Anonyme Alkoholiker Die bekannteste und am weitesten verbreitete Selbsthilfegruppe für Betroffene sind die Anonymen Alkoholiker. Auf der ganzen Welt ist diese Selbsthilfegruppe erreichbar. Sie wurde 1935 durch den New Yorker Börsenmakler, Bill W. (39), und den Chirurgen, Dr. Bob S., in Akron, Ohio, gegründet. Beide litten sehr unter der Krankheit Alkoholismus. In Deutschland wurde die erste Gruppe der Anonymen Alkoholiker nach dem zweiten Weltkrieg am 31. Oktober 1953 durch amerikanische Soldaten in München gegründet. Die erste Gruppe bestand aus drei Deutschen und einem amerikanischen Freund. Heute gibt es, nach dem Stand von 1997, in der Bundesrepublik Deutschland 2300 Gruppen. Die Anonymen Alkoholiker bilden eine weltweite Gemeinschaft, in der sie einander helfen, nüchtern zu bleiben. Alkoholiker helfen sich und anderen „trocken“ zu werden und zu bleiben. Bei den meist wöchentlichen Gruppentreffen – Meetings – sprechen sie von ihren eigenen Erfahrungen mit dem Trinken, dem Aufhören und dem Leben ohne Alkohol: der einzigen Genesungsmöglichkeit. Sie wollen helfen, das eigene Leben in Selbstverantwortung zu führen. Sie gehen davon aus, dass mit dem Trinken nur der aufhören kann, der den Wunsch dazu hat. Die Anonymen Alkoholiker sind Männer und Frauen, die entdeckt und eingestanden haben, dass der Alkohol ein Problem für sie geworden ist. Sein verworrenes Denken und seine unglücklichen Gefühle kann der Alkoholiker wieder zurechtrücken, indem er die „Zwölf Schritte“ anwendet. Sie sehen den Alkoholismus als Krankheit an. Sie gehen davon aus, dass der Alkoholiker sein Trinken nicht kontrollieren kann, er ist vom Alkohol abhängig. Sie sagen, der Alkoholismus kann nur zum Stillstand gebracht werden durch die totale Abstinenz und eine Änderung der Lebensführung durch Leben im Programm der Anonymen Alkoholiker. Sie wissen, dass ein Alkoholiker wieder in den Zustand des abhängigen Trinkens zurückfällt, wenn er als genesender Alkoholiker die Abstinenz verletzt. Indem sie Tag für Tag ganz ohne Alkohol leben, haben sie gelernt den Alkoholismus zum Stillstand zu bringen. So werden die Betroffenen „genesende Alkoholiker“. Die wichtigen Konzepte und die Arbeitsweise der Anonymen Alkoholiker werden in den nächsten Abschnitten näher beschrieben. Für die Betroffenen und deren Angehörige ist die Selbsthilfegruppe der Anfang eines neuen Weges. Offenheit und Vertrauen haben hier Platz. Als menschliche Gemeinschaft, die gemeinsam auf dem Wege ist, können neue Lebenseinstellungen und auf lange Sicht auch neue Lebensinhalte gefunden werden. Nach der Verfälschung der Lebenswirklichkeit durch den Alkohol kann in einem langen Prozess, das Denken, das Fühlen und das Handeln wieder in Einklang gebracht werden. Die Krankheit kann als Chance für ein neues Leben gesehen werden. Die Abstinenz ist die Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben. Nur in der Trockenheit und der damit einhergehenden Klarheit kann dauerhaft ein zufriedenes Leben gestaltet werden. Die Zwölf Schritte der Anonymen Alkoholiker Die Abstinenz alleine ist noch keine Heilung. Auch der Gang zu den Anonymen Alkoholikern genügt nicht allein. Erst wenn der Betroffene und auch der Angehörige beginnen mit dem Programm ernsthaft zu arbeiten, kommen sie von der Krankheit los. So können sie ihr Leben, ihr Verhalten, ihre Einstellung, ihr Fühlen und ihr Tun völlig ändern. Mit den 12 Schritten ist ein