1 Oberbergklinik Extertal-Laßbruch Entspannungsverfahren in der Oberbergklinik Extertal-Laßbruch Teil 2: Autogenes Training Freier Vortrag zur Weiterbildungsveranstaltung am 27.10.1999 Sirko Kupper 1999 KUPPER, 27.10.1999 2 Entspannungsverfahren in der Oberbergklinik Extertal-Laßbruch „Das Wichtigste am Autogenen Training ist, daß man es macht.“ (D. Langen) Einleitung Durchführung Zusätze, Erweiterungen KUPPER, 27.10.1999 3 Einleitung 1 ß „konzentrative Selbstentspannung“ durch selbstinstruktive Formeln (Autosuggestionen als Mosaikstein der Hypnose), um in den Zustand der „organismischen Gesamtumschaltung“ zu kommen ß Entwicklung: • Beobachtungen an hypnotisierten Patienten in Jena 1920 • erste klinische Versuche 1920 bis 1924 in Dresden (Mitarbeiter: Frieda Fromm-Reichmann, René Berkowitz, Walter Biehn) • Erprobungen in Berlin bis 1926 an „nervösen“ Patienten • Durchführung bei Gesunden in Kursen an der Lessing-Hochschule, Berlin des Autogenen Trainings (AT) durch Prof. Dr. Dr. h. c. Johannes Heinrich Schultz (1884–1970), vorgestellt 1926 vor der Berliner Medizinischen Gesellschaft, 1927 auf dem II. Allgemeinen Ärztlichen Kongreß für Psychotherapie, Bad Nauheim, 1929 auf IV. Psychotherapiekongreß in Bad Nauheim sowie publiziert 1932 ß Körperliche Veränderungen durch Entspannung: • Verlangsamung und Gleichmäßigkeit der Atmung • Verminderung des Sauerstoffverbrauches • Absinken der Herzfrequenz • Absinken des Blutdruckes (v.a. bei erhöhtem Blutdruck) • Entspannung der Skelettmuskulatur (EMG-Messungen) • Veränderungen der elektrischen Hirnaktivität (EEG-Messungen weisen auf geistige Ruhigstellung) • Erhöhung der Hauttemperatur (nicht Körperkerntemperatur) KUPPER, 27.10.1999 4 Einleitung 2 ß Seelische Veränderungen durch Entspannung: • angenehm empfundener vertiefter Ruhezustand • nach regelmäßigem Üben: zunehmende Gelassenheit (günstigere Bewältigung von Problem- und Streßsituationen) ß Entspannungsreaktion ist nicht Schlaf, aber wachsende Gelassenheit und Ruhe sowie harmonisierender Einfluß auf vegetatives Nervensystem begünstigen langfristig erholsamen Schlaf ß Beschränkung auf vereinfachte Form des AT mit Ruhe- und Schwere- Übung, Wärme-Übung und eventuell Atem-Übung, weil • ausreichend für Umschaltprozeß (Muskel-/Gefäßentspannung) • leichter dabeizubleiben • Vermeidung evtl. paradoxe Reaktionen bei Organübungen (Nervosität/Ängstlichkeit) in Übungsphase spätere Erweiterung auf Organübungen (Herz-Bauch-Stirn) möglich KUPPER, 27.10.1999 5 ß serotonergen Systeme häufig an psychischen Erkrankungen beteiligt (Körper gesamt 75 x 1012 Zellen, davon 25 x 10 Nervenzellen, davon ca. 3 x 106 serotonerg) ß Über Einfluß auf die Antagonisten des Serotonins (Adrenalin und adrenergen Haushalt drosseln, um die Regulation wiederherzustellen/auszugleichen ß Z. B. bei Angst und Spannung: Adrenalin → Gefäßverengung → Mangeldurchblutung → kalter Schweiß („Angstschweiß“) Mit AT-Wärme: Blutgefäße weit, Blut fließt hinein, Wärme; Der Adrenalinpegel wird gesenkt, der Serotoninpegel