oftmals synonym für „Markowsche Prozesse“ verwendet werden, möchte ich nicht verabsäumen darauf hingewiesen zu haben, daß die Zufallsvariable bei Markowschen Prozessen nicht nur ganzzahlige Werte, sondern jeden Wert aus dem Intervall annehmen kann. Czogalik (1989) gibt uns ein anschauliches Beispiel: Wenn wir uns die Analyse von vollständigen Sprechbeiträgen vorstellen, denen jeweils eine von vier verfügbaren Kategorien (z. B. persönlich, deskrip- tiv, kognitiv oder direktiv) zugeordnet wird (S. 20), so müßten diese Kategorien als disjunkt und ausschöpfend bezeichenbar sein. Im Idealfall – so heißt es bei Czogalik weiter – seien sie darüberhinaus sparsam (d. h. kleine Kategorien), relevant und sequentiell verkettet (i. S. der seriellen Wahrscheinlichkeitsrelation) (S. 21). 5. Streberichtungen in einem neuen Denkmuster Die Streberichtung der Prozeßforschung zeigt sich zunehmend einer „dynamischen Be- trachtungsweise“ (Richter et al., in Druck) verpflichtet. Die Psychotherapie kann somit angemessenerweise als differenzierter und strukturierter Gesamtprozeß begriffen, be- schrieben und analysiert werden (vgl. Grawe, 1992, S. 153). Anders als Grawe unter- schieden Bastine et al. (1989) eine „TypA-“ von einer „TypB-Prozeßforschung“. Damit scheint auch Hertels (1972) Akzentuierung von “the notion of process seems…more as a metaphor” (p. 421) uninteressanter zu werden, da – laut Bastine et al. (1989) – diese „Schein“-Prozeßstudien unter die TypA-Prozeßforschung fielen. Hertels „Ahndung“ ver- liert aber keineswegs an Berechtigung. Vereinzelt werden selbst nach dieser Persiflage noch Studien unter dem Deckmantel „Prozeß“ vorgestellt, die nicht einmal den TypA- Kriterien Bastines entsprechen (s. DA-S. ). Die Sekundäranalyse von David E. Orlinsky und Kenneth I. Howard (1986), in der die Zusammenhänge zwischen psychothera- peutischen Prozeßmerkmalen und Behandlungsresultaten fokussiert wurden, erfolgte auch auf der Grundlage des kausalen Vorverständnisses der TypA-Prozeßforschung (Bastine et al., 1989, S. 7). Orlinsky und Howard hatten für dieses Sammelreferat (review) alle Veröffentlichungen von Untersuchungen genannter Orientierung bis zum Jahr 1984 aufgesucht – im ganzen über 1100 – und daran den Anspruch einer Dokumen- tation, Analyse und Synthese bezüglich der Prozeß- und Ergebnisvariablen einer psycho- therapeutischen Behandlung gestellt. Die einzelnen Untersuchungsergebnisse sollen hier nicht weiter interessieren, nur soviel: Das Grunverständnis der beiden Psychotherapiefor- scher war “an empirically based ‘generic’ understanding of psychotherapy” (pp. 312 f.). Auf ihre eher utilitaristische Frage, “What is ‘effectively therapeutic’ about psychothe- rapy?”, konnten sie mit fünf Wirkvariablen antworten: “(1) The patient’s and therapist’s therapeutic bond… (2) Certain therapeutic interventions… (3) Patient’s and therapist’s focusing their interventions on the patient’s feelings… (4) Preparing the patient adequa- tely for participation in therapy… (5) Within certain limits, having more rather than less therapy is effectively therapeutic” (p. 371). Soweit zum inhaltlichen Vorgehen. Sobald wir uns aber der methodischen Strategie Orlinsky und Howards Studie nähern, wird es wahrlich heikel. Reviews galten schon 10 Jahre vor der Veröffentlichung von Orlinsky und Howards Analyse als tendentiell enorm fehlerbehaftet. Natürlich ist ein Review „eine Übersicht, welche sowohl die Ergebnisse der einzelnen Studien darstellt als auch eine Theorie anbietet“ (Fricke & Treinies, 1985, S. 12), Orlinsky und Howards Sammelreferat erfüllt die beiden Forderungen – obenhin betrachtet – sehr gewissenhaft. Doch von Gregg B. Jackson (1980) mußte im Rahmen einer exemplarischen Analyse von 36 Reviews bemängelt werden, daß 80 % aller Autoren unter anderem nur grobe Klassi- fizierungen der Ergebnisse benutzten, wie z. B. „signifikant/nicht signifikant“ (p. 445). Jackson forderte unmißverständlich: “A good review of such research should explore the reasons for the differences in the results and determine what the body of research, taken as a whole, reveal and does not reveal about topic” (p. 439). Als Kompromiß zu dieser anspruchsvollen Forderung schlug Jackson vor, die klare Unterscheidung von “significant positive findings, nonsignificant positive findings, nonsignificant negative findings, and significant negative findings” (p. 446) zur Dokumentation und Analyse zu verwenden. Insbesondere wenn die „Werteanzahl“ (Populationsgröße) der Primärstudien sehr groß ist kann eine Schlußfolgerung erfolgen, daß Unterschiede exisieren, wobei es sich tat- sächlich aber nur um geringe Abweichungen größer/kleiner Null handelt. “This conclu- sion would not be incorrect, but it would be unimportant” (p. 448). Abschließend kann festgehalten werden, daß die aufwendige Untersuchung von Orlinsky und Howard einen hohen Wert für die Theorieentwicklung besitzt, methodisch jedoch einige Schwächen aufweist. Das Dynamische der psychotherapeutischen Situation, worauf die „neue“ Forschungs- orientierung am Prozeß ausgerichtet ist, wurde von zwei Seiten her konzeptualisiert. Zum einen als „holarchische Ordnung“ (Koestler, 1978/1989, S. 46; i. S. Grawes, 1992, S. 154) und zum anderen als strategische Zweiheit von TypA- und TypB-Prozeß- forschung. Unter der TypA-Prozeßforschung treten „repräsentative und überdauernde Indikatoren des Behandlungsprozesses“ (Bastine et al., 1989, S. 7) in den Vordergrund, wobei im Rahmen der TypB-Strategie die Therapiesituation als „sequentieller und nicht in sich einheitlicher Behandlungsablauf“ (ebd.) betrachtet wird. Somit können wir nun auch den Prozeßbegriff und die Lokalisationsreferenzen der Psy- chotherapieforschung treffsicher formulieren. Von einem Prozeß, als Entwicklung oder zeitlicher Verlauf verstanden, wird angenommen, daß er sich zielgerichtet auf einen be- stimmten Zustand hinbewegt. Wie die letzten Erörterungen ebenfalls vermuten ließen, handelt es sich bei dem psychotherapeutischen Prozeß ganz und gar nicht um einen „kontinuierlich wirkenden Veränderungsprozeß“ (S. 5),– vielmehr kann er als „intendierte, interaktionell und intrapsychisch regulierte Veränderung in der Zeit“ (Czogalik, persönl. Mitteilung, 11.04.94) verstanden werden. Grawe würdigte unter den verschiedenen Ansätzen, die sich verschiedentlich bemühten eine verlaufsorientierte Prozeßmethodik zu exemplarisieren, insbesondere Czogaliks (1989) empirisch fundiertes klinisch-sozialpsychologisches Prozeßmodell. Diese Untersuchungsstrategie führte in ihrer Erprobung deutlich vor Augen, daß „umfangreiche Prozeß- und Veränderungsmessungen auf der Basis einer elaborierten klinischen Fallkonzeption in einem Gesamtzusammenhang“ (Grawe, 1992, S. 154) interpretiert werden müssen. Abschließend bliebe nur noch einmal zu bekräftigen, daß wir das psychotherapeutische Geschehnis als ein sehr komplexes, feinvernetztes, multidimensionales und multimethodal zu beforschendes begreifen lernen müssen. Wie alle sich selbstorganisierenden Systeme, ist auch die beziehungskonsensuelle Therapeut-Patient-Zusammenarbeit durch eine ei- gene Form von Determinismus (Zusammenhänge in zeitlichen Verläufen nicht in Form mechanisch-kausaler Gesetze beschreibbar), Komplexität (uneindeutige Vorhersagbarkeit der Systeme), Redundanz (Gestaltung und Lenkung des Systems kann aus Teilsystemen heraus erfolgen), Selbstreferentialität (jedes Verhalten wirkt auf sich selbst zurück und wird Ausgangspunkt weiteren Verhaltens) und Autonomie (Selbstgestaltung; Koevolu- tion von System und Umwelt im Rahmen der Selbstorganisation) gekennzeichnet (Wolfgang Frindte, persönl. Mitteilung, 04.02.93). Auch Günter Schiepek (1994) ge- stand zu, daß im „Arbeitsfeld der Psychotherapie“ einige Merkmale von Dynamik, Or- ganisation und Komplexität beeindrucken würden (S. 78). Dabei hatte er insbesondere die individuellen psychischen Strukturen von Therapeut und Klient, sowie deren Interaktionsdynamik im engeren Blickfeld (ebd.). 6. Mehrebenenanalyse und die Sequentielle Plananalyse (SPA) Die folgenden Erörterungen werden zunächst das Grundanliegen und die logischen Be- gründungen einer Mehrebenen-Prozeßforschung konkretisieren, um unmittelbar darauf die zugrunde liegende Denkweise der Sequentiellen Plananalyse (SPA) transparent wer- den zu lassen und deren paradigmatischen Wissenschaftshorizont zu konturieren. Da die besondere soziale Situation „Psychotherapie“ nur als ein komplexer, kognitiver, emotionaler, behavioraler und sozialer Veränderungsprozeß in einem interpersonalen Kontext augefaßt werden kann (Reinecker, 1984, S. 160), ist diese Konfiguration auch nur mit sehr zeit- und veränderungssensiblen Meßinstrumenten zu eruieren (Czogalik, 1989, S. 13). Es besteht wohl kaum mehr ein Zweifel darüber, daß die „spezifischen Zeitstrukturen von Therapieprozessen“ (Richter et al., in Druck) und ihre „Vernetztheit“ (Fiedler, 1987, S. 1061) nur noch über multimethodale Strategien der Psychotherapie- prozeßforschung der Erfassung zugänglich gemacht werden können. Jochen Fahrenberg (1982) schlug das Konzept der Mehrebenen-Prozeßforschung vor, durch welches ver- schiedenste Veränderungen mit Hilfe „einander ergänzender Methoden auf mehreren Ebenen“ sinnvoll erfaßt und statistisch bearbeitet werden können (1984, S. 198). Fahrenberg (1984) legte diesem Analysekonzept die Denk- und Verfahrensweisen der Zeitreihenanalyse und Prozeßforschung zugrunde. Durch zeitreihenanalytische Methoden wird die stochastische Struktur von Merkmalsveränderungen beschreibbar und die Pro- zeßforschung – so ruft uns Fahrenberg weiterhin in Erinnerung – indiziere jene komple- xen Zusammenhänge, die solchen Zeitreihen zugrunde lägen (S. 200). Speziell auf einige Aspekte des psychotherapeutischen Geschehens bezogen, können wir mit Czogalik (1989) die Mehrebenenanalyse als ein Vorgehen betrachten, bei dem Variablen oder Meßwerte aus mehreren Beurteilungs-, Verhaltens- und Erlebensebenen erhoben werden, „um sie in ihrer wechselseitigen Verschränktheit“ zu analysieren (S. 13). Die genannten Ebenen werden dabei als eigenständige Ereignisbereiche klassifiziert und als voneinander unabhängig betrachtet (S. 97). Hinter alledem steht die Vermutung, daß über die Ebenen hinweg spezielle Kovariationen und Zuordnungen deutlich werden. Bei diesen Zuord- nungen handelt es sich aber im Grunde um nichts anderes, als um verdichtete Variablen- mengen der strukturellen Merkmale des Interaktionsverhaltens, kurz, die Interaktionsstile (S. 13). Czogalik unterschied folgende Schätzebenen: • Fremdbeurteilung, • Selbstbeurteilung, • objektives Sprechgeschehen und • klinisches Urteil (ebd.). Im Rahmen des Mehrebenenanalyse-Konzeptes von Verhaltensabläufen spielt die Idee der „Moderatorvariable“ („moderator variables“, Saunders, 1956, p. 209) eine hervorra- gende Rolle. David R. Saunders setzte diesbezüglich voraus: “the basic parameters not membership in some group, but score on some countinuous variable” (ebd.). Bestimmte Variablen üben auf die Bedeutsamkeit und die „Stärke“ der Beziehung zweier oder meh- rerer anderer Verhaltensvariablen einen nachweisbaren Einfluß aus. Man könnte auch sagen, daß die prognostische und differentielle Bedeutsamkeit einer Verhaltensvariablen durch andere Variablen moderiert wird. Unter dieser Vorannahme strebt die Mehrebe- nenanalyse eine „komplementär-konvergente Beschreibung“ (Czogalik, 1989, S. 97) be- obachtbarer Phänomene an. Die Phänomene der psychotherapeutischen Interaktion können aber natürlich auch von einer ganz anderen Richtung herkommend konzeptualisiert und beforscht werden. Eine neuere Orientierung, die sowohl als Konzept als auch als Instrument zukünftigen An- spruch erhebt, ist in der „Sequentiellen Plananalyse“ (SPA) zu sehen. Die Sequentielle Plananalyse kann als ein ideografisches Vorgehen charakterisiert werden. Sie ist darauf ausgerichtet, verschiedene therapeutisch relevante Informationen über die Art und das Verlaufsmuster der interaktionellen Pläne von Patient und Therapeut zu erbringen. Die SPA wurde, – auf einer Idee Schiepeks (1991) basierend – von Klaus Richter, Günter Schiepek, Monika Köhler und Astrid Schütz (in Druck) entwickelt und basiert zu großen Teilen auf den Grundannahmen der „Plananalyse“ nach Franz Caspar und Klaus Grawe (1982). Nachdem Grawe und Caspar (1984) die Einsicht gewonnen hatten, daß der Psychotherapie ein „zusammenhängendes Denksystem“ fehlt, stand es für sie außer Frage, ein „wissenschaftlich fundiertes Modell psychischen Funktionierens“ (S. 178) zu konstruieren. Ihre handlungstheoretische Ausrichtung, die schon aus der „vertikalen Verhaltensanalyse“ (Grawe & Dziewas, 1978, S. 31) zu ersehen war, vertieften Grawe und Caspar (1984) in Bereichen der Kybernetik und Informationstheorie. Für das ange- strebte allgemeingültige Psychotherapiemodell erbot sich die Aufgliederung des Handlungsablaufes nach Georges A. Miller, Eugene Galanter und Karl H. Pribam (1960) in einzelne Test-Operate-Test-Exit (TOTE)-Einheiten als sinnvoller Ausgangspunkt. Miller et al. benannten eine TOTE-Einheit mit all ihren Untereinheiten als „Plan“. Die Grundannahme der Plananalyse besteht nun darin, daß regelmäßig auftretende Verhal- tensaspekte gezielt – in der Funktion eines „Mittels zum Zweck“ – dazu eingesetzt wer- den, wichtige zwischenmenschliche Ziele zu erreichen (Grawe & Caspar, 1984, S. 181). Diese Pläne können sowohl bewußt, als auch unbewußt in der Gedankenarbeit der be- treffenden Person eine Rolle spielen (ebd.). Caspar (1989) erweiterte die bislang getrof- fenen Formulierungen um interaktionelle Pläne und intrapsychische Pläne. Die modellhaf- te Vorstellung und Veranschaulichung von Plänen blieb jedoch eine hierarchisch-stati- sche. Schiepek veränderte die bestehende planhierarchische Darstellung zu der Darstel- lung einer zeitliche Abfolge interaktioneller Pläne. Die hierarchische Betrachtungsweise Schiepeks gründet sich auf verhaltensindikative Operatoren, die über Unterpläne bis hin zu Oberplänen und Selbstdarstellungskategorien führen. Orginellerweise wählte Schiepek die „Notenzeilen“ als Darstellungsform seiner Ergebnisdaten (i. S. einer Orchesterpartitur). Die recht ansprechende Darstellung der Plansequenzen symbolisiert eine Art Harmoniestreben der Psychotherapie. Wie diese Notenzeilen weiterverwendet werden, erklärt er wie folgt: Auf der Basis der Partituren von Therapeut und Klient sind Untersu- chungen der Koinzidenz, Dependenz und Zeitabfolge interaktioneller Pläne möglich, ebenso die Suche nach spezifischen Mustern und Strukturen sowie deren Veränderung. (Schiepek, in Druck) Fünftes Kapitel Ein Blick hinter die Kulisse: Ein dynamisches, evolvie- rendes System The stage on which the space of the universe moves is certainly not space itself. Nobody can be stage for himself; he has to have a larger arena in which to move. The arena in which space does its changing is not even the spacetime of Einstein, for spacetime is the history of space changing with time. The arena must be a larger object: superspace. Super- space is not endowed with three or four dimensions – it’s endowed with an infinite number of dimensions. Any single point in superspace represents an entire, three-dimensional world; nearby points represent slightly different three-dimensional worlds. John Archibald Wheeler (1967, zitiert nach Chase, 1972, p. 30) 1. Der Umweg zur Chaostheorie Mittlerweile darf nicht länger verschwiegen bleiben, daß wir es bei jedweden Zustands- änderungen, Umschlagsphänomenen oder Ereignissen schlechthin keineswegs mit nur unidirektionalen, geradlinig-kausalen und reversiblen Geschehnissen zu tun haben. Die anfängliche Zeit der Ablösung von jenem starr-mechanistischen Cartesianischen27 (oder Newton-Galileischen) Denken zum Schema der Boltzmann-Poincaréschen Denk- weise war in verschiedensten Wissenschaftsbereichen wesentlich durch Einflüsse der Kybernetik und Informationstheorie mitgeprägt. Den Geist des Menschen, ja, ganze Er- eignisse als „integrierte Netzwerke“ (Bateson, 1972/1992, S. 203) zu begreifen, deren Vorgänge größtenteils durch „Kreislaufbögen“ (ebd.) zu beschreiben wären, konnte in den frühen 70er Jahren in weiten Bereichen der Anthropologie, Biologie, Psychologie und Epistemologie Fuß fassen. Gregory Bateson proklamierte die Informationseinheit als ein bedeutsames Veränderungsagens und stellte ingeniös dar: Als recht fruchtbar für das Verstehen verschiedener psychischer Phänomene können wir der kybernetisch-forschungstheoretischen Orientierung die Scheidung der analogen von der digitalen Kommunikation (Bateson, 1972/1992), die Beschreibung der symmetri- schen und komplementären Schismogenese (Bateson, 1972/1992), der Homöostasis (Jackson, 1957), der Paradoxa im zwischenmenschlichen Zusammenleben (Watzlawick, 1967/1990) z. B. der „Doppelbindung“ (Double bind; Bateson, 1956) und sicher noch vieles andere entnehmen. Da aber neuere Entwicklungen auf dem wissenschaftlichen Gebiet der Physik in komplexere und noch vielschichtigere Richtungsebenen weisen, – Was wir tatsächlich mit Information meinen – die elementare Infor- mationseinheit – ist ein Unterschied, der einen Unterschied ausmacht und kann einen Unterschied ausmachen, weil die Nervenbahnen, auf denen er kreist und kontinuierlich transformiert wird, ihrerseits mit Energie versorgt werden. (S. 582) womit kaum gerechnet werden konnte –, gehören kybernetische Erkenntnisse eher zum profanen Handlungswissen, können aber kaummehr forschungswissenschaftliche Gültigkeit beanspruchen.28 Die neuen Entwicklungen in Bereichen der Physik zeigen sich sowohl in dem synergetischen Konzept von Herrmann Haken (1983), in dem deterministischen Chaos (Objets fractals) Benoït B. Mandelbrots (1975), als auch dem Hyperzyklus von Manfred Eigen und Peter Schuster (1977) und – an dieser Stelle wichtiger – der Einführung von Zeitpfeilen, dissipativen Strukturen und chaostheoretischen Projektionen von Ilya Prigogine (1977/1992) in Zusammenarbeit mit Isabelle Stengers (1993). Der Akzentuierung physikalischer und biologischer Erklärungsweisen und Modellvor- stellungen in ihrer Anwendung auf humanwissenschaftliche Forschungsgegenstände stellt keine sonderliche Neuheit dar. Bei dem, was jedoch schon als neu zu bezeichnen ist und aus diesem Grunde berechtigt Unsicherheit und einiges Mißtrauen hervorruft, handelt es sich um den Einfluß eines übergreifenden Wissenschaftsparadigmas. Dieses andere, “new paradigm” übt den überhaupt entscheidensten Einfluß auf “the competitors’ comparative ability to solve problems” (Kuhn, 1962/1970, p. 155) aus. Unter diesem neuen Denkmu- ster kann nämlich, – laut Kuhn –, statt noch weiter zu verschleiern, recht eindeutig argu- mentiert werden: “the new theory is said to be ‘neater,’ ‘more suitable,’ or ‘simpler’ than old” (ebd.). Die fortführende Verfechtung dieses Paradigmas befindet sich derzeit, wie Kuhn schon grundlegend vorwegnahm, an einem Punkt, von dem aus “hardheaded ar- guments can be produced and multiplied” (p. 158). Eigentlich dürfte es nicht weiter ver- wundern, daß wir in neueren physikalischen Beschreibungen grundlegender Existenz- prinzipien auch Ähnlichkeiten zu unserer eigenen Existenz entdecken. Es bleibt aber nicht dabei. Es werden sogar Möglichkeiten deutlich, Prozesse und komplexere strukturelle Zusammenhänge unseres Zusammenlebens mit anderen Menschen, unserer Existenz, namhaft zu machen. Greenberg (1991) formuliert nicht ganz so zaghaft: “Chaos theory’s image of patterned complexity offers a far better picture theory (Hanson, 1958) to guide our research efforts than does experimental design’s billiard ball determinism image of direct and linear causality” (S. 8). 2. Der Weg ins Chaos Prigogine und Stengers stellten einen Denkansatz vor, der sich durch seine innovativen Betrachtungen, mit dem Ziel, eine Synthese physikalischer mit biologischen und human- wissenschaftlichen Wissenschaftsanschauungen zu erreichen, verdient macht. Nicht allein aus diesem Grunde steht das Verständnis von Prigogine und Stengers (1993) in engem Bezug zu Begriffen der Irreversibilität, der Dissipation und des Chaos (gr., das Gähnen). Sehr eindrucksvoll kann der „Weg ins Chaos“ an dem Beispiel eines Pendels nachvoll- zogen werden, in diesem Fall: ein sphärisches Pendel (Bild 4, s. DA-S. 41). Schritt für Schritt verlieren sich die Eigenschaften des „Determinismus“ und der „Vorhersagbarkeit“ bis schließlich eine chaotische „Ordnung“ erreicht wird und jeder Gedanke an diese „früheren“ Eigenschaften unsinnig erscheint. Statt der ursprünglichen einfachen sphäri- schen (planaren) Schwingung werden zunächst zwei andere einfache, nichtplanare Schwingungen stabil (Bifurkation) (Bild 4-a, s. DA-S. 41), um schließlich nach weiteren Verzweigungen keinerlei Zusammenhang mehr zu den Anfangsbedingungen (Bild 4-b) aufweisen zu können. Das System oszilliert ziellos zwischen den beiden möglichen Verhaltensformen. Mit Hilfe der Rechnungsmethode von Peter Grassberger und Itamar Procaccia (1983), nach der die Dimensionen eines fraktalen Attraktors bestimmt werden können, wurden in vielen Wissenschaftsgebieten verschiedene Phänomene einer Untersuchung unterzogen. Sehr interessante Resultate erbrachten dabei verschiedene Untersuchungen der Forscher- gruppe um Agnessa Babloyantz (Babloyantz, Salazar & Nicolis, 1985; Gallez & Babloyantz, 1991; Babloyantz, 1991), wobei die Messung der Hirnaktivität als For- schungsrahmen gesetzt wurde (“alpha waves (eyes closed), the deep sleep (stage four), and the Creutzfeld-Jakob coma”; Gallez & Babloyantz, 1991, p. 381). Unter diesem An- spruch kamen sie zu der Schlußfolgerung, daß wir es mit einem “spectrum of the Lya- punov exponents” in einer unveränderten “dynamical shilhouette of the attractor” (p. 389) zu tun haben. Forschungen dieserart wurden natürlich auch vorzüglich auf dem Bild 3 Verhalten eines sphärischen Pendels (d. h. die Schwingungen, die das Gewicht des Pendels ausführt beschreiben statt einer Kurve, eine Kugeloberfläche) mit einer aufgezwungenen peri- odischen Bewegung (statt an einem festen Punkt, ist das Pendel an einer sich periodisch bewe- genden Aufhängung mit der Periode T befestigt; Eigenperiode: T 0 ). Das jeweils rechte Dia- gramm zeigt das Frequenzspektrum der komplexen Schwingung (aus Prigogine & Stengers, 1993, S. 111). Bild 3-a) T= 0,99922T 0, die Verzweigung ist vollzogen und das Pendel befindet sich in einer der beiden möglichen komplexen Schwingungsmoden (der andere ist symmetrisch zu diesem bezüglich der x-Achse) (links); und T= 1,00156T 0, durch die Verdopplung der Periode enstehen noch weitere Verzweigungen (rechts). Bild 3-b) T= 1,00222T 0 (links). Bei T= 1,00234T0 ist die Bewegung völlig erratisch geworden,– die Übergänge zwischen den Verzweigungen (denn die ursprüngliche Wahl ist „vergessen“!) erfol- gen völlig zufallsbedingt, die Bewegung des Pendels ist chaotisch geworden (rechts). Gebiet der hirnorganischen Störungsphänomene betrieben. Eine der Untersuchungsper- spektiven von Agnessa Babloyantz und Alain Destexhe (1986) galt dabei den Epilepsien. Epileptische Anfälle, in diesem Falle das Petit mal, ließen dabei einen fraktalen (oder chaotischen) Attraktor mit zwei unabhängigen Variablen oder Dimensionen (v=2.05) erkennen (p. 3517). Die Epilepsie zeigte somit, statt eines zu vermutenden unregelmäßi- gen Verhaltens, eine große „Regelmäßigkeit“ und Stabilität. “We may speculate further and suggest following explanation for the type of petit mal epileptic seizure studied in this paper. The agents producing the seizure tend to drive the brain activity toward a stable periodic motion” (ebd.). „Geistige Gesundheit“ wäre auf diese Art und Weise betrachtet krankhaft. Im Grunde soll diese zunächst merkwürdig klingende Formulierung darauf hinweisen, daß die Gesundheit in Dynamiken von Ordnung und Chaos zu denken ist, wohingegen Krankheit ein Umkippen in eine „starre“ Ordnung oder konsequente Re- gelmäßigkeit bedeutet (vgl. Schiepek & Schoppek, 1991, S. 74). Daß dem Gehirn aber eben durch diese „Instabilität“ eine ungeheure Bedeutung bezüglich der Aufgabe des ständigen „Abgleichens“ gegenüber Reizen der Außenwelt zukommt, ist bar jeden Zweifels. Nach der Verstehensweise von Prigogine und Stengers (1993) kann das irrwitzige Pa- radoxon der Zeit, durch welches das Werden zur Illusion erklärt wurde und subjektive Realität zur Irrealität herabgesetzt wurde, als der Vergangenheit angehörig betrachtet werden. 