Wechsel aus der engen Sichtweise, dem starren inneren Modell und vom Bezug auf die Außenwelt zum inneren Bezug möglich. Durch das Programm der Anonymen Alkoholiker wird ein Systemwechsel möglich1. Statt außerhalb von sich nach Gründen für die Erkrankung zu suchen, wird der Betroffene aufgefordert den inneren Bezug herzustellen. „Einmal Alkoholiker, immer Alkoholiker“ versichern die Anonymen Alkoholiker. Die Alkoholabhängigkeit soll ein Teil von ihm selbst werden. Vom alten Suchtsystem wechselt er in das System eines lebendigen Lebens über. Mit den 12 Schritten sind die Anonymen Alkoholiker nicht darauf aus, eine Krankheit zu beseitigen. Mit ihnen soll Gesundheit geschaffen werden. Nachfolgend werden die 12 Schritte im einzelnen dargestellt: 1 Schaef, A. W.: Co-Alkoholabhängigkeit Zwölf Schritte2 1. Wir gaben zu, dass wir gegenüber dem Alkohol machtlos sind – und unser Leben nicht mehr meistern konnten. 2. Wir kamen zu dem Glauben, dass eine Macht – größer als wir selbst – uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben kann. 3. Wir fassten den Entschluss, unseren Willen und unser Leben der Sorge Gottes – so wie wir ihn verstehen – anzuvertrauen. 4. Wir machten eine gründliche und furchtlose Inventur in unserem Innern. 5. Wir gaben Gott, uns selbst und einem anderen Menschen gegenüber unverhüllt alle unsere Fehler zu. 6. Wir waren völlig bereit, all diese Charakterfehler von Gott beseitigen zu lassen. 7. Demütig baten wir Ihn, unsere Mängel von uns zu nehmen. 8. Wir machten eine Liste aller Personen, denen wir Schaden zugefügt hatten, und wurden willig, ihn bei allen wieder gut zu machen. 9. Wir machten bei diesen Menschen alles wieder gut – wo immer es möglich war – es sei denn, wir hätten dadurch sie oder andere verletzt. 10.Wir setzten die Inventur bei uns fort, und wenn wir Unrecht hatten, gaben wir es sofort zu. 11.Wir suchten durch Gebet und Besinnung die bewusste Verbindung zu Gott – wie wir ihn verstanden – zu verbessern. Wir baten ihn nur, uns seinen Willen erkennen zu lassen, und um die Kraft, ihn auszuführen. 12.Nachdem wir durch diese Schritte ein geistiges Erwachen erlebt hatten, versuchten wir, diese Botschaft an Alkoholiker weiterzugeben und unser tägliches Leben nach diesen Grundsätzen auszurichten. Die Arbeit mit den zwölf Schritten der Anonymen Alkoholiker Die zwölf Schritte müssen ständig neu durchgearbeitet werden. Sie bauen aufeinander auf, sie ergänzen einander und ergeben gewissermaßen ein Ganzes. Dies ist die Voraussetzung für die eigene Ganzheit aus Fühlen, Denken und Tun. Ein Grundsatz der Anonymen Alkoholiker besteht darin, abstinent zu leben und sich nicht zu überfordern. Dafür haben sie das 24-Stunden-Denken entwickelt. Der Betroffene kann sich dann vornehmen, nur heute 24 Stunden lang nichts zu trinken. Morgen 2 Anonyme Alkoholiker: Zwölf Schritte – Zwölf Traditionen. beginnt ein neues Heute. Der erste Schluck und das erste Glas sollen nicht getrunken werden. Sie sagen: „Lass heute das erste Glas stehen!