angehoben (insbesondere bei Erwartungsängsten günstig) ß Oder auch durch Anstieg Adrenalinpegel und Absinken Serotoninpegel: Muskelverspannung bei Spannungskopfschmerz (haubenartig vom Hinterkopf über HWS zu Augenhöhlen, weil erster Halswirbel am Hinterhauptsloch durch Muskel herangezogen und der Nerv sozusagen unter Druck steht) KUPPER, 27.10.1999 6 Wirksamkeit ß Bei Hypertonie führt AT zur Blutdrucksenkung, ca. 40 mm Hg systolisch, 20 mm Hg diastolisch (wegen gefäßtrainierendem Effekt von AT) und Hypotonie Regulation auf durchschnittliche Werte ß Positive Wirkungen bei Asthma, weil Entspannung der Bronchial- muskulatur (Rückgewinnung des selbstständigen Charakters durch Einübung der Atemeinstellung) ß Durch muskelentspannende, gefäßerweiternde und schmerzlindernde Wirkung positiver Einfluß auf Rheuma (Schmerzen, erhöhte Muskelspannung und Schwellungen der Gelenke) ß Herzbeschwerden (Herzjagen,-rasen,-stolpern, Angina pectoris, Herzinfarkt) durch Gewinnen innerer Ausgeglichenheit Angstabbau ß Bei Magen-Darm-Beschwerden (z. B. Gastritis, Geschwüre, Reizkolon, Colitits ulcerosa) ist AT wirkungsvolle Ergänzung ß Auch bei weiteren psychosomatischen Beschwerden (Schlafstörungen, Sexualstörungen, Hautekzem u.a.) oder Sprachstörungen (Stottern: zwar noch stottern, aber stört nicht mehr) ist es sinnvoll AT einzubeziehen ß Ferner angstmindernd und stimmungsverbessernd bei psychosomatischen Störungen, aber auch leicht-mittelschwer Depressiven und Angstpatienten KUPPER, 27.10.1999 7 Prinzip ß Einfluß auf die unwillkürlich ablaufenden Vorgänge im vegetativen Nervensystem, so daß parasympathischer Anteil überwiegt ß Ruhe und Schwere: Pupillenverengung, Blutdrucksenkung, Atmungsverlangsamung, Speichelfluß, Senkung des Tonus der Skelettmuskulatur (Vibrieren Augenlieder, Darmgeräusche) ß Wärme: Weitstellung der Gefäße an Händen, Armen, Beinen, Füßen führt zu stärkerer Durchblutung durch Blut aus Körperinneren (also meßbar wärmer, wobei „Körperkerntemperatur“ etwas sinkt) ß Atmung: „Versenkungsatmung“ mit weniger Atemzügen pro Minute (manchmal auch vertiefte Atemzüge), Ausatmungsverstärkung ß „Organismische Gesamtumschaltung“: • Gesicht und Nacken entspannt (Kaumuskelentspannung → leichtes Auseinanderweichen der Zähne) •Veränderung Körperschema (Schweben, zentnerschwer, weil Infoweiterleitung an Gehirn verändert mit Abnahme der zentripetalen Weckreaktion [nervaler Impulsstrom]) • Herabsetzen des Wachheitsgrades (Vigilanz), „Dösigkeit“, während Bewußtsein auf wenige Konzentrationen eingeengt KUPPER, 27.10.1999 8 Vorbereitung des Patienten in der Einzeltherapie ß Übungsfrequenz: jeder kann PR lernen, wenn er anfangs dreimal täglich übt ß Austeilen Infoblatt der Klinik ß Erläuterung der Wirksamkeit, Funktion, von Sinn und Zweck der Entspannungtechnik ß Individuelle Klärung der Fragen des Patienten ß Nicht beantwortbare Fragen zurückstellen und klären mit Verantwortlichen für Entspannungsverfahren (Dr. S. Kupper) ß Erste Übungsprotokolle ausgeben und erklären ß Erörtern des Algorhythmus der Entspannungsübung (3 Schritte) KUPPER, 27.10.1999 9 Dauer Inhalt Befindlichkeitsrunde mit Übungs- protokoll, Ansprechen von keiten (falls länger: auf ET verweisen) Zwei Übungen mit Pause 5 Minuten runde („Hat sich etwas in Ihnen verändert?