3. Anwendung der Chaostheorie auf die Psychotherapie Die Erörterungen dieses Kapitels werden angesichts des Grundthemas der vorliegenden Arbeit ganz klar als „Ausflug“ in scheinbar ferne Wissenschaftgegenden erkannt werden. Dieser Ausflug verspricht aber einiges und scheint zumindest in seinem Anspruch einer forschungsparadigmatischen Orientierung recht lohnend zu sein. Daß es dabei nie und nimmer darum gehen kann, einen physikalischen Denkrahmen zu übernehmen und für unseren Themenbereich zu entfremden, bedarf keiner Worte. Es kann nicht geleugnet werden, daß “a paradigm for many scientific groups, is not the same paradigm for them all” (Kuhn, 1962/1970, p. 50). Die vorgestellten Alternativisierungsversuche sind hinsichtlich wissenschaftlicher Akzeptanz noch relativ jung, und aus diesem Grunde rechtfertigen sie selbst schon diese Darstellung hier. Die folgenden kurzen Darlegungen beziehen sich sehr eng auf den Bereich der Psychotherapieforschung und wurden in entscheidendem Maße durch die Untersuchungen von Ciompi et al. (1992) und Schiepek (1994) angeregt. Insbesondere letzterer zeigte auf hervorragende Weise, wie Psychotherapie in chaostheoretischen Termini konzeptualisiert werden kann. Mit Bezug auf Ciompi (1993) nahm er an, daß ein therapieinduzierter Übergang von einem dominanten zu mehreren flexibel wechselnden psycho-emotionalen Ordnungszuständen allein schon deshalb naheliegend sei, da die klinischen Problemzustände oftmals durch eine hohe Stabilität gekennzeichnet seien (Schiepek, 1994, S. 78). In der psychotherapeutischen Behandlung komme es ja nun bekanntlich auf eine „Destabilisierung“ (S. 79) dieser verfestigten Problemzustände an, wobei es in diesen Phasen (die vom Klienten durchlaufen werden) durchaus eher unwahrscheinlich ist, daß dort auf planbare und zielgerichtete Entwicklungen getroffen werden könne (ebd.). Damit hätten wir nun auch einen praxisorientierten Grund, auf dem das folgende gedankenexperimentelle Gebäude Halt finden kann. Die entscheidende Anregung zu dieser Unternehmung bestand darin, daß sich die über viele Jahre hinweg etablierten Untersuchungs- und Analysemethoden der Psychotherapieforschung auf manchen Untersuchungsebenen nur als hinreichend erwiesen. Aus diesem Grunde werden sie chaostheoretischen Methodiken Platz machen. Denn nur auf diese Weise, – auf der Grundlage nichtlinearer Differentialgleichungen –, können komplexe Gegebenheiten auch mit angemessenen, d. h. eben speziell auf komplex vernetzte Strukturen ausgerichtete Methoden untersuchbar gemacht werden. Nach den gegebenen physikalischen und epi- stemologischen Voraussetzungen kann für die Forschungsaktivitäten im Bereich der Psy- chotherapie auch über ein grundbildendes axiomatisches Konzept nachgedacht werden. In dieser Vorstellung scheint die Konzeptualisierung chaostheoretischer Abläufe von Ciompi et al. (1992) eine besondere Rolle zu spielen. Vorausgesetzt wird natürlich, daß Patient und Therapeut – den spezifischen Einflüssen ihrer Begegungsumgebung unterlie- gend – als ein komplexes, evolvierendes System verstanden werden. Auf den weitgefä- cherten Bereich der Psychotherapie angewandt, kann der chaostheoretische Ansatz als Weiterentwicklung systemtheoretischer Überlegungen verstanden werden. Nach den Erkenntnissen aus den Bereichen der Physik kommen (bei fortgesetzter Energiezufuhr) unter dem Einfluß sich ständig wiederholender Rückkopplungsprozesse immer wieder ähnliche selbstorganisatorische Prozesse in Gang. Das System wird da- durch zu zeitweiligen Umschlägen in neue globale Organisationsregimes (dissipative Strukturen) gezwungen. Diese neuen Funktionsweisen verteilen und organisieren, d. h. sie dissipieren die neu zugeführten Informationen und entstehenden Beziehungsgefühle (zugeführte Energie) in anderer, sich vom vorigen Prozeßgeschehen unterscheidender Art und Weise. Die neuen Organisationsformen treten gewöhnlicherweise an kritischen, sensiblen Punkten (Bifurkationen) auf, an denen sich das System (unter dem Einfluß der Umgebungseinwirkungen oder Fluktuationen bezogen auf Therapeutenäußerungen und Beziehungsdynamik) vor die Wahl zwischen verschiedenen Entwicklungsmöglichkeiten gestellt sieht, die später nicht mehr rückgängig gemacht werden können (Irreversibilität). Von dieser ersten Wahl ab besitzt das System ein „Gedächtnis“, – die Symmetrie zwi- schen vorher und nachher ist gebrochen (vgl. auch Ciompi et al., 1992, S. 134). Das Sy- stem „treibt“ zudem notwendigerweise auf Organisationsformen zu (Attraktoren), die entwicklungsspezifisch entweder zu stabilen Zuständen, zu kreislauf-prozessualen (periodischen) „Pendelzuständen“ (Oszillationen) oder zu komplexen Rückkopplungs- prozessen mit verschiedenartigen stabilen Zuständen (“steady states”; Tolat, 1990, S. 155) führen können. Eine spezifische Ausformung zeigt sich in den „seltsamen Organi- sationsformen“ (Strange attractors), die sich als ständig rückkoppelnde Prozesse im psychotherapeutischen Begegnungsgeschehen darstellen. Die jeweiligen Patient- /Therapeut-Strategien der Interaktions- und Beziehungsregulierung weisen in diesen selt- samen Organisationsformen ein ähnliches Grundmuster im Sinne einer Selbstähnlichkeit (“objets fractals”, Mandelbrot, 1975) auf. Damit ist gemeint, daß die Strukturen ver- schiedener Organisationsebenen verblüffende Ähnlichkeiten erkennen lassen und gewis- sermaßen gleichartigen „Gesetzmäßigkeiten“ gehorchen. Würden wir versuchen diese Muster der jeweiligen Regulationsstrategie mathematisch zu beschreiben, so würde sich gegenüber den sonstigen üblicherweise ganzzahligen Dimensionen, gebrochenzahlige (d. h. fraktale) ergeben (vgl. analog die r- oder Minkowski-Metrik: r=1 [City-block-Metrik], r=2 [euklidische Metrik], r≠1, r≠2, Klix, 1978, S. 336 f.). Die unter dem Einfluß des Partners stehende Regulationsstrebung (s.a. Selbstdarstellungsstrategien; Schiepek, in Druck) ist dabei im einzelnen nicht mehr vorhersagbar; sie ist „chaotisch“ (vgl. auch Ciompi et al., 1992, S. 134). Dieser Sachverhalt soll jedoch nicht zu der Vorstellung anleiten, daß gänzliche Unbeeinflußbarkeit und Nichtvorhersagbarkeit besteht. Es verhält sich dabei nämlich eher so, daß der Systementwicklung im ganzen gewisse Grenzen „auferlegt“ sind und aus diesen Gründen auch vom Deterministic chaos gesprochen wird. Hinsichtlich der Vorhersagbarkeit sozialer Ereignisse schlug Karl-Dieter Opp (1976) eine sinnvolle Alternative für die – bezüglich Prognosen im sozialen Lebensbereich – eigent- lich am häufigsten anzutreffende Ausgangslage der „Informationsknappheit“ vor. Statt „irgendwelche ‚Prophetien‘“ anzustreben, solle sich der Psychologe und Sozialwissen- schaftler doch vielmehr darin bescheiden, Aussagen über künftige relevante Randbedin- gungen der vorherzusagenden „Sozialsituation“ und die „Wahrscheinlichkeit“ ihres Auf- tretens zu treffen (S. 84). Präzise formuliert heißt dies, eingeschränkte Prognosen zu „erstellen“. Mit dem gerade Besprochenen liegt ein grundbildenes Konzept auf einer relativ hohen Abstraktionsebene vor, daß sich sehr gut dazu eignet, gewissermaßen unter schon existierende Psychotherapieforschungs-Orthodoxismen hinuntergeschoben zu werden. Die hier erörterten Zusammenhänge wurden in dieser Form, d. h. mit diesem speziellen Themenbezug noch an keiner anderen Stelle dargestellt. Daß sich die Anlehnung an Ciompis Konzeptualisierung als hilfreiche Unterstützung erbot, läßt sich allein aus der Plausibilität eben desselben Ansatzes erklären. Ein zweiter Grund, warum ich darauf zu sprechen komme, ist, daß verschiedentlich und natürlich irrtümlich (!) geglaubt wurde, es wurden längst chaostheoretische Erkenntnisse auch eng mit der Psychotherapie- forschung in Zusammenhang gebracht. Bisherige Bemühungen zeigten sich darin, daß die chaostheoretischen Aufbereitungs- und Analysemethoden, so wie sie von Schiepek und Strunk (1994, S. 49 ff.) empfohlen wurden, dem komplexen Umstand „Psychotherapie“ mehr als alle anderen gerecht werden. Schiepek (1994) schöpfte jedoch den Rahmen, den uns die Chaostheorie bietet bisher noch nicht vollständig aus (vgl. S. 88). Er konzeptua- lisierte andererseits auf sehr zutreffende Weise dynamische und systemische Theoriean- sätze, wodurch er stückweise auch schon antizipiert, was dieser neuartige, Lichtkreise werfende „Existenzansatz“ noch an Dekuvrierendem selbst in Bereichen der Psychothe- rapie leisten kann. Daß die theoretischen Formulierungen mit außerordentlicher Bevorzugung der Chaostheorie nicht ohne praktische Relevanz zu sein scheinen, zeigen die verschiedenen Untersuchungen und Aufsätze von Ciompi et al. (1992), Schiepek (1994), Günter Schie- pek und Wolfgang Schoppek (1991) sowie die von Günter Schiepek und Guido Strunk (1994). Auch die Bemerkungen des letzten kurzen Abschnitts erhärteten die Vermutungen, daß – wie David Hume (1777/1966) forderte – “we may, perhaps, attain a new microscope or species of optics, by which in the moral sciences” selbst die „feinsten und einfachsten Vorstellungen soweit vergrößert würden, daß sie leicht von uns erfaßt“ (p. 62) werden könnten. Sechstes Kapitel Ein Prozeßaspekt der Psychotherapie – Die soziale Interaktion 1. Das Soziale und das Zwischenmenschliche In der Ansehung eines Horizonts des sozialen Lebens, der auf Vereinzelung, Beziehungs- fremdheit und steril-normierte Kontaktaufnahme hinweist, entsteht die Notwendigkeit, sich mit den vielfacettierten und grundlegenden Aspekten einer Betrachtung des Zusam- mentreffens zweier und mehr Menschen auseinanderzusetzen. Bei diesem Vorhaben scheint es jedoch unumgänglich, das „Soziale“ vom „Zwischenmenschlichen“ zu trennen. Dieser Schritt erübrigt sich nicht. Wir haben es bei dem „Zwischenmenschlichen“ mit einer solchen „Sonderdimension“ (Buber, 1962/1992, S. 272) unseres Daseins zu tun, die sich grundsätzlich – und zwar aufgrund des ihr eigenen privatimen Charakters – von der des „Miteinanderseins einer Vielheit“ (ebd.) unterscheidet. Die Sphäre, die hiermit angesprochen wurde, umfaßt vor- derhand aktuale Interaktionsereignisse zwischen Menschen und deren Ausgestaltung durch die Beteiligten. Ebendiese Geschehnisabläufe lassen sich am günstigsten über das „Gegenseitige“ und die „prinzipielle Partizipation“ vorstellen. Der dabei entstehende Kontaktraum, in dem sich Menschen begegnen, ist im wesentlichen durch das „Einander- gegenüber“ (S. 276) gekennzeichnet. Somit umgibt uns in derartigen sozialen Situationen ein Wirkungskreis des „entfalteten“ Einandergegenübers, den wir bekanntermaßen in deutlicher Weise an dem Dialogischen erkennen (vgl. ebd.). Auf der anderen Seite haben wir das „Soziale“. Der grundsätzliche Charakter des Sozialen besteht nun darin, „daß einer dem anderen Objekt ist“ (S. 274). Für Martin Buber, der sich mit diesem Themen- kreis ausführlichst beschäftigte, zeige sich aber darin schon eine Art Eliminierung der „eigentümlichen Wirklichkeit des Zwischenmenschlichen“, – das Geheimnis des Kontakts sei damit verschwunden (S. 275). Der Mensch ist nicht nur Objekt. In erster Linie ist der Mensch immer ein Subjekt mit individuellen, subjekteigenen Pänotypisierungen. An verschiedenen Stellen der folgenden Erörterungen wird sich ein stillschweigender Bezug zwischen der Beziehungsrealität der psychotherapeutischen Begegnung und dieser The- matik herstellen. Die Betrachtung des „Zwischenmenschlichen“ als einer der Sonderkategorien des sozia- len Lebens erscheint deshalb so reizvoll, weil das persönliche Beziehungselement zugun- sten des kollektiven Elements scheinbar zurückgedrängt wurde (vgl. S. 272) und damit die hervorragende Bedeutsamkeit des persönlichen Kontakts unterminiert wurde. Hier soll der Sichtkreis ein wenig aufgerissen werden und an die seit jeher illusionären Visio- nen der Menschheit erinnert werden. Daß sich in dieser Hinsicht das „brahmane“ Wort Krischna-Wischnus, „Euch gegenseitig fördernd, werdet ihr Wohlergehen erlangen“ (Bhagavadgita, 4.–3. Jh. v. Chr./1980, S. 34) zu entheben und negiert zu sein scheint, ist lange schon – spätestens jedoch seit Goethes (1827) Das Göttliche („Edel sey der Mensch, huelfreich und gut!…“, S. 83) – keine Trugvorstellung mehr. Warum der Bezug zum Zwischenmenschlichen seit Menschengedenken solch eine existentielle Rolle spielt? Wir finden wiederum schon in der Bhagavadgita (altind. bhagavat der Erhabene, gita Sang; Sang des Erhabenen) eine durchaus realistische Begründung: „Und nie wird es von hier ab sein, daß wir alle nicht sein werden“ (4.–3. Jh. v. Chr./1980, S. 26). Wenn wir damit eigentlich schon soziologisches Terrain betreten haben und auf das „So-und-nicht-anders-Sein“ (Adorno, 1975, S. 37) der Gesellschaft abstrahieren, so können wir die Auseinandersetzung und die Ausgestaltung des Wortpaares Sozial-Zwi- schenmenschlich noch einmal gezielter beleuchten. Wenn wir uns hierbei darüber hinaus veranlaßt sehen das „Prinzip Hoffnung“ Ernst Blochs (1959/1987) als „konkret gewor- dene Utopie“ (S. 191) zu denken, so deshalb, weil es nur darum gehen kann, daß „das zwischenmenschliche Verhältnis…, das Verhältnis zum Menschen, dem Gewaltigsten, was lebt“ geziemend in Ordnung komme (ebd.). Um den Menschen in der Sphäre des Sozialen aber nicht völlig „seinen Zeitgenossen“ zu entfremden (de Tocqueville, 1840/1990, S. 240), ist ganz gewiß ein gesundes Maß „selbstgenügsamer Kontemplation“ (Adorno, 1975, S. 65) unabdingbar. Letztlich beunruhige jedoch, um mit Alexis de Tocqueville (1840/1990) fortzufahren, die Neigung des Menschen, sich von der Masse zu isolieren und „sich mit seiner Familie und Freunden abseits“ (S. 238) zu halten. Somit erschaffe sich der moderne Mensch „eine kleine Gesellschaft zum eigenen Gebrauch“ (ebd.), gleichermaßen eine „a u t o n o m e Heerde“ (Nietzsche, 1886/1988, S. 107). Nun können wir auch den weiter oben angesetzten Kreis zu Buber wieder schließen: Sobald sich der Mensch „zwangsläufig“ dem Kontakt Anderer gegenübersähe, d. h. sich außerhalb seiner „kleinen Gesellschaft“ befände, fühlte sich der moderne Mensch von der Kollektivität – also von der „Menschenheerde“ (Nietzsche, 1886/1988, S. 101) – getragen. Allerdings von einer Kollektivität, die ihn „der Einsamkeit, der Weltangst, der Verlorenheit“ enthöbe (Buber, 1962/1990, S. 272). Das Zwischenmenschliche, das Leben von Person zu Person, trete dagegen mehr und mehr gegen das Kollektive zurück. Das hieße wiederum soviel, als daß die Neigung zum per- sonhaften Miteinander durch das kollektive Miteinander – und dessen Neigung zum „Instinkt des Heerdenthiers Mensch“ (Nietzsche, 1886/1988, S. 106) – in Schranken gehalten werde (Buber, 1962/1992, S. 272 f.). Wenn wir statt dieser existentialistischen Philosophie den Blick auf die Gedan- kentätigkeiten der Philosophen der „kritischen Theorie“ aus der Frankfurter Schule (Horkheimer, Adorno, Habermas) lenken, so können wir ähnliches herauslesen. Wenn auch sich in anderem Vokabular bewegend, die Grundaussage der zwischenmenschlichen Misere unserer heutigen Zeit bleibt ganz genau dieselbe. Nach Max Horkheimer (1967) hätte es in der vormodernen Gesellschaft „noch eine Kluft zwischen Kultur und Produk- tion“ (S. 138, zitiert nach Habermas, 1988a, S. 473) gegeben. Eine Kluft, die in einen ganz bestimmten „förderlichen“ Dienst gestellt wurde. Er fährt fort: „Diese Kluft ließ mehr Auswege offen als die moderne Superorganisation, die das Individuum im Grunde zu einer bloßen Zelle des Reagierens verkümmern läßt“ (ebd.). Damit haben wir auch schon die Grundaussage der Frankfurter Schule zu diesem Themengebiet. Jürgen Habermas faßte sich kurz, wenn er diesbezüglich über den „ironischen Zuammenhang“ und von dem „Wechsel im Charakter der Freiheit“ (S. 473) sprach. Er unterschied die Umformung „traditioneller Lebensbereiche“ in Untersysteme des zweckrationalen Han- delns einerseits, von der „Verkümmerung der Individualität“ andererseits (ebd.). Die Unterscheidung vom „Zwischenmenschlichen“ (Buber, 1962/1992, S. 272) und „Sozialen“ (S. 271), die Scheidung der „irgend personhaften Beziehung“ (S. 272) von dem „Miteinander einer Vielheit“ (S. 271), wird uns bei den nachfolgenden Betrachtun- gen zum mindesten als Hintergrundrahmen ständig begleiten. Natürlich darf nicht der grundlegende Fehler begangen werden, die Betrachtungen des letzten Abschnitts wider- spruchslos auf den Menschen unseres Jahrhunderts, den sozusagen „postmodernen“ Menschen, zu beziehen. Andererseits ermöglichen die vorgebrachten Ansichten und Mei- nungen eben gerade eine Weitung des Blickfeldes. Eine Weitung, die das Einnehmen ei- nes anderen, ungewohnten Beobachterstandpunktes zuläßt. Nicht zuletzt sei an die „Substantialität“ der psychotherapeutischen Beziehung erinnert, die trotz dieses kurzen Exkurses keinesorts aus dem Auge verloren wurde. Die Wesentlichkeit einer tragfähigen Therapiebeziehung besteht ja gerade in dem Moment des „Gegenüberseins“, dem Augenblick der „interaktiven Verflechtung“, kurzum, in dem Erlernen der Sprache des Anderen, um mit Wilhelm von Humboldt (1876/1935) zu sprechen (zitiert nach Ludwig Haesler, persönl. Mitteilung, 04.12.1990). Das Wesentliche in der Psychotherapie, ganz gleich welcher Colleur oder Ausrichtung, ist die Beziehung zwischen Therapeut und Pa- tient, das Zwischenmenschliche (vgl. v.a. Grawe et al., 1994, S. 775 ff.; vgl. auch Czo- galik, 1988, S. 281; Orlinsky, Grawe & Parks, in Druck). 2. Die „soziale“ Interaktion in der psychotherapeutischen Begegnung Die Betrachtung der sozialen Interaktion eröffnet uns das weite Feld des Agierens und Interagierens von Menschen. „Sozial“ zu interagieren heißt im obigen Sinne immer auch „zwischenmenschlich“ zu interagieren. Diese wechselseitige Beeinflussung scheint sogar einen gewissen ubiquitären Charakter zu besitzen: Ob Kontakt besteht oder nicht, Men- schen können „nicht nicht kommunizieren“ (Watzlawick, Beavin & Jackson, 1967/1990, S. 51). Grawe et al. (1994) interpretieren das dahinterliegende Faktum – auf den psycho- analytischen Übertragungsbegriff (vgl. Freud, 1917/1991, S. 411 ff.) angewandt – ähnli- chermaßen: „Man kann nicht nicht übertragen.“ (S. 704). Da Verhalten „an sich“ kein Gegenteil besitzt, können wir sogar noch grundlegender festhalten: „Man kann sich nicht nicht verhalten“ (Watzlawick et al., 1967/1990, S. 51). Oftmals wird vergessen, daß sich Agieren und Interagieren zwar sehr wohl unterscheiden, jedoch nichts grundverschiede- nes sind. Jedes Interagieren ist immer auch Agieren und alles Agieren ist dem Interagie- ren mehr als nur affin. Im weiteren wird die Vokabel „Interaktion“ insbesondere dann verwendet werden, wenn es um die Beschreibung des Sich-zueinander-Verhaltens von Menschen geht. Über den fundamentalen Einbezug der „organismischen Bindung“ (Böttcher, 1982, S. 21) sowohl intraindividuell als auch bei einer Betrachtung von Phänomenen „zwischen“ Individuen soll schon im voraus quasi eine Lochschablone entworfen werden, in die wir die inhaltliche Gestalt, die Bedingtheit und Realisation von interpersonellem Verhalten verläßlich einordnen können. Damit sind ganz offensichtlich jene phänoanalytischen Teil- Ganzes-Zusammenhänge der Sozialsysteme gemeint, von denen Hans Richard Böttcher (1991) als Elementrelationen und „komponierten“ Systemen (S. 73) sprach. Mit einer weitergefaßten Forschungsperspektive können wir sogar davon sprechen, daß beliebig sich begegnende Menschen über wechselseitige Verhaltensweisen zueinander „Kontakt“ aufnehmen. Günter F. Müller (1985) spezifizierte, daß diese Verhaltensweisen „als miteinander verknüpft“ (S. 5) aufzufassen seien. Die Möglichkeit zu einem derartigen Verständnis von Interpersonalität erfordert, daß wir einen sozialpsychologischen Blick der Betrachtung entwickeln. Jede psychotherapeutische Begegnung ist eine soziale Begegnung, jede psychotherapeutische Situation ist ein besonderes soziales Geschehen (vgl. Czogalik, 1989, S. 83). Deshalb werden die aufeinandertreffenden Be- ziehungspartner (Therapeut und Patient) von vornherein keine grundanderen Verhal- tensweisen zeigen, als sie es im „üblichen“ sozialen Leben tun. Viel mehr noch erscheint es sehr sinnvoll, die Psychotherapiesituation als „zweiseitigen…Opti-mierungsversuch“ (S. 83) zu kennzeichnen und die Wechselseitigkeit verschiedener „sozial-interaktiver Kontroll- und Steuerungsmechanismen“ (S. 84) im Gesprächsverlauf zu betonen. Dieser Optimierungsversuch kann sich auch als Nivellierung der verschiedenen Verhaltens- oder Interaktionsstile beider „Gesprächsteilnehmer“ bemerkbar machen. Die „mitgebrachten“ Interaktionsstile „schleifen“ sich solange aneinander ab, bis eine optimale Fitneß erreicht ist oder sich eine Unpaßfähigkeit herausstellt. Im letzteren Falle wird die therapeutische Arbeitsbeziehung umdefiniert oder aufgelöst werden, wobei letzteres bei professioneller Settingflexibilität seitens des Therapeuten kaum vorkommen wird (vgl. Grawe et al., 1994, S. 705). Die personspezifischen Interaktionsstile oder „interaktionellen Heuristi- ken“ (Czogalik, 1991, S. 174) sollen hier der Bedeutungszuschreibung von Czogalik ent- sprechen. Er sprach davon, daß bei dem Vorherrschen eines spezifischen Interaktions- stils, ein relativ konstanter Merkmalszusammenhang zu beobachten sei (ebd.). Exempla- risch betrachtet hieße dies, daß im Falle eines passiven Widerstrebens des Patienten auch ein verzögertes Antwortverhalten oder eine Vermeidung des Blickkontakts zu bemerken sein wird. Bei diesen Interaktionsstilen handelt es sich um „sichtbare Verhaltenseinhei- ten“, die im allgemeinsten Sinne als „Verdichtungen lebensgeschichtlicher Konstellatio- nen zur Bewältigung und zur Gestaltung der sozialen Situationen“ (ebd.) verstanden werden können. Für die kleinste Analyseeinheit der bis hierhin umschriebenen interak- tionistischen klinischen Sozialpsychologie (Czogalik, 1989, S. 82), das Therapeut-Pati- ent-Systems, lassen sich verschiedene „Theoreme des Funktionierens“ (Böttcher, 1982, S. 28) formulieren. Hier wird nur an einige davon erinnert. In verschiedenen Beachtungsumfängen formulierte Böttcher das Valenztheorem (d. h. Wertzumessung, ebd.), das Verbindungs-/Abgrenzungstheorem (Umstrukturierungen der Beziehungen im Sinne des Wandels, S. 29), das Kooperationstheorem (Verknüpfung der Fähigkeiten und Leistungen, S. 30) und das Verstärkungs-/Abschwächungstheorem (S. 28). Auf die strukturellen Zusammenhänge der wichtigsten Form der Interaktion, und zwar der Kommunikation (logische Typenlehre, Daten [Inhaltsaspekt] und Information [Beziehungsaspekt], Symmetrie/Komplementarität, analog/digital usf.; vgl. Watzlawick et al., 1967/1990, S. 50 ff.), die vom Beginn der Darstellung an vorausgesetzt wurden, soll hier nur verwiesen werden. Zusammenfassend soll die eminente Rolle der „dynamischen Interdependenz“ (Lewin, zitiert nach Böttcher, 1991, S. 73) in psychothe- rapeutischen (dy- oder polyadischen) Systemen hervorgestrichen werden. Denn nur so, d. h. durch die Betonung der Interaktionstrias „Intention-Verhalten-Bewerten“, kann die Therapeut-Patient-Beziehung mit Czogalik als „dynamisches Zweipersonen-System“ (Czogalik, 1989, S. 84) gedacht und konzeptualisiert werden. 