“3. Das Leben lang bleiben sie Alkoholiker. Wie ein Allergiker für seine Allergene sensibel wird, so soll der Alkoholiker gegenüber dem Suchtstoff Alkohol eine Sensibilität aufbauen. Denn die Alkoholerkrankung ist die „Allergie des Körpers“, die den Betroffenen zum „Wahnsinn oder zum Tod“ verbannt. Sie ist die „Besessenheit des Geistes“, die den Betroffenen zum Trinken zwingt4. Der Alkoholiker glaubt die vollständige Kontrolle über sich und sein Trinkverhalten zu haben. Er irrt sich. Als Karikatur dieses Irrglaubens sagen die Anonymen Alkoholiker, er sei „Kapitän seiner Seele“. Mit dem ersten Schritt der Anonymen Alkoholiker soll die Kapitulation vollzogen werden. Er kann nicht mit Willenskraft gegen die Flasche ankämpfen. Der Alkoholiker soll zugeben, dass er gegenüber dem Alkohol machtlos ist. Dies gelingt vielen Betroffenen aber nur für kurze Zeit. Oder nur nach einem Rausch. Diese Betroffenen werden von den Anonymen Alkoholikern als aussichtslose Anwärter auf Hilfe angesehen, weil sie noch nicht „am Ende“ sind. Der Mitbegründer Bill W. erzählt, dass er am Ende war, als er 1939 von Dr. William S. Silkworth als hoffnungsloser Alkoholiker bezeichnet wurde. „Am Ende“ zu sein ist eine wichtige Voraussetzung für die tatsächliche Veränderung, sagen die Anonymen Alkoholiker. Sie sagen, dass „das Ende“ für verschiedene Menschen verschieden ist. Einige sind tot, bevor sie ihr Ende erreichen. Es fällt vielen Betroffenen schwer, die Voraussetzung zu akzeptieren, dass die Gesamtpersönlichkeit eines Alkoholikers – ob betrunken oder nüchtern – von einer Suchtstruktur untermauert wird. Von dieser ist es nicht denkbar, dass sie gegen den Alkohol ankämpfen kann. Die Anonymen Alkoholiker schreiben in einer ihrer Broschüren: „Der Versuch, die Willenskraft anzuwenden, gleicht dem Versuch, sich selbst an den Schuhriemen hochzuheben.“ Die Kapitulation vor dem Suchtstoff Alkohol, sich die eigene Schwäche einzugestehen, vom Alkohol besiegt zu werden und es zu wissen, das ist die erste „klare Erfahrung“. Durch das Aufzeigen einer größeren Macht über sich selbst wird der Mythos der Macht über sich selbst gebrochen. Im Schritt drei wird noch einmal die direkte Beziehung des Ihr, und darin enthalten das Du angesprochen. „Meine“ Beziehung zu irgend einem großen System oder einer großen „Macht“ um mich herum, ist eine andere als „Deine“. Der 3 Anonyme Alkoholiker: Informationen für die Öffentlichkeit. Gemeinsames Dienstbüro, Postfach 460227, 80910 München, 1997, S. 14. 4 [Anonyme Alkoholiker] Alcoholics Anonymus: Comes of Age, New York, Harper, 1957, S. 13. Betroffene ist immer ein Teil von etwas anderem. Die positive Beziehung zu dieser Macht wird vom Alkoholiker dann entdeckt, wenn er „am Ende“ ist und kapituliert. Diese Macht belohnt und bestraft aber nicht. In diesem Sinne hat sie keine „Macht“. Die Macht im Sinne der einseitigen Kontrolle, ist den Anonymen Alkoholiker fremd. Die Organisation der Anonymen Alkoholiker ist sehr „demokratisch“, wie sie sich selbst verstehen. Sie sagen über sich: „Die Anonymen Alkoholiker sind eine Macht, die größer ist als jeder von uns“. Der Betroffene ist ein Teil von dieser Macht. Alkoholerkrankung ist ein Teil von ihm selbst. Die einzige wichtige Aufgabe der Anonymen Alkoholiker besteht darin, „die Botschaft der Anonymen Alkoholiker zu den Alkoholkranken zu bringen, der sie braucht“. Die Anonymen Alkoholiker verfolgen in ihren Beziehungen zur Öffentlichkeit nur einen Zweck: „Dem noch leidenden Alkoholiker zu helfen“. Die Gemeinschaft versetzt die Alkoholiker in die Lage, sich selbst zu helfen. Die Anonymität ist dabei „das größte Symbol der Selbstaufopferung, das wir kennen“. Mit der Anonymität gemahnen sich die Anonymen Alkoholiker immer wieder selbst an ihre Zuständigkeit und daran, „Prinzipien vor Persönlichkeiten zu stellen“.