“; Ja-Haltung, „was Gesamt: 20 Minuten Grundprinzip Konzentration auf Formeln unterstützt durch Selbstinstruktion Ruhiges, gleichmäßiges Weiteratmen Atmungsunterstützung, d. h. letztes Wort bei Ausatmen z. B. „ -hig“ KUPPER, 27.10.1999 10 Übung des Autogenen Trainings 1. Ruhe-Übung Schwere-Übung „Ich bin ganz ruhig.“ „Mein rechter (linker) Arm ist schwer.“ Generalisation Kurzformel 1. Ich bin ganz ruhig – beide Arme schwer oder ich bin ganz ruhig – rechte (linke) Seite schwer 2. Ich bin ganz ruhig – Arme und Beine schwer Ruhe – Schwere 2. Wärme-Übung Generalisation Kurzformel Ruhe – Schwere – rechter (linker) Arm warm 1. Ruhe – Schwere – beide Arme warm oder Ruhe – Schwere – rechte (linke) Seite warm 2. Ruhe – Schwere – Arme und Beine warm Ruhe – Schwere – Wärme 3. Atem-Übung Es atmet mich oder Es atmet in mir Generalisation Ruhe – Schwere – Wärme – Es atmet mich oder Es atmet in mir ! Wichtig: Jeden Schritt so lange üben, bis er wirklich beherrscht wird. Formeln bitte wörtlich übernehmen, da abweichende Formulierungen nicht zum gewünschten Ziel führen (Präsens-Form!). KUPPER, 27.10.1999 11 Haltung ß Liegeposition: Rückenlage (evtl. Kissen, Rolle/gerollte Decke unter Knien bei Rückenproblemen) ß Sitzhaltung 1: „Droschkenkutscherhaltung“ • Rutschen auf vorderen Teil der Sitzfläche („Sitzhöcker“), • Füße mit der ganzen Sohle fest auf Boden, • Unterschenkel senkrecht, • Beine leicht auseinanderfallen lassen • Augen schließen ß Sitzhaltung 2: Die aufrechte Sitzhaltung • Rutschen mit Gesäß auf Sitzfläche nach hinten, • Hoch aufrichten, dann Rücken bequem anlehnen • Beine so weit nach vorne strecken, daß entspannt fühlen, aber noch guten Bodenkontakt mit ganzen Fußsohlen • Arme entspannt entweder auf Stuhllehnen oder Oberschenkeln • Kopf locker und leicht an die Rückenlehne sinken lassen, falls hoch genug; sonst leicht nach vorn sinken lassen • Augen schließen ß Sitzhaltung 3: Die Flegelhaltung •Bequem setzen, Rücken anlehnen •Arme und Hände bequem auf die Armlehnen legen •Kopf entspannt in der Rückenlehne, falls hoch genug; oder leicht nach vorne sinken lassen •Augen schließen KUPPER, 27.10.1999 12 Einstimmung ß Zustand schaffen, der sich von der äußeren aktiven, teilweise hektischen Situation des alltäglichen Lebens deutlich unterscheidet ß Dem Körper mitteilen, daß jetzt Ruhe und Konzentration folgen, somit innere Situation der Entspannung und Sammlung schaffen Anleitung zur Entspannung ß Ausschließlich durch den Patienten in der Selbstinstruktion Zurücknahme ß Übungsbeendigung durch bewußte Aktivierung: • Arme fest! (Hände zur Faust ballen, Arme mehrmals mit Schwung fest anbeugen und strecken; auch recken, reckeln) • Tief ein- und ausatmen! (hörbar) • Augen auf! ß Soll führen zu Gefühl von Erfrischung und neuer Kraft, falls