3. Modelle des psychotherapeutischen Prozesses „Wenn ich weiß, daß es verschiedene Aspekte des Würfelschemas gibt, kann ich dem Andern, um zu erfahren, was er sieht, noch außer der Kopie ein Modell des Gesehenen herstellen“ (Wittgenstein, 1952/1990, S. 524). Außer dieser „analoger Realitätsaus- schnitt“-Funktion (Dorsch: Psychologisches Wörterbuch, 1991, S. 422) werden durch Modelle (it. modello [→ lat. modulus Maß, Maßstab]) Kategorien zur Verfügung gestellt, die ihrerseits die Einordnung verschiedener „Erfahrungsgegenstände“ erlauben (vgl. Czogalik, 1989, S. 59). In der Psychologie wird der Modellbegriff oftmals auf „Theorien“ angewandt, die in einer exakten (z. B. mathematischen) Sprache formuliert wurden. Die Psychotherapieprozeßmodelle, die uns im folgenden noch beschäftigen werden, erfüllen eher die erste Modellfunktion, – das Modell als Abbild oder „Repräsentation“ (Stachowiak, 1973, zitiert nach Czogalik, o.J., unveröff. Manuskript). Bei einem Versuch die psychotherapeutische Interaktion mit Hilfe eines Modells ab- zubilden, stellen sich an die Forscher sehr komplexe Ansprüche. Es ginge in diesem Falle laut Czogalik (1989) darum, die Aussagen der Forschungsempirie in einem verlaufsbezo- genen Zusammenhang darzustellen (S. 59). Die Bezugsdynamik von Patient und Thera- peut darf dabei keinesfalls außer acht gelassen werden. In der Vergangenheit erlagen jedoch schon viele Psychotherapieforscher dem Reiz, sich nur um die Verlaufstypik des Patienten zu bekümmern (ebd.). Nach der oben entwickelten sozialpsychologischen Ar- gumentationslinie werden im folgenden einige dieser Prozeßmodelle erörtert (“change through interaction”, Strong & Claiborn, 1982; “dimensions and levels of the therapeutic process”, Greenspan & Wieder, 1984; “interpersonal stage model”, Tracey, 1993; klinisch-sozialpsychologisches „Prozeßmodell“, Czogalik, 1989). Ein klassisches Phasenmodell, wenn auch unmißverständlich interaktionstheoretisch orientiert, legten Stanley R. Strong und Charles D. Claiborn (1982) vor. Nach den beiden Forschern scheint sich die psychotherapeutische Situation kaum mehr nur als besondere, sondern vielmehr als außergewöhnliche soziale Situation darzustellen. Das Grundanlie- gen des Therapeuten sei es, Diskrepanz zu übermitteln (zitiert nach Czogalik, 1989, S. 65). Mit dieser Intention sei der Therapeut darauf bedacht, ein Macht- oder Abhängigkeitsgefälle herzustellen (ebd.). Da der Therapeut nun aber konsistent über ei- nen bestimmten Abschnitt der Therapie hinweg Diskrepanz kommuniziert und damit die Äußerungen des Patienten in Frage stellt, ist seinerseits ein gezieltes Impression mana- gement gefragt. Er muß bei seinem „Verstörungsverhalten“ nämlich möglichst gezielt einiges Expertentum, vielleicht auch etwas „Weisheit“ („Weisheit als Expertenwissen“, Smith & Baltes, o.J., zitiert nach Martin Pinquart, persönl. Mitteilung, 01.06.1992) hervorkehren. Nach Strong und Claiborn (1982) „erfährt“ der Therapeut jedoch einige Mühe, wenn er die erforderliche Wahrnehmungsänderung auf Seiten des Patienten durch offen-absichtliches “reframing” provoziert (p. 161, zitiert nach Czogalik, 1989, S. 66). Das Reframing sei insbesondere aus dem Grunde für die therapeutische Einflußnahme unabdingbar, weil durch diese gewissermaßen „Konkav-Spiegelung“, “identify the meanings, intentions, or functions the therapist perceives in the clients behavior” (ebd.). Im ganzen ließe sich der psychotherapeutische Prozeß in die folgenden drei Phasen einteilen: (1) “entering the clients system”, (2) “managing incongruence”, (3) “dissolution” (zitiert nach Czogalik, 1989, S. 66 f.). Der Zeitraum der ersten Phase der Therapie wird dazu genutzt, die Regel- und Rahmenbedingungen abzustecken (ebd.). In der zweiten Phase beginnt der Therapeut kontinuierlich das krankheitsfördernde Gleichgewicht des Patienten zu verstören und zeigt sich unter starker Einflußnahme in seiner Rolle als „kritischer Experte“. Nach der Findung zu geeigneten Neubewertungen und den hinzugewonnenen Kontrollmöglichkeiten des Patienten kann die „Auflösungsphase“ beginnen. Der Therapeut wird in dieser Phase statt des bisherigen diskrepanzintendierenden Verhaltens ganz deutlich Komplementarität „an den Tag le- gen“, stellenweise sogar zu symmetrischen Verhaltensweisen hinüberwechseln. Zu den Abläufen in der zweiten postulierten Phase liegen einige bestätigende empirische Befunde vor (vgl. z. B. Bieber, Patton & Fuhriman, 1977; Tracey, 1985). Auch Stanley I. Greenspan und Serena Wieder (1984) stellten ein anspruchsvolles Pro- zeßmodell vor, das sich in seiner Gültigkeit ebenfalls „über die Therapierichtungen hin- weg“ behauptet (vgl. auch Czogalik, 1989, S. 67). Die beiden Autoren bildeten den psy- chotherapeutischen Prozeß in mehreren Dimensionen ab, wobei auch sie nicht über die klassische Drei hinwegzukommen schienen (vgl. Greenspan & Wieder, 1984, p. 5). Die erste Dimension, “regularity and stability” (p. 6), charakterisieren Greenspan und Wieder durch formell-organisatorische Besprechungen über den Behandlungvertrag. Als das Grundanliegen bei Behandlungsbeginn, den diese Dimension schematisiert, steht das Erreichen einer gewissen Regularität (i. S. einer vereinbarten Sitzungsfrequenz) und Stabilität (hinsichtlich “various ambivalences”, p. 8) aus. Den sich anschließenden zweiten Therapieabschnitt, in dem es vorrangig um die therapeutische Beziehung geht, bildeten die beiden Forscher in einer zweiten Dimension (“attachment”, p. 7) ab. Sie kennzeichnen diese Dimension als “therapeutic attachment and the emerging affective relationships” (p. 10). Dieser mittlere Therapieabschnitt gestaltet sich nach Meinung Greenspan und Wieders im großen durch eine anfängliche „Unentschlossenheit“ oder Uninteressiertheit an professioneller Hilfe bis hin zu einem sicheren Gefühl, in sowohl positiven als auch negativen Anteilen vom Therapeuten verstanden zu werden (p. 12). Die dritte Dimension, das “therapeutic process level”, fokussiert die Ebene der Kommunikation unter Grundlegung aller “traditional aspects of the therapeutic process”, als da wären, die “self-observation” oder die Selbstreflexion und anderes mehr. Die beiden Autoren konturierten dieses „Prozeßniveau“ durch zehn Stufen, die ausgehend von einer “preliminary communication” (ebd.) bis hin zu einer vollständigen Festigung der Ziele des Patienten führten. Diese Konsolidierung vollziehe sich im Kontext “of separating and experiencing a full sense of loss and mourning” (p. 7). Als besonders beachtlich ist an der Vorgehensweise Greenspan und Wieders zu würdigen, daß sie für die Ermittlung der drei Dimensionen einen empirischen Weg eingeschlugen und dabei die “Therapeutic Relationship Scales” (p. 20) entwickelten. Was jedoch auch weiterhin noch ausstehen wird (vgl. Czogalik, 1989, S. 68), sind tatsächliche verlaufsbezogene Untersuchungen psychotherapeutischer Behandlungen in ihrem Kontext. Ein weiterer Entwurf, der recht sinnvoll das psychotherapeutische Prozeßgeschehen abbildet, wurde von Terence J. Tracey (1993) vorgelegt. Tracey hatte sein “Interpersonal Stage Model of the therapeutic process” (p. 396) bereits 1984 als Resultat einer empiri- schen Untersuchung, die er gemeinsam mit Philip B. Ray durchführte vorgestellt. Schon damals offensichtliche Mängel, die sich vor allem in einer starren Konzeption ausdrück- ten, konnte Tracey durch wiederholte empirische Datenerhebungen und Analysen anhand Markowscher Modelle 1. Ordnung erkennen und bereinigen. Die Beibehaltung der klas- sischen drei Stufen einer psychotherapeutischen Behandlung in seiner reformulierten Modellkonzeption rechtfertigte Tracey mit einem Verweis auf die „traditionellen“ Mo- dellvorstellungen. Er bemerkte dahingehend bestätigend: “In interpersonal models, suc- cessful therapy has been viewed as a three-stage process” (ebd.). Das wichtigste Kon- strukt, das für Tracey bei der Modellentwicklung eine referentielle Qualität zu haben schien, ist die erstmals von Bateson (1936/1958) beschriebene Komplementarität (Tracey, 1993, p. 396). Komplementäre Interaktionen sind bekanntlich immer von einem “unequal status” begleitet (ebd.). Übereinstimmend mit Batesons Auffassungen, nahm auch Tracey an, daß Komplementarität “a basis for orderly and productive interaction” (p. 397) darstellt. Um die Komplementarität in einer interpersonellen Definition ausfor- mulieren zu können orientierte sich Tracey (1993) an dem “interpersonal circle” (p. 398) nach Timothy Leary. Die „komplementären“ Grunddimensionen des interpersonellen Verhaltens, “dominance-submission” und “friendliness-hostility” (ebd.), zeigen sich in diesem Verhaltenszirkel als interpersonell vernetzt. Von diesem Kreisschema ausgehend, repräsentiert sein revidiertes Modell die Komplementarität therapeutischer Verläufe sehr viel angemessener. Da er die mittlere Therapiephase feiner unterteilte, kam er auf folgende insgesamt vier Stufen: • “Beginning stage: rapport, establishment; • milddle stage: a) dissatisfaction substage, b) unstable substage; • end stage: resolution” (p. 406). Die Qualität dieser einzelnen Niveaus bemaß Tracey, wie oben schon vorgegriffen wurde, anhand der Ausprägung der Komplementarität (“high-low”, ebd.). Die „erfolgreiche“ Therapie zeichne sich nun nach Traceys Untersuchungen durch eine hohe und mittlere Qualität der Komplementarität in den ersten beiden Therapiephasen (Beginning state, Middle-state-Dissatisfaction-substage) ab, um nach einem rapiden Absinken des Komplementaritätsniveaus in der zweiten Subphase gegen Ende wieder eine beachtlich hohe Qualität anzunehmen (also: Hoch-Mittel-Niedrig-Mittel/Hoch). Das abschließend vorzustellende Psychotherapieprozeßmodell nimmt unter den bisher betrachteten, – bis auf z. T. das Tracey-Modell –, eine Sonderstellung ein. Es handelt sich um eine an sozialpsychologische Auffassungen angelehnte, empirisch überprüfte Modellkonzeption, die verschiedene Aussagen über das Veränderungsgeschehen in ver- schiedenen zeitlichen Dimensionen zuläßt. Diese klinisch-sozialpsychologische Prozeß- konzeption (s. Bild 4) wurde von Czogalik (1989) erdacht, ausgearbeitet und überprüft. Nach den Modellannahmen kann der psychotherapeutische Prozeß mittels vier verände- rungsrelevanter „Strukturpostulate“ auf in toto drei zustandsstabilen Grundstufen be- schrieben werden. Die vier Abschnitte der Veränderungsprozesse benannte Czogalik im einzelnen: • Erkundung, • Adaptive Veränderung, • Fokaldependente Veränderung, • Bewertungsdependente Veränderung und als • Negativ akzelerierte Veränderung (S. 92 ff.). Die jeweiligen Niveaustufen, Stabilisierung-Labilisierung-Reorganisierung, stellen glei- chermaßen ein grundschaffendes Statusmoment dar, auf dem sich die Veränderungspro- zesse im einzelnen vollziehen. Czogalik arbeitete den bisherig gesicherten Wissensstand der sozialpsychologischen Austauschtheorie (Thibaut & Kelley, 1959) konsequent in dieses klinisch-sozialpsychologische Modell ein. Die detaillierten Ausformulierungen bezüglich der Ereignisse des Veränderungsniveaus und hinsichtlich dessen, was auf den einzelnen Zustandsebenen geschieht, sollen hier nicht weiter von Interesse sein und op- timierend ausgespart werden. Die vorgezeigten Modelle des psychotherapeutischen Prozesses haben in ihrer Ver- schiedenheit noch einmal nachdrücklich den Eindruck verstärken können, daß sich die Psychotherapieprozeßforschung in einer ersten Festigungsphase befindet. Längst den Veränderungsprozesse Therapeut Patient Status Erkundung > > > > > > > > > > > > > > > adaptive Verände- rung fokaldepen- dente Ver- änderung bewertungs- dependente Veränderung Intervention > Intervention < Beziehung > < Partizipation Involvierung Stabilisierung Labilisierung Reorganisation informierende Intervention > exponierende konsensuelle affektiv- kognitive < > > Bild 4 Prozeßmodell des psychotherapeutischen Geschehens (nach Czogalik, 1989, S. 307) „Kinderschuhen“ entstiegen, ist es als verständlich nachzuvollziehen, daß die „Psychotherapieforschung“ progressiv orientiert nach dem „Vorne“ oder dem „Dahinten“, – d. h. dem komplexen Prozeßgeschehen noch angemesseneren Konzeptua- lisierungen und theoretischen Fundierungen Ausschau hält und Neuvorschläge bieten wird. Diese optimistische Fernsicht wurde bislang durch die verschiedenfachen klinischen Studien zur Wirkspezifität genährt, was uns sogleich zur „Ur-Frage“ an die Psychotherapie führt, nämlich die nach ihren Wirkungen und Auswirkungen für die Behandelten. Im nächsten Abschnitt soll diesen Sachverhalten etwas genauer nachge- gangen werden. 4. Psychotherapie ist wirksam! – Weshalb? Die Frage nach der Wirksamkeit von Psychotherapie ist eine alte Frage, sie ist so alt wie es die ersten Anwendungen von Psychotherapie historisch betrachtet selbst sind. Damit ist jedoch noch nicht sehr viel gesagt. Sehr viel mehr ließe sich mit empirischen Erkun- dungen aussagen, aber auch diese Herangehensweise soll hier keine Anwendung finden. Das Anliegen dieser Darstellung ist grundsätzlicher auf die richtungsweisende Orientie- rung künftiger Forschungsinhalte der Psychotherapieprozeßforschung ausgerichtet. Auf der anderen Seite der Betrachtung ist es eine unabdingbare Notwendigkeit, daß die Psy- chotherapeuten ein internes Konzept besitzen, aufgrund dessen innere Annahmen über therapeutische Wirkungen formuliert werden (vgl. Grawe, 1992, S. 151). In welchem Maße es sich dann auch um tatsächliche Wirkungen handelt, wird auf der anderen Seite grundlegend von der Konfessionalität oder Professionalität der jeweiligen Therapieansätze (vgl. auch Grawe, 1994, S. 707 ff.) und von deren in der Ausbildung mitgeteiltem Handlungswissen für die Therapiepraxis abhängig sein. Nostalgisch sieht man sich immer wieder dazu verleitet, Eysencks (1952, p. 322) Dik- tum von den „Spontanremissionen statt Psychotherapie“ wiederzuerinnern und dieses als Ausgangs- und Bezugspunkt jeglicher Wirksamkeitsdarstellungen zugrundezulegen. In diesem Zuge entfachte sich auch die heftige Debatte um die Praxisrelevanz der Psycho- therapieforschung. Statt jedoch immer wieder in „das allgemeine Klagelied“ (Grawe, 1992, S. 155) einstimmen zu müssen, sollte eher versucht werden – wie es unlängst auch Grawe schon als seine Ansicht erklärte –, sich „ernsthaft damit zu befassen, wie man die beklagten Zustände“ (ebd.) ändern könne. Genau um dieses geht es speziellen For- schungszweigen der Psychotherapieforschung heute. Die Beachtungsumfänge einer Erforschung psychotherapeutischer Wirkungen setzen sich aus den Kategorisierungen in „allgemeine/spezielle“ oder auch in „unspezifisch/spezifische“ Wirkfaktoren zusammen (vgl. Enke & Czogalik, 1993, S. 512). Inwiefern überhaupt von diesen und jenen Spezialitäten von Wirkfaktoren oder auch von den einen und den anderen gesprochen werden kann, zeichnet sich mehr und mehr als fragwürdig ab. In einer ausführlichen metaanalytischen Studie stellten auch Grawe et al. (1994) fest, daß es recht schwierig sei, die „spezifischen“ (schulen-, thera- pierichtungs-, konzeptbezogen) von den „unspezifischen“ Wirkfaktoren in der psycho- therapeutischen Behandlung eindeutig zu unterscheiden (S. 713). Es sei nämlich durch- aus falsch, an eine additive Ergänzung beider Formen von Wirkfaktoren zu glauben. Es verhalte sich vielmehr so, daß sie „ineinander über“-gehen (S. 714), denn auch die sog. unspezifischen Wirkfaktoren seien in ihrer Auswirkung auf das Therapieergebnis alles andere als unspezifisch (S. 713). Der Therapeut determiniert nämlich schon unter der Schablone seines therapeutischen Konzeptes den Einfluß spezieller sog. unspezifischer Wirkfaktoren, so daß die sog. unspezifischen Wirkfaktoren durch die spezifischen eine Zuweisungsregulierung erfahren. Demnach sei es auch einzig sinnvoll auf dieser Ebene von „spezifischen Zusammenhängen“ zu sprechen (S. 714). Auf ähnliches liefen die Be- trachtungen von Helmut Enke und Dietmar Czogalik (1993) hinaus, bei denen von „allgemeinen“ und „speziellen“ Wirkfaktoren die Rede war. Die beiden Therapieforscher erkannten, daß in der Psychotherapie gerade den „speziellen“ Wirkfaktoren eine beson- dere Rolle zukomme (S. 517). Die verschiedenen Schulenausrichtungen mit je gesonder- ten Therapiekonzepten stellten dem Therapeuten ein „inneres Ordner-System“ zur Verfü- gung (ebd.). Darin drückt sich nun allerdings das Ineinander von den sog. spezifischen und den sog. unspezifischen Wirkfaktoren aus. Das „spezielle“, „spezifische“ therapeuti- sche Vorgehen bestimmt zum entscheidenen Maße das Zum-Tragen-Kommen der „allgemeinen“, „unspezifischen“ Wirkfaktoren (vgl. Grawe et al., S. 714) und in einer Fragestellung kann dies einzig und allein folgendermaßen formuliert werden: „Mit wel- chen spezifischen Methoden erreicht Psychotherapie welche allgemeinen Effekte?“ (Enke & Czogalik, 1993, S. 519). Die Hauptwirkfaktoren der Psychotherapie wurden von Grawe et al. (1994) ausführlich erläutert. Es handelt sich im einzelnen um folgende vier: Die große Bedeutung der Qualität der Therapiebeziehung für das Behandlungsergebnis in der Einzeltherapie bleibt ohne Zweifel der bestüberprüfte Wirkfaktor (vgl. Grawe, S. 706). Die Wirkweise einer tragenden Therapiebeziehung wurde übrigens für ganz un- terschiedliche Therapierichtungen als maßgeblich nachgewiesen (vgl. Orlinsky, Grawe & Parks, in press). Wenn wir uns die chaostheoretischen Konzeptualisierungen des Achten Kapitels in Erinnerung rufen, verstehen wir auch sehr gut, wie Grawes zukünftige „Allgemeine Psychotherapie“ (Grawe et al., 1994, S. 749 ff.) als Ausdruck von „Profession“ der Therapeuten in einem dreidimensionalen Beziehungsraum (Bewältigungsperspektive, Klärungsperspektive, Beziehungsperspektive) Anwendung finden kann. In diesem 3- Dimensionenraum, der sich in der Psychotherapie aufspannt, nimmt der Therapeut zu- nächst eine Ausgangsposition ein, von der aus er sich mit dem Patienten durch diesen Raum bewegt (S. 785). Laut Grawe könne nach diesem Verständnis jede Psychotherapie • „Aktive Hilfe zur Problembewältigung“ (S. 750; Bewäl- tigungsperspektive), • Therapeutische Klärung oder Klärungsarbeit („Klärungs- perspektive“, S. 752), • „Prinzip der realen Erfahrung“ (Grawe, 1994, unveröff. Manuskript [Vortrag]) und • „Ressourcenaktivierung“ (wichtigste Ressource: gute Therapiebeziehung, ebd.; Beziehungsperspektive, Grawe et al., 1994, S. 775). als eine Trajektorie (Bewegungsbahn) innerhalb dieser Dimensionen beschrieben werden. Diese Aussage wurde mit einer etwas anderen Formulierung und andersartig fußend bereits im Fünften Kapitel vorweggenommen (vgl. DA-S. 42 ff.). Grawe konnte dies anhand empirischer Resultate neuformulieren (vgl. Grawe et al., 1994, S. 87–671 und S. 695 ff). Mit alldem soll aber nicht gesagt sein, daß Grawe et al. bisher völlig Ablegenes erstmals unter der Lupe betrachtet haben und deshalb zu sinnvollen Resultaten kamen. Schon Czogalik (1988) unterschied – wenn auch nur über empirische Belege „aus zweiter Hand“ (vgl. Orlinsky & Howard, 1986, p. 311 ff.) – und begründete drei Hauptwirkkoordinaten der Psychotherapie, durch die ein spezieller Beziehungsraum umspannt wird (S. 267). Er extrahierte den reichhaltigen Einfluß der Therapeut-Patient- Beziehung, der therapeutischen Interventionen und der Partizipation, als bedeutsame Einflüsse für einen „Behandlungserfolg“. Die Wirkspezifitätspostulate nach Czogalik erweisen großflächige Überschneidungsbereiche mit den empirischen Begründungen von Grawe et al. (1994). 5. Sozialpsychologische Betrachtungen zur psychotherapeutischen Interak- tion Im engsten Bezug auf das menschliche Dasein, – die menschliche Existenz –, kann eine sinnvolle Betrachtung der wechselseitigen Austauschprozesse im kontextsensitiven Um- feld interpersoneller Beziehungen nur von einer sozialpsychologischen Sichtweise her angestellt werden. Aus diesem Grunde wird es in diesem Abschnitt darauf ankommen, das psychotherapeutische Sich-zueinander-Verhalten zu formulieren und anhand sozio- theoretischer Übergriffe zu kennzeichnen. Als eines der Hintergrundraster wird sich da- bei das Verständnis einer „Sozialpsychologie als Grundlagenwissenschaft der Psychothe- rapie“ (Enke, 1978, zitiert nach Czogalik, 1989, S. 78) dienlich erweisen. Natürlich wäre es eine unnötige Vereinseitigung, zu fordern, den psychotherapeutischen Prozeß aus- schließlich von einem sozialpsychologischen Blickwinkel aus zu betrachten; diese Kurz- sichtigkeit soll hier nicht begangen werden. Wenn jedoch andererseits danach gefragt wird, welches zwischenmenschliche Geschehen überhaupt als nicht-sozialphä- nomenologisch zu denken wäre, so dürfte es schwer fallen, darauf eine sinnvolle Antwort zu geben. Wir sitzen demnach keiner Chimäre auf, wenn wir die zwischenmenschliche Begegnung und die dabei zum Tragen kommende (verbale und nonverbale) Kommunikation als sozialpsychologische Wesensbedeutsamkeit fruchtbar machen. Damit soll die Zwischenmenschlich-Soziale-Wesensexistenz des Menschen im psycho- therapeutischen Prozeß gemeint sein. Sie wird im weiteren unter Nennungen wie „sozialexistentielles Wesen“ oder „sozioexistentiell“ gehandelt werden. Psychotherapie ist in erster Linie „soziale Kommunikation“ (Czogalik & Wabra-Schnekenburger, 1988, S. 223). Mit dem Vorabverständnis der Therapeut-Patient-Beziehung als ein zeitweiliges Sozial- system (vgl. Böttcher, 1981, S. 128) und als ein wechselseitiges Aufeinander- bezogensein (Interdependenz), wird im folgenden zu zeigen sein, wie jeder der beiden Interaktionspartner die ihm verfügbaren Verhaltensstile in der therapeutischen Beziehung einsetzt. Im Verlauf der Therapie konfigurieren diese Interaktionsstile nach und nach kohärente Interaktionsgestalten, sog. Interaktionsmuster (vgl. Czogalik, 1991, S. 175). Therapeut und Patient erschaffen sich somit einen sozialexistentiellen Beziehungsraum, in dem verschiedene Phänomene der Grunddimensionen Nähe und Distanz, Verbindung und Abgrenzung oder Verstehen und Mißverstehen (vgl. Böttcher, 1982, S. 28 ff.) unterschiedlich gewichtet in den Vordergrund rücken. Die Ereignisse in diesem mehrdimensionalen Interaktionsraum sind vorzüglich von einer Veränderungs-dynamik und einer adaptiven Fitneß geprägt. Anders gesagt, in der therapeutischen Beziehung spielen komplexe polyteloristische Prozesse sowohl des „Angleichens“, Abgleichens und der Verähnlichung als auch des Un-ähnlich-Werdens und Ver-un-gleichens aneinander eine gewichtige Rolle. Wir haben es hier ganz offensichtlich nicht nur mit Komplementaritätsregulierungen zu tun (vgl. Tracey, 1993, p. 396; Fiedler & Rogge, 1990, S. 146 f.), sondern müssen uns vielmehr um „Anpassungsvorgänge“ bekümmern. Anpassungsvorgänge, d. h. Prozesse der „Assimilation“ (Piaget, 1948, zitiert nach Dorsch: Psychologisches Wörterbuch, 1991, S. 54 f.) und der Dissimilation (Un-ähnlich-Werden) bezüglich der Verhaltensstile von Patient und Therapeut bedürfen sicherlich vorerst einer noch genaueren Kennzeich- nung. Wenn wir uns dahingehend nach den bisherigen Bemühungen auf diesem Gebiet umschauen, so können besterdings nur wenige Versuche eine zufriedenstellende empirische Befundlage zu schaffen aufgezählt werden. Manche empirische Untersuchungen (vgl. Fiedler & Rogge, 1990, S. 134 ff.) weisen durchaus in diese Richtung, legen jedoch kaum Konsequenz an den Tag, wenn es darum geht, Divergenz- und Konvergenzvorgänge der „wechselseitigen Verschränktheit“ (Czogalik, 1989, S. 13) der Verhaltensstile von Therapeut und Patient zu untersuchen und zu konzeptualisieren. Die einen sprechen von „Lenkung“ und „Beziehungskomplementarität“ (Fiedler & Rogge, 1990, S. 148 f.), die anderen von „Dependenz“ und „Beeinflussung“ (Böttcher, 1981, S. 132), wieder andere von Vereinseitigungen, wie etwa dem Therapeut mit „konstruktiv-adaptiven“ Fähigkeiten (Vogel, 1994, S. 419). Der letztgenannte Versuch, sich mit der Vielfalt von erfahrungs- und situationsgesteu- erten Anpassungsprozessen im Therapiegeschehen auseinanderzusetzen, wurde von Ge- org Vogel (1994) unternommen und kommt dem hier vertretenen Anliegen doch relativ am nähesten. Als inhaltlich-methodische Strategie verwendete er „unerwartete, bedeut- same Ereignisse und Wendepunkte“ (S. 331) im Therapieverlauf, wobei sein Hauptau- genmerk dem dadurch gesteuerten Einsatz „interaktionsorientierter oder planungsorien- tierter Absichten“ (ebd.) galt. Neben der Fähigkeit sich an den Patienten „anzupassen“, eruierte Vogel das Verhältnis von Methodenorientierung und Verlaufsorientierung als zwei Therapeutenstrategien. Im Zuge der Realisierung dieser Therapeutenstrategien er- kannte Vogel, daß sich auf Grund neuer Informationen und „wechselnder Lagen“ rasche „Absichtenwechsel“ (S. 421) ergeben können, die schlechterdings eine Gefährdung über- greifender Überlegungen des Therapeuten oder des gesamten Therapieplanes darstellten. Der „erfolgreiche“ Therapeut, so konnte Vogel weiterhin aus seinen Untersuchungsresul- taten schlußfolgern, verfolge – im Gegensatz zum „weniger Erfolgreichen“ – minutiös vorausgeplante Absichten (Geplantheit, Klarheit, Elaboriertheit; „übergreifende Hypo- thesen und Zielsetzungen aufgrund eines gut differenzierten mentalen Arbeitsmodells“, S. 423) viel häufiger als verlaufsortientierte. Die Strategien der „weniger erfolgreichen“ Therapeuten ermangelten dagegen einiger Geplantheit und Klarheit, so daß sich diese zu Improvisationen bezüglich ihres Vorgehens gezwungen sahen und damit natürlich wieder neue, spontane Absichten schufen (S. 423). Vogel verstand „Anpassung“ weniger als Angleichung und Verähnlichung, sondern eher als adäquates Strategiemuster die Reali- tätsumwelt zu strukturieren und auf sie einzuwirken. Vielversprechend erscheint auch der oben an zweiter Position genannte Versuch, die Vorgänge der „Dependenz“ und „Beeinflussung“ in der dyadischen Psychotherapiesitua- tion zu präzisieren. Mit der Streberichtung, Beeinflussungstenden-zen im Therapieprozeß zu erkennen, gelangte Frido Mann (1979, unveröff. Manuskript [Vortrag]) zu der Er- gebnisbeobachtung, daß sich der psychotherapeutische oszillative Abstimmprozeß und der damit verbundene Aufbau einer tragfähigen (d. h. beiderseitig vertrauensvollen) the- rapeutischen Beziehung insonderheit dann relativ schnell vollziehe, wenn der Therapeut auch über seine „innere“ Situation spräche und dabei verstärkt „Ich-Botschaften“ ver- wendete statt sein Fühlen lediglich durch „Du-Botschaften“ transparent zu machen (zitiert nach Böttcher, 1981, S. 133). Zu den bislang „eindringlichsten“ empirischen Un- tersuchungen zu dieser Thematik gehören die sorfältigen Erkundungen von Czogalik (1988, 1990) zur therapeutischen Selbstöffnung („self-disclosure“, Jourard & Laskov, 1958, zitiert nach Czogalik, 1988, S. 271). Nach Czogaliks (1990) Resultaten zeigte die untersuchte Patientin bei gesteigerter Selbstöffnung des Therapeuten ein verstärktes Kommunikationsverlangen (Korrelationskoeffizient r=0.49) und ein offeneres Sich- Mitteilen (r=0.23). Beide Therapiepartner betreffend drückte sich das hohe Maß an Self- disclosure in einer „gelungeneren“ Therapiebeziehung (r= 0.25) aus. Die Vorgänge der Verhaltensstilkonvergenz oder -divergenz können aber auch sozial- psychologisch einer Konzeptualisierung näher gebracht werden. Jede Einzelpsychothe- rapie stellt nach Erich H. Witte (1989) schon eine „Gruppensituation“ dar, da schließlich jede Art des Verhaltens zu dem des anderen in Beziehung gesetzt würde (S. 17). Diese Möglichkeit der Bedeutungsüberführung zu sozialpsychologischen „Gegenständen“ hin wird hier nicht weiter ausformuliert, sondern gezielteren Konzeptualisierungsversuchen vorbehalten. Nur soviel: Über das Verständnis verschiedener Phänomene in der Klein- gruppe böten sich auch Möglichkeiten zu partiellen Bedeutungsvergleichen (i. S. des Analogons) mit der Psychotherapiesituation. Daraus ergäben sich facettenreiche Anknüp- fungspunkte, um über verschiedene Betrachtungen zur Attraktion und Attraktivität bis hin zu den Optimalniveaus des „Anregungspotentials“ (Berlyne, 1960/1974, zitiert nach Witte, 1989, S. 151) zu gelangen. Bei derartigen thematischen Vertiefungen wäre sicherlich manches über die besonders „attraktiven“ mittleren Aktivationsniveaus zu sagen, die sich bei einem mittleren Informationsgehalt (Neuigkeit, Komplexität) ver- gleichbarer Situationen einstellten (vgl. Witte, 1989, S. 151). Manche sozialpsychologi- sche Konzeptionen könnten in einem synekdochischen Vergleich (gr. -doxe Vorstellung, Meinung) auch bereits vorhandene Konzeptualisie-rungen des klinischen Prozesses bereichern (“coercive power”-Theorie, Tedeschi, Lindskold & Rosenfeld, 1985; Assimilations-Kontrast-Theorie, Sherif & Hovland, 1961; vgl. Witte, 1989, S. 247 ff.). Mehr Überlegungen sollen an dieser Stelle hier nicht angestellt werden. Die Vorstellung der möglichen Verknüpfungsstellen zwischen der Psychotherapie und sozialpsychologischen Verständnissen hat seine Funktion des Aufzeigens, der Blickweitung, „des Hinausweisens aus dem sozialpsychologischen Fenster“ (i. S. Bubers, 1962/1992, Einb.) genügend anspruchsvoll erfüllt. 