noch müde und benommen, intensive Wiederholung ß Einzige Ausnahme: unmittelbar vor dem Einschlafen, zum Schluß einfach bequem zum Einschlafen zurechtlegen (insbes. z. B. bei Schlafstörungen) KUPPER, 27.10.1999 13 Dokumentation: Übungsprotokoll ß Erinnerung an regelmäßiges Üben und somit Unterstützung Übungsfortschritt ß Übungsverlauf verfolgen Nachbesprechen in der Einzeltherapie ß Einmal wöchentlich (z. B. Freitag) zusätzliche Nachbesprechung und Beurteilung des Übungsverlaufes in der Einzeltherapie ß Ausführliche Klärung von auftretenden Schwierigkeiten ß Hinweis auch auf Erweiterungen des AT (s.u.) Bildhafte Vorstellungen ß Vorstellung entspannenden Ortes (grüne Wiese, Südseestrand) führt zwar zur Entspannung, aber zuwider der Absicht des AT (hier: Fähigkeit entwickeln zu schneller körperlicher und seelischer Umschaltung) ß Stattdessen ausschließlich pure Konzentration auf die Formel und die Körpervorgänge KUPPER, 27.10.1999 14 Trainingseinstellung ß Wichtig: Regelmäßigkeit des Übens, nicht unter Erfolgsdruck setzen, „jeder Mensch lernt anders und in einem anderen Tempo“ ß Zu Beginn: nicht entmutigen lassen, wenn gewünschter Erfolg langsamer als erwartet ß Üben ohne Hast, mit Vertrauen in die Methode und in sich selbst; „Übung macht den Meister“, „Ungeduld ist der Feind der Entspannung“ ß Übungsdauer: dreimal täglich zwei bis drei Minuten ß Wann: nach Aufwachen, Mittagspause, vor dem Einschlafen ß Bei sehr aktiven, zur Ungeduld Neigenden: im Sinne des Olympischen Mottos „Nicht das Ergebnis, sondern das Üben ist wichtig“ Anwendung im Alltag ß Generell empfehlen: täglich üben (ein- bis dreimal); erst nach längerer Zeit gesundheitlich positive Wirkung ß Später: Kurzformen (evtl. formelhafte Vorsätze, Organübungen s.u.) ß Vorteilhaft: kurzes Üben „zwischendurch“ im Sitzen, um vom Alltagsstreß zu erholen KUPPER, 27.10.1999 15 Erweiterungen der Grundstufe ß Organübungen: Vertiefung der Körperwahrnehmung (Stirn – Herz – Bauch) ß Spezielle Organübungen (Luthe, 1969, 1970): • Schlafstörungen: „Wärme macht mich schläfrig. Es schläft mich.“ „Wachsein ist gleichgültig. Es schläft mich.“ • Husten: „Meine Luftröhre ist kühl, mein Brustraum ist warm.“ • Gesichtsmuskelspannung: „Mein Unterkiefer ist schwer.“ „Mein Mund und Kehlkopf sind kühl.“ • Hypertonie: „Meine Stirn ist angenehm kühl, mein Kopf ist klar und leicht.“ ß Formelhafte Vorsatzbildungen (Thomas, 1972): • Ruhe: „Die Ruhe wird immer tiefer.“ „Geräusche sind ganz gleichgültig.“ • Allgemeine Wirkungsverstärkung: „Ich bin und bleibe ganz sicher und frei.“ • Schlafstörungen: „Ich schlafe des Nachts ganz ruhig, lang und tief.“ „Ich schlafe jeden Abend ein, ganz tief und fest, so muß es sein.“ • Phobien: „Ich bin und bleibe ganz frei von...“ • Alkoholabusus (zusätzlich nach Entwöhnungstherapie): „Ich trinke keinen Alkohol, zu keiner Zeit, an keinem Ort, bei keiner Gelegenheit.“, „Ich trinke nicht!“ • Depressive: „Ich liebe das Leben.“ „Ich schaffe es.“ „Ich zwinge die Zukunft.“ „Ich sehe die Welt in ihren Farben.“