6. Interaktionen von Depressiven Nachdem einige Gegebenheiten des Sich-zueinander-Verhaltens in seiner sozialexisten- tiellen Wesentlichkeit zugrundegelegt wurden, können mittels einiger Kennworte die Verhaltensbesonderheiten depressiver Patienten zusammenfaßt werden. Nachdem im folgenden einiges zu den verbalen “interactional strategies or styles” (Czogalik, in press) gesagt wurde, lassen sich in einer “nonverbal micro-episodes”-Sicht (Vanger, 1993, unveröff. Manuskript [Vortrag]) die beobachtbaren Besonderheiten der nonverbalen Kommunikationen Depressiver herausschälen. Bis auf spezifische Strukturen der einzelnen Episoden wird auch weiterhin stillschweigend von einem “(limited) repertoire of disparate behavioral styles applied in social contacts” (Czogalik, in press) aus- gegangen. Das „Zusammenspiel“ der Interaktionsstile beider Gespächsteilnehmer wird zu einem “interlocked system”, oder genauer, zu “interactional pattern” führen. Zunächst aber kurz grundsätzliche Bemerkungen. Wenn im Verlaufe der nachfolgenden Beschreibungen und Erklärungen konsequent ei- ne strikte Trennung von verbalen und nonverbalen Kommunikationsmodalitäten verfolgt wird, so ganz gewiß nicht aus Gründen einer tatsächlichen Abgetrenntheit dieser beiden. Wie bis hierhin schon deutlich geworden sein dürfte, wird ohne weitere Spezifizierung von der „Kommunikation“ gesprochen. Für das Folgende erweist es sich wiederum aus Gründen des optimalen Leseverständnisses als wesentlich sinnvoller von der Kommuni- kation, als einer der wichtigsten Formen der Interaktion, statt hauptsächlich von der In- teraktion selbst zu reden. Ohne mit dieser Aussage ins Triviale zu fallen, können wir das Ineinanderübergehen der beiden Grundmodi der Kommunikation in der Interaktion vor- aussetzen: Jeder körperliche, averbale, nonverbale, paralinguistische Ausdruck der Men- schen ist kommunikationsbezogen. Ob dies nun der jeweilige „Hörer“ immer mit einer sinnlichen Deutungswahrnehmung aufnimmt oder nicht. Um einen relativ „urtümlichen“ Grund für die darauffolgenden Darlegungen zu bereiten, werde ich zunächst eigentlich Sehr-gut-bekanntes – die Gestik, Mimik und Stimmführung betreffend – zu Zwecken der Präsenz vor Augen führen (Tafel 4, s. DA-S. 56). Verbale Kommunikationen Depressiver.Charlotte Wolff (1945) kategorisierte speziell für den Ausdruck Depressiver: Die Bewegungen seien langsam, nicht zahlreich, zögernd, nicht betont, durch verbergende Gesten gekennzeichnet (zitiert nach Argyle, 1975/1989, S. 251). Daß die verbalen und averbalen Ausdrucksbewegungen des Menschen schon in ihrer Sinnberührung mit dem illokutionären Charakter der Sprache eine recht „eigentümliche Weltsicht“ (Humboldt, 1876/1935, zitiert nach Knaurs Lexikon der Weltliteratur, 1992, S. 254) vorstellen, möchte ich hier nicht weiter vertiefen. Die Besonderheiten des Interagierens Depressiver finden offensichtlich im sozialen Zusammenleben (z. B. Beziehungspartner) eine besonders „klare“ Entsprechung. In ver- schiedenen neueren Untersuchungen zum depressivem Verhalten (Hell, 1982; Steiner, Keller, Wolfersdorf, Hautzinger & Nostitz, 1992) konnte zweifelsfrei herausgestellt werden, daß sich das interpersonelle Verhalten depressiver Patienten in verdeckter Feindseligkeit und Spannung zeigt und an der „Anspannung“ der partnerschaftlichen und familiären Situationen entscheidend beteiligt sind (Steiner et al., 1992, S. 35 f.). In diese Richtung verlaufend, können verschiedene typische Verhaltensmuster identifiziert werden. Fremd- oder selbstanamnestische Aussagen erlaubten es folgende drei Typien zu for- mulieren: Unter generalisierender Intention wäre es sicher nicht grundlegend verkehrt lediglich vom klagsam-appellativem und Rückzugsverhalten zu sprechen, wie es Wolfersdorf (ebd.) tat. Klerman (1974) führte bereits einige Jahre zuvor das Ingangkommen dieses Kreislaufs auf den Wechsel des Verhaltens der Mitmenschen infolge nicht abreißender Klagetiraden zurück. Zunächst zeigten die Mitmenschen eine gesteigerte Achtung und ein insgesamt eher „positives“ Verhalten, um dann “rejection, purtation, negative emo- tions and negative consequences“ (p. 135, zitiert nach Ellgring, 1989, p. 20) folgen zu lassen. • (1) Das Appellationsverhalten (Klagen, „Suizidalität“, Schwach-und-hilflos-Darstellen u. dgl. m.), • (2) das Hostilitätsverhalten (forderndes Anklagen, Kooperationsverweigerung, Akte der Feinseligeit u.a.m.) und • (3) das Deprivationsverhalten (Apathie, Ausdruck von Lustlosigkeit u.a.) (vgl. Linden, 1976, S. 114 f.). Nonverbale Kommunikation Depressiver. Die genannten Verhaltensmuster der depressiv Kranken bestimmen grundsätzlich auch die Interaktionsqualitäten im Bereich der nonverbalen Kommunikation. Die depressive Ausdrucksweise wird von den Mitmen- schen als negativ wahrgenommen und gilt als „sozial unerwünscht“ (vgl. Vanger, Sum- merfield, Rosen & Watson, 1991, zitiert nach Forschungsantrag [unveröff. Manuskript]). Die Forschungsgruppe um Philippos Vanger konnte mit Hilfe mikroanalytischer Verfahren deutlich machen, daß Depressive im Vergleich zu Nichtdepressiven eine geringere Sprechaktivität (ebd.) zeigen und daß sie es in einem hohen Maß an in- teraktioneller Rückmeldung (Feedback) fehlen lassen. Der depressive Patient “looks tired and self-concerned” (Mayer-Gross, Slater & Roth, 1969, zitiert nach Ellgring, 1989, p. 21). Das nonverbale Ausdrucksverhalten scheint aber „sagen“ zu wollen, daß die Betroffenen zwar dazu tendieren „stiller“ zu sein, dieses jedoch nicht unbedingt möchten (p. 104). 7. Hypothesen und Fragestellungen Durch die Bemerkungen der letzten Abschnitte unterstützt, wurde deutlich, daß sich die empirischen Resultate zu der Anpassungsprozeßthematik im ganzen als noch nicht sehr aussagekräftig darstellen. In die ungefähre Richtung wiesen bisherige Studien zur Beein- Gestik Mimik Paralinguistische Illoku- tionen • Einladen oder Abwägen mit Händen, Schultern, Kopf • Augenbrauen: Heben: Weitung der inneren oder äußeren Anschauung Einengen: Raumein- engung aus Angst • Melodisch: - Tonhöhe, - Satzmelodie, - Klanggefälle, - Klangfarbe (z. B. Fistelstimme) • Körperhaltung: vor- und zurücklehnen, vorbeugen • Stirn-Runzeln: horizontal: Angst, Grübeln vertikal: Notstand, Überforderung bei Reizüberflutung • Dynamisch: - Betonung - Betonungswechsel • Vor- und Zurückrut- schen mit Füßen • Temporal: - Geschwindigkeit - Tempowechsel - Pausendauer - Pausenart • Fesselgesten (Mani- pulieren mit Gegenstän- den, Körper) • Auskultatorisch: - Deutlichkeit - Deutlichkeitswechsel - Lautungsstufen Tafel 4 Ausdrucksmittel mit Hilfe der Gestik, Mimik und Paralinguistik flussung, Lenkung, Anpassung und Assimilation, – darauf wurde schon hingewiesen. Unter speziellen Arbeitsvoraussetzungen wurde mit der vorliegenden Untersuchung ver- sucht, die Befunde zur „Anpassungsthematik“ unter Gesichtspunkten des Psy- chotherapieprozesses zu mehren und die Befundlage zu verstärken. Der nicht gerade üppig bestückte, allgemeine empirische Ergebnishorizont zu unserer Thematik hier, mag vielleicht die Grundsätzlichkeit mancher der folgenden – vorerst unbewiesenen – Ar- beitsannahmen rechtfertigen. Die Untersuchungsinstrumente und die Gegenstände der Untersuchung werden in spä- teren Abschnitten (s. DA-S. 65 ff.) noch ausführlicher vorgezeigt werden, für jetziges Verständnis nur substantiell Formales. Es wurden sechs Therapien mit jeweils (im Durch- schnitt) 20 videographierten Therapiesitzungen untersucht. Das „Untersuchungs-design“ ließ verschiedene Variationen zu. Manche Therapeuten behandelten im Rahmen der Stu- die Analyse psychotherapeutischer Interaktionen und Effekte in der IPT mehrere Patien- ten, andere wiederum nur einen einzigen, was sicher schon die methodoformalen Mög- lichkeiten der Datenanalyse und -interpretation vorweg nimmt. Die nachfolgend ausfor- mulierten Hypothesen bauen auf dem Gesagten. Erste Hypothese Im Verlauf der psychotherapeutischen Interaktionen treten charakteristische Strukturmerkmale des sozialen Verhaltens hervor, die durch eine therapieüber- dauernde Stabilität gekennzeichnet sind. Zwischen diesen Verhaltensweisen von Therapeut und Patient ereignen sich im Laufe der Therapiestunden Konvergenzvorgänge. Unter der Voraussetzung der sozialpsychologischen Bemerkungen in vorhergehenden Abschnitten erwarte ich Hinweise auf strukturelle Charakteristika interaktioneller Verhal- tensweisen. Ich unterstelle, daß diese Strukturen eine qualitative Stabilität aufweisen, sich jedoch quantitativ verändern. Das Assimilations- und Dissimilationspostulat wurde insbesondere durch die eigene Beobachtung von Sitzungsabschnitten angeregt, in denen Einfühlungsvermögen und Nondirektivität gefragt waren. Dies sind Therapieabschnitte, in denen es mehr als sonst darauf ankommt, daß sich das Geschehen auf ein und derselben Ebenen (Gedanken, Sprache betreffend) abspielen muß, – erfordert wird hier der „herrschaftsfreie Diskurs“ (Haesler, persönl. Mitteilung, 23.11.1990; vgl. v.a. Habermas, 1988a, S. 182 ff.). Zweite Hypothese Die Interaktion der Therapieteilnehmer gehorcht nicht irgendeiner starren Rah- menvorstellung. Die Ausprägungen der Verhaltensvariablen zeigen über den Verlauf der Therapiestunden eine nachweisbare Variabilität und erkennbare Oszillationen. Am Anfang und Ende der Therapiesitzungen ist die Variabilität geringer als im mittleren Sitzungsabschnitt. Diese Variabilität drückt sich sehr deutlich in Form der Ausprägungen der Ver- haltensmerkmale des Therapeuten und Patienten aus. Die oszillatorischen Abweichungen stellen – ganz in ihrer physikalischen Entsprechung – „Verhaltensauslenkungen“ vom sozialnormierten und regelgestützten Homöostaseni- veau dar. Wie diese sozialen Normen und Regeln im einzelnen aussehen, bestimmt der soziale Kontext des Betreffenden. Damit wird vorausgesetzt, daß die Ver- haltensregulationen als hochpotent veränderungsmotivational in den Vordergrund rük- ken. Der psychotherapeutische Interaktionsraum ist ein Ereignisort, der durch das Inein- ander sowohl der Absichten, Verhaltensplanungen und Zielintentionen des Therapeuten als auch der Erwartungen des Patienten nach Unterstützung, Stützung und punktueller Symptomabhilfe fissuriert wird. Mag sein, daß die „psychotherapeutisch determinierten“ Absichten, Pläne und kognitiven Schemata gegenüber denen, die jeder der beiden Partner als intrapsychische Qualitäten schon in die Therapie mitbringt, gegen Ende der Behand- lung verschiedene Veränderungen erkennen lassen. Dieser Umstand erscheint hier ge- genstandsbezogen und nicht spezifizierungswürdig. Dritte Hypothese Im Verlauf der Therapiesitzungen fügen sich die Verhaltensstile des Therapeu- ten und Patienten zu speziellen Mustern der Interaktion zusammen. Über diese Hypothese wird wiederum eine enge Verbindung zu jenen Gesprächssi- tuationen zweier Dialogpartner hergestellt, in denen sich die Interaktionsstile der beiden zu einem Interaktionsmuster verketten. Da beiden Interaktanten jedoch eine ganze Palette solcher Verhaltensstile zur Verfügung stehen, und im Therapieverlauf vielleicht nicht alle Varianten davon zum Ausruck kommen, wird kein generalisierender Anspruch auf eventuell nicht beobachtbare Interaktionsstile gestellt. Vierte Hypothese Auf den Persönlichkeitsdimensionen „Dominanz/Submission“ und „Freundlichkeit/Unfreundlichkeit“ unterscheiden die Ausprägungen der Verhal- tensmerkmale des Therapeuten und Patienten sehr charakteristisch. Der Thera- peut wird sich eher dominant und freundlich zeigen, der Patient eher als sub- missiv und unfreundlich. VIERTER TEIL „ERFAHRUNGSWISSENSCHAFTLICHES“ ZU DEN ANPASSUNGSPROZESSEN IM VERLAUF PSYCHOTHERAPEUTISCHER INTERAKTIONEN A rose is a rose is a rose. Gertrude Stein29 Siebentes Kapitel Empirisches Vorgehen: Untersuchungsgegenstand, Methodologie und Meßinstrumente 1. Einleitung Die vorliegende empirische Untersuchung kann nur als ein Teil eines größeren Ganzen und als Zuarbeit für ein Forschungsprojekt verstanden werden. Das Hauptanliegen dieses Projektes besteht in der „Analyse psychotherapeutischer Interaktionen und Effekte in der IPT“. Aus der Themenvielfalt, die bis hierhin bearbeitet wurde, dürfte schon ersichtlich geworden sein, daß diese Forschungsunternehmung von mehreren Blickwinkeln aus ins Auge gefaßt wurde. Von der einen Seite her, einer Abteilung des Mannheimer Zentral- instituts für seelische Gesundheit (ZISG), bestand seit Beginn des Jahres 1993 ein drän- gendes Interesse, über die Wirkprinzipien und deren Spezifität bei der Durchführung der Interpersonellen Psychotherapie (IPT) mehr in Erfahrung zu bringen. Von einer anderen Seite her, eines Wissenschaftsbereiches der Forschungsstelle für Psychotherapie (Stuttgart), erhob eine spezielle Forschungsorientierung den Anspruch, die forschung- stheoretischen Psychotherapieprozeßkonzepte mit erfahrungswissenschaftlichem „Leben“ zu erfüllen. Soviel läßt sich aus einer „Vogelperspektive“ erkennen. Etwas näher heran getreten, verbindet sich dieses Forschungsvorhaben mit den Namen von zwei konkreten Personen, des „Klinikers“ Josef Aldenhoff (Mannheim) und des Psychotherapieforschers Dietmar Czogalik (Stuttgart). Wenn wir dabei an die früheren Bemerkungen zur „Kluft zwischen Forschung und Praxis der Psychotherapie“ zurückdenken (vgl. DA-S. 29), wird uns der folgende Gedanke nicht sonderlich fremd erscheinen. Mit diesem Forschungsprojekt wurde nämlich ein diesbezüglich neuer und integrativer Versuch unternommen. Integrativ in der Hinsicht, daß neue Erkenntnisse über den Vorgang des Regelns und Ordnens, d. h. der Regulierung von psychotherapeutischen Interaktionen gefördert werden können. Integrativ auch in der Hinsicht, daß die Wirkspezifität der IPT im engen Bezug zu diesen Modalitäten der Beziehungsregulierungen ermittelt werden kann. Die sachgemäße Durchführung der IPT wird während eines großen Teils der Studie mit Hilfe zielgerichteter Supervisionen (Christine Schramm, Freiburg) im Auge behalten und gewährleistet. Der Untersuchungsgegenstand setzt sich demnach aus den Verläufen der IPT mit de- pressiven Patienten und den dabei zu beobachtenden psychotherapeutischen Interaktio- nen zusammen. Die in diesem Rahmen mit IPT behandelten Patienten, weisen aus- schließlich die Merkmale einer „typischen Depression“ (Major depression) nach DSM- III-R (A.P.A., 1987/1991) auf. Die speziellen Diagnosekriterien und deren Operationali- sierbarkeit wurden bereits weiter oben besprochen (s. DA-S. 3). Auch über die IPT- Ausschlußkriterien der Psychotizität sprachen wir schon (s. DA-S. 23). Um über das „Umfeld“ des Untersuchungsgegenstandes einige Klarheit zu gewinnen, ist es sehr hilf- reich, die Außenkriterien dieses Forschungsprojektes transparent vorzuführen. Dies be- trifft zum einen das Therapieerleben beider Dialogpartner, das im Anschluß an jede Sit- zung erfaßt wird (Stuttgarter Kommunikationsfragebogen für Therapeuten [SKOM-T] und für Patienten [SKOM-P], vgl. Czogalik, 1989, S. 363 ff.), die aktuelle Gestimmtheit (Befindlichkeitsskala [B-S], Zerssen, Koeller & Rey, 1970, S. 917) und das Maß an Depressivität (Hamilton-Skala, Hamilton, 1960, p. 61 f.). Weiterhin werden auch biolo- gische Veränderungsparameter wie Schlafparameter, intrazelluläre Kalziumkonzentratio- nen und die Funktion der „Kortisol-Achse“ erhoben und in die Auswertungs- und Inter- pretationsprozeduren einbezogen. Bei den beiden Initiatoren der wissenschaftlichen Un- tersuchung besteht die Vorstellung, daß bis zu 30 Psychotherapien (IPT) in die For- schungsstudie einbezogen werden. Daraus resultierend, werden insgesamt 80- bis 90000 interaktionelle Therapieabschnitte (Therapeut-Patient-Sprechstücke) videographiert, eingeschätzt, analysiert und interpretiert. Aus all dem Angeführten läßt sich schon der weite Umfang dieses Forschungsprojektes ermessen. Weiterhin weist das mehrdimensio- nale strategische Vorgehen auf ein prozessuales, vernetzes und polytelistisches Psycho- therapieverständnis der beiden Studieninitiatoren hin. 2. Untersuchunsgegenstand Im Rahmen der vorliegenden empirischen Untersuchung wurden verschiedene Ereignis- sequenzen aus insgesamt sechs Psychotherapien (IPT) erhoben und forschungswissen- schaftlich bearbeitet. Um aussagekräftige Beobachtungen zu den Therapeut-Patient-In- teraktionen zu ermöglichen, wurden die einzelnen Therapiesitzungen in besondere Sprechabschnitte segmentiert. Besonders heißt hierbei, daß wir unsere Inspirationen und Anregungen zu diesem speziellen methodisch-formalen Vorgehen aus empirischen Unter- suchungen von Lichtenberg und Hummel (1976) schöpften. Diese beiden Forscher legten ihren interaktionsanalytischen Untersuchungen ein lerntheoretisches Konzept zugrunde, wonach jede Aussage immer zweifach funktional eingebettet war. Zum einen besaß eine Aussage in Bezug auf die vorangegangene Aussage des Geprächspartners immer eine (verhaltens-) verstärkende Qualität, zum anderen stellte sie zugleich einen diskriminati- ven Reiz für die nachfolgende Aussage des Gegenübers dar (zitiert nach Czogalik, 1989, S. 20). Unsere Anregung bekamen wir aus der methodischen Vorbedingung der Lichten- berg-Hummel-Studie, nach der ein Sprechabschnitt als der vollständige Sprechbeitrag zwischen zwei Sprecherwechseln definiert wurde (ebd.). Auf diese Weise wurden für die empirische Untersuchung vielzählige objektivierte Sprechbeiträge bereitgestellt. Aus den bisherigen Erfahrungsbefunden der oben besprochenen Studie wurden 720 Aussagen aus sechs Therapien herausgegriffen und analysiert. Es handelt sich dabei um jeweils vier Sprechabschnitte des Patienten und vier Sprechabschnitte des Therapeuten. Von diesen Therapien wurden drei Patienten von einem Therapeuten (Peter Gabriel), zwei Patientinnen von einer Therapeutin (Monika Fritzsche) und eine Patientin von ei- nem Therapeuten (Torsten Grödert) behandelt. 3. Untersuchungsmethodik Dem Vorgehen bei den Datenbereitstellungen,- aufbereitungen und -analysen liegt eine grundempirische interaktionsforschungstheoretische Prozeßstrategie zugrunde. Über das Verfolgen eines solchen „Interventionsplanes“ ergeben sich vielverzweigte Möglichkei- ten, verschiedenste Fragen nach der differentiellen Therapieindikation, nach der Thera- peut-Patient-Passung (d. h. des möglichen Neben- und Miteinanders) und nach der Effi- zienz einzelner Therapieverfahren mit Hilfe herausgesonderter Determinanten der Thera- peut-Patient-Beziehung einer Beantwortung näher zu führen. Ein fundamentaler Baustein dieses Planes stellt das Aufsuchen von Invarianten (d. h. zeitlich und kontextuell stabile, strukturelle Verhaltenskonfigurationen) der Prozeß-Kontext-Matrix im Verlauf der Be- handlung dar. Diese Invarianten der interaktionellen Verhaltensweisen werden dabei als Ereignisse verstanden, die im Therapieverlauf eine musterbildende Qualität gewinnen. Diese Strategie beruht auf einer sozialpsychologisch-konzeptuellen Homöologisierung und läßt sich durch verschiedene axiomatische Anahmen stützen. Es wird im Rahmen der forschungwissenschaftlichen Strategie eine sozialpsychologisch fundierte Erkenntnisfindung angestrebt. Jedes individuelle Verhalten ist „zwischenmenschlich“, zumindest jedoch immer „sozial“. Jedes interindividuelle Verhal- ten ist interaktionell, „zwischenmenschlich“ und „sozial“. Um mit Strong (1978) zu re- den, gibt es gar kein „anderes“ Verhalten als das je alltägliche (zitiert nach Czogalik, Vanger, Kupper & Hautkappe, 1994, S. 3). Unter diesen Annahmen postulierten wir ei- nen forschungsstrategischen Prozeßalgorithmus: Der dynamische Kern der psychothera- peutischen Kur (i. S. der Lewinschen Gruppendynamik) besteht in dem gegenseitigen Beziehungsverhalten; diese Vorgänge erklären wir über den systematischen Erfahrungs- horizont des Alltagsverhaltens; auf dieser Erklärungsgrundlage erübrigen sich Fragen nach der Art oder schulentheoretischen Ausrichtung eines Behandlungsverfahrens, denn uns kommt es auf die interaktionellen Vorgänge zwischen den Therapiepartnern schlechthin an; den nonverbalen und verbalen Interaktionsmodi zollen wir dabei stets eine gleichgroße Beachtung und messen ihnen eine gleichgewichtete Bedeutsamkeit zu; da wir dies alles mit einer starken Konzentration auf empirische Gegenstände studieren, bereichern wir unser Forschungskonzept in gleichem Maße durch den Einbezug einiger „qualitativer“ Aspekte hinsichtlich der kontextuellen Bedingungen (Czogalik et al., 1994, S. 3 f.). Dieser Planskizze liegt ein recht plausibles Veränderungsverständnis zugrunde. Wir untersuchen in der Psychotherapie Veränderungen des Sozialverhaltens, die sich für ge- wöhnlich in ein bis zwei Jahren des menschlichen Erwachsenenlebens vollziehen. Damit wird schon deutlich, daß wir ein ganze Palette qualitativ relativ stabiler Verhaltensweisen (strukturelle Determinanten) im Behandlungsverlauf annehmen, die sich innerhalb dieser zwei Jahren des sozialen Lebens ebenfalls nur geringfügig verändern. Die quantitative Ausprägung dieser strukturellen Determinanten in zeitlicher und situationaler Schichtung setzen wir jedoch als variabel voraus. An dieser Stelle kann der allegorischen Bezug zu der Dialektik (Thesis – Antithesis – Synthesis) von Georg W. F. Hegel (1812-16/1963) hergestellt werden. Von einer Metaebene aus stellt sich der Rhythmus der Veränderung nach Hegel als die Dreiheit von „an sich“, „für sich“ und „an und für sich“ dar. Zunächst liegt ein relativer „Gleichgewichtszustand“ vor, d. h. relativ stabile Verhaltenskonstituens (Thesis). In einem zweiten Stadium wird dieser Zustand negiert, es vollzieht sich eine Veränderung (Antitesis). Schließlich wird diese Negation wiederum negiert (Negation der Negation) und es ensteht als Synthese ein veränderungspotentes „Gleichgewicht“, d. h. Verhalten wird nun durch einen stabilen Zustand charakterisierbar, der jedoch in quantitativem Ausmaß eine Veränderungs-qualität besitzt (Synthese). Aus einer sozial- entwicklungspsychologischen Perspektive konnte Hellgard Rauh sogar über die ganze Lebensspanne verallgemeinern: „Der Mensch zeigt Veränderungen, aber auch konstante und stabile Merkmale sein Leben hindurch“ (Rauh, 1978, S. 14). Die Auswertungsstrategie der vorliegenden Untersuchung ist auf die Ebene der Thera- piestunden ausgerichtet. 4. Meßinstrumente Die Beschreibung und Analyse der erhobenen Daten (Videoprotokolle) erfolgte mit Hilfe zweier Auswertungsinstrumente, – der dritten Version des Stuttgarter Kategorien-inven- tars zur Interaktionsanalyse (SKI/3) und den Stuttgarter Kommunikations-fragebogen für Therapeuten und Patienten (SKOM-T, SKOM-P). Die Verwendung des SKI/3 erlaubt eine Beschreibung des sichtbaren Verhaltens von Therapeut und Patient durch unabhän- gige Beobachter aus einer Außenperspektive. Direkt im Anschluß an jede Therapiesit- zung schätzen Therapeut und Patient mit Hilfe des Kommunikations-fragebogens aus ei- ner Binnenperspektive ihr Selbst- und Kommunikationserleben während der vergangenen Stunde ein. Aus Gründen der Datenhaltung und der vorliegenden Erfahrungsbefunde wurden bei den Datenanalysen der vorliegenden Untersuchung lediglich die Schätzwerte des SKI/3 verwendet. Die Datenbeschreibung und -einschätzung wird ausschließlich mit dem SKI/3 (Anhang, s. DA-S. 108) geleistet. Diese Schätzskala (Rating scale) wurde von Czogalik (1993, unveröff. Manuskript, vgl. Czogalik, Haïdara & Vanger, 1994) entwickelt und stellt die mittlerweile dritte überarbeitete Version des SKI dar. Das Interaktionsverhalten während der psychotherapeutischen Dialoge wird „multikanal“ aus mehreren Beobachterperspektiven gemessen. Diese Strategie trägt insbesondere der Tatsache Rechnung, daß in sozialen Interaktionen simultan verschiedene Botschaften auf mehreren Ebenen vermittelt werden (vgl. Czogalik et al., 1994, S. 11). Jede Beurteilungseinheit (Sprechbeitrag) wird anhand 34 bipolarer Items, die folgenden sieben Beobachterperspektiven obliegen, beurteilt: 1) Bezugnahme und Involvierung des Sprechers (freundlich, warm vs. unfreundlich, kalt; einflußnehmend, dominant vs. gewährend, submissiv; eindeutig, authentisch vs. vieldeutig, unecht u.a.m.) 2) Bezugnahme und Involvierung des Hörers (rückmeldend, Lautsignale vs. unre- sonant; manipulierend, unruhig vs. ruhig) 3) Gesprächsatmosphäre (locker, unkompliziert vs. verkrampft, kompliziert; ver- traut vs. fremd) 4) Interventionsmodus des Sprechers (affektiv-kognitiver Modus vs. deskriptiver Modus; selbstöffnen vs. selbstverbergen u.a.) 5) Gesprächsthema (Primärsystem, Therapie vs. Tertiärsystem; Probleme u. Kon- flikte vs. Sachverhalte u.v.a.m.) 6) Themensteuerung (bejahen, verstärken vs. verneinen, ignorieren; abwartend, Raum geben vs. dazwischentreten, unterbrechen u. dgl. m.) 7) Stimme und Sprechfluß (fließend vs. gebrochen; laut vs. leise; traurig, klagsam, getrübt vs. fröhlich, frisch, frei) Das Interaktionsverhalten jedes der beiden Dialogpartner wird mit dem SKI/3 demnach über gesprächsthematische, sprachformale, nonverbale und gesamteindrückliche Katego- rien erfaßt. Die faktorisierten Korrelationsmatrizen der Items wiesen bislang relativ konsistent auf die folgenden vier entscheidenden Dimensionen: Beteiligung, Beeinflussung, Problem- und Konfliktbearbeitung, Primärsystemorientiertheit (Czogalik, Ehlers & Vanger, 1993, unveröff. Manuskript). Diese faktoriellen Strukturen beruhen auf einer Zufallsauswahl von 50 Äußerungen aus 10 Therapien unterschiedlichster Provenienz (vgl. Czogalik et al., 1994, S. 12). Auf der Grundlage dieses empirischen „Materials“ konnten hohe Über- einstimmungen der zwischen Bewertungen desselben Beurteilers (r= .78) festgestellt werden (ebd.). Achtes Kapitel Empirische Evidenzen: Auswertungen und Ergebnisse 1. Statistische Analysemethoden Bei der Datenanalyse werden vorwiegend statistische Verfahren eingesetzt. Nach der jeweiligen Fragerichtung der Hypothesenprüfung wurden gezielt ganz spezielle Stati- stikmethoden eingesetzt. Es wurde die Varianzanalyse, die Faktorenanalyse und die Clusteranalyse durchgeführt. Bevor die einzelnen Ergebnisse dargestellt werden, soll zunächst ein kurzer Abriß der Auswertungsmethoden gegeben werden. Varianzanalyse. Die Varianzanalyse (VA) ist eine der allgemeinsten statistischen Analy- setechniken. Die “analysis of variance” (Fisher, 1918, p. 399) wurde von Ronald Aylmer Fisher erstmals 1918 als statistische Auswertungsmethode vorgeschlagen und wenige Jahre darauf (1924) genauer ausformuliert. Mit Jürgen Bortz (1989) ließe sich das va- rianzanalytische Vorgehen als Bestimmung des Ausmaßes beschreiben, in dem die unter- suchten unabhängigen Variablen einzeln und/oder in kombinierter Form auf die abhän- gige Variable Einfluß ausübten (S. 298). Mit anderen Worten gestattet es die VA, die Wirkung der Planfaktorvariablen (unabhängige Variable) auf die Effektvariable (abhängige Variable) quantitativ zu erfassen und „qualitative Schlüsse“ daraus zu ziehen (vgl. Röhr, Lohse & Ludwig, 1983, S. 262). In der psychologischen und sozialwissenschaftlichen Forschung wird sie größtenteils zur Prüfung von Mittelwerten eingesetzt. Diese Vorgehen entspricht einem varianzana- lytischen Modell mit festen Effekten. Es wird bekannt sein, daß die Bearbeitung vari- anzanalytischer Fragestellungen die Untergliederung nach verschiedenen Klassen von Effekten erfordert. Zu diesem Zwecke schlug Churchill Eisenhart (1947) die Unterschei- dung in “two different models” (p. 9) vor. Das erste Modell kann als Special case der Varianzanalyse betrachtet werden, da sich hierbei die Parameter aus den “population means” (p. 9) zusammensetzen. Nach dem zweiten Modell werden die Parameter als “components of variance” (p. 15) analysiert. Das erste Modell wird auch als Modell mit festen Effekten (Modell I der VA), das zweite als Modell mit zufälligen Effekten (Modell II der VA) bezeichnet. Liegen beide Modelle vor, so spricht man gewöhnlicherweise von Modellen mit gemischten Effekten (vgl. Röhr, Lohse & Ludwig, 1983, S. 263). Mit Hilfe des ersten Modells wird geprüft, welche Mittelwerte oder welche zwei Gruppen sich signifikant voneinander unterscheiden (multiple Mittelwertsvergleiche). Die ge- bräuchlichsten statistischen Verfahren hierzu sind der Duncan-, Scheffé- und Tuckey- Test. Das zweite Modell ermöglicht die Prüfung der Variabilität eines untersuchten Merkmals in einem bestimmten Ereignisraum. Bei der VA wird die vorhandene Streuung der gesamten Stichprobe in zwei Komponenten zerlegt und diese miteinander verglichen. Rechnerisch werden nun zum einen die Streuungen der einzelnen Werte um den Gruppenmittelwert, zum anderen die Streuung dieser Gruppenmittelwerte um den Stichprobenmittelwert bestimmt (vgl. auch Brosius, 1988, S. 275). Die statistische Hypothese lautet jeweils, die Gruppenmittelwerte der abhängigen Variablen sind gleich. Prinzipiell geht es also um die Frage, ob sich die Mittelwerte einer abhängigen Variablen für Gruppen von „Faktoren“ (unabhängigen Variablen) signifikant unterscheiden (vgl. Brosius, 1989, S. 214). Nach den Analyseumfängen erweist es sich durchaus sinnvoll, drei Arten der VA zu unterscheiden: die univariate (eine abhängige, intervallskallierte Variable, ebd.), die multivariate (Wirkung der „Faktoren“ und ggf. Kovariaten auf mehrere abhängige Variablen, S. 217) und die Analyse mit Meßwiederholungen (abhängige Variablen als Meßwiederholungen zu mehreren Zeitpunkten und/oder unter verschiedenen Bedingungen, S. 227). Bei der Datenanalyse der vorliegenden Untersuchung wird die einfache Varianzanalyse und der Tuckey-Test auf Additivität angewendet. Faktorenanalyse. Die Faktorenanalyse (FA) ist ein spezielles statistisches Verfahren durch welches in der Psychologie und den Sozialwissenschaften komplexe Sachverhalte analysiert und beschrieben werden können. Die Grundidee dieses statistischen Verfahrens wurde von Charles Spearman (1904) entwickelt, der mit der Tetradenmethode seine Theorie der “general intelligence” (p. 268) überprüfte. Die “two-factor methods” von Spearman wurden von Louis L. Thurstone (1931) zur Methode der “multiple factor analysis” (p. 406) weiterentwickelt. Das Grundanliegen der FA besteht darin, den Kom- plexitätsgrad eines vorliegenden Sachverhalts handhabbar zu gestalten. Mit Hilfe der statistischen Analyse wird ermittelt, ob in der untersuchten Population solche Variablen- gruppen vorhanden sind, die sich durch eine komplexe „Hintergrundvariable“ beschrei- ben lassen. Diese komplexen „Hintergrundvariablen“ werden auch Faktoren genannt. Üblicherweise wird die FA in vier Schritten durchgeführt. Im ersten Schritt wird die Korrelationsmatrix für die Variablenkombinationen errechnet. Dazu werden lineare Kombinationen zwischen den Beobachtungsvariablen gebildet. Für die Variablen, die hoch miteinander korrelieren, wird angenommen, daß sie einen gemeinsamen Faktor (“common factor”) besitzen. Der Varianzanteil, der nicht durch diese Common factors aufgeklärt wird, geht als Einzelrestfaktor (“unique factor”) in die Faktorengleichung ein. Zur Prüfung der Nicht-Sphärizität der Korrelationen und der „Güte“ des Faktorenmo- dells werden drei Kennwerte ermittelt. Durch den ersten Kennwert, den Chi-Quadrat- Wert des Bartlett-Tests, wird angegeben, ob sich die „beobachteten“ Korrelationen nur zufällig ergeben haben, obwohl sie in der Grundgesamtheit einen Wert von Null besitzen. Als zweiter Kennwert wird das Kaiser-Meyer-Olkin-Maß (KMO-Maß) errechnet. Das KMO-Maß begutachtet die Stärke des Zusammenhangs zwischen den Variablen. Ein ho- her KMO-Wert zeigt an, daß die Variablenauswahl für das Faktorenmodell gut getroffen wurde, ein niedriger Wert empfiehlt die Eliminierung bestimmter Variablen. Für diese Gütebestimmung empfahl Henry F. Kaiser (1974) folgende “evaluation of levels”: • 0.9 bis 1.0 marvelous, • 0.6 bis 0.7 mediocre, • 0.8 bis 0.9 meritorious, • 0.5 bis 0.6 miserable, • 0.7 bis 0.8 middling, • < 0.5 unacceptable (Kaiser, 1974, p. 35) Der dritte Kennwert, der bei der Durchführung einer FA nennenswert ist, zeigt die An- gemessenheit der Stichprobe an. Diese “measure of sampling adequacy” (MSA-Wert) wird für jede der untersuchten Variablen durchgeführt und nach dem Kaiser Kriterium bewertet. Während das KMO-Maß einen Überblickswert für Angemessenheit aller einbe- zogenen Variablen gibt, wird der MSA-Wert für jede einzelne Varable berechnet. Dies ermöglicht eine differenzierte Beurteilung des Faktormodells. Im zweiten Schritt werden die Faktoren „gezogen“. Die Faktorenextraktion kann auf verschiedene Weise erfolgen. Für die Datenanalyse der vorliegenden Untersuchung wurde die Hauptkomponentenana- lyse nach Harold Hotelling (1933) herangezogen. In der Hauptkomponentenanalyse werden die “principal components” für die Variablen, mit Hilfe von “linear functions” (p. 498) gebildet. Als Selektionskriterium wird das Ausmaß des Varianzanteils aller Variablen verwendet, der von durch jeweiligen Hauptkomponente aufgeklärt wird. Bei der anschließenden Bestimmung der Faktorenanzahl werden zwei Maßzahlen bedeutsam, die Kommunalitäten und die Eigenwerte. Während die Kommunaliäten den Teil der Gesamtstreuung aller Variablen angeben, der durch einen Faktor erklärt wird, geben die Eigenwerte den Anteil der Streuung einer Variablen an, der durch alle im Modell berücksichtigten Faktoren aufgeklärt wird (vgl. Brosius, 1989, S. 150). Die Eigenwerte werden zur Faktorenbestimmung herangezogen. Mit Hilfe des Scree-Tests werden jene Faktoren identifiziert, die einen Eigenwert größer als 1 besitzen. Wenn die Erklärungskraft der einzelnen Faktoren bereits aus Voruntersuchungen bekannt ist oder manche der ermittelten Faktoren als unergiebig erweisen, kann im vorhinein ein individuell gewähltes Kriterium gesetzt werden, z. B. alle Eigenwerte größer als 1.5. Mit der anschließenden Rotation im dritten Schritt der FA, wird eine Interpretationserleichterung geschaffen. Zu diesem Zweck wird die Faktorladungsmatrix einer Transformation unterworfen, bei der die Achsen des Koordinatensystems, in dem die Faktoren darstellbar sind, gedreht werden. Im vierten Schritt der FA werden die Werte für die Faktoren errechnet, die sog. Faktorwerte. Nach der Klassifikation, die Raymond B. Cattell (1966) vorschlug, werden als Varian- ten der FA üblicherweise drei Anwendungsmodalitäten unterschieden, die P-, Q- und die R-Technik (vgl. Bortz, 1989, S. 680 f.). Bei der Datenanalyse der vorliegenden Untersu- chung wurde die P-Technik (Cattell, 1951) angewendet. Durch die Verwendung dieser statistischen Verfahrensweise können die Interkorrelationen von Variablen, die über wiederholte Messungen an Objekten erhoben wurden, einer Faktorenanalyse unterworfen werden. An diesem Programm orientiert, extrahierte Cattell Traite-state-Faktoren oder funktionelle Einheiten für die “structure of personal motivation” (p. 29). Für unseren Themenbereich heißt dies, daß sich mit der P-Technik dyadenspezifische Interaktions- strukturen gewinnen lassen. Diese Strukturen weisen über den Verlauf der Therapie eine qualitative Stabilität und Invarianz auf, variieren jedoch in ihren quantitativen Ausprä- gungen (vgl. Czogalik, 1989, S. 132). Clusteranalyse. Die Clusteranalyse (CA) wird in den Sozialwissenschaften als Methode für die Guppierung von „Objekten“, die ähnliche Merkmale aufweisen, verwendet. Der Begriff „cluster analysis“ wurde von Harold E. Driver und Alfred L. Kroeber (1932) entworfen. Durch die CA werden aus den beobachteten Merkmalsausprägungen Relatio- nen zwischen den untersuchten Variablen abgeleitet und diese klassifiziert (vgl. Röhr, Lohse & Ludwig, 1983, S. 392). In dieser Vorgehensweise ist die CA der FA recht ähn- lich. Im Gegensatz zur FA, wo die Korrelationen zwischen den Variablen herangezogen werden, erfolgt die Gruppenzuordnung im Rahmen der CA aufgrund von Ähnlichkeits- oder Distanzmaßen. Innerhalb der Gruppen wird eine maximale, zwischen den Gruppen jedoch eine minimale Gleichartigkeit angestrebt. Die CA bietet verschiedene Strategien, um die “objets into optionally homogenous group on the basis of empirical measures of similarity” (Johnson, 1967, p. 241) einzuteilen. Die optimale Gruppenzuordnung kann zum einen hierarchisch-agglomerativ (Zusammenhäufung) oder hierarchisch-divisiv (Auseinandertrennung) und zum anderen nicht hierarchisch geschehen. Nach dem nicht hierarchischen oder partitionierenden Vor- gehen werden die Cluster von Anfang an vorgegeben und die optimale Gruppierung durch Verschieben der Objekte oder Variablen erreicht wird. Die Datenanalyse der vor- liegenden Untersuchung erfolgte nach der hierarchisch-agglomerativen CA. Zur Bestim- mung des Distanzmaßes wurde die Summe der quadrierten Differenzen zwischen den Variablenwerten gebildet und diejenigen Variablen zu einem Cluster fusioniert, die die geringste Durchschnittsdistanz aufwiesen. Von Robert R. Sokal und Charles D. Miche- ner (1958) wurde diese Methode als “average-linkage method” (zitiert nach Röhr, Lohse & Ludwig, 1983, S. 396) bezeichnet und ist inhaltlich zwischen der “maximum method” (Single linkage) und “minimum method” (Complete linkage), wie sie von Stephen C. Johnson (1967, p. 248) beschrieben wurden, anzusiedeln. Sämtliche Rechnungen wurden computergestützt mit dem Statistical Package for Social Sciences (SPSS/PC +) durchgeführt. Auf einzelne Werteangaben wurde verzich- tet. Sie können jedoch jederzeit vom Autor angefordert werden. 2. Interaktionsstile Mit der Formulierung der ersten Arbeitshypothese wurde davon ausgegangen, daß im Verlauf der Therapie Strukturmerkmale des sozialen Verhaltens erkennbar werden. Diese Verlaufsstrukturen zeigten sich in den erhobenen Daten in Form von verdichteten Varia- blenmengen des Interaktionsverhaltens, d. h. als Interaktionsstile im Sinne Czogaliks. Jeder Mensch verfügt über solche stabilen strukturellen Verhaltensmerkmale oder Invarianzen des Verhaltens, die sich über einen abgesteckten Zeitraum nur unwesentlich verändern. Mit Hilfe einer statistischen Analyse wurde deren Existenz nachgewiesen. Für die statistische Analyse und Beschreibung des Datenmaterials wurde die faktoren- analytische P-Technik nach Cattell verwendet. Über die Schätzwerte der Interaktionskategorien des SKI/3 wurde für jede Aussage von Therapeut und Patient ein Mittelwert gebildet. Aus diesen Mittelwerten wurden die Korrelationen zwischen allen Variablen berechnet und anschließend faktorisiert. Zunächst wurden jedoch aus der Korrelations- und Anti-Image-Korrelationsmatrix wesentliche Kennwerte zur Güteabschätzung des gewählten Faktorenmodells ermittelt. Das KMO-Maß bestätigte die Variablenauswahl mit einem Wert von 0.724 als Meritorious. Der Bartlett-Test auf Nicht-Sphärizität lieferte eine Chi-Quadrat-Testgröße von 3291.7. Mit einer Signifikanz von Null kann die statistische Hypothese, daß alle Korrelationskoeffizienten einer Grundgesamtheit entstammen in der sie den Wert Null besitzen, zurückgewiesen werden. Durch die partiellen Korrelationen der Anti-Image-Matrix wurde das Maß der Angemessenheit der Stichprobe ebenfalls als Meritorious ausgewiesen. Bis auf die Variablen „offen vs. geschlossen“ und „manipulieren vs. unruhig“, die nach Kaiser nur als Miserable einzuschätzen sind, wurden damit die guten Voraussetzungen des Faktorenmodells für eine FA aufgezeigt. Im Ergebnis der Faktorenextraktion wurden die 34 Variablen als 34 Hauptkomponenten angesehen, wobei die Streuung Eins und der Mittelwert Null gesetzt wurden. Schon hier wurde deutlich, daß durch die beiden Variablen „freundlich, warm vs. unfreundlich, kalt“ (4.04) und „einflußnehmend, domin- ant vs. gewährend, submissiv“ (3.13) die Gesamtstreuung 34 (weil s=1) zu wesentlichen Teilen aufklärt wurde. Dies entspricht insgesamt 21 % der aufgeklärten Varianz, wo- durch die große Bedeutung dieser beiden Variablen für das Interaktionsgeschehen deut- lich wird. Insgesamt wurden für Therapeut und Patient gemeinsam vier Faktoren extrahiert. Diese „Hintergrundvariablen“, die für manche der Interaktionsvariablen besonders ausgeprägte Faktorladungen auswiesen, wurden auf den Merkmalsdimensionen für das Verhalten des Therapeuten und Patienten gemeinsam bezeichnet. Der 34-dimensionale Variablenraum wurde durch die beschriebenen Prozeduren in einen 4-dimensionalen Faktorenraum hin- eingruppiert. Mit anderen Worten, wurde sichtbar gemacht, daß sich der weitgefächerte Variablenraum durch vier Faktoren beschreiben läßt. Das Verhalten des Therapeuten und Patienten läßt sich jeweils punktuell in diesen entworfenen Faktorenraum gleichsam wie in ein kartesisches Koordinatensystem einordnen. Der erste Faktor eröffnet die Dimension der Einbezogenheit, der Partizipation und des Einlassens auf die therapeutische Beziehung in Bezug auf den Interaktions- und Therapieprozeß. Er umspannt die Verhaltensdimension „selbstöffnen vs. selbstverbergen“ ebenso wie den gesprächsthematisch gerichteten Fokus auf „Sprecher vs. Andere/deres“. Zu großen Teilen werden durch diesen Faktor die Varianzanteile der Variablen „selbstöffnen vs. selbstverbergen“, „Sprecher vs. Andere/deres“, „sicher vs. unsicher, hilflos“, „auffordern, fragen, behaupten vs. antworten“ und „traurig, klagsam, getrübt vs. fröhlich, frisch, frei“ erklärt. Der Patient öffnete sich selbst sehr stark, sprach über seine Situation und über die Beziehungen zu anderen Personen, zeigte sich dabei jedoch stets traurig-gedrückt und sprach mit klagsamer Stimme, sein Sprechfluß wirkte gebrochen. Die Körperhaltung des Patienten war abgewandt, seine Mimik negativ. Das Interaktionsverhalten des Therapeuten wird durch den ersten Faktor als „selbstverbergend“ und sicher mit zugewandter Körperhaltung und positiver Mimik be- schrieben. Seine Stimme war „fröhlich, frisch und frei“, sein Sprechverhalten fließend. Der Faktor 1 wurde als Involvierung benannt (Tafel 5, s. DA-S. 74). Durch den zweiten Faktor wird hauptsächlich das Verhalten während der Themen- und Problembearbeitung beschrieben. Gesprächsthematisch stehen sich hier die Pole der Themenwahl „Probleme/Konflikte“ und „Sachverhalte“ gegenüber. Der Patient sprach häufig über Sachverhalte in einer entsprechend beschreibenden Art und Weise. Diese Themen betrafen das Tertiärsystem, wobei dem sozialen Umfeld des Patienten eine be- sondere Bedeutung zukam. Er stellte sein Thema gewissermaßen statisch dar, berichtete und konstatierte. Der Therapeut hingegen verfolgte in der Mehrzahl seiner Aussagen ei- nen affektiv-kognitiven Interventionsmodus und sprach dabei über Probleme und Konflikte. In diesem Zuge interpretierte und „erkannte“ er, stellte Gegensätze dar, initi- ierte Gesprächsthemen und sprach häufig über das Primärsystem, d. h. über die Therapie und die therapeutische Beziehung. Der Faktor 2 wurde als Klärung benannt (s. Tafel 5). Der dritte Faktor beschreibt Verhaltensweisen zwischen den Polen „Submissivität“ und „Dominanz“, „Starre“ und „Lebendigkeit“, „Kontrolle“ und „Spontaneität“ sowie „Unechtheit“ und „Authentizität“. Diese Dimension betrifft im ganzen die Beeinflussung des Gesprächsgegenübers. Der Patient sprach leise begleitet von starrer Mimik und ein- geengter Gestik. Er stellte sich submissiv und vieldeutig dar und wirkte dabei eher unbe- teiligt. Dahingegen nahm der Therapeut vergleichsweise viel Einfluß auf den Patienten, wirkte beteiligt mit lebendiger Mimik und raumgreifender Gestik. Der Faktor 3 wurde als Kontrolle benannt (Tafel 6, s. DA-S. 75). Der vierte Faktor umfaßt die Variablendimensionen „Vertrautheit vs. Fremdheit“ und „Freundlichkeit vs. Unfreundlichkeit“. Der Patient verhielt sich unfreundlich und „kalt“, seine Haltung war geschlossen, die von ihm gestaltete Gesprächsatmosphäre wirkte fremd und verkrampft. Der Therapeut zeigte sich unresonant, d. h. er gab weniger Rückmeldungen zu den Patientenaussagen. Mit einer offenen Körperhaltung versuchte der Therapeut eine lockere und vertraute Gesprächsatmosphäre herzustellen. Er verhielt Faktor 1: Involvierung Faktor 2: Klärung Patient Therapeut Patient Therapeut • selbstöffnen (Inter- ventionsmodus Spre- cher) • selbstverbergen • Sachverhalte (Ge- sprächsthema) • Probleme u. Kon- flikte • Sprecher (Gesprächs- thema) • Andere/deres • deskriptiver Modus (Interventionsmodus Sprecher) • affektiv-kognitiver Modus • antworten (Themen- steuerung) • auffordern, fragen, behaupten • konstatieren (Inter- ventionsmodus Spre- cher) • suchen, erkennen, in- terpretieren • trauig, klagsam, ge- trübt (Stimme) • fröhlich, frisch, frei • common sense (Inter- ventionsmodus Spre- cher) • überschreiten, trans- zendieren • negativ (Mimik) • positiv • positive Inhalte (Ge- sprächsthema) • negative Inhalte • unsicher, hilflos (Be- zugnahme Sprecher) • sicher • stützen (Interven- tionsmodus Spre- cher) • konfrontieren, gegen- überstellen • gebrochen (Sprech- fluß) • fließend • Tertiärsystem (Ge- sprächsthema) • Primärsystem • abgewandt (Körper- haltung) • zugewandt • reverbalisieren, wie- derholen (Themen- steuerung) • initiieren • Beziehungen (Ge- sprächsthema) • beziehungsfreie Si- tuation • verfolgen (Interven- tionsmodus Spre- cher) • anleiten, ratschlagen • ruhig (Bezugnahme Therapeut) • manipulierend, un- ruhig (Bezugnahme Patient) • abwartend, Raum ge- ben (Themensteue- rung) • dazwischentreten, unterbrechen Tafel 5 Variablendimensionen der Faktoren „Involvierung“ und „Klärung“ sich freundlich und warm und bejahte bzw. verstärkte die Aussagen des Patienten. Dieser Faktor 4 wurde als Affiliation benannt (Tafel 6, s. DA-S. 75). Über die Bestimmung des Grades der Homogenität der Variablen eines Faktors im Hinblick auf die zu erfassende Merkmalsausprägung, wurde ein Maß für die Reliabilität der vier Faktoren errechnet. Diese Konsistenzkoeffizienten nach Cronbach wiesen sehr gute bis befriedigende Reliabilitäten für die einzelnen Interaktionsstrukturen aus. Für den Faktor „Involvierung“ erwiesen sich die Interaktionsvariablen mit einem Konsistenzwert um 0.8 (α= .78) als sehr homogen. Eine gute Zuverlässigkeit konnte mit Konsistenzkoeffizienten zwischen Cronbachs-Alpha gleich 0.61 und Alpha gleich 0.69 auch für die Faktoren „Klärung“ und „Kontrolle“ ausgewiesen werden. Die Reliabilitätsbestimmung für die Interaktionsvariablen, die die strukturelle Diagnose „Affiliation“ zulassen, wies die Homogenität der Variablen nur als befriedigend aus (α= .48). Die aufgezählten vier Faktoren wurden für beide Therapiepartner, für Therapeut und Patient, gemeinsam ermittelt. Diese Vorgehensweise wurde von dem Faktum geleitet, daß der Interaktionsprozeß ein kohärentes Ganzes darstellt. Die mit Hilfe der P-Technik ermittelten Faktoren verkörpern Strukturen der dyadischer Interaktion, die über den Verlauf der Therapie in ihren speziellen Ausprägungen stabil blieben. Die Faktoren lassen sich als invariante Strukturdimensionen für das Verhalten des Therapeuten und Patienten getrennt darstellen (Bild 5, DA-S. 77). Für die Prüfung dieser Stabilitäts-annahme wurde eine univariate VA durchgeführt. Die statistische Nullhypothese, nach der sich die indivi- duellen Merkmalsausprägungen auf den Strukturdimensionen über den Therapieverlauf nicht unterscheiden, mußte für zwei der vier Faktoren zurückgewiesen werden. Es han- Faktor 3: Kontrolle Faktor 4: Affiliation Patient Therapeut Patient Therapeut • leise (Stimme) • laut • fremd (Gesprächsat- mosphäre) • vertraut • gewährend, submissiv (Bezugnahme Spre- cher) • einflußnehmend, do- minant • unfreundlich, kalt (Bezugnahme Spre- cher) • freundlich, warm • starr, unbeweglich (Mimik) • lebendig, beweglich • verkrampft, kompli- ziert (Gesprächsatmo- sphäre) • locker, unkompliziert • eingeengt (Gestik) • raumgreifend • verneinen, ignorieren (Themensteuerung) • bejahen, verstärken • kontrolliert, überlegt (Bezugnahme Spre- cher) • spontan, unüberlegt • geschlossen (Körper- haltung) • offen • informationsarm (In- terventionsmodus Sprecher) • informationsreich • unresonant (Bezug- nahme Therapeut) • resonant (Bezug- nahme Patient) • vieldeutig, unecht (Bezugnahme Spre- cher) • eindeutig, authentisch • unbeteiligt (Bezug- nahme Sprecher) • beteiligt Tafel 6 Variablendimensionen der Faktoren „Kontrolle“ und „Affiliation“ delt sich um die beiden Faktoren „Klärung“ und „Kontrolle“. Mit Hilfe des multiplen Mittelwertsvergleichs nach Tuckey wurden diejenigen Sitzungsabschnitte indiziert, die sich voneinander signifikant unterscheiden. Auf der Strukturdimension „Klärung“ unter- schieden sich das Therapeuten- und Patientenverhalten im dritten und vierten Sitzungsabschnitt mit einer Irrtumswahr-scheinlichkeit von 5 % signifikant vom fünften Sitzungsabschnitt. Die Struktur des Interaktionsverhaltens von Therapeut und Patient unterschied sich auf der Dimension „Kontrolle“ ebenfalls auf dem 5 %-Niveau signifikant zwischen dem zweiten und vierten Stundenabschnitt. Das Interaktionsverhalten des Therapeuten und des Patienten unterschieden sich grundsätzlich mit einer Irrtumswahrscheinlichkeit von Null voneinander. Im Vergleich der spezifischen Merkmalsausprägungen des Verhaltens, sowohl für den Patienten als auch für den Therapeuten, innerhalb der fünf Therapieabschnitte, wurden auf den Dimensionen „Klärung“ und „Kontrolle“ signifikante Unterschiede festgestellt. Für die Interaktionsstrukturen „Involvierung“ und „Affiliation“ wurde die statistische Nullhypothese angenommen. Sie besagte, daß keine wesentlichen Unterschiede zwischen den Sitzungsabschnitten zu beobachten seien. Davon ausgehend wurden zwei metastruk- turelle, grundlegende Therapietypen herausgelöst, die Typi interactionium. Das typische Therapeutverhalten im psychotherapeutischen Diskurs kann durch eine hohe Involvierung in Richtung des Poles „selbstverbergen“ beschrieben werden. Dies bedeutet, daß der Therapeut mit „fröhlicher“ und „frischer“ Stimmlage den Patienten über dessen Verhalten und Erleben befragte und zur Integrierung anderer Sichtweisen aufforderte. Der Therapeut verhielt sich dem Patienten gegenüber größtenteils zuge- wandt und zeigte eine „positive“ Mimik. Die anderen drei Strukturdimensionen be- stimmen das Therapeutenverhalten in geringerem Ausmaß. Wenn die Verhaltensbesonderheiten der einzelnen Strukturen zusammengefügt werden, läßt sich der Therapeut als jemand charakterisieren, der in einem affektiv-kognitiven Gesprächsmodus Probleme und Konflikte des Patienten durch aktives Suchen, Erkennen und Interpretieren bearbeitet. Dieses Vorgehen begleitete er durch Hilfestellungen und Ratschläge, wobei er über verschiedene Zeiteinheiten hinweg mit geringer Stimmstärke den Patienten gewähren ließ. Durch die Anklammerung an diese therapeutische Rollenhaltung wirkt er jedoch alles andere als authentisch. Er erweckt den Eindruck der Vieldeutigkeit und des Unechten. Durch seine gleichschebende Freundlichkeit und eine basale vertraute Gesprächsatmosphäre vermittelte er dem Patienten Zugehörigkeitsgefühle, Verständnis und Vertrauen. Diese grundlegende Strukturierung des Verhaltens seitens des Therapeuten verkörperte eine interessierte freundlich-gewäh- rende Gesprächshaltung, in deren Rahmen Ratschläge und Anleitungen gegeben wurden. Sie wurde als Typus interactionis curum benannt, d. h. Interaktionstypus, um zu behan- deln (Bild 5, s. DA-S. 77). Der Patient zeigte ein relationales Komplementärverhalten. Der Patient verhielt sich hoch involviert in Richtung des Poles „selbstöffnen“. Dies heißt, daß er viel über sich selbst sprach, dabei jedoch klagte und eine gedrückte Stimmführung erkennen ließ. Seine Mimik war negativ. Er blieb in seiner Körperhaltung dem Therapeuten gegenüber abgewendet und zeigte sich unsicher und hilflos. Seine „Klärungsarbeit“ zeigte sich darin, daß er viele Gesprächsthemen aus dem Tertiärsystem wählte und in einem be- schreibenden Modus „alltägliche“ Sinnzusammenhänge feststellte, die häufig mit diesen Sachverhalten in Verbindung standen. Während dieser Bearbeitungen stellte er sich als dominant dar, verhielt sich unfreundlich und baute eine verkrampfte Gesprächsatmosphäre auf. Die genannte Kombination der Interaktionsvariablen konfi- guriert das typische oder majore depressive Verhalten in der sozialen Interaktion. Diese speziellen Merkmalsausprägungen des Verhaltens seitens des Patienten verkörpern als Verhaltensstruktur eine Gesprächshaltung der unfreundlich-fordernden Klagsamkeit. Sie wurde als Typus interactionis patium benannt, d. h. Interaktionsstil des Leidens (s. Bild 5). Die statistischen Überprüfung der Typi interactionium erfolgte unter der Alternativhypothese, die Interaktionsstrukturen unterscheiden sich im Verlauf der Therapie signifikant voneinander. Für die Verhaltensdimensionen „Involvierung“ und „Affiliation“ konnte diese Hypothese zurückgewiesen werden, für die anderen beiden Dimensionen wurde sie angenommen. Als Resultat wurden die beiden erkannten ubiqui- tären Therapie-Interaktionsstile für die Verhaltensdimensionen „Involvierung“ und „Affiliation“ bestätigt. Auf der Dimension „Klärung“ bestehen die o.g. signifikanten Unterschiede zwischen Abschnitt 3 bzw. 4 und Abschnitt 5, für die Interaktionsstruktur „Kontrolle“ die Unterschiede zwischen Abschnitt 2 und 4. Im zweiten Teil der ersten Hypothese wurde angenommen, daß sich zwischen den Verhaltensstilen der Interagenden Konvergenzvorgänge vollziehen. Zu Zwecken der Prüfung dieses Sachverhaltes wurden die Interaktionsstile auf den ermittelten Strukturdimensionen Faktor 1 bis Faktor 4 einer speziellen Betrachtung und Analyse auf der Stundenebene unterzogen (Bild 6, s. DA-S. 78). Auf der Verhaltensdimension „Involvierung“ ereigneten sich keine Konvergenzvorgänge. Die Verhaltensstile des Therapeuten und Patienten pendelten sich auf einem relativ hohen Niveau an den entge- gengesetzten Polen dieser Dimension ein. Die Verhaltensstile auf der Dimension „Klärung“ wurden von den Gesprächspartnern mit klarer Bezugnahme auf den Partner in der psychotherapeutischen Interaktion eingesetzt. Auch auf der Dimension „Klärung“ Bild 5 Auf der linken Seite wurden die Strukturen der dyadischen Interaktion dargestellt. Auf der rechten Seite sind die daraus ableitbaren Grundtypen der psychotherapeutischen Interaktion, der Typus interactionis curum (Ticum) und der Typus interactionis patium (Tipum), abgebildet. fanden weder Konvergenz- noch Divergenzvorgänge statt. Auf der Dimension „Kontrolle“ konvergierten die Interaktionsstile von Therapeut und Patient im mittleren Bereich der Therapiestunden, in dem vorrangig die Themen- und Problembearbeitung im Mittelpunkt stand. Gegen Ende der Therapiestunde waren auf der Dimension „Kontrolle“ jedoch wieder Divergenzvorgänge zu beobachten. Für die Verhaltensweisen, die durch den Faktor „Affiliation“ beschrieben werden können zeigte sich ein ähnliches Bild. Im zweiten Abschnitt der Therapiestunde konvergierten oder „verähnlichten“ sich die Interaktionsstile, entfernten sich jedoch zum Schluß hin wieder zunehmend. In statistischen varianz- und regressionsanalytischen Prüfungen konnten diese Beobachtungen nicht bestätigt werden. Der zweite Teil der ersten Hypothese muß somit zurückgewiesen werden. 3. Variabilitäten des sozialen Verhaltens Den Vorgängen des Verhaltensaustausches innerhalb von Interaktionsdyaden in sozialen Situationen ist eine spezielle Dynamik zu eigen. Diese Dynamik kann das eine Mal als Flexibilität, ein anderes Mal als Modifikation oder manches Mal auch als Beeinflussung beschrieben werden. Mit besonderer Intensität müßte diese Dynamik in jenen Situationen zu beobachten sein, in denen sich quantitative Veränderungen der strukturellen Merkamalsausprägungen insofern intentional vollziehen, als daß sie z. T. bewußt herbei- geführt werden. Eine dieser besonderen sozialen Zwei-Personen-Situationen stellt das Psychotherapiegeschehen dar. Die einzelnen Verhaltensausprägungen von Therapeut und Patient stellten sich über den Verlauf der Therapie nicht als starr und unbeweglich dar. Sie veränderten sich jeweils in dem dimensionalen Verhaltensspielraum zwischen den Minima und Maxima. Die Annahme der zweiten Hypothese lautete, das Interaktionsverhalten von Therapeut und Patient kann als „nicht starr“ bezeichnet werden. Diese Annahme wurde durch die Bild 6 Auf der linken Seite des Bildes sind die Interaktionsstile von Therapeut (Th.) und Patient (Pat.) im Verlauf der Therapiestunden (Sitzungsabschnitte 1–5) in Bezug auf die vier Faktoren (F1 bis F4) zu sehen. Der rechte Bildabschnitt zeigt deren Variabilitäten im Vergleich der Anfangs- und Schlußphase (A&E) mit der mittleren Phase (M) der Behandlungstunden. Analyse der erhobenen Daten bestätigt. Zum einen wurde überprüft, ob sich die Ausprägungen der Interaktionsmerkmale von Therapeut oder Patient, d. h. intrapersonal, über die untersuchten Therapien hinweg signifikant unterscheiden und zum anderen, bei welchen Interaktionsvariablen sich auch Unterschiede im Vergleich zwischen Therapeut und Patient, d. h. interpersonal, in Form von hohen Effektstärken ausdrücken. Die statistische Prüfung erfolgte über die Durchführung der univariaten Varianzanalyse und über die Errechnung der Effekte. Die Resultate der Varianzanalyse dokumentierten, daß sich die Ausprägungen der Verhaltensmerkmale im Verlauf der Therapiestunden sowohl für Therapeut als auch für den Patienten intrapersonal zum überwiegenden Teil signifikant unterscheiden. Mit anderen Worten, variierten die Ausprägungen der Interaktionsmerkmale intrapersonal über den Verlauf der Therapie hinweg, so daß von einem dynamischen und flexiblen statt von einem statischen und starren Interaktionsverhalten beider Therapieteilnehmer gesprochen werden kann. Die Unterschiede zwischen den Ausprägungen der Interaktionsmerkmale des Therapeuten und denen des Patienten wurden durch die Berechnung der Effektstärken für alle 34 Interaktionsvariablen spezifiziert (s. Bild 7). Besonders deutliche Unterschiede ergaben sich für die Variablen „selbstöffnen vs. selbstverbergen“ (V 18), „suchen, erkennen, interpretieren vs. konstatieren“ (V 19), „Sprecher vs. Andere/deres“ (V 25) und „auffordern, fragen, behaupten vs. antworten“ (V 29). Im zweiten Teil der zweiten Hypothese wurde angenommen, daß die Variabilitäten des Interaktionsverhaltens in der Anfangs- und Endphase der Therapiestunden geringere Ausprägungen zeigen als im mittleren Sitzungsteil. Zur Überprüfung dieser Hypothese Bild 7 Die Variabilitäten des Interaktionsverhaltens. Es wurden die Effekte des interaktionellen Verhaltens von Therapeut und Patient dargestellt. wurden die Standardabweichungen der Merkmalsausprägungen auf den Strukturdimensionen der beiden Sitzungseinheiten miteinander verglichen. Die formulier- te Annahme konnte statistisch nicht bestätigt werden. Bei einer deskriptiven Betrachtung der graphischen Darstellung dieses Ereigniszusammenhanges können grundsätzlich zwei Aussagen formuliert werden (Bild 6, s. DA-S. 78). Das Interaktionsverhalten des Therapeuten wies im Vergleich der beiden „Stundeneinheiten“ nur relativ geringe Unterschiede auf, so daß eine diesbezügliche Betrachtung beinahe als vernachlässigbar angesehen werden kann. Das Verhalten des Patienten ließ sichtbare Unterschiede erkennen. Das Therapeutverhalten zeigt sehr ausgeprägte Varabilitäten auf der Strukturdimension „Klärung“. Die Unterschiede zwischen den Standardabweichungen der beiden Sitzungseinheiten „Anfang/Ende“ und „Mitte“ ist sehr gering. Die Standardabweichungen der Merkmalsausprägungen der Verhaltensweisen des Patienten erreichten ihren höchsten Wert im Beginn-/Endeteil der Stunden auf der Faktorendimension „Affiliation“. Auf dieser Strukturdimension unterschieden sich Standardabweichungen des Interaktionsverhaltens im Anfang-/Endeteil klar erkennbar von denen im Mittelteil. Sie liegen im Anfang- und Endteil der Therapiestunde höher als in der mittleren Stundeneinheit. Umgekehrtes ließ sich für die Dimension Involvierung beobachten. Hier variierte das Verhalten des Patienten in der mittleren Sitzungseinheit wesentlich stärker als am Anfang oder Ende der jeweiligen Therapiestunde. 4. Interaktionsmuster Im Laufe des Verhaltenaustausches zwischen Therapeut und Patient auf der Ebene der Interaktionsstile bildeten sich spezielle Muster des Zusammenwirkens und Sich-zueinan- der-Verhaltens heraus. Diese Musterbildung ereignet sich immer dann, wenn feingeglie- derte Vorgänge des Ineinandergreifens und der „Verkettung“ der strukturellen Verhaltensmerkmale der beiden Interaktionspartner Bedeutung erlangen. Der statistische Nachweis der Interaktionsmuster wurde mit Hilfe der CA erbracht. Im Gegensatz zur FA, auf deren Basis die fundamentalen Interaktionsstrukturen ermittelt wurden, bauten sich die Überlegungen bei der Anwendung der CA statt auf Korrelationen auf Ähnlichkeiten und Distanzen zwischen den Variablen auf. Diese Vorgehensweise ermöglichte eine inhaltliche Beschreibung des Ausmaßes, in dem die Interaktionsstile der Therapiepartner „ineinandergriffen“. Auf diesen Überlegungen auf- bauend wurden Variablengruppen elaboriert, in denen jene Variablenmengen bedeutsam wurden, die eine geringe semantische und formal-mathematische Distanz zueinander aufwiesen. Die daraus hervorgegangenen Cluster ließen sich inhaltlich als Klassifikationen über die Faktorenausprägungen verstehen. Als Resultat der statistischen Analyse kristallisierten sich für das Verhalten des Therapeuten und des Patienten jeweils vier Cluster heraus. Die Beziehung dieser einzelnen Cluster werden im Anschluß an die folgende Darstellung der „Unique Cluster“ besprochen. Das erste Cluster für das Verhalten des Therapeuten beschreibt eine stark ausgeprägte Involvierung in die Dimensionsrichtung „selbstverbergen“ und ein hohes Ausmaß an gewährendem Verhalten. Der Therapeut sprach über den Patienten und dessen soziales Umfeld, er forderte ihn indirekt dazu auf neue Sichtweisen einzubeziehen und wendete sich dabei dem Patienten mit positiver Mimik zu. Er sprach fließend und wirkte sicher. Gleichzeitig zeigte er eine sehr verminderte Problembearbeitung, initiierte keine neuen Themen und war eher als „zurückhaltend freundlich“ zu charakterisieren. Seine Mimik wirkte starr und mit relativ geringer Beteiligung „oszillierte“ sein Verhalten vieldeutig zwischen den Informationskanälen hin und her, so daß der Eindruck des Unechten ent- steht. Seine Sprechlautstärke war als leise einzuschätzen und sein Verhalten auf der Beeinflussungsskala „Dominanz vs. Submission“ als eher gewährend. Dieses Therapeuten-Cluster 1 wurde als freundlich-distanzierte Konversation benannt. Die zweite Merkmalsgruppierung, das zweite Cluster, beschreibt den Therapeuten als hoch involviert in Richtung des Poles „selbstverbergen“ und stark klärungsinteressiert in Richtung „Probleme und Konflikte“. Der Therapeut überschritt mehrmals das Alltagsverständnis durch Interpretationen der Probleme und Konflikthemen die der Patient anbot. Dabei verhielt er sich dominant, authentisch und wirkte beteiligt, in seiner Gestikulierung verhielt er sich raumgreifend. Der Therapeut verhielt sich nicht vorder- gründig freundlich, war jedoch stets um den Aufbau und die Erhaltung einer vertrauten, unkomplizierten Gesprächsatmosphäre bemüht. Dieses Therapeuten-Cluster 2 wurde als therapeutische Problembearbeitung benannt. Das dritte Cluster bescheibt den Therapeuten als hoch involviert, sehr an der „Klärung“ von Sachverhalten aus dem Tertiärsystem interessiert, als gewährend und in Maßen freundlich, was sich vordergründig durch Verhaltensverstärkungen gegenüber dem Patienten bemerkbar machte. Der Therapeut „verbarg sich selbst“ und besprach mit dem Patienten hauptsächlich Themen aus dem Tertiärsystem. Dabei konstatierte er häufig oh- ne besonders intensiv zu interpretieren oder zu „suchen“. Seine Haltung war offen und zugewandt, die gesprächsumspannende Atmosphäre vertraut und unkompliziert. Dieses Therapeuten-Cluster 3 wurde als unterstützendes Alltagsgespräch benannt. Das vierte Cluster für den Therapeuten beschreibt dessen Verhalten als mittel involviert und mittel problembearbeitend. Hier hob sich insbesondere die verstärkte Ausprägung auf der Verhaltensdimension „Affiliation“ in die Richtung Unfreundlichkeit heraus. Die Gesprächsatmosphäre wirkte fremd, verkrampft und kompliziert. Das Cluster beschreibt weiterhin ein ausgeprägtes Ignorationsverhalten gegenüber den Aussagen des Patienten. Dieses Therapeuten-Cluster 4 wurde als „Beziehungsrücknahme (Sympathieabzug)“ benannt. Für das Interaktionsverhalten des Patienten wurden ebenfalls vier Cluster ermittelt. Die erste Gruppierung der Merkmalsausprägungen des Patientenverhaltens, Cluster 1, be- schreibt eine hohe Involvierung in Richtung „selbstöffnen“, ein stark augeprägtes Dominanzverhalten und eine hohe Unfreundlichkeit des Patienten. An der Konfliktbearbeitung zeigte der Patient geringes Interesse. Er verhielt sich sehr klagsam und unsicher. Seine Sprechlautstärke war zwar als laut zu beurteilen, sein Sprechfluß war jedoch sehr gebrochen. Die Bezugnahme zum Therapeuten kann im ganzen als dominant und unfreundlich charakterisiert werden. Dieses Patienten-Cluster 1 wurde als klagsames Verneinen benannt. Das zweite Cluster umreißt die Verhaltenskonturen weniger scharf. Der Patient „öffnete sich“, sprach beschreibend über Sachverhalte, seine Stimme blieb dabei leise und seine Bezugnahme zum Therapeuten submissiv. Die berichteten Sachverhalte entstamm- ten größtenteils aus dem Tertiärsystem und wurden von dem Patienten im Gesprächsmodus des „gesunden Menschenverstandes“ beschrieben. Er verhielt sich eher freundlich. Dieses Patienten-Cluster 2 wurde als traurig-klagsames Alltagsgespräch benannt. Das dritte Cluster beschreibt das Verhalten des Patienten als weniger „selbstöffnend“ und mehr an Sachverhalten orientiert. Sehr stark ausgeprägt in der Bezugnahme zum Therapeuten war seine Gesprächskontrolle durch Dominanz, raumgreifende Gestik und lautes Sprechen. Er unterstützte eine vertraute, unkomplizierte Gesprächsatmosphäre und verhielt sich sehr freundlich. Dieses Patienten-Cluster 3 wurde als akzeptierende Beeinflussung benannt. Die Variablengruppierungen des vierten Clusters beschreiben das Verhalten des Patienten als hoch involviert, hoch submissiv und als sehr unfreundlich. Der Patient stellte sich als hilflos dar, sprach leise, klagte dabei und baute eine fremd und verkrampft wirkende Gesprächsatmosphäre auf. Dieses Patienten-Cluster 4 wurde als mißtrauisches, hoffnungsloses Nörgeln benannt. Die eruierten Variablengruppierungen in Form der acht Cluster stellen das Niveau für eine mögliche Fusionierung oder mögliches Ineinandergreifen mit jeweils einem Cluster des anderen Gesprächspartners dar. Sie wurden aus diesen Gründen als Interaktionsmusterqualitäten bezeichnet. Die Interaktionsmuster, die sich aus diesen „Qualitäten“ zusammensetzten, können am treffensten als repetitve Verhaltensereignisse gekennzeichnet werden. Diese Umschreibung sagt aus, daß gleiche oder ähnliche Verhaltensweisen, die von einem Interaktionspartner in die soziale Situation eingebracht werden, beim Gesprächsgegenüber eine jeweils gleichartige oder ähnlich geartete Verhaltensreaktion hervorruft. Das Interaktionsgeschehen der vorliegenden Untersuchung wurde durch drei typische Muster der sozialen Interaktion beschrieben (Bild 8, s. DA-S. 83). Das erste Interaktionsmuster bildet sich aus dem jeweils ersten Cluster für das Verhalten des Therapeuten und Patienten. Der Patient klagte rücksichtslos und der Therapeut zeigte sich währenddessen um eine unterstützende Konversation bemüht. Die Bild 8 Die Interaktionsmuster Involvierung Klä- rung Kontrolle Affi- liation Submissivität Dominanz Probleme Sachver- halte Unfreund- lichkeit Freundlich- keit Selbstverbergen Selbstöffnen Therapeut Patient Involvierung Klä- rung Kontrolle Affi- liation Submissivität Dominanz Probleme Sachver- halte Unfreund- lichkeit Freund- lichkeit Selbstverbergen Selbstöffnen Therapeut Patient Bild 8-a Links ist das Interaktionsmuster 1: „Verneinen-Unterstützen“ abgebildet und rechts das Interaktionsmuster 2: „Beeinflussung-Alltagsgespräch“. Involvierung Klä- rung Kontrolle Affi- liation Submissivität Dominanz Probleme Sachver- halte Unfreund- lichkeit Freund- lichkeit Selbstverbergen Selbstöffnen Therapeut Patient Bild 8-b Links wurde das Interaktionsmuster 3: „Nörgeln-Beziehungsrücknahme“ dargestellt und rechts die Auftretenshäufigkeit aller drei Interaktionsmuster in den Sitzungsabschnitten 1– 5. Interaktionsteilnehmer verhielten sich komplementär. Der Patient verhielt sich sehr do- minant, der Therapeut dahingegen zeigte in Form des Gewährens eine stärkere Ausprägung auf der Dimension Submission. Dieses Zusammenspiel der Verhaltensstile wurde mit der größten Häufigkeit im dritten Therapieabschnitt, d. h. während der Arbeitsphase beobachtet. Dieses Interaktionsmuster 1 wurde als „Verneinen- Unterstützen“ benannt (Bild 8-a, s. DA-S. 83). Das zweite Interaktionsmuster bildet sich aus den Clustern „2“ für das Verhalten des Therapeuten und Patienten. Der Patient agierte sehr dominant und freundlich, der Therapeut verhielt sich eher unverbindlich in einem Small-talk-Gesprächsmodus, unter- stützte jedoch die Verhaltensbeiträge des Patienten konsistent. Dieses Interaktions- muster 2 wurde als „Beeinflussung-Alltagsgespräch“ benannt (Bild 8-a, s. DA-S. 83). Das dritte Interaktionsmuster setzt sich aus den Clustern „4“ zusammen. Der Therapeut verminderte seine Beziehungsarbeit und nahm seine explizite Sympathie etwas zurück, der Patient patrouillierte mit Mißtrauen und Ablehnung. Dieses Interaktionsmuster 3 wurde als „Nörgeln-Beziehungsrücknahme“ bezeichnet (Bild 8-b, s. DA-S. 83). Die Interaktionsmusterqualitäten „Patienten-Cluster 2: traurig-klagsames Alltagsgespräch“ und „Therapeuten-Cluster 2: therapeutische Problembearbeitung“ ver- binden sich zu keinem Muster der Interaktion. Sie treten zu keinem Zeitpunkt der Therapie in beachtenswerter Häufung zugleich auf. Die Bezeichnung „Musterqualität“ bedarf aus diesen Gründen einer Revidierung, da es nicht sinnvoll erscheint noch weiter- hin von Qualitäten der interaktionellen Musterbildung zu sprechen. Die Beibehaltung des Begriffes wäre zwar keineswegs schädlich, sie brächte jedoch andererseits keinerlei neue Information bezüglich der beiden Cluster für das Verhalten des Therapeuten und Patienten. Die jeweiligen Cluster „2“ für Therapeut und Patient stellen spezifische Itemzusammenhänge dar, die vergleichsweise stabil über die Therapie hinweg nachweis- bar sind. Im Vergleich zu den Interaktionsmustern werden diese Variablengruppierungen als Intraaktionsmuster vorgestellt. In ihrer Gestalthaftigkeit, ihrer Stabilität über die Zeit und ihrem „gleichmäßig“ häufigen und konsistenten Auftreten können sie als schemati- sierte Beziehungsangebote im Sinne Czogaliks et al. (1994, S. 9) verstanden werden. Sie wurden als Basisverhalten der dyadischen Interaktion bezeichnet (Bild 9, s. DA-S. 85). 5. Der Interpersonelle Zirkel Mit der Hypothese 4 wurde angenommen, daß sich Therapeut und Patient auf den Persönlichkeitsdimensionen „Dominanz/Submissivität“ und „Freundlichkeit/Unfreund- lichkeit“ unterscheiden. Der Therapeut würde sich dominant und freundlich, der Patient hingegen eher submissiv und unfreundlich darstellen. Der erhobenen Daten bestätigten diese Annahme. Die Auswertung wurde von zwei verschiedenen Strategien geleitet. Zunächst wurden auf der Itemebene die Ausprägungen der Interaktionsmerkmale „dominant vs. submissiv“ und „freundlich vs. unfreundlich“ elaboriert. Mit Hilfe einer weiteren Strategie wurden für Therapeut und Patient getrennt zwei Faktoren oder Strukturdimensionen ermittelt, die jene Interaktionsmerkmale wei- testgehend erklären. Der Therapeut verhielt sich über den gesamten Stundenverlauf hin- weg eher dominant und freundlich. Eine Ausnahme war in der Arbeitsphase, dem Sitzungsabschnitt 3, zu erkennen. In diesem Abschnitt der Therapiestunde ließ der Therapeut den Patienten mit gleichbleibender Freundlichkeit gewähren. Daher wies die Ausprägungsrichtung dieses bedeutenden Interaktionsmerkmals in die Richtung Submissivität. Der Patient verhielt sich über die Behandlung hinweg submissiv und un- freundlich. Im zweiten Sitzungsabschnitt, der beginnenden Arbeitsphase, zeigte sich der Patient bei gleichbleibender Unfreundlichkeit in geringem Maße dominant und einfluß- nehmend (Bild 10, s. DA-S. 86). Eine spezielle Betrachtung der Verhaltensausprägungen auf den beiden Dimensionen führt auf die Ebene der Stundenabschnitte. Zu Beginn der Therapiestunde verhielt sich der Therapeut dominant und in geringem Maße freundlich. Hier stand die Klärung der Rahmenvorstellungen für die Zeit der Behandlung im Vordergrund. Im mittleren Teil der Sitzung, den Stundenabschnitten 2 bis 4, verhielt sich der Therapeut eher gewährend und sehr freundlich und warm. Gegen Ende der Behandlung wurde der Therapeut wieder dominant und im Zuge der Auflösung der Therapeut-Patient-Beziehung unfreundlich. Der Patient verhielt sich über gesamten Verlauf der Therapiestunden hinweg eher un- freundlich und kalt. In der Mitte und am Ende der Therapiestunden zeigte der Patient sehr charakteristische Ausprägungen auf der Dimension „Dominanz vs. Submission“ in Richtung der Submissivität. Mit der zweiten Untersuchungsstrategie wurde eine übergeordnete Kennzeichnung die- ser Phänomene auf der Faktorebene angestrebt. Für Therapeut und Patient getrennt wur- den jeweils zwei Faktoren ermittelt. Diese beiden Strukturdimensionen klären 20.6 % der Gesamtvarianz der 34 Interaktionsvariablen auf. Der Faktor für den Therapeuten be- schreibt dessen Verhalten als freundlich und gewährend. Er sprach über positive Sachverhalte und relativ leise. Der Therapeut gestaltete eine lockere, vertraute Involvierung Klä- rung Kontrolle Affi- liation Submissivität Dominanz Probleme Sachver- halte Unfreund- lichkeit Freund- lichkeit Selbstverbergen Selbstöffnen Therapeut Involvierung Klä- rung Kontrolle Affi- liation Submissivität Dominanz Probleme Sachver- halte Unfreund- lichkeit Freund- lichkeit Selbstverbergen Selbstöffnen Patient Bild 9 Basisverhalten der dyadischen Interaktion: Auf der linken Seite wurde das schematisierte Beziehungsangebot des Therapeuten und auf der rechten Seite das konsistente Verhaltensangebot des Patienten dargestellt. Gesprächsatmosphäre und bejahte und verstärkte die Aussagen des Patienten. Dieser Therapeuten-Faktor 1 wurde als Empathie benannt. Der zweite Faktor beschreibt den Therapeuten als dominant und im geringen Ausmaß freundlich. Seine Körperhaltung war dem Patienten zugewandt und er sprach über Themen aus dem Tertiärsystem, d. h. dem sozialen Umfeld des Patienten. Für die Klärung der Problematik des Patienten stellt es nur bedingt informationsreiches Material dar. Außerdem gab er dem Patienten kaum Ratschläge oder Anleitungen. Dieser Therapeuten-Faktor 2 wurde als Alltagsgespräch benannt. Der erste Faktor des Patienten beschreibt dessen Verhalten als submissiv und unfreund- lich, kalt. Seine Körperhaltung war dem Therapeuten gegenüber abgewandt, seine Haltung insgesamt geschlossen, er sprach leise und gebrochen. Dieser Patienten-Faktor 1 wurde als Leiden benannt. Der zweite Faktor für das Patientenverhalten beschreibt ihn als dominant und unfreund- lich. Der Patient sprach im beschreibenden Interventionsmodus über Sachverhalte und konstatierte lediglich Geschehenes. Dabei fokussierte der Patient hauptsächlich bezie- hungsfreie Situationen aus seinem sozialen Umfeld. Dieser Patienten-Faktor 2 wurde als Hostiles Alltagsverhalten benannt. Dominanz Submissivität Freundlichkeit Unfreundlichkeit T (A: 1) T (A: 2) T (A: 3) T (A: 4) T (A: 5) P (A: 1) P (A: 2) P (A: 3) P (A: 4) P (A: 5) Dominanz Submissivität Freundlichkeit Unfreundlichkeit T (F1) T (F2) P (F1) P (F2) Bild 10 Der Interpersonelle Zirkel. Die beiden Persönlichkeitsdimensionen wurden im Koordinatenkreuz positioniert. Auf der linken Seite auf der Itemebene für Therapeut (T) und Patient (P) in den fünf Therapieabschnitten (A), auf der rechten auf der Faktorebene für die je- weils zwei Faktoren (F1, F2). Im Interpersonellen Zirkel und im Koordinatenkreuz stehen sich das Verhalten des Therapeuten und Patienten in klassischer Komplementarität gegenüber (s. Bild 10). Im Verlauf der Therapiestunde ändert sich das Interaktionsverhalten des Therapeuten auf den Strukturdimensionen „Einfühlung“ und „Alltagsgespräch“ 1–4 nur sehr unwesent- lich. Im fünften Abschnitt der Therapiesitzung stellte sich der Therapeut auf der beiden Strukturdimensionen als unfreundlich dar. Auf der Dimension „Einfühlung“ als unfreund- lich und dominant und auf der Dimension „Alltagsgespräch“ als unfreundlich und sub- missiv. Das Verhalten des Patienten zeigte eine wesentlich größere Variabilität, d. h. er oszillierte öfters zwischen den Extrema und Minima. Auf der Dimension „Leiden“ nivel- lierte sein Verhalten in Richtung Submission und Unfreundlichkeit. Auf der interaktionel- len Strukturdimension „Alltagsverhalten“ zeigte sich der Patient in der Schlußphase der Therapie als sehr freundlich und submissiv. Neuntes Kapitel Empirische Kohärenzen: Diskussion und Schlußfolgerung 1. Strukturdimensionen des Interaktionsverhaltens und Konvergenz- vorgänge zwischen den Interaktionsstilen Therapeut und Patient verhielten sich über über den Verlauf der untersuchten Therapien hinweg in einer jeweils typischen Eigenart. Für jeden der beiden Gepsrächsteilnehmer waren im Therapieverlauf ein qualitativ relativ stabiles Interaktionsverhalten erkennbar. Diesen quantitativ veränderlichen Stilen des Verhalten lagen vier Grunddimensionen des Interaktionsverhaltens zugrunde, anhand derer strukturelle Aussagen für beide Therapieteilnehmer getroffen werden könnten. Auf jeder dieser Dimensionen konnten für Therapeut und Patient signifikant voneinander verschiedene Stile des Verhaltens indenti- fiziert werden. Aufgrund der Verlaufsspezifik der Verhaltensweisen des Therapeuten und Patienten wurde neben den vier Invarianten „Involvierung“, „Klärung“, „Kontrolle“ und „Affiliation“ auf zwei grundlegende Typi interactionium der Psychotherapie abstrahiert. Der Typus interactionis curum des Therapeuten, d. h. der Typus, um zu heilen und der Typus interactionis patium des Patienten, d. h. Typus des Leidens können durch die aus- drückliche Beschreibung der kombinierten Verhaltensmerkmale in ihren Wechselwirkungen untereinander beschrieben werden. Therapeut und Patient verhielten sich hoch involviert. Der Patient öffnete sich sehr und der Therapeut zeigte sich als selbstverbergend. Die Klärungsarbeit wurde von den beiden „typischen“ Therapiepartnern auf einem niederen Niveau verfolgt. Der Typus interactionis curum arbeitete an den Problemen und Konflikten des Patienten und zeigte sich damit bestrebt, Zusammenhänge aufzudecken und zu interpretieren. Der Typus interactionis patium stellt hierzu eindeutig die Komplementärposition dar. Er sprach häufig über Sachverhalte, konstatierte, initiierte keine neuen Gesprächsthemen sprach über das Tertiärsystem, wo- hingegen der Therapeut oftmals auch Bezüge zur Therapiesituation ebenso wie zu den Konfliktthemen des Patienten herstellte, das Hier-und-jetzt thematisierte. Auf der Verhaltensdimension „Kontrolle“ verhielt sich der Typus interactionis curum gewährend und spricht leise, der typus patium hingegen dominant und sprach mit lauter Stimme. Die Kontrollhaltungen im Sinne der Macht- oder Expertenpositionen bzw. Unterwürfigkeits- oder Laienpositionen sind sehr gering ausgeprägt, jedoch zeigt sich die deutliche Komplementarität der Patientenposition „Dominanz“ und „raumgreifende Kontrolle“ gegenüber der Verhaltensposition des Therapeuten „Gewährenlassen“. Bei einer Bilckwendung zur Verhaltensdimension „Affiliation“ hin ist erkennbar, daß die Komplementaritätspaare dort abermals ihre Positionen wechseln. Der Typus interactionis curum verhält sich auf einem niederen Niveau kontinuierlich freundlich, warm und ist um eine lockere, vertraute Gesprächsatmosphäre bemüht. Der Patient hingegen zeigt sich dazu komplementär als unfreundlich und kalt, er verneint die Aussagen des Therapeuten. Als Grundaussage wurde bestätigt, daß sich Therapeut und Patient in Komplementärpositionen zueinander verhalten. Dies scheint die effektivste Interaktionsfigur zu sein, um interaktionelle Strukturmuster wie Konfrontation und Konstruktivität, Ignoranz und Verständnis, Renitenz und Akzeptanz oder auch Hostilität und Einfühlungsvermögen in einer dyadischen Beziehung „auf Zeit“ auszudrücken und veränderungsadäquat zu definieren. Im Rahmen der ermittelten vier Verhaltensdimensionen konnten vereinzelt zwischen den Verhaltensstilen von Therapeut und Patient Konvergenzereignisse beobachtet wer- den. Auf der Dimension „Involvierung“ stabilisierten sich die Interaktionsstile der Therapiepartner zwischen den Polen „selbstöffnen vs. selbstverbergen“ und dem ge- sprächsthematischen „Sprecher vs. Andere“-Fokus auf einem hohen Niveau. Im n-dime- nionalen Raum „Psychotherapie“ nehmen sie auf der Strukturdimension „Involvierung“ die je entgegengsetzten Pole ein. Die Wertereihe des geschätzen Patientenverhaltens be- wegt sich im positiven Bereich, wohingegen die Schätzwerte für das Therapeutenverhalten im Minusbereich angesiedelt sind. Diese Polarisierungen weisen auf spezifische Verhaltensbesonderheiten hin. Der Patient öffnet sich stark, indem er über sich selbst und seine Beziehungen zu anderen Personen spricht. Obgleich kein aussage- kräftiger statistischer Nachweis vorliegt, unterscheidet sich die Ausprägung der Stilmerkmale des Interaktionsverhaltens des Patienten im dritten Therapieabschnitt au- genscheinlich von den anderen vier (vgl. Bild 9, s. DA-S. 85). Im mittleren Teil einer Therapiesitzung, d. h. im dritten Sitzungsabschnitt, steht die Problem- und Konfliktbearbeitung im Mittelpunkt. Aus diesen Gründen erscheint der Quantitätsanstieg der Merkmalsausprägungen des Patientenverhaltens auf der Dimension „Involvierung“ sehr stimmig zu sein. Der Patient begann an seinen Problemen zu arbei- ten, öffneta sich dabei sehr stark, wirkte dann jedoch sehr unsicher und beinahe hilflos. Bei der Problembearbeitung klagte er ohne sich dabei dem Therapeuten zuzuwenden, sein Stimmfluß war gebrochener als zuvor. Das Rückmeldeverhalten des Therapeuten war ruhig, d. h. er transportierte damit die Botschaft: „Du kannst mir vertrauen, ich höre Dir aufmerksam zu und möchte Dich verstehen“. Das Therapeutenverhalten in diesem mittleren Sitzungsabschnitt läßt sich eher als selbstverbergend und sicher charakterisie- ren. Der Therapeut fragte und behauptete und seine Stimme klang „fröhlich, frisch und frei“. Während der Therapeut spricht setzt der Patient Manipulatoren ein und verhält sich unruhig. Auf der Verhaltensdimension „Klärung“ ist gegen Ende der Therapiesitzungen von sei- ten des Patienten eine unbestimmte Annäherungsbewegung seines Verhaltens in Richtung des Verhaltens des Therapeuten erkennbar. Der Patient sprach im beschreibenden Modus über Sachverhalte aus dem Tertiärsystem. Zu Beginn der Arbeitsphasen zwei, drei und vier reduzierte der Patient zwar seine Fokussierung auf Sachverhalte und bloße „Berichterstattung“, beschäftigte sich jedoch nicht zielgerichtet mit seinen Problembereichen. Die Haltung des Therapeuten zeigte sich auch auf dieser Verhaltensdimension als gleichmäßig stabil über die fünf Phasen der Therapiestunde hinweg. Er fokussierte dabei jedoch stets die Probleme des Patienten, was wiederum mit dem häufigen Sprechen über negative Inhalte im Gleichklang steht. Der Therapeut leitete im affektiv-kognitiven Gesprächsmodus zu neuen Sichtweisen an und konfrontierte dabei oder stellte zumindest verschiedene Ereignisse, die den Patienten betrafen, abwägend gegenüber. Auf dieser Strukturdimension „Klärung“ bewegte sich der Verhaltensstil des Patienten auf den Stil des Therapeuten zu. Auf der Seite des Therapeuten waren keine komplementären Vorgänge zu beobachten. Eine genauere Betrachtung läßt gegenüber der einseitigen Konvergenzbestrebungen des Patientenverhaltens vielmehr auf ein einsei- tiges Divergenzbestreben seitens des Therapeuten schließen. Der Verhaltensaustausch auf dieser Strukturdimension scheint demnach einen symmetrischen Charakter zu besit- zen. Je stärker der Patient versuchte sein Verhalten an das Therapeuten anzugleichen oder sich ihm zu verähnlichen, desto kontinuierlicher änderte der Therapeut seine Strategie des Sich-Verhaltens. Auf der Dimension „Kontrolle“ ereignen sich phasen- und episodenweise Anpassungen zwischen den Ausprägungen „Submissivität“ und „Dominanz“, wie auch zwischen der lauten und leisen Stimmführung. Der Patient verhielt sich dominant, spontan und authen- tisch und verähnelte auf diese Weise sein Verhalten mehr und mehr an die Merkmalsausprägungen des Therapeutenverhaltens. Es handelte sich wiederum um eine einseitige Konvergenz seitens des Patienten. Gegen Ende der Therapiestunde konnten jeweils leichte Divergenzbewegungen eruiert werden. Vergleichsweise deutlich ließen sich Vorgänge der Anpassung zwischen den Stilen des Therapeuten- und Patientenverhaltens auf der Dimension „Affiliation“ elaborieren. Im ersten Abschnitt der Therapiesitzung verhielt sich der Patient unfreundlich, seine Körperhaltung war geschlossen. Zum zweiten Abschnitt der Therapiestunden hin, be- wegte sich der Interaktionsstil des Patienten auf den des Therapeuten zu. Der Patient wurde freundlicher, öffnete seine Körperhaltung und gestaltete eine unkomplizierte und vertraute Gesprächsatmosphäre. In den Sitzungsabschnitten drei und vier stellte sich der Patient wiederum als unfreundlich und kalt dar, um in der Schlußphase der Therapiestunde wieder freundlicher zu werden , seine Körperhaltung zu öffnen und die Aussagen des Therapeuten zu bejahen. Der Interaktionsstil des Therapeuten läßt auf keine derartigen Pendelbewegungen oder Oszillationen des Verhaltens schließen. Mit Ausnahme der Schlußphase verhielt sich der Therapeut freundlich, verstehend-warm, verstärkte die Aussagen des Patienten und baute eine unkomplizierte, vertraute Gesprächsatmosphäre auf. In der Schlußphase der Therapiesitzungen verhielt sich der Therapeut eher unfreundlich und kühl, verschloß seine Körperhaltung und „ignorierte“ die Aussagen des Patienten, d. h. er zollte ihnen keine erwähnenswerte Beachtung mehr. Die Theorie der IPT für Depressionen geht von einem gröberen Raster aus. Dort wer- den über die einzelnen Therapiesitzungen, d. h. intrasessional, nur wenige Aussagen getroffen. Es wird „leglich“ postuliert, daß drei Therapiebereiche intersessional unter- schieden werden können, wobei im mittleren Bereich die Problembearbeitung gezielt fokussiert wird (vgl. DA-S. 20). 2. Variabilität des sozialen Verhaltens Die Ausprägungen der Verhaltensmerkmale des Therapeuten und Patienten weisen über den Verlauf der Therapie nachweisbare Unterschiede auf. Die Merkmalsausprägungen der Verhaltensstile beider Interaktionspartner erwiesen sich im Vergleich der Anfangs- und Schlußabschnitte mit den mittleren Abschnitten der einzelnen Therapiesitzungen als sehr variabel. Am Anfang und Ende der Therapiesitzungen variierten die Merkmalsausprägungen des Patientenverhaltens auf den Strukturdimensionen „Involvierung“ und „Klärung“ nur sehr gering. Deutliche Variablitäten der Stilmerkmale des Patienten traten jedoch in den mitt- leren Abschnitten der Therapiesitzungen auf. Die Verhaltensstile des Patienten oszillier- ten somit in den mittleren Abschnitten der Therapiestunden stärker als am Beginn oder Schluß einer Behandlungssitzung. Dies ist sehr plausibel. Die Variabilitäten der Interaktionsstile des Patienten können als Ausdruck der Problembearbeitung verstanden. Das Interaktionsverhalten des Patient oszilliert in diesen Situationen z. B. zwischen den Polen „unsicher vs. sicher“ oder „selbstöffnen vs. selbstverbergen“. Er wechselt seine Verhaltenspositionen auch öfters auf der Dimension „Probleme und Konflikte vs. Sachverhalte“, er konstatiert und interpretiert „zugleich“, wiederholt besprochene Themen und initiiert neue. Diese erhöhte Variabilität des Sozialverhaltens des Patienten steht im Gleichklang mit den durch die Themenarbeit enstandenen „Aufwühlungen“ und „Verstörungen“ des bisherigen Verhaltens. Für das Verhalten des Therapeuten wurden keine nennenswerten Variabilitäten beobachtet. Auf der Verhaltensdimension „Klärung“ waren nur unerhebliche Variabilitäten des Patientenverhaltens zu beobachten. Der Verhaltenstil des Therapeuten variierte haupt- sächlich zwischen gewährendem und einflußnehmendem Verhalten. Für den Patienten wurden die Verhaltensvariabilitäten wieder auf der Dimension „Affiliation“ bedeutsam. Dort drückten sich die Variabiliäten des Verhaltens anhand der Merkmalsausprägungen freundlich und unfreundlich aus. Am Anfang und Ende der Therapiesitzungen findet von seiten des Patienten eine scheinbare Suche nach der angemessenen Form der Freundlichkeit bzw. Unfreundlichkeit statt. Sie unterscheidet sich von den Merkmalsvariabilitäten in den mittleren Stundenabschnitten. Die Merkmalsauprägungen der Verhaltensvariablen des Therapeuten zeigten eher geringe Unterschiede zwischen den Stundeneinheiten Beginn/Schluß und Mitte. Als Résumé kann zusammengefaßt werden, daß die Verhaltensvariabilitäten des Patienten auf den Dimensionen „Involvierung“ und „Klärung“ in den mittleren Abschnitten der Therapiesitzungen stark ausgeprägt waren. Dies ist ein deutlicher Ausdruck der Themenbearbeitung. Dahingegen zeigten sich auf der Strukturdimension „Affiliation“ die größten Variabilitäten im Anfangs- und Endteil der jeweiligen Sitzung. Darin drücken sich Vorgänge des Austarierens eines gemessenen Verhaltens auf der Dimension „Freundlichkeit vs. Unfreundlichkeit“ aus. Die Verhaltensvariabilitäten des Therapeuten waren insgesamt sehr gering, am deutlichsten jedoch auf den Dimensionen „Kontrolle: Dominanz vs. Submission“ und „Affiliation: Freundlichkeit vs. Unfreundlichkeit“ zu erkennen. Die Resultate der Effekstärkeberechnung zeigten sehr klar an, welche Interaktionsmerkmale in der dyadischen Interaktion eine besondere Rolle spielen. Es handelte sich dabei um die Merkmale „selbstöffnen vs. selbstverbergen“, „Sprecher vs. Andre/deres“, „auffordern, fragen, behaupten vs. antworten“ und „suchen, erkennen, in- terpretieren vs. konstatieren“. Hierdurch wurden die Aussagen, die bereits auf der Faktorenebene formuliert wurden, bestätigt. Der Patient öffnet sich sehr stark und spricht über sich, der Therapeut sucht, erkennt, interpretiert und fordert auf, er fragt und be- hauptet. 3. Verkettungen der Interaktionsstile (Interaktionsmuster) Im Laufe der einzelnen Therapiesitzungen bildeten sich für den Therapeuten wie für den Patienten spezielle Interaktionsmusterqualitäten heraus. Diese Musterqualitäten stellen besondere Ausprägungen der Verhaltensstile auf den Strukturdimensionen dar. Sie wer- den jedoch nur in sehr seltenen Fällen als autochtones Verhaltenskontinuum auftreten. Viel häufiger verknüpfen sich die „dahinterliegenden“ Interaktionsstile zu Mustern der Interaktion oder Organisationsstrukturen des Therapeut-Patient-Systems. Die Musterqualität bedeutet zunächst nichts weiter als das Auftreten eines verhaltenskonsi- stenten Phänomens, das beim anderen Interaktionspartner ein bestimmtes Verhalten her- vorruft. Wenn dieser andere Interaktionspartner eine ähnlich konsistente Verhaltensantwort auf die dargebotene Musterqualität des Gegenübers formuliert ent- steht eine gültige und wiederkehrende Verhaltensfigur zwischen diesen beiden Partnern, das Interaktionsmuster. Das erste Muster der Therapeut-Patient-Interaktion konfigurierte sich aus dem egoisti- schen Klagen des Patienten und der freundlich-distanzierten Konversation des Therapeuten. Dieses Muster „Klagen-Unterstützen“ tritt am häufigsten im Stundenabschnitt der Problembearbeitung auf und stellt die klassische Therapeutenrolle recht klar in den Vordergrund. Die Verhaltensantworten, die der Therapeut auf die Interaktionsstile des Patienten formuliert sind in hohem Maße alltagsdiskrepant. Im soz- ialen Umfeld der Depressiven entziehen sich die Gesprächspartner einem Verhaltensaustausch (vgl. DA-S. 23 f.), der Therapeut nicht. Der Therapeut interagiert in Bezugnahme auf die Störungsspezifität des Patienten mit Einfühlungsvermögen, Verstehen und Gewährenlassen. Das zweite Muster der Interaktion von Therapeut und Patient, „Beeinflussung- Alltagsgespräch“, war am häufigsten im zweiten Abschnitt der Therapiestunden zu beob- achten, d. h. zu Beginn der therapeutischen Arbeit an den Konflikten des Patienten. Dieses Muster unterstreicht die Komplementarität der Verhaltensweisen von Therapeut und Patient. Der Patient möchte das Gespräch durch lautes Sprechen, informationsreiche Aussagen und dominantes Verhalten kontrollieren, der Therapeut setzt ihm daraufhin eine Art „therapeutische Gelassenheit“ entgegen. Der Therapeut zeigt sich mit einer in- teressierten, sicheren Fragehaltung, stellt den Bezug zu Sachverhalten aus dem Tertiärsystem her und unterhält sich mit dem Patienten auf der Ebene des „gesunden Menschenverstandes“. Das Therapeutenverhalten kann auch als Auf-den-Boden- Zurückbringend bezeichnet werden. Das Interaktionsmuster „Nörgeln-Beziehungsrücknahme“ trat am häufigsten in den Schlußabschnitten der Therapiesitzungen auf. Dieses Verhaltensmuster bringt zum Ausdruck, daß der Therapeut am Ende der Therapiesitzungen sein Beziehungsverhalten Stück für Stück zurücknimmt. Das mißtrauische, hoffnungslose Nörgeln und unfreundli- che Verhalten des Patienten beantwortet der Therapeut am Schluß der Stunde symme- trisch mit „Ignorieren“, Verneinen und „Kälte“. Am Ende der einzelnen Therapiesitzungen erzeugt das in der Therapiestunde Bearbeitete und Neuformulierte beim Patienten einen Moment des Sträubens. Dies sind deutliche Anzeichen für eine be- vorstehende Neustrukturierung. 4. Interaktionsstatusdiagnose (Interpersoneller Zirkel) Eine selektierende Betrachtung der Persönlichkeitsdimensionen „Dominanz vs. Sumissivität“ und „Affiliation“ ermöglichte die Einordnung des Therapeuten- und Patientenverhaltens in einen Interpersonellen Zirkel oder Koordinatenkreuz. Über alle untersuchten Therapien hinweg verhielt sich der Therapeut freundlich und dominant, der Patient hingegen submissiv und unfreundlich. In den Arbeitsabschnitten der Therapiestunden verhielt sich der Therapeut wenig ein- flußnehmend und sehr freundlich. Im dritten Abschnitt der Sitzungen, dem Zentrum der Problembearbeitung, zeigte er ein freundliches, gewährendes Verhalten. Der Therapeut unterstützte den Patienten bei der Konflikbearbeitung durch Verhaltenverstärkungen und zeigte Zuwendung und Einfühlungsvermögen. Im ersten und fünften Abschnitt der Therapiesitzungen verhielt sich der Therapeut ausgeprägt einklußnehmend. Er unter- stützte dies durch raumgreifende Gestik, lebendige Mimik und lautes Sprechen. Während er sich zu Beginn der Therapiesitzung noch freundlich verhielt wird er am Ende der Stunde unfreundlich. Diese Unfreundlichkeit des Therapeuten bettete sich jeweils in eine verkrampfte und fremde Gesprächsatmosphäre ein. Im ersten und zweiten Abschnitt der Therapiesitzungen verhielt sich der Patient im Gegensatz zu den restlichen drei Abschnitte teils einwenig dominant und teil weder do- minant noch submissiv. Dabei blieb er jedoch unfreundlich. Diese Statusdiagnose spiegelt das bisher Gesagte auf eindrückliche Weise wider. 5. Das Interaktionsverhalten der Depressiven Das Interaktionsverhalten der Depressiven wurde schon während der Ergebnisdarstellungen und Diskussionen deutlich. Es soll zusammenfassend noch einmal vorgezeigt werden. Das charakteristische depressive Verhalten war durch Submissivität, Hilflos- Darstellungen, Klagsamkeit und Unfreundlichkeit gekennzeichnet. Die Depressiven zeigten im Psychotherapiegeschehen jenes Verhalten, das sie auch sonst im sozialen Leben zeigen (vgl. DA-S. 59 f.). Die Besonderheit der pychotherapeutischen Situation bestand darin, daß sich der Therapeut freundlich verhielt und in Maßen Einfluß auf das Verhalten des Patienten nahm. Dieser Interaktionsstatus wurde als Komplementärposition des Therapeuten gegenüber dem Verhalten des Patienten disku- tiert. Besonders kennzeichnend für den depressiven Stil zu Agieren war die Klagsamkeit, die Getrübtheit und das Sich-hilflos-Darstellen. Die Patienten sprachen unter diesen Voraussetzungen mitgebrochenem Sprechfluß und mit abgewandter Körperhaltung über ihre Leidensgeschichte und ihre „innere Situation“ bei Beziehungen zu anderen Menschen. Statt die eigenen Probleme und Konflikte ins Auge zu fassen und aktiv zu be- arbeiten, konstatierten sie typischerweise Sachverhalte aus dem alltäglichen Leben und wiederholten eher die Themen, die der Therapeut anregte, als daß sie neue initiierten. Eine weitere Facette des depessiven Stils zu Interagieren figurierte die Neigung zur Kontrolle, d. h. die soziale „Besetzung“ und „Benutzung“ des Interaktionspartners. Diese Neigung zur Kontrolle des Interaktionspartners, sei es durch den Ausdruck von Submissivität und Klagsamkeit oder Dominanz und Klagsamkeit, wurde jeweils durch die Sprechlautstärke und Gestikulierung geschickt gesteuert. Hierin spiegelte sich ein zwei- seitiger Appell. Auf der einen Seite stellten sich die Patienten submissiv dar und klagten über sich selbst, auf der anderen Seite stellten sie sich eher dominant dar und führten über andere Menschen Klage. Bei der letzteren Verhaltensweise, Meinungen über andere Personen nicht in deren Gegenwart zu offerieren, handelt es sich um eine sehr typische Verhaltensweise, die bereits von Klerman und Weissman erkannt werden konnte (vgl. DA-S. 59). Alle diese Merkmale depressiven Verhaltens, die in dieser Untersuchung deutlich wurden, unterliegen der Mitbestimmung durch eine „depressive“ Gesprächsatmosphäre. In dieser Atmosphäre verhielten sich die untersuchten Patienten unfreundlich manchmal auch verdeckt aggressiv. Weiteren Ausdruck fand dies in selte- nen Situationen durch eine verdeckt ablehnende Haltung gegenüber dem Therapeuten. Die Gesprächsatmosphäre in der sich die depressiven Verhaltenbesonderheiten zeigten und deren markante Regulationsmechanismen zu Tage traten, wurde von den Depressiven als fremd, verkrampft und kompliziert gestaltet. Die grundsätzlichen Modi des depressiven Verhaltens wurden auch oftmals zum einen Appellationsverhalten (vgl. z. B. Linden, 1976, S. 129 ff.) beschrieben, womit insbesondere die ausgedückte Klagsamkeit der Depressiven gemeint ist. Zum anderen als Hostilitätsverhalten (vgl. ebd., S. 134 ff.), womit die Unfreundlichkeit und die Dominanz in der Therpiesituation als abgeschächter Ausdruck der ansonsten manchmal gezeigten Feindseligkeit im sozialen Bereich in Zusammenhang steht. Zusammenfassung Anpassungsprozesse im Verlauf interaktioneller Auseinandersetzungen stellen einen grundlegenden „Charakterzug“ der zwischenmenschlichen Verständigung dar. In der vorliegenden Arbeit wurden theoretische und empirische Sachverhalte zu interaktionellen sozialen Ereignissen beschrieben, analysiert und diskutiert. Mit der durchgeführten Untersuchung wurde die Sinnhaftigkeit des Paradigmas „Interaktionsprozeß“ im Bereich der Psychotherapie, das seit nunmehr zehn Jahren einen maßgeblichen Einfluß auf die Forschung in dieser Wissenschaftsdomäne ausübte, erneut bestätigt. Die theoretische Beschäftigung mit den Erklärungsansätzen der Depressionen ließ zu dem impliziten Schluß kommen, daß neben den „klassischen“ Theorien zur Depressionsentstehung, wie Seligmans “helplessness hypothesis” und Lewinsohns “loss of reinforcement model”, auch auf die Theorien zur „sozialen Unterstützung“ mehr Wert gelegt werden kann. Diese Fokussierung wurde durch die Darstellung der Theorieentwicklung zur Interpersonellen Psychotherapie nach Klerman und Weissman plausibilisiert. Derzeitige Entwicklungen der theoretischen Formulierung und Konzeptualisierung in- teraktioneller Vorgänge im psychotherapeutischen Geschehen wurden in ihren Ansätzen vorgestellt. Ansatzweise wurde auch auf eine mögliche in die Zukunft weisende Analogie für die Polytelie interaktioneller Vorgänge, die dem chaostheoretischen Forschungsbereich der Physik entstammt, hingewiesen. Auf diesem wisenschaftlichen Fundament fußend, wurden grundlegende Modi und Entwicklungen des Interaktionsverhaltens in Zwei-Personen-Situationen untersucht. Das Untersuchungsmaterial bestand aus 720 Aussagen aus insgesamt sechs Interpersonellen Psychotherapien für Depressionen. Die Klientel setzte sich aus Patienten zusammen, die nach DSM-III-R die Diagnose „Major depression“ erfüllten. Mit Hilfe von statistische Analysetechniken wurden vier Strukturdimensionen des Verhaltens von Therapeut und Patient in der dyadischen Psychotherapiesituation ermittelt. Auf jeder dieser vier Dimensionen konnten typische Verhaltensstile sowohl für den Therapeuten als auch den Patienten eruiert werden. Diese Interaktionsereignisse wiesen eine strukturelle Stabilität in bezug auf zeitliche Entwicklungscharakteristiken und die kontextuelle Bedingungen auf. Es konnte aufgezeigt werden, daß diesen Ereignissen eine interaktionelle Bedeutsamkeit zukommt. Diese Bedeutsamkeit zeigte sich zu wesentlichen Teilen in den komplementären Interaktionspositionen von Therapeut und Patient. Sie ließen sich in Form von den grundlegenden Therapietypen, den Typi interactionium, und als spezifische Ausprägungen auf den Persönlichkeitsdimensionen „Dominanz/Submission“ und „Affiliation“ darstellen. Diese Komplementaritätsereignisse werden als Anpassungsprozesse im Sinne des Aufeinanderabstimmens in psychotherapeutischen Interaktionen verstanden. Auf die Vorgänge der Anpassung zwischen Merkmalen des Verhaltens von Therapeut und Patient wiesen auch die ermittelten Variabilitäten des Interaktionsverhaltens in der dyadi- schen Psychotherapiesituation hin. Die Analyse dieser intraaktionellen Abweichungen führte zu einer Phasierung der Therapiestunden in Anfangs-/Endab-schnitte und in mittle- re Abschnitte. Nach den Ergebnissen kann das Psychotherapiegeschehen als ein Prozeß betrachtet werden, in dessen Verlauf Verhaltensereignisse auftreten, die durch variable und flexible Verhaltenkonfigurationen der Interaktionspartner gekennzeichnet sind. Obgleich das bislang vorliegende Untersuchungsmaterial keine sequenzanalytischen Analysestrategien zuließ, wurde durch die Indizierung von mehreren Struktur- und Prozeßmerkmalen ein Beitrag zu der weiteren Erkundung der existentiellen Dimension „Anpassungsprozesse der zwischenmenschlichen Verständigung“ geleistet. Schluß Die Einbildungskraft, das Denken mögen an sich bewundernswürdige Werkzeuge sein, aber sie bedürfen vielleicht eines Anstoßes, um in Bewegung zu geraten.… Der bloße Versuch bereits, die feine Linie zu bemerken, die durch den Anblick eines Weißdornbusches oder einer Kirche vertieft in uns eingezeichnet ist, kommt uns zu schwierig an. Aber wir spielen immer wieder eine bestimme Symphonie, wir kehren zurück, um die gleiche Kirche anzuschauen, bis wir sie – auf dem Weg einer Flucht, die uns weit von unserem eigenen Leben entfernt, auf das wir unsere Blicke nicht zu richten wagen, jener Flucht, die man Gelehrsamkeit nennt – ebenso gründlich und in der gleichen Weise kennen wie der kundigste Liebhaber der Musik oder Archäologie. Marcel Proust (1954/1988, S. 3993 und 3970)30 Mit den Themendarstellungen und empirischen Überprüfungen der vorliegenden Diplomarbeit wurde im weichen Bariton in den Chorus der momentanen Fundamentierungsbemühungen der Psychotherapieforschung eingestimmt. Denn die Psychotherapieforschung unternimmt wie jede andere Forschungsdomäne auch fortwäh- rend Versuche, neue Fundamente zu härten, um die Verfolgung neuartiger Interessen im Dienste der Wissenschaft „Psychologie“ zu gewährleisten. Was es damit auf sich hat, kann am Schlusse dieser Arbeit, ebenso wie Marcel Proust von der «temps retrouvé»31 fabuliert, leichterdings formuliert werden. Es sind augenscheinlich die ständig modifizier- ten Denkrahmen, Denkmuster oder Paradigmen, die den Blickkreis, in dem sich die nüchterne Problemsicht des Wissenschaftlers nach geraumer Zeit schadhafterweise in sich selbst spiegelt, aufreißen und auf Neues blicken lassen. Über die Resultate der empirischen Untersuchung und deren vorausgesetzten Strategien, konnten erneut einige Puzzleteile in das Flickenteppich-Bild der interaktionel- len Anpassungsprozesse eingefügt werden. Es wurde jedoch noch mehr erreicht. Es wurde ein Denkkonzept mittlerer Plastizität entwickelt, das einer empirischen Prüfung bedarf. Ausführlichere erfahrungswissenschaftliche Erkundungen werden dazu nötig sein. Dies konnte die mit diesen Sätzen abzuschließende Arbeit nicht leisten. Es darf hier schon angemerkt werden, daß dahingehend bereits ein umschriebener Denkplan und aussagekräftigere empirische Geschehen ins Auge gefaßt wurden, davon aber noch kein genaueres Wort. Schlechterdings ist jedoch niemals vorzuenthalten, – und diese Bescheinigung hat nichts mit Trübsicht zu tun –, daß selbst bei diesen noch im fer- nen liegenden Untersuchungen einige Nischen des zwischenmenschlichen Verhaltens un- berührt bleiben werden. Wie erkannte doch Samuel Beckett im dritten Teil seiner Romantrilogie (Molloy, Malone stirbt, Der Namenlose), in Gestalt des L’Innommable, d. h. des Namenlosen, grundexistentiell: „Man kann mit siebzig Jahren sterben, ohne je die Möglichkeit gehabt zu haben, den Halleyschen Kometen zu bewundern“.32 Ich möchte mich bei meinem Mentor Dietmar Czogalik für die hilfreichen Tips und Ratschläge im Verlauf der Datenaufbereitung und Datenauswertung bedanken. Weiterhin danke ich H.K., T.B., H.- J.H., M.T. und S.M. für anregende Gedankenaustausche. Anmerkungen 1 Die Erkenntnis des „natürlichen Driftens“ (Maturana & Varela, 1984/1987, S. 119) und des auf das individuelle Lebewesen bezogenen „strukturellen Driftens“ (S. 127), stellen nur einen winzigen Punkt auf der Landschaft der Erkenntnisse dar, die Maturana und Varela im Laufe von 17 Jahren intensiver Forschungarbeit wissenschaftlich unterlegen konnten. 2 William James entwarf bekanntlich gemeinsam mit dem dänischen Philosophen Carl Georg Lang eine Theorie, nach der die Gefühle nur als Begleiterscheinungen körperlicher Vorgänge zu betrach- ten seien – “bodily manifestations must first be interposed between” (James, 1884/1983, p. 170) –, die James-Langesche Theorie. Eingeprägt hat sich insonders ein Diktum James’, das diese Auffas- sung belehrend paraphrasiert. Es sagte uns wohl lediglich nur unser gesunder Menschenverstand, daß “we lose our fortune, are sorry and weep” (ebd.). Es verhielte sich nach James’ “thesis” jedoch vielmehr so, “that we feel sorry because we cry, angry because we strike, afraid because we tremble, and not that we cry, strike, or tremble, because we are sorry, angry, or fearful” (ebd.). 3 Vergleiche Andrei N. Kolmogorow, im Jahr 1954, Straniza 527. 4 Vergleiche Kuhn, im Jahr 1962/1970, Page 68. 5 „Die Lebewesen sind seltsame Objekte“. Vergleiche Jaques Monod, im Jahr 1970 auf Page 29. Mit seiner Untersuchung des «hasard et la nécessité» versuchte sich Monod (1970) in einem weiteren Aufklärungsbeitrag zum – für ihn – «secret de la vie» (p. 12). «D’étranges objets» sind für ihn seltsame Objekte, eben weil ihnen «ne saurions attribuer aucun ‹projet›» (p. 17). Monod erklärte sich diesen „verschärften“ Eindruck der Sonderbarkeit dadurch, daß die Lebewesen angesichts der Erkenntnisse der „moderen Wissenschaft“, der Physik des 18. und 19. Jahrhunderts, «paradoxes» glichen und deshalb derselben als „seltsame Objekte“ widersprechen würden (p. 29 f.). 6 Zitiert nach Kuhn, 1962/1970, Page 113. 7 «Verre trouble» (Proust, 1927, p. 70). Vergleiche Marcel Proust, im Jahr 1957/1988 auf Seite 3996. 8 «Regardez vous-même si vous voyez mieux avec ce verre-ci, avec celui-là, avec cet autre» (Proust, 1957/1988, p. 70). Vergleiche Marcel Proust, ebd. , im Jahr 1957/1988 auf den Seiten 3996 f. 9 Vergleiche Lagerkvist, 1925/1970, S. 20. 10An dieser Stelle wird uns wohl auch das Erwähnte zur Geschlechtsspezifität (vgl. DA-S. 3) verständ- licher, da wir nun das 3:2 Verhältnis ( : ) verstehender denken können. 11Die „Instrumentalität“ kann als die „Geeignetheit einer Handlungsalternative für die Erreichung eines gesetzten Zieles“ präzisiert werden (Dorsch: Psychologisches Wörterbuch, 1991, S. 310). 12Die Veränderung eines Verstärkerplanes hieße beispielsweise, daß gewohnte positive Verstärkungen plötzlich wesentlich komplexere Verhaltens-Reaktionen erforderten. Eine weitere Änderung könnte bedeuten, daß gewohnte „Verstärkungs-Situationen“ andere diskriminative Hinweisreize enthielten (etwa, nicht nur Lachen, sondern auch Einfühlsam- und „Mitschwingendsein“). 13Eine Spezifizierung jener teuflischen Paradoxa wagte Francisco J. Varela (1981/1991), indem er konturierte: „Solche zirkulären Erscheinungen nannte man üblicherweise Teufelskreise (circuli vi- tiosi); sie waren der Inbegriff dessen, was man vermeiden mußte. Ich würde eher vorschlagen, sie circuli vitiosi oder kreative Zirkel zu nennen. Ihre offenkundige Merkwürdigkeit birgt einen Schlüs- sel zum Verständnis von natürlichen Systemen und deren kognitiven Erscheinungen und ihrer reichhaltigen Formenwelt.“ (S. 294). 14Der Ordnung halber ist hinzuzufügen, daß eine dritte Gruppe von Hunden an diesem Experiment teilnahm. Bei der ersten Bedingung (Stromschläge + Abstellen/Nicht- ~) fungierten sie als unbetei- ligte Referenzgruppe, um dann bei der späteren Bedingung (Stromschläge + Balustrade übersprin- gen) ihr spontanes Lernvermögen unter Beweis zu stellen. Grund ihrer recht raschen Reaktionswei- se, darf – abgesehen von der “manager”-Vergleichsgruppe – als bewiesen gelten, daß für die Jockeys die Hilflosigkeitserfahrung ausschlaggebend für ihre an Hoffnungslosigkeit, Resignation und völlige Selbstaufgabe erinnernde Verhaltensweise war (vgl. Seligman, 1974, p. 86). 15 Vergleiche Michel Foucault, 1963/1991, S. 163. «Si bien que découvrir ne sera plus lire enfin, sous un désordre, une cohérence essentielle, mais pousser un peu plus loin la ligne d’écume du langage, la faire mordre sur cette région de sable qui est encore ouverte à la clarté de la perception, mais ne l’est plus déjà à la parole familière. Introduire le langage dans cette pénombre où le regard n’a plus de mots. Travail dur et ténu; travail qui fait voir,…» (Foucault, 1972, pp. 173 f.). 16Klaus Dörner und Ursula Plog wiesen bereits darauf hin, daß die Antidepressiva (Ad; Thymoleptika) solche hirnwirksamen Pharmarka seien, die vor allem an den Zentren des Hypothalamus angriffen (Dörner & Plog, 1992, S. 538). „Ad führen zu einem Anstieg des am Rezeptor verfügbaren Catecho- lamins Noradrenalin (z. T. auch des Dopamins und Serotonins) und heben den gegenteiligen Effekt des depressionsauslösenden Reserpins auf.“ (S. 539). Sie erklärten weiterhin, daß aus solchen tierex- perimentellen Befunden die Hypothese stamme, daß die Depression beim Menschen eine Entsprechung im Catecholaminmangel im Gehirn hätten (ebd.). 17«Togda ja otwtil emu, tschto ja eretik i warwar, ‹que je suis hérétique et barbare›, i tschto mn’ ws’ eti archiepriskopy, kardinaly, monsinjory i protsch., i protsch. – wse rawno. Odnim slowot, ja pokasal wid, tschto ne otstranu» (Dostojewski, 1922, s. 8). 18«Dumaju, tschto winiwato bylo tut ottschti i eja tschtscheslawie; tschtscheslawie podskasalo ej ne powrit mn’ i oskorbit menja, chotja wse eto predstawljalos ej, moshet byt, i samoi nejasno. W’ takom slutsch, ja, konetschno, otwtil sa De-Grie i stal winowat, moshet byt, bres bolschoi winy. Prawda, wse eto byl tolko bret;…» (Dostojewski, 1922, s. 151). 19Beispielhaft für die Verwendung derartiger nichtdirektiver Techniken ist die Anfangssituation einer Therapiestunde. Der Therapeut stellt Fragen wie: „Wo sollen wir heute beginnen?“ (Klerman et al, 1984, p. 143). 20Um den Patienten auf seine sich widersprechenden Aussagen aufmerksam zu machen interveniert der Therapeut par exemplum: „Ist es nicht interessant, daß Sie sagen…, während Sie vorhin gesagt haben, daß…?“ (Klerman et al., 1984, p. 146). 21Vergleiche Kammerer, 1919, S. 93. 22In seinem grundlegenden Zeitschriftenartikel Application of stochastic process analyses kritisierte Hertel (1972) drei Strategien der Psychotherapieforschung: “(a) using pre- and posttherapy tests; (b) counting the occurence of various categories of behavior within therapy; and (c) obtaining the con- tingencies between various categories of behavior” (p. 421). Zur zweiten Strategie, die uns hier be- züglich der oben besprochenen Mehrpunktmessungen näher interessieren soll, finalisiert Hertel: “Therapy in this design is seen as a universe of patient- and/or therapist-initiated events, and ‘process’ is operationally defined in terms of frequency (or relative frequency) of occurrence of those events” (ebd., p. 422). 23Metaanalysen erfolgen erst nach der Vorlage von Primär- und/oder Sekundäranalysen (Glass, 1976, p. 3, zitiert nach Fricke & Treinies, 1985, S. 16) und ermöglichen einen integrativen Überblick über die Forschungliteratur in einem bestimmten Gebiet (Fricke & Treinies, 1985, S.18). Glass (1976) brachte auf den Punkt: “Meta-analysis refers to the analysis of analyses.” (p. 3, Fricke & Treinies, 1985, S. 16). 24Der Uniformitätsmythos sei – wie Kiesler (1966) eindrücklich darlegte – nur einer von drei Mythen, die anstelle klar umrissener und methodisch gültiger Forschungsparadigmen existierten. Er hielt sie dafür verantwortlich, daß längst obsolete Forschungsstrategien weiterhin verwnedet würden. Der Uniformitätsmythos – dessen Begriffsprägung von Kenneth M. Colby (1964) stammt – zeige sich in der Annahme, daß sich Personen einer Gruppe oder die Techniken und Methoden einer Behandlung viel mehr ähneln, als daß sie sich unterscheiden. Da diese Annahme Patienten und Therapeuten glei- chermaßen einbeziehe, ähnelten sich Therapeuten zunehmens (Kiesler, 1966, p. 113). Alles was sie täten wäre – dem Mythos nach – Psychotherapie, mit der wiederum alle Arten von Patienten effektiv behandelt werden könnten (ebd.). 25„Was ist Dein Ziel in der Philosophie? – Der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zu zeigen.“ (Wittgenstein, 1931/1987, S. 47). 26Das hierarchische Modell wurde von W. Barnett Pearce und Vernon E. Cronen (1980) entworfen. Sie behaupteten, es gäbe ein komplexes Beziehungsgeflecht zwischen verschiedenen hierarchischen Bedeutungsebenen. Um die Bedeutung eines kommunikativen Verhaltensaktes klar verstehen zu können, müßten ähnliche Ebenen dieser Hierarchie genau beschrieben werden. Bei den Ebenen han- delt es sich um die des Inhalts, des Sprechaktes, der Episode und um die Ebene der Beziehung. Da die Inhaltsebene nur über das Gesprächsthema, ohne Bezug zu der Art der eigentlichen Botschaft in- formieren kann, erkennt es Greenberg als sinnvoller von dieser Ebene zu abstrahieren (zitiert nach Greenberg, 1986, p. 5). 27Es dürfte bekannt sein, daß René Descartes latinisiert Cartesius genannt wurde. Sein materialisti- sches Weltbild von einem Uhrwerk, in dessen Funktionsweise sich alles andere vorzustellen wäre, hat die wissenschaftlichen Bemühungen lange geprägt und ebenso konsequent auf mephistische Irr- wege geführt. Seine Idee, geometrische Beziehungen algebraisch aufzufassen (z.B. kartesisches Blatt, kartesische Koordinaten), ist aber dennoch Mutatis mutandis in seiner gewissen Sinnhaftigkeit aufzufassen (vgl. Meyers Lexikon, Bd. 3, 1972, S.367). 28Ohne länger überlegen zu müssen, erstaunen uns auch heute noch manche Ausformulierungen der Informationstheorie und ich glaube sogar von „Entdeckungen“ sprechen zu dürfen (z. B. Shannon & Weaver, 1949). Aber die von Norbert Wiener (1947) – nach André Marie Ampères cybernétique (1834) – geprägte Kybernetik (vgl. Dorsch: Psychologisches Wörterbuch, 1991, S. 368) hat sich ja besonders durch die Präzisierung häufig verwendeter wissenschaftlicher Termini (wie Element, Funktion, Stabilität, Struktur, System u.a.) verdient gemacht. Die Kybernetik hat aber aufgrund viel- fältiger Untersuchungen existentieller Dimensionen, das Vokabular ebenso wie die Erkenntnisrich- tung selbst in vielen Wissenschaftsgebieten (durch ihre Systemtheorie, Informationstheorie und Re- gelungstheorie, um nur die gläufigsten zu nennen) beeinflußt (vgl. auch Meyers Lexikon, Bd. 8, 1974, S. 292f.). 29Zitiert nach Koestler, 1978, p. 26. 30«L’imagination, la pensée, peuvent être des machines admirables en soi, mais elles peuvent être inertes.…le petit sillon qu’une phrase musicale ou la vue d’une église, a creusé en nous, nous travons trop difficile de tâcher de l’apercevoir.» (Proust, 1927, p. 67 und 43). Wenn wir uns parallel hierzu die obige Übersetzung von Eva Rechel-Mertens vor Augen halten – gewissermaßen simultan –, so scheint sich wieder einmal das klischeeisierte italienische Sprichwort bestens zu behaupten: «Se non è vero, è ben trovato»; zu deutsch, „Wenn es nicht nicht wahr ist, so ist es wenigstens gut erfunden“. Denn von dem «brousse de aubépine», dem „Weißdornbusch“, können wir in den Orginalzeilen Prousts leidlich wenig erahnen. Daß Rechel-Mertens in der «phrase musicale» einen «brousse de aupépine» zu erkennen glaubte, soll ihr jedoch, in Anbetracht der Gesamtübersetzung (10000 Seiten) Prousts Á la recherche du temps perdu nicht weiter zum Makel erklärt werden. Dies versucht ein weiteres italienisches Sprichwort als «Traduttore, traditore» in Worte zu fassen. Paul Watzlawick (1976/1991, S. 19) erinnerte an die Feststellung des Sprachwissenschaftlers Roman Jacobsen, der es als „Der Übersetzer ist ein Veräter“ zwar sprachlich genau übersetzte, dabei aber dem Anflug des Wortgleichklangs (Paronomasie), – der in der menschlichen Sprache eine besondere Bedeutung zu- kommt (z. B. Echolalie des Schizophrenen) – verlustig wird. 31Vergleiche Marcel Proust, im Jahr 1927, Page 70. 32«On peut mourir à soixante et dix ans sans avoir jamais eu la possibilité d’admirer la comète de Halley» (Beckett, 1953, p. 18). Vergleiche Samuel Beckett, im Jahr 1979 auf Seite 13. Literaturverzeichnis 1. Unmittelbar verwendete Literatur Abramson, L. Y., Seligman, M. E. P. & Teasdeale, J. D. (1978). Learned helplessness in humans: critique and re- formulation. Journal of Abnormal Psychology, 87, 49–74. Adorno, T. W. (1975). Gesellschaftskritik und Kulturkritik. Frankfurt am Main: Suhrkamp. American Psychiatric Association. (1991). Diagnostisches und statistisches Manual Psychischer Störungen. DSM– III–R (3., korrigierte Aufl.). Weinheim: Beltz. (Orginal erschienen 1987: Diagnostic and Statistical Manual of mental disorders, 3rd ed. rev.) Anderson, T. W. (1955). Probability models for analyzing time changes in attitudes. In P. F. 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Involvierung des Sprechers (11) 01 EIN freundlich, warm 1 2 3 4 5 unfreundlich, kalt 02 EIN einflußnehmend, dominant 1 2 3 4 5 gewährend, submissiv 03 EIN beteiligt, engagiert 1 2 3 4 5 unbeteiligt, distanziert 04 EIN spontan, unüberlegt 1 2 3 4 5 kontrolliert, überlegt 05 EIN sicher 1 2 3 4 5 unsicher, hilflos 06 EIN eindeutig, klar 1 2 3 4 5 vieldeutig, unklar 07 HALT offen 1 2 3 4 5 geschlossen 08 HALT zugewandt 1 2 3 4 5 abgewandt 09 MIM positiv 1 2 3 4 5 negativ 10 MIM starr, unbeweglich 1 2 3 4 5 lebendig, beweglich 11 GEST raumgreifend 1 2 3 4 5 eingeengt 2 Bezugnahme u. Involvierung des Hörers (2) 12 EIN rückmeldend, Lautsignale 1 2 3 4 5 unresonant 13 GEST manipulierend, unruhig 1 2 3 4 5 ruhig 3 Gesprächsatmosphäre (2) 14 EIN locker, unkompliziert 1 2 3 4 5 verkrampft, kompliziert 15 EIN vertraut 1 2 3 4 5 fremd 4 Interventionsmodus des Sprechers (7) 16 TXT affektiv-kognitiver Modus 1 2 3 4 5 deskriptiver Modus 17 TXT informationsarm 1 2 3 4 5 informationsreich 18 TXT selbstöffnen 1 2 3 4 5 selbstverbergen 19 TXT suchen, erkennen, interpretieren 1 2 3 4 5 konstatieren 20 TXT konfrontieren, gegenüberstellen 1 2 3 4 5 stützen 21 TXT anleiten, ratschlagen 1 2 3 4 5 verfolgen 22 TXT common sense 1 2 3 4 5 überschreiten, transzendieren 5 Gesprächsthema (5) 23 TXT Primärsystem, Therapie 1 2 3 4 5 Tertiärsystem 24 TXT Beziehungen 1 2 3 4 5 beziehungsfreie Situationen 25 TXT Sprecher 1 2 3 4 5 Andere/deres 26 TXT Probleme und Konflikte 1 2 3 4 5 Sachverhalte 27 TXT negative Inhalte 1 2 3 4 5 positive Inhalte 6 Themensteuerung (4) 28 TXT bejahen, verstärken 1 2 3 4 5 verneinen, ignorieren 29 TXT auffordern, fragen, behaupten 1 2 3 4 5 antworten 30 TXT reverbalisieren, wiederholen 1 2 3 4 5 initiieren 31 TXT abwartend, Raum geben 1 2 3 4 5 dazwischentreten, unterbrechen 7 Sprechfluß (3) 32 SPR fließend 1 2 3 4 5 gebrochen 33 SPR laut 1 2 3 4 5 leise 34 SPR traurig, klagsam, getrübt 1 2 3 4 5 fröhlich